SPIEGEL: Sie beschreiben Ihr Land in sehr schwarzen Farben: Die Französinnen bekommen aber immer noch mit die meisten Kinder in Europa - 2 pro Frau, in Deutschland sind es nur 1,38 -, und sie arbeiten auch als Mütter noch Vollzeit.
Badinter: Die Französinnen bekommen Kinder, weil es hier einfacher ist, Mutter zu sein und trotzdem zu arbeiten und noch andere Dinge zu tun. Sie können Ihr Kind hier in fremde Hände geben - und weder Ihre Schwiegermutter noch Ihr Mann, noch Ihre Mutter werden Ihnen das irgendwie vorwerfen. Fremdbetreuung ist in Frankreich nicht etwas grundsätzlich Schlechtes. Trotzdem, ich finde es beunruhigend, dass nun, vermeintlich im Namen der Wissenschaft und zum Wohl des Kindes, Frauen ein anderes Modell propagiert wird. Es ist auch ein Diskurs gegen die materialistische, egoistische Konsumgesellschaft: Lasst uns zu den Wurzeln zurückfinden, sagen die Vertreter dieser ökologischen Bewegung, lasst uns auf die Natur hören. Lasst uns stillen. Lasst uns bei den Kindern bleiben. Und erstaunlicherweise gefällt das vielen jungen Frauen.
SPIEGEL: Vielleicht weil sie gesehen haben, wie sich ihre Mütter abstrampelten zwischen Beruf, Kindern und Ehemann?
Badinter: Natürlich, was wir zurzeit erleben, ist eine Abrechnung der Töchter mit ihren Müttern. Ich wollte auch nie sein wie meine Mutter, also zu Hause sitzen, warten, bis Papa kommt, und darauf hoffen, dass er mir Geld gibt. Ich wollte unabhängig sein. Jetzt haben wir es mit einer Generation von jungen Frauen zu tun, die Töchter der Feministinnen der siebziger Jahre sind. Und die wollen sich nicht unbedingt wie ihre Mütter zerreißen zwischen Job und Familie, ständig gehetzt, ständig müde sein. Ist es da nicht in Wahrheit viel befriedigender, mich voll und ganz um mein Kind zu kümmern? Diese Perspektive ist sehr verlockend für viele, interessanterweise vor allem für gut ausgebildete Frauen und für solche mit sehr geringer Ausbildung.
SPIEGEL: Aber hat das Modell Ihrer Mütter die Frauen wirklich glücklich gemacht?
Badinter: Es war sicherlich nicht perfekt, und trotzdem war es ein großer Fortschritt. Wir konnten Kinder haben und arbeiten, und niemand machte uns ein schlechtes Gewissen dabei. Ich glaube, das ist einer der großen Unterschiede zwischen französischen und deutschen Frauen. Die Französinnen waren bisher zuallererst Frau und erst dann Mutter. Sie bleiben auch kurz nach der Geburt nicht nur beim Kind, sie gehen aus, sie arbeiten schnell wieder, sie wollen wieder verführen, sie nehmen am gesellschaftlichen Leben teil. Und das ist nicht nur ein Phänomen der Oberschicht, es steckt in unseren Genen. Schon im 17. und 18. Jahrhundert hatten die Frauen neben ihren Kindern auch noch ein anderes Leben, ein gesellschaftliches, ein soziales, ein Liebesleben.
SPIEGEL: So düster, wie die Verhältnisse in Frankreich für Sie auch sein mögen, Deutschland wäre demnach eine einzige Mütterhölle.
Badinter: Ich finde sehr interessant, was gegenwärtig in Deutschland passiert, es sind erste Anzeichen für all das, was kommen wird: Frauen - vor allem solche, die studiert haben, die interessante Berufe haben - bekommen keine Kinder mehr. Sie stellen für sich das deutsche Modell der Mutter in Frage. 28 Prozent der westdeutschen Akademikerinnen entscheiden sich gegen Kinder, das ist ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit. Das bedeutet, zum ersten Mal seit Hunderten von Jahren kann man nicht mehr sagen: Frau gleich Mutter. Angesichts der Schwierigkeiten in Ihrem Land, ein Kind betreuen zu lassen, und der Erwartungen der Gesellschaft an die Mutter entscheiden sich diese Frauen für ein Leben ohne Kinder. Sie definieren damit das Frausein neu und zeigen, dass eine Frau auch so glücklich sein kann. Das ist eine Revolution.
SPIEGEL: Eine positive Revolution?
Badinter: Mir wäre es lieber, die Frauen könnten Kinder bekommen, ohne ihr Berufsleben dabei zu opfern. Es ist das gute Recht jeder Frau, sich gegen Kinder zu entscheiden. Es gibt nicht mehr die Einheitsfront der Frauen, heute gibt es verschiedene Lager. Aber wir sind auch nicht, wie diese neue Naturalistenbewegung uns weismachen will, von Hormonen gesteuerte Säugetiere.
SPIEGEL: Sie sagen auch schon seit Jahren, dass es den vielbeschworenen Mutterinstinkt nicht gibt.
Badinter: Das wusste ich Gott sei Dank schon, bevor ich das erste Mal schwanger wurde. Ich habe mich nie gefragt, ob es vielleicht nicht normal ist, dass ich keine Lust habe, 24 Stunden am Tag ausschließlich mit einem kleinen Baby zu verbringen. Es gibt sicherlich Frauen, die das schön finden, ich gehöre nicht dazu. Und ich kann Ihnen sagen, ich habe in all diesen Jahren viele Mütter beobachtet, im Jardin du Luxembourg, hier, gleich unter meinem Fenster. Stundenlang habe ich mir die leeren Gesichter mit diesem Gott-kotzt-mich-das-alles-an-Ausdruck angeschaut. Die Frauen saßen am Rand der Sandkiste, schauten gelangweilt nach links und nach rechts, die Kinder spielten allein im Sand. Warum können Frauen nicht zugeben, dass es unerträglich sein kann, einen ganzen Tag mit einem kleinen Kind zu verbringen? Deshalb ist man doch nicht gleich eine schlechte Mutter.
SPIEGEL: Und was ist eine gute Mutter?
Badinter: Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat einmal gesagt, zwischen zwei Kulturen sollte man immer die richtige Distanz halten können. Ich glaube, eine gute Mutter ist eine, die es schafft, eine gewisse Distanz zu ihrem Kind zu halten, nicht zu nah, nicht zu weit weg zu sein, ihm zu geben, was es braucht, es nicht zu unterdrücken, nicht zu abwesend und nicht ständig anwesend zu sein. Irgendetwas genau dazwischen, aber das ist leider extrem rar.
SPIEGEL: Frau Badinter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Britta Sandberg
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© DER SPIEGEL 34/2010
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