Von Sandra Schulz
Ein dürres Mädchen sitzt auf dem Sofa im Behandlungsraum und flüstert: "Ich möchte meine Mutter ein bisschen beißen." Gerade hat sie es vorgemacht, hat ihren Kopf hinuntergebeugt, das Haar fiel ihr ins Gesicht. Es sah aus, als küsste sie die Hand ihrer Mutter. Zu Hause beißt sie richtig zu. Der Vater sagt: "Ich kann das nicht akzeptieren." Deswegen sind sie hier, in diesem Zimmer mit der chinesischen Tuschezeichnung an der Wand, dem Zimmer der heulenden Einzelkinder. Der Vater versteht nicht, was los ist mit seiner Tochter, die Klavier spielte, für Mathe-Olympiaden trainierte, einen Literaturpreis gewann, mit 10, und irgendwann heimlich anfing, Vampirromane zu lesen. 14 Jahre ist sie jetzt alt, eingewiesen in die Klinik für Psychotherapie in Wuhan. Sie schreit nachts, zerreißt das Patientenbuch, haut auf die Couch. Sie geht nicht mehr zur Schule, seitdem sie fürchtet, sie könnte nicht mehr die Klassenbeste sein.
Das solle sie tun, haben die Therapeuten geraten, wenn sie diese Unruhe in sich spüre. "Ich will nicht, dass meine Eltern mit mir schimpfen." - "Wir schimpfen nicht mit dir", sagt die Mutter, zieht das Mädchen kurz zu sich heran, lässt es los. Die Sitzung ist zu Ende.
Seinen Namen will das Mädchen nicht sagen, zu groß ist die Scham, aber nachdenken muss sie noch über ihn, später in der Gruppentherapie, nach dem Yoga und dem HipHop. Dann werden sie wieder über die zerstörerische Kraft der elterlichen Hoffnungen reden, mit den Namen fängt es an. Wie lässt sich ein gewöhnliches Leben ertragen, wenn man "Tianyu" heißt, "Himmel und Universum", Begriffe, die für unbegrenzte Fähigkeiten stehen? Wie soll ein "Xiaozhong" aufbegehren, dessen Name "Mit Hingabe dienen" bedeutet? Wie fühlt sich ein armer Teufel namens "Million"?
Generation von selbstbezogenen und beziehungsuntauglichen Einzelkindern
Chinas Zukunft isst nicht, schläft nicht und fürchtet sich. Um die 20 Patienten, Teenager und Studenten, wohnen in der Klinik für Psychotherapie in Wuhan. Die Angststörungen nehmen zu, sagen Chinas Psychologen, und auch die Zwangssymptome. Schüler, die wieder und wieder prüfen, ob sie ihre Hausaufgaben gemacht haben, die unter Herzrasen, Bettnässen, Magenschmerz leiden.
Zwei Monate bleiben sie in der Klinik, dann gelten wieder die Regeln draußen. Selbst an der Fassade ihres Krankenhauses, das die psychischen Schäden einer leistungsbewussten Nation behandelt, hängt ein rotes Banner. Man möge, heißt es dort, einem Arzt der Klinik gratulieren. Er wurde ausgezeichnet als einer von "Wuhans zehn herausragenden jungen Erwachsenen".
Rund 30 Jahre nachdem Deng Xiaoping das Land öffnete und Reformen einleitete, kämpft China mit sich. Entwurzelt ist diese Gesellschaft mit ihren 230 Millionen Wanderarbeitern. Selbstbezogen und beziehungsuntauglich, heißt es, ist eine Generation von erwachsenen Einzelkindern nach Jahrzehnten der staatlichen Geburtenplanung. Auf der Suche, zwischen Kollektivismus und Individualismus, ist eine Nation, in der nicht nur die Menschen, sondern auch die Wertesysteme miteinander konkurrieren.
Die Regierung hat die Losung gefunden, mit der sie alle Widersprüche scheinbar löst: "Sozialismus mit chinesischen Kennzeichen". Der Mensch in China aber trägt den Widerspruch in sich. Selbstbestimmt und durchsetzungsfähig soll er sein im freien Markt und doch bereit, sich einer autoritären Regierung unterzuordnen. Und auch der konfuzianischen Kultur soll er folgen, die jedem seinen Platz zuweist in einem hierarchischen Gefüge.
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Dieser Spiegel Artikel ist sehr unvollständig und schlecht recherchiert. Die Suizid-Serie beim auftragsfertiger Foxconn ist aufgrund einer internen Klausel zurückzuführen, in der im Todesfall RMB 300.000 an die Familie des [...] mehr...
Komme gerade von China zurück und habe auch die im Artikel erwähnte Klinik in Wuhan besucht. Die Notwendigkeit für Psychotherapie ist offensichtlich, doch gibt es ein ungelöstes Akzeptanzproblem in der Bevölkerung. Die Risiken für [...] mehr...
Gebt den Leuten das Recht auf Gewerkschaften, freie Rede, unabhängige Justiz, dann braucht es auch keine "Schweigegelübde". ;) mehr...
In Deutschland ist das schon seit vielen Jahren normal. Hier lautet die Begründung natürlich nicht "Problem herunterspielen", sondern "Leben retten": Das Schweigegelübde wird mit der Verhinderung von [...] mehr...
insoktriniert bzw. uninformiert durch eine propagandamaschinerie, ungeübt in der nutzung der relativ jungen sozialen sicherungssysteme, getrieben von einem ungeheueren konkurrenzdruck der 1,3 milliarden, verblendet von den [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 36/2010
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