AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2010
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
23.08.2010
 

Katastrophen

Die Alptraum-Bohrung

Von Philip Bethge und Cordula Meyer

Foto: AP

Wen trifft die Schuld am Öldesaster im Golf von Mexiko? Zeugenaussagen und Gutachten erlauben eine detaillierte Rekonstruktion - und offenbaren fatale Fehler der beteiligten Firmen. Schlamperei, Missmanagement und Fahrlässigkeit machten die Katastrophe erst möglich.

Micah Sandell saß in seinem Portal-Kran, als die erste Explosion über die Bohrinsel fegte. Der 40-Jährige wurde aus seinem Sitz nach hinten geschleudert. Feuer umhüllte seine Kabine. Wie in Trance hielt er seine Hände über den Kopf. Den sicheren Tod erwartend, sandte er ein Stoßgebet zum Himmel. Dann wurde er gewahr, dass der Feuerball über ihn hinweggeschossen war.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser
Sandell raffte sich auf, riss die Kabinentür auf und hastete die enge Wendeltreppe hinab. Auf halber Strecke erwischte ihn die Druckwelle der zweiten Explosion. Mehr als drei Meter fiel er in die Tiefe. Irgendwie kam er trotzdem wieder auf die Beine und rannte los. "Um mich herum auf dem Deck sah ich nichts als Feuer", erinnert sich der Ölarbeiter aus Leesville im US-Bundesstaat Louisiana, "es gab keinen Rauch, nur Flammen."

Zwei Detonationen erschütterten am 20. April dieses Jahres die Ölbohrplattform "Deepwater Horizon" vor der Südküste Louisianas. Elf Menschen starben in dem Flammeninferno. Als das brennende Wrack zwei Tage später im Wasser des Golfs von Mexiko versank, brach das Bohrloch am Meeresgrund auf. 105 Tage lang blutete die Erde, fast 780 Millionen Liter braunschwarzes Öl der Sorte "Louisiana Sweet Crude" sprudelten ins Meer - nach der Golfkriegs- Ölpest die größte Ölkatastrophe der Geschichte.


Das Loch in etwa 1500 Meter Wassertiefe ist inzwischen gestopft. Die Küsten der US-Bundesstaaten Louisiana, Mississippi, Florida und Alabama sind bislang wie durch ein Wunder einer verheerenden Ölpest entgangen. Doch einige Fragen werden nun immer drängender: Wie konnte es zu der Katastrophe kommen? Wie genau verlief jener unheilvolle Dienstag, an dem die Bohrung mit der Kennung "API Well No. 60-817-44169" außer Kontrolle geriet? Und wer trägt die Schuld an dem Desaster?

Dutzende Zeugenaussagen und Gutachten erlauben inzwischen die minutiöse Rekonstruktion der Ereignisse. Hunderte Seiten füllen allein die Protokolle des Untersuchungsausschusses des staatlichen Minerals Management Service (MMS, inzwischen umbenannt in Bureau of Ocean Energy Management, Regulation and Enforcement) und der US-Küstenwache, der in dieser Woche zum vierten Mal tagt. Der US-Kongress hat Industriebosse, Angehörige und Überlebende vernommen. Das US-Justizministerium ermittelt gegen die Verantwortlichen.

Offenbar wird nun, wie Schlamperei, Missmanagement und Leichtfertigkeit die Katastrophe erst möglich machten.

Technische Probleme wurden nicht ernst genommen

Vieles spricht dafür, dass die Ölarbeiter Gordon Jones, Aaron Dale Burkeen, Blair Manuel und Donald Clark nur deshalb sterben mussten, weil der Plattform-Betreiber BP und seine Vertragspartner fahrlässig ihre eigenen Sicherheitsstandards missachteten. Auch Jason Anderson, Karl Kleppinger und Shane Roshto könnten wohl noch leben, hätten nicht über Jahre US-Regierungsbehörden ein inzestuöses Verhältnis zur Ölindustrie gepflegt. Und der Tod von Stephen Curtis, Roy Wyatt Kemp, Dewey Revette und Adam Weise hätte wohl ebenfalls verhindert werden können, wenn technische Probleme der "Deepwater Horizon", die lange vor der Katastrophe bekannt waren, ernst genommen worden wären.

Micah Sandell, der Kranführer, hat überlebt. Er gehört nun zu jenen, die sprechen. Die Zeugen zeichnen das Bild einer Branche, die den schnellen Profit über das Leben ihrer Arbeiter stellt und das Umweltdesaster als akzeptables Restrisiko einkalkuliert. Der Fall der "Deepwater Horizon" führt die Hybris einer ganzen Industrie vor, die in der Tiefe der Ozeane unter technischen Herausforderungen arbeitet, die denen von Mondlandungen kaum nachstehen.

Mit dem Untergang der Ölplattform ging auch ein Stück des amerikanischen Traums von der Allmacht der Technik unter. Die Ölmanager hätten "eine Welt erschaffen, die sie sehr gut zu verstehen glaubten", sagt Mark Blyth, Wirtschaftsprofessor an der Brown University in Providence, Rhode Island. Doch diese Welt "flog ihnen direkt ins Gesicht".

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 14 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
27.08.2010 von Hein_Blød: Aktuell ?

Schøn dass der Spiegel dieses Thema auch schon aufnimmt, es entspricht einer teilweisen Uebersetzung des Dokuments, dass Tony Heyward (BP CEO) zur Vorbereitung auf die Fragestunde vor dem Kongress zugesandt bekommen hat. Dieses [...] mehr...

27.08.2010 von Schweizer: es war Mord

Wie wäre denn abwechslungsweise mal eine Anzeige gegen die Manager wg Mord? Die Mordmerkmale sind nach meinem Dafürhalten gegeben: *Niedrige Beweggründe* = Geld *Heimtücke* = Die Manager haben Sicherheitsrelevante Schritte [...] mehr...

26.08.2010 von Gandhi: Interessant in dem Zusammenhang ist auch,

wie unterschiedlich stark die TV-Anstalten in den USA uber die Affaere berichteten. http://www.journalism.org/analysis_report/oil_spill_has_been_tv_story_was_different_cable_vs_network Bei Fox ist man an dieser Art von [...] mehr...

26.08.2010 von Thomas Kossatz: c-span

Gern doch. Hier sind mal einige Quellen von C-Span, die die Anhörungen die ganze Woche ganztägig auf C-Span 3 übertragen: http://www.c-span.org/Topics/Gulf-Coast-Deepwater-Horizon-Oil-Spill.aspx Das ist der Sender, der [...] mehr...

26.08.2010 von onkel hape: Mißmanagment, Schlamperei...

....Versagen aller Beteiligten, auch der US-Administration waren die Ursache dieses Umweltdesasters. Prognose: Ähnliches kann u. wird bei den Hunderten z.Zt. laufenden u. später bei den geplanten, teilweise schon genehmigten noch [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Technik
alles zum Thema Ölpest im Golf von Mexiko

© DER SPIEGEL 34/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 34/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Affären: Ehemaliger Sicherheitsberater belastet die Führung der HSH Nordbank schwer
  • - Bundeswehr: Die seltsame Heldenverehrung für Oberst Klein
  • - USA: Offenbart der Streit um eine Moschee nahe Ground Zero ein islamophobes Amerika?
  • - Katastrophen: Der Untergang der "Deepwater Horizon" - eine Chronik von Leichtsinn und Schlamperei







TOP



TOP