Von Markus Dettmer und Dietmar Hawranek
Doch in diesem Jahr benötigt der Autohersteller wie eine ganze Reihe anderer Unternehmen seine Mitarbeiter wieder dringend, weil die Nachfrage vieler Exportmärkte überraschend stark anzieht. Daimler hat seine Belegschaft weitgehend gehalten und kann seine Fertigung jetzt schnell wieder hochfahren.
Es spricht also alles für deutliche Lohnerhöhungen. Zumal die Konzernchefs in der Krise keineswegs so zurückhaltend waren wie ihre Belegschaften.
Die Vergütung des Daimler-Vorstands um Konzernchef Dieter Zetsche wurde zwar um knapp 30 Prozent gekürzt. Andere Bosse hielten sich aber auch in der Krise nicht zurück. Das Beratungsunternehmen Towers Watson fand heraus: Die durchschnittliche Vergütung der Vorstandschefs von 29 untersuchten Dax-Konzernen stieg im vergangenen Jahr um zehn Prozent auf 3,6 Millionen Euro.
Bei der nächsten Tarifrunde müsste es für die Gewerkschaften eigentlich einen Durchmarsch geben. Die Stahlbranche besteht in erster Linie aus wenigen Großbetrieben. Die Betriebsräte sind mächtig, rund 90 Prozent der Beschäftigten sind in der IG Metall organisiert. Nirgendwo sonst kann die Gewerkschaft besser ihre Muskeln spielen lassen.
"Wir können nicht das Maul aufreißen und dann nicht liefern"
Für die Gewerkschaften hat ein guter Abschluss der Stahlindustrie aber vor allem psychologische Bedeutung. Es wäre das Signal an die Mitglieder, dass ihre Funktionäre nicht nur Bescheidenheit in der Not üben können. "Die Arbeitnehmer müssen etwas vom Aufschwung abbekommen", sagt IG-Metall-Chef Berthold Huber.
Einen Pilotcharakter wird der Tarifabschluss jedoch nicht haben. Von den Verhandlungen, die jetzt in der Stahlindustrie beginnen, können gerade mal 85.000 der insgesamt 3,4 Millionen Beschäftigten der Metallindustrie profitieren.
Die Tarifverträge für die überwiegende Mehrheit der IG-Metall-Mitglieder laufen dagegen bis 2012. Sie sehen im April kommenden Jahres eine Erhöhung von 2,7 Prozent vor. Die Betriebsräte der einzelnen Unternehmen können mit ihren Firmenchefs allenfalls darüber verhandeln, ob diese Gehaltsaufbesserung um zwei Monate vorgezogen wird.
Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, deren Chef Frank Bsirske nicht gerade für Zurückhaltung bekannt ist, verhält sich überraschend ruhig. Denn Ver.di ist in den kommenden Monaten kaum in der Lage, starken Worten hohe Abschlüsse folgen zu lassen. "Wir können nicht das Maul aufreißen und dann nicht liefern", sagt ein Ver.di-Vertreter.
Zum Jahreswechsel muss Ver.di in eine schwierige Tarifrunde für Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst der Länder ziehen. Deren Ergebnis dürfte mager ausfallen. Denn mit den guten Konjunkturdaten kann Bsirske nicht argumentieren. Im Öffentlichen Dienst gelten andere Kriterien.
Die Gewerkschaftsfunktionäre stehen unter Druck
Angesichts einer Rekordstaatsverschuldung, leerer öffentlicher Kassen und rigidem Sparkurs tendiert der Verteilungsspielraum der Länderminister gegen null.
Dabei ist der Druck der Mitglieder auf ihre Funktionäre nach Jahren der Bescheidenheit in allen Gewerkschaften groß. Zu den geringen Lohnerhöhungen der Vergangenheit hatte auch beigetragen, dass sich die Arbeitnehmerorganisationen öfter auf Einmalzahlungen einließen. Beschäftigte erhielten ein paar hundert Euro mehr. Doch dadurch erhöhte sich nicht das Grundgehalt, das die Basis für kommende Tarifrunden bildet.
Im Frühjahr kommenden Jahres beginnen die Verhandlungen der IG Bergbau, Chemie, Energie für die chemische Industrie. Den meisten Unternehmen dieser Branche geht es wieder deutlich besser. Michael Vassiliadis, Chef der Gewerkschaft, fordert: "Diese Erfolge müssen sich in den Einkommen angemessen widerspiegeln."
Das setzt voraus, dass der Export-Boom, der die chemische Industrie derzeit antreibt, noch bis 2011 anhält. Aber dies ist keineswegs sicher.
In der Krise muss verzichtet werden
Wichtige Märkte für die deutsche Exportwirtschaft könnten in Schwierigkeiten geraten. In China droht die Immobilienblase zu platzen. In den USA verlangsamt sich das Wachstum, und Ökonomen fordern bereits ein weiteres Konjunkturprogramm von der US-Regierung. Die Bankenkrise ist noch nicht überwunden. Und es ist ungewiss, ob Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und andere Staaten ihre Schuldenkrise meistern.
Bedrohungen für den Aufschwung gibt es genug. Den Gewerkschaften droht deshalb das klassische Dilemma: Eigentlich ist, wenn man der Logik der Arbeitgeberverbände folgt, nie die rechte Zeit für kräftige Lohnerhöhungen.
In der Krise muss verzichtet werden. Den Aufschwung dürfen zu hohe Abschlüsse nicht gefährden. Oder es stehen, wie für die meisten IG-Metall-Mitglieder, zurzeit gerade keine Tarifverhandlungen an. Und wenn die Wirtschaft mal richtig brummt, sind meist schon dunkle Wolken einer möglichen Krise in Sicht.
Das ist dann die Zeit, in der Arbeitgeberfunktionäre wie Hundt und Kannegiesser plötzlich wieder viel Unterstützung für ihre Warnungen erhalten.
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