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Ausgabe 35/2010
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30.08.2010
 

Verhaltensforschung

Herrlich böse

Von Jörg Blech und Gerald Traufetter

Marc Hauser und seine Affen-Experimente: Moralforscher ohne Moral?
Fotos
Getty Images

Skandal an der Elite-Uni Harvard: In mindestens acht Fällen soll der Starwissenschaftler und Bestseller-Autor Marc Hauser Daten aus Tierstudien zurückgehalten und falsch analysiert haben. Welche seiner spektakulären Erkenntnisse zur Evolution des Menschen stimmen noch?

Das Institut für Psychologie der Harvard University liegt in einem Haus mit 15 Stockwerken, und nicht wenige Menschen glauben, dass die Gedanken an diesem Ort besonders hoch fliegen.

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Glück, Liebe, Intelligenz, Moral, Sprache, Selbstmord - nichts ist den Gelehrten in diesem Turm zu bedeutungsschwer. Ihre Thesen, was den Mensch zum Menschen macht, münden für gewöhnlich in Durchbrüchen und Bestsellern. Die Professoren des Instituts gehören zu den einflussreichsten der Welt.

Doch in diesen Tagen ist es in dem Gebäude im amerikanischen Cambridge merkwürdig still. Auch Jerome Kagan, der mittlerweile 81 Jahre alte Pionier der Entwicklungspsychologie, sitzt in sich gekehrt in seinem Büro. "Keiner redet darüber", sagt er. "Wer will schon über jemanden aus der eigenen Familie lästern?"

Gemeint ist Marc Hauser, 50 Jahre alt, ein Star seiner Zunft und als Buchautor von den Medien gefeiert - bis jetzt plötzlich hässliche Vorwürfe gegen den Vor-zeigeakademiker an die Öffentlichkeit gedrungen sind. "Wissenschaftliches Fehlverhalten" wirft ihm die eigene Fakultätsleitung vor. Staatliche Behörden ermitteln.

Im Turm der Psychologen herrscht Ratlosigkeit. "An dieser Sache wird unsere Zunft noch Jahre zu knacken haben", fürchtet die Chefin des Instituts Susan Carey.

Mit dieser Einschätzung untertreibt die Direktorin noch. Unter Verhaltens- und Kognitionsforschern auf der ganzen Welt herrscht blankes Entsetzen. "Es ist eine Katastrophe, wir wissen nicht, was von den vielen Publikationen Hausers erfunden ist und was nicht", klagt etwa der Primatenforscher Klaus Zuberbühler von der University of St Andrews in Schottland.

Wissenschaftliches Fehlverhalten in acht Fällen

Mittlerweile hat die Harvard University Hauser in acht Punkten des Fehlverhaltens bezichtigt, Publikationen wurden zurückgezogen oder ergänzt, und der Beschuldigte gestand Ende vorletzter Woche in einer E-Mail reumütig: "Ich bestätige, dass ich einige signifikante Fehler begangen habe." Hauser sei in ein unbezahltes Urlaubsjahr geschickt worden, erzählt Kollege Kagan: "Das war Teil der Bestrafung."

Dabei galt der Geächtete bis vor kurzem noch als Universalgenie. "Marc hat sich ein Top-Thema nach dem anderen gegriffen", sagt die Affenforscherin Julia Fischer vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. Sei es die Evolution der Sprache, die Gefühle der Tiere oder die Entstehung der Moral: Hauser stieß bei all diesen großen Rätseln auf spannende Erkenntnisse und verarbeitete diese in aufsehenerregenden Büchern.

Von Studenten wurde der Gelehrte mit Halbglatze und markantem Bart zu einem der beliebtesten Professoren auf dem Campus gewählt. Und doch brachten seine eigenen Mitarbeiter schließlich den Skandal ins Rollen. Das geht aus Dokumenten hervor, die dem Fachblatt "The Chronicle of Higher Education" zugespielt wurden. Demnach haben sich Team-Mitglieder im Jahr 2007 besorgt um den Ruf ihres Instituts dem Ombudsmann der Harvard University offenbart.

Es ging um einen Versuch, mit dem die Forscher herausfinden wollten, ob sich schon unter den entfernten Verwandten des Menschen so etwas wie ein Sprachsinn regt. Sie hatten dazu Rhesusaffen zunächst eine regelmäßige Abfolge von Tönen vorgespielt. Dann veränderten sie die Tonfolge. Würden die Tiere den Unterschied bemerken und in diesem Moment ihre Augen auf den Lautsprecher richten? Wenn sie dies tun, so gilt das als Hinweis darauf, dass die Affen eine wesentliche Voraussetzung zur Entwicklung von Sprache besitzen.

Computer, Festplatten und Videos beschlagnahmt

Die Auswertung solcher Experimente indes ist heikel. Denn wie zuverlässig lässt sich schon Richtung und Dauer eines Äffchenblicks einschätzen? Ein junger Laborassistent jedenfalls, der den Auftrag hatte, die Videobänder auszuwerten, konnte nichts Auffälliges erkennen. Hauser jedoch kam bei der Auswertung derselben Bänder zu einem ganz anderen Ergebnis: Da starrten die Affen, genau wie angenommen, bei den veränderten Tonfolgen auf den Lautsprecher.

"Ich fühle mich nicht wohl dabei, Daten mit einer solchen Verzerrung zu analysieren und zu publizieren", schrieb einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter in einer E-Mail an Hauser. Der blaffte genervt zurück: "Ich bin jetzt allmählich angepisst. Da sind keine Unstimmigkeiten."

Eine Bestätigung von Hauser, dass dieser E-Mail-Verkehr so stattgefunden hat, gibt es nicht. Doch sollte er wahr sein, dann verbirgt sich dahinter einer der fulminantesten Fehler, die ein Verhaltensforscher begehen kann. "Er darf niemals seine Autorität missbrauchen und die Auswerter in ihrer Analyse beeinflussen", urteilt Angela Friederici, Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.

Seine Mitarbeiter jedenfalls haben sich dem Druck nicht gebeugt und sich ihrer Universität offenbart. "Den jungen Leuten gebührt die höchste Anerkennung für ihren Mut", lobt der berühmte Affenforscher Frans de Waal.

Die Elite-Uni reagierte zunächst prompt auf den Vorwurf der Nachwuchsforscher: Ihre Ermittler verschafften sich Zugang zum Büro des Forschers und beschlagnahmten Computer, Festplatten und Videos. Dann allerdings herrschte Stille - drei Jahre lang.

Gesamte Publikationen von Hauser unter Generalverdacht

Bald gingen auf den Kongressen die ersten Gerüchte über Ermittlungen gegen den Harvard-Star um. "Seit drei Jahren befindet sich Hauser wie in Zeitlupe in freiem Fall", sagt Michael Tomasello, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie - nur dass niemand genau wusste, warum eigentlich.

Inzwischen steht alles, was Hauser und die Forscher aus seinem Labor publiziert haben, unter Generalverdacht. "Für die Fachgemeinde ist das fürchterlich", sagt Primatologin Fischer und fragt sich: "Wie soll ich meinen Studenten jetzt erklären, dass sie rechtschaffen bleiben sollen?"

Fischer sorgt sich darüber, dass Harvard nur häppchenweise Informationen herausgibt und ansonsten bemüht scheint, das wahre Ausmaß der Affäre Hauser zu verschleiern. Im August zog Hauser geräuschlos eine vielbeachtete Veröffentlichung aus dem Jahr 2002 in der Zeitschrift "Cognition" zurück. Begründung: Eine interne Untersuchung habe ergeben, dass die Daten die Ergebnisse der Studie nicht unterstützten.

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insgesamt 91 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
07.09.2010 von mats123: Abgrenzung

Die Unterscheidung zwischen "exakten" und "weichen" Wissenschaften ist keine anerkannte Unterscheidung, sondern eher laienhaftes Gerede unter Studenten und Nichtwissenschaftlern. Wenn man mal betrachtet, [...] mehr...

03.09.2010 von RWagner: Könnte man doch leicht ändern

indem von den Jungforschern nicht die Bestätigung, sondern die Falsifikation als anzustrebenden Ziel genannt würde. Wenn dann ein 0-Ergebnis rauskommmt, umsobesser. mehr...

03.09.2010 von RWagner: eine ingenieurmässige Sicht

und ich denke im Grossen und Ganzen korrekt.Ich teile diese Sicht. Wer eine viele Tonnen schwere Rakete zum Saturn bringt und dort Aufnahmen machen läßt, kann im Verständnis der Gravitation (z.B.) nicht komplett falsch liegen. mehr...

03.09.2010 von RWagner: publish or perish

Ja,publish or perish, deswegen war der junge Albert Einstein so froh, im Patentamt zu sein, da war er nicht unter dem Druck auf 'Teufel komm raus' Artikel zu publizieren. Der Druck muß auch schon vor 100 Jehren recht gross [...] mehr...

02.09.2010 von littlenemo296: Falsch

Die Naturwissenschaften sind keinesfalls "exakte Wissenschaften", dies trifft einzig auf die Mathematik als "Wissenschaft der formalen Systeme" zu, sie ist damit auch keine Naturwissenschaft und braucht keine [...] mehr...

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