Von Thilo Thielke
Gerade die Urbanisierung heizt die Nachfrage an: "Dafür brauchen die Chinesen vor allem jede Menge Stahl." Und den können sie selbst nicht ausreichend produzieren. Zwar fördert China offiziell mit über 800 Millionen Tonnen jedes Jahr mehr als doppelt so viel Eisenerz wie die australischen Riesen Rio Tinto, BHP und Fortescue zusammen. Doch dabei wird auch Erz mitgezählt, das nicht einmal 30 Prozent Eisen enthält, das australische bringt es auf mehr als doppelt so viel.
Kein Wunder, dass auf den Geschäftsfluren des Multis Rio Tinto Feierlaune herrscht. Rechtzeitig vor den Wahlen wurde ein Vorhaben der Labor-Regierung, die Bergbaukonzerne stärker zu besteuern, gekippt - auch wegen einer massiven, sieben Millionen Dollar teuren Kampagne der Bergbaubarone. Den Premierminister Kevin Rudd hat der Machtkampf mit den Industriegiganten sogar das Amt gekostet, Nachfolgerin wurde seine kompromissbereite Stellvertreterin Julia Gillard. Mit ihrem konservativen Gegenspieler Tony Abbot von der Liberalen Partei liefert sich die Sozialdemokratin ein Kopf-an-Kopf-Rennen. An der künftigen Wirtschaftspolitik würde sich jedoch kaum etwas ändern, egal wer gewinnt.
Solche Aussichten bestärken Tinto-Manager Greene in seinem Optimismus. "Allein im ersten Halbjahr 2010 haben wir einen Profit von 5,8 Milliarden Dollar gemacht", sagt Greene, "und davon wurden 70 Prozent in unserer Eisenerzsparte erwirtschaftet." Das Einzige, woran es dem mit 22 Millionen Einwohnern dünn besiedelten Land jetzt mangele, seien Arbeitskräfte. "Wir brauchen Arbeiter in allen Sparten", so Greene, "die Gehälter steigen schon ins Unermessliche: Ein Lastwagenfahrer in einer Rio-Tinto-Mine verdient 150.000 australische Dollar im Jahr."
11.000 Euro Lohn im Monat
Heinz Leerhoff ist so ein Mann, von dem Greene noch mehrere brauchen könnte. Vor 43 Jahren kam der Auricher nach Australien. Seit einigen Wochen schon haust der Schlosser mit seiner Arbeitsbrigade in einer kleinen Bergbaustadt namens Tom Price im australischen Outback. Die Truppe, die sich aus allen möglichen Nationalitäten zusammensetzt, soll die riesigen Tanks der Rio-Tinto-Mine reparieren.
Es ist ein Knochenjob mitten in der Region Pilbara mit ihren lebensfeindlichen Wüstengebieten, mehr als 1000 Kilometer von Perth entfernt. Zehn Stunden dauert eine Schicht, alle zwei Wochen gibt es einen Tag frei. Doch der Job wird gut bezahlt. 57 australische Dollar pro Stunde zahlt Leerhoffs Firma. Da kommen im Monat schnell 11.000 Euro zusammen.
Larry Softley, Chef des örtlichen Gemeindedienstes und somit so etwas wie der Bürgermeister von Tom Price, macht keinen Hehl aus der Abhängigkeit des Örtchens von dem Bergbaukonzern. "Rio Tinto gehören fast alle 1500 Häuser hier", sagt der stämmige Mann. "Es gibt hier so viel Arbeit, dass die schweren Lkw zum Teil von unseren Hausfrauen gefahren werden und die Leute zwei oder drei Jobs gleichzeitig annehmen."
In der Motelbar, in der Leerhoff mit seinen Kumpel den Feierabend verbringt, schaut nun auch Barry Haase, 64, vorbei. Der Politiker von der Liberalen Partei ist gekommen, weil er bei den Minenarbeitern Wahlkampf machen will. Haase kennt sich aus im Geschäft. 1859 hatte es seine Vorfahren aus einem Dörfchen 50 Kilometer nördlich von Magdeburg nach Australien verschlagen; 1905 folgte die ganze Sippe dem Goldrausch nach Westaustralien. In Kalgoorlie, der alten westaustralischen Goldgräberstadt, ist Haase immer noch ansässig.
"Die Australier haben Angst, dass die Chinesen ihre Wirtschaft übernehmen"
"Bislang läuft es hervorragend, aber langsam mischt sich auch Angst in die Jubelstimmung", sagt Haase, "die Chinesen haben Angst, dass die Australier die Preise hochtreiben, und die Australier haben Angst, dass die Chinesen ihre Wirtschaft übernehmen."
Die Sorge scheint nicht unbegründet. Seit Jahren versuchen chinesische Staatsfirmen, sich in australische Bergbaukonzerne einzukaufen. Allein zwischen Januar und August 2009 investierten Chinesen 2,2 Milliarden Dollar in australische Energie- und Rohstoffunternehmen; so übernahm die chinesische Valin Iron & Steel für 770 Millionen Dollar einen Anteil von 17,5 Prozent am Eisenerzproduzenten Fortescue; Chinas größter staatlicher Stahlkonzern Baosteel Group Corporation erwarb einen Anteil von 15 Prozent am australischen Bergbauunternehmen Aquila Resources.
Als der chinesische Staatskonzern Chinalco im vergangenen Jahr einen 18-Prozent-Anteil an Rio Tinto erwerben wollte, wurde es den australischen Anteilseignern zu viel. Sie verweigerten die Zustimmung zu dem Deal. Zu groß war die Sorge, dass chinesische Staatsfirmen als Käufer und Verkäufer in einer Person das gute Geschäft mit den Rohstoffen kaputtmachen und die Preise drücken könnten. Es kam zu diplomatischen Verstimmungen. Vier mittlerweile entlassene Rio-Tinto-Mitarbeiter, die gestanden, Geld genommen zu haben, wurden in China wegen Korruption verurteilt.
Inzwischen haben sich die Wogen etwas geglättet. Und so soll es, ginge es nach den Australiern, noch eine ganze Weile weitergehen. "In der Pilbara liegen noch 20 bis 25 Milliarden Tonnen hochwertiges Eisenerz", sagt Gervase Greene, "und das zu fördern wird uns noch die nächsten hundert Jahre auf Trab halten."
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© DER SPIEGEL 33/2010
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