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Ausgabe 34/2010
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Erziehung "Frauen sind keine Schimpansen"

Erziehung: Mutterliebe und Mutterwahn
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2. Teil: "Wir erleben zur Zeit eine Abrechnung der Töchter mit ihren Müttern"

SPIEGEL: Sie beschreiben Ihr Land in sehr schwarzen Farben: Die Französinnen bekommen aber immer noch mit die meisten Kinder in Europa - 2 pro Frau, in Deutschland sind es nur 1,38 -, und sie arbeiten auch als Mütter noch Vollzeit.

Badinter: Die Französinnen bekommen Kinder, weil es hier einfacher ist, Mutter zu sein und trotzdem zu arbeiten und noch andere Dinge zu tun. Sie können Ihr Kind hier in fremde Hände geben - und weder Ihre Schwiegermutter noch Ihr Mann, noch Ihre Mutter werden Ihnen das irgendwie vorwerfen. Fremdbetreuung ist in Frankreich nicht etwas grundsätzlich Schlechtes. Trotzdem, ich finde es beunruhigend, dass nun, vermeintlich im Namen der Wissenschaft und zum Wohl des Kindes, Frauen ein anderes Modell propagiert wird. Es ist auch ein Diskurs gegen die materialistische, egoistische Konsumgesellschaft: Lasst uns zu den Wurzeln zurückfinden, sagen die Vertreter dieser ökologischen Bewegung, lasst uns auf die Natur hören. Lasst uns stillen. Lasst uns bei den Kindern bleiben. Und erstaunlicherweise gefällt das vielen jungen Frauen.

SPIEGEL: Vielleicht weil sie gesehen haben, wie sich ihre Mütter abstrampelten zwischen Beruf, Kindern und Ehemann?

Badinter: Natürlich, was wir zurzeit erleben, ist eine Abrechnung der Töchter mit ihren Müttern. Ich wollte auch nie sein wie meine Mutter, also zu Hause sitzen, warten, bis Papa kommt, und darauf hoffen, dass er mir Geld gibt. Ich wollte unabhängig sein. Jetzt haben wir es mit einer Generation von jungen Frauen zu tun, die Töchter der Feministinnen der siebziger Jahre sind. Und die wollen sich nicht unbedingt wie ihre Mütter zerreißen zwischen Job und Familie, ständig gehetzt, ständig müde sein. Ist es da nicht in Wahrheit viel befriedigender, mich voll und ganz um mein Kind zu kümmern? Diese Perspektive ist sehr verlockend für viele, interessanterweise vor allem für gut ausgebildete Frauen und für solche mit sehr geringer Ausbildung.

SPIEGEL: Aber hat das Modell Ihrer Mütter die Frauen wirklich glücklich gemacht?

Badinter: Es war sicherlich nicht perfekt, und trotzdem war es ein großer Fortschritt. Wir konnten Kinder haben und arbeiten, und niemand machte uns ein schlechtes Gewissen dabei. Ich glaube, das ist einer der großen Unterschiede zwischen französischen und deutschen Frauen. Die Französinnen waren bisher zuallererst Frau und erst dann Mutter. Sie bleiben auch kurz nach der Geburt nicht nur beim Kind, sie gehen aus, sie arbeiten schnell wieder, sie wollen wieder verführen, sie nehmen am gesellschaftlichen Leben teil. Und das ist nicht nur ein Phänomen der Oberschicht, es steckt in unseren Genen. Schon im 17. und 18. Jahrhundert hatten die Frauen neben ihren Kindern auch noch ein anderes Leben, ein gesellschaftliches, ein soziales, ein Liebesleben.

SPIEGEL: So düster, wie die Verhältnisse in Frankreich für Sie auch sein mögen, Deutschland wäre demnach eine einzige Mütterhölle.

Badinter: Ich finde sehr interessant, was gegenwärtig in Deutschland passiert, es sind erste Anzeichen für all das, was kommen wird: Frauen - vor allem solche, die studiert haben, die interessante Berufe haben - bekommen keine Kinder mehr. Sie stellen für sich das deutsche Modell der Mutter in Frage. 28 Prozent der westdeutschen Akademikerinnen entscheiden sich gegen Kinder, das ist ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit. Das bedeutet, zum ersten Mal seit Hunderten von Jahren kann man nicht mehr sagen: Frau gleich Mutter. Angesichts der Schwierigkeiten in Ihrem Land, ein Kind betreuen zu lassen, und der Erwartungen der Gesellschaft an die Mutter entscheiden sich diese Frauen für ein Leben ohne Kinder. Sie definieren damit das Frausein neu und zeigen, dass eine Frau auch so glücklich sein kann. Das ist eine Revolution.

SPIEGEL: Eine positive Revolution?

Badinter: Mir wäre es lieber, die Frauen könnten Kinder bekommen, ohne ihr Berufsleben dabei zu opfern. Es ist das gute Recht jeder Frau, sich gegen Kinder zu entscheiden. Es gibt nicht mehr die Einheitsfront der Frauen, heute gibt es verschiedene Lager. Aber wir sind auch nicht, wie diese neue Naturalistenbewegung uns weismachen will, von Hormonen gesteuerte Säugetiere.

SPIEGEL: Sie sagen auch schon seit Jahren, dass es den vielbeschworenen Mutterinstinkt nicht gibt.

Badinter: Das wusste ich Gott sei Dank schon, bevor ich das erste Mal schwanger wurde. Ich habe mich nie gefragt, ob es vielleicht nicht normal ist, dass ich keine Lust habe, 24 Stunden am Tag ausschließlich mit einem kleinen Baby zu verbringen. Es gibt sicherlich Frauen, die das schön finden, ich gehöre nicht dazu. Und ich kann Ihnen sagen, ich habe in all diesen Jahren viele Mütter beobachtet, im Jardin du Luxembourg, hier, gleich unter meinem Fenster. Stundenlang habe ich mir die leeren Gesichter mit diesem Gott-kotzt-mich-das-alles-an-Ausdruck angeschaut. Die Frauen saßen am Rand der Sandkiste, schauten gelangweilt nach links und nach rechts, die Kinder spielten allein im Sand. Warum können Frauen nicht zugeben, dass es unerträglich sein kann, einen ganzen Tag mit einem kleinen Kind zu verbringen? Deshalb ist man doch nicht gleich eine schlechte Mutter.

SPIEGEL: Und was ist eine gute Mutter?

Badinter: Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat einmal gesagt, zwischen zwei Kulturen sollte man immer die richtige Distanz halten können. Ich glaube, eine gute Mutter ist eine, die es schafft, eine gewisse Distanz zu ihrem Kind zu halten, nicht zu nah, nicht zu weit weg zu sein, ihm zu geben, was es braucht, es nicht zu unterdrücken, nicht zu abwesend und nicht ständig anwesend zu sein. Irgendetwas genau dazwischen, aber das ist leider extrem rar.

SPIEGEL: Frau Badinter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Britta Sandberg

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insgesamt 300 Beiträge
Klartext007 27.08.2010
Mein Gott, was die Übermütter v.a. mit den bedauernswerten Jungs einen Hype machen, grenzt an Wahnsinn. Was Kindern gut täte, wären mehr männliche Erzieher i.d. Kindergärten sowie Lehrer i.d. Grundschule, um so der weiblichen [...]
Mein Gott, was die Übermütter v.a. mit den bedauernswerten Jungs einen Hype machen, grenzt an Wahnsinn. Was Kindern gut täte, wären mehr männliche Erzieher i.d. Kindergärten sowie Lehrer i.d. Grundschule, um so der weiblichen Überdosis der ersten Lebensjahre was entgegen zu setzen.
biologin100 27.08.2010
Ist das an mir vorbeigegangen oder wird der Buchtitel um den es geht gar nicht genannt?
Ist das an mir vorbeigegangen oder wird der Buchtitel um den es geht gar nicht genannt?
favela lynch 27.08.2010
Wie überall so auch hier: die Unfähigkeit, sich selbst anzunehmen und dafür Verantwortung zu tragen. Her mit alten Rollenmustern! Her mit dem Kind, das mich von mir selbst befreit. Denn ich habe ja alles geopfert. Das wirklich [...]
Wie überall so auch hier: die Unfähigkeit, sich selbst anzunehmen und dafür Verantwortung zu tragen. Her mit alten Rollenmustern! Her mit dem Kind, das mich von mir selbst befreit. Denn ich habe ja alles geopfert. Das wirklich Durchtriebene daran ist: das Opfer wird noch als Verwirklichung ausgegeben. In Wahrheit ist es vollendete Faulheit.
almabu! 27.08.2010
Zitat SPON: "...28 Prozent der westdeutschen Akademikerinnen entscheiden sich gegen Kinder, das ist ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit..." Der Titel würde dann wohl lauten: Deutsche Akademikerinnen [...]
Zitat von sysopDie französische Philosophin Elisabeth Badinter über Mutterliebe und Mutterwahn, Rückschritte der feministischen Bewegung und das Streben nach dem perfekten Kind http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,713292,00.html
Zitat SPON: "...28 Prozent der westdeutschen Akademikerinnen entscheiden sich gegen Kinder, das ist ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit..." Der Titel würde dann wohl lauten: Deutsche Akademikerinnen verblöden unser Volk, weil sie die Mutterschaft verweigern! Die Sarrazin'sche Quintessenz lautete dann: Lasst Mädchen nicht studieren, denn sie vererben ihre Intelligenz nicht! Hau' in die Tasten Thilo!
coriolanus 27.08.2010
Sie vergißt, daß wir mehr Säugetier sind, als ihr recht ist, und daß auch die Schimpasinnen mit ihrem Kind allein durch die Wildnis streifen. Im übrigen gelten wir biologisch als der 3. Schimpanse.
Zitat von sysopDie französische Philosophin Elisabeth Badinter über Mutterliebe und Mutterwahn, Rückschritte der feministischen Bewegung und das Streben nach dem perfekten Kind http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,713292,00.html
Sie vergißt, daß wir mehr Säugetier sind, als ihr recht ist, und daß auch die Schimpasinnen mit ihrem Kind allein durch die Wildnis streifen. Im übrigen gelten wir biologisch als der 3. Schimpanse.
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Zur Person
Bruno Fert / DER SPIEGEL
Elisabeth Badinter ist Feministin und Philosophin. Bis vor kurzem unterrichtete sie als Professorin an der Pariser Universität "École Polytechnique". Außerdem sitzt sie dem Aufsichtsrat der von ihrem Vater Marcel Bleustein-Blanchet gegründeten französischen Werbeagentur Publicis vor. Sie ist mit dem Politiker und Anwalt Robert Badinter verheiratet, der unter François Mitterrand Justizminister war. In dreieinhalb Jahren bekam sie drei Kinder mit ihm, eine Tochter und zwei Söhne.

Badinter, 66, ist eine Anhängerin von Simone de Beauvoir und schloss sich Anfang der siebziger Jahre der französischen Frauenbewegung an. Seither hat sie zahlreiche Bücher zum Thema veröffentlicht, unter anderem zur Geschichte der Mutterliebe.

Buchtipp

Elisabeth Badinter:
Der Konflikt.
Die Frau und die Mutter.

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