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Ausgabe 36/2010
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China Weltmacht auf der Couch

4. Teil: Dreimal die Woche auf die Couch? Bloß nicht

"Hochgeschwindigkeitstraining" nennt Zhang die Ausbildung zum Therapeuten mit Staatszertifikat, 400, 500 Stunden müssen reichen. Auch sie selbst hat dieses Examen gemacht, das es erst seit wenigen Jahren gibt. In ihrer Ungeduld ähneln Volk und Regierung einander. Die Chinesen, glaubt Zhang, wollen eine schnelle Lösung beim Therapeuten. Dreimal die Woche auf die Couch? Bloß nicht.

Zhang will auch gar nicht das Trauma suchen, nicht der "Lehre über die Zerlegung des Herzens" folgen, so übersetzte ein chinesischer Philosoph die Psychoanalyse. Jede Existenz ist perfekt, das ist für Zhang uralte daoistische Weisheit, an die erinnert sie die modernen Chinesen.

"Weniger Geburten, mehr Qualitätsgeburten" hatte die Regierung den Chinesen aufgetragen, als sie 1979 die Ein-Kind-Politik einführte, die Kontrolle über den Unterleib sollte dem Volkskörper dienen, Wohlstand für alle bringen. Heute schreibt einer dieser "Qualitätsgeburten" an Frau Zhang: "Ich bin der Nebendarsteller in meinem eigenen Leben." Studieren sollen sie alle, die Eltern lesen den Bestseller "Ein Harvard-Girl großziehen", die Ersparnisse fürs Alter haben sie in die Ausbildung ihres Kindes gesteckt.

Deswegen ist die wahre Prüfung das Frühlingsfest; die Familienfeier wird zur Inquisition. Warum hast du so schlechte Noten? Wann heiratest du endlich? Manche mieten noch schnell eine Freundin übers Internet: "500 Yuan am Tag, du musst nicht mit mir schlafen, aber eine gute Schauspielerin musst du sein."

"Die die Alten aufessen"

"Vier-zwei-eins" nennt China sein neues Familienmodell, bei dem zwei Elternteile und vier Großeltern alle Hoffnung auf ein Kind setzen und dieses eine Kind sich später um sechs Erwachsene kümmern muss, mit Liebe und Geld.

Doch oft jammern auch die Eltern bei Zhang. Sie haben ein Kind großgezogen, das alles schaffte, nur das Leben nicht. "Ken Lao Zu", "Die die Alten aufessen" heißen die jungen Chinesen, die mit 30 Jahren noch zu Hause wohnen, vom Geld der Eltern leben, Kleinkinder mit Diplom. Arbeit ist ihnen zu anstrengend, Arbeit zu suchen auch. Es ist die späte Rache der Zwangsbehüteten.

So verrufen ist die "Post-Achtziger-Generation", dass die Partei wieder eingreift und Erziehungscamps organisiert für Kinder mit dem "Kleine-Kaiser-Syndrom" und für die jungen Eltern, die selbst Einzelkinder sind. Sie sollen ihre schlechten Eigenschaften nicht weitergeben.

Am Stadtrand von Guangzhou, dort, wo die Luft noch gut ist, sucht Wu Zhihong nach einer Lösung für das chinesische Dilemma. Wu öffnet die Tür zu seiner Wohnung in der "Wunderland"-Siedlung, nimmt die erste Katze auf den Arm, nimmt die zweite Katze auf den Arm, und sagt: "Wir sind Dinks. Sie wissen schon: Double income, no kids." Zwei Einkommen, keine Kinder, fünf Katzen.

Er lässt sich herab zum Schneidersitz, ein Papagei landet auf seiner Wade. "In China", sagt er, "haben wir diese Tradition: Egal, ob die Respektsperson recht hat oder nicht, wir müssen auf sie hören." Er kennt viele Kinder, die sich "Liebe verdienen wollen durch unbedingten Gehorsam". Es sind seine Patienten.

Zum Beispiel jene Frau, die ihrem Bruder zuerst die eigene Wohnung schenkte, ihm dann auf Wunsch der Mutter noch eine Villa kaufte. Sie wollte mehr sein als ausgeschüttetes Wasser, so nennt man die verheirateten Töchter in China. Sie wusste, ihr eigener Wert werde steigen mit der Größe ihres Opfers.

Seitdem sie ihren Sohn antreibt, noch besser zu sein als sie selbst, will er nicht mehr mit ihr reden. Nie habe sie gelernt, ihre eigenen Gefühle zu achten, so sprach die Frau bei Wu, deshalb achte sie auch nicht die Gefühle ihres Kindes.

Leben mit dem inneren Feind

Zu Wu kommen auch die Menschen, die die Wunden aus einem anderen China eingekapselt in sich tragen. Wie jener Mann, 45 Jahre alt, der als Junge erleben musste, wie man seine Mutter durchs Dorf trieb, mit einem Schild um den Hals, des Ehebruchs bezichtigt, verleumdet vom Schwager. Es war die Zeit der Kulturrevolution, als Mao den Kampf gegen den inneren Feind führte und Kinder plötzlich ihre Eltern denunzierten. Seit mehr als 30 Jahren lebt Wus Patient jetzt mit seinem inneren Feind, dem Misstrauen. Seine Geheimnisse hört nur Wu.

Opfer und Täter können sich nicht entkommen in China, sie gehören zur selben Familie, zum selben Betrieb. Um Vergebung geht es jetzt, um Versöhnung. Der Therapeut heilt eine verletzte Nation, denn ein staatliches Gedenken an die Opfer der Kulturrevolution gibt es nicht. Das Volk, so will es die Parteiführung, soll nicht an die dunklen Seiten der kommunistischen Herrschaft denken, sondern an den wirtschaftlichen Aufbau, und das tut es. Gut zehn Prozent Wachstum hat China gerade gemeldet.

Therapeut Yan sagt, die Chinesen müssten lernen, dass Heilung nicht käuflich ist. Lehrer Sai sagt, die Chinesen müssten sich biegen wie ein Halm im Getreidefeld. Katzenfreund Wu sagt, das Leben heute sei doch gar nicht so schlimm. "Früher hätte mich der Kaiser für meine offenen Worte geköpft."

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insgesamt 15 Beiträge
Mulharste 10.09.2010
is doch hier nicht anderns. Nicht ganz os extrem, aber die Tendenz geht in diese Richtung.
Zitat von sysopGetrieben von Perfektionismus, zerrieben vom Leistungsdruck, streben die Chinesen zum Therapeuten. Sie leiden unter Depressionen und Angststörungen. Selbst die Regierung sorgt sich um die verkümmerten Seelen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,715714,00.html
is doch hier nicht anderns. Nicht ganz os extrem, aber die Tendenz geht in diese Richtung.
Zorpheus 10.09.2010
250.000 Selbstmorde im Jahr ergibt für China 19 Selbstmorde je 100.000 Einwohner. In Deutschland waren es 2007 11,4, im Jahr 1982 dagegen waren es in der BRD 24,7 und in der DDR 44 je 100.000 Einwohner. Ich habe auch gerade [...]
250.000 Selbstmorde im Jahr ergibt für China 19 Selbstmorde je 100.000 Einwohner. In Deutschland waren es 2007 11,4, im Jahr 1982 dagegen waren es in der BRD 24,7 und in der DDR 44 je 100.000 Einwohner. Ich habe auch gerade noch diese Tabelle zum Vergleich gefunden: http://www.who.int/mental_health/prevention/suicide_rates/en/index.html In Osteuropa sind die Zahlen höher. China hat offensichtlich kein besonderes Problem mit Selbstmorden.
R Panning 10.09.2010
Am meisten überraschen mich in der Liste Finland und die Schweiz.
Zitat von Zorpheus250.000 Selbstmorde im Jahr ergibt für China 19 Selbstmorde je 100.000 Einwohner. In Deutschland waren es 2007 11,4, im Jahr 1982 dagegen waren es in der BRD 24,7 und in der DDR 44 je 100.000 Einwohner. Ich habe auch gerade noch diese Tabelle zum Vergleich gefunden: http://www.who.int/mental_health/prevention/suicide_rates/en/index.html In Osteuropa sind die Zahlen höher. China hat offensichtlich kein besonderes Problem mit Selbstmorden.
Am meisten überraschen mich in der Liste Finland und die Schweiz.
tomsnap 10.09.2010
Der Artikel beschreibt sehr gut die Situation in China. Der politische Wille zur Industrienation aufzusteigen, und dies in möglichst kurzer Zeit, erzeugt nicht nur eine Zerstörung der Umwelt, den Ruin der Gesundheit Abermillionen [...]
Der Artikel beschreibt sehr gut die Situation in China. Der politische Wille zur Industrienation aufzusteigen, und dies in möglichst kurzer Zeit, erzeugt nicht nur eine Zerstörung der Umwelt, den Ruin der Gesundheit Abermillionen Wander- und Fabrikarbeiter, nein auch die negativen Auswirkungen auf die Psyche scheint den Offiziellen langsam klar zu werden. Dabei ist nicht alles einer Folge der Wirtschaftspolitik, die chinesischen Traditionen sowie die Folgen der Kulturrevolution addieren sich hinzu. Uns im Westen kann dieser Umstand nur freuen, denn eine wirkliche Konkurrenz wächst dort nicht heran.
heinrichp 10.09.2010
Bei uns sieht es nicht besser aus: Kosten für Depressions-Therapie explodieren. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,711458,00.html Was momentan weitgehend ignoriert wird: Psychische Lasten sind nicht [...]
Zitat von sysopGetrieben von Perfektionismus, zerrieben vom Leistungsdruck, streben die Chinesen zum Therapeuten. Sie leiden unter Depressionen und Angststörungen. Selbst die Regierung sorgt sich um die verkümmerten Seelen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,715714,00.html
Bei uns sieht es nicht besser aus: Kosten für Depressions-Therapie explodieren. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,711458,00.html Was momentan weitgehend ignoriert wird: Psychische Lasten sind nicht gleichmäßig verteilt in unserer Gesellschaft. Daran erinnern uns die derzeit kaum gehörten Gesundheitssoziologen. Die, die unten stehen, trifft es häufiger und es trifft sie härter. Sie haben zudem noch weniger finanzielle, soziale und psychische Mittel, um mit dem Leiden an schwierigen Lebenssituationen fertig zu werden. Niedergeschlagenheit und Verzweiflung fallen nicht einfach so vom Himmel. Sie entstehen in sozialen Zusammenhängen. Und viel häufiger bei den sozial Schwachen als bei den Privilegierten. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern in allen westlichen Wohlfahrtsstaaten.
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