Von Philipp Oehmke
Damit ist Franzen bei seinem Lebensthema angekommen. Dass Eltern und Kinder sich im Grunde nicht verstehen können, dass ihre Beziehung immer eine Geschichte von Enttäuschungen und Überambitionen ist, das hat Franzen in den "Korrekturen" an der Familie Lambert vorgeführt. In Bekenntnisgeschichten verarbeitet er sein eigenes bis zuletzt unerlöstes Verhältnis zu den Eltern, einer überdominanten Mutter und einem unterlegenen Vater. Auch in "Freiheit" steht wieder ein Ehepaar im Zentrum der Erzählung, das versucht, die Schuld der eigenen Eltern an den Kindern wiedergutzumachen, und natürlich scheitert.
Haben "Die Korrekturen" die Bindungen innerhalb einer Familie untersucht, wie sie zu höchst dysfunktionalen Beziehungen führen können, hat Franzen für "Freiheit" die Versuchsanordnung erweitert: Was wäre, wenn man eine Wahl hätte? Wenn man das Konzept Familie ablehnte, sich nicht in diese Verstrickungen hineinbegäbe, man allein bliebe, sich menschliche Beziehungen holte, wie man sie braucht, Optionen offenhielte, sofort bereit, das Schlechtere für das Bessere wegzuwerfen? Wenn man also das bleibt, was die moderne Gesellschaft unter frei versteht? Stünde eine solche Figur am Ende einer Erzählung über mehrere Jahrzehnte besser da als die armen Familienmenschen, die ob ihrer unerfüllten Träume und verpassten Gelegenheiten ihre Wut immer weniger unter Kontrolle halten können, Schlafstörungen bekommen oder zu viel Alkohol trinken?
Worin könnten die Gründe für unsere Wut und unsere Depressionen liegen? - vielleicht darin, dass man sich einschnürt in ein Leben, das als attraktiv gilt, mit einem Haus in einem frisch gentrifizierten Stadtteil, einem Volvo älteren Baujahrs und Kindern, an denen die Fehler der eigenen Eltern gutgemacht werden? Oder weil uns die Lebensvorgaben fehlen, weil wir frei sind, jedes Lebensmodell zu wählen, alles offenhalten und uns am Ende für ein großes Nichts entscheiden?
Als Erstes hatte Franzen die Figur von Patty im Kopf, einer, wie er sagt, "zutiefst unzufriedenen Vorstadtmutter, mit einem gewissen Humor, einem gewissen Sarkasmus und einer nicht unerheblichen Wut". Patty ist die Tochter aus einer linksliberalen Politikerfamilie, die Eltern haben viele Ideale, bloß nicht das, sich liebevoll um die eigene Tochter zu kümmern. Als Star des College-Basketballteams verliebt Patty sich in Richard, einen Rockmusiker und Frauenhelden, der offensichtlich rücksichtslos und irgendwie ein Arschloch ist. Auf so einen wird man nicht zählen können, rechnet sich Patty trotz allem Verlangen aus, und heiratet stattdessen Richards besten Freund Walter, einen "großherzigen, freundlichen, rotgesichtigen" Angestellten aus einer Alkoholikerfamilie, den man selbst "bei Februarschnee in die Pedale seines Pendlerfahrrads treten" sieht. Patty gibt also ihre Freiheit auf und startet mit Walter die Familie Berglund, die von nun an alles besser machen will, was bei den eigenen Eltern schiefging.
Doch Walter stellt sich als schwach und passiv-aggressiv heraus, und als der Sohn Joey in einem Akt der Rebellion gegen die überbeschützenden, politisch korrekten Eltern zu den von Walter als rechtsradikal eingestuften Proletennachbarn zieht, fängt Patty das Trinken an: "Wenn sie morgens aus dem Haus kam, um die blau umwickelte 'New York Times' und die grün umwickelte 'Star-Tribune' vom Gehweg aufzusammeln, war ihr Teint ein einziger Chardonnay-Klecks."
Von nun an richten sich alle Figuren, so gut sie es auch meinen, konsequent zugrunde. Natürlich taucht Richard, der Rockmusiker, wieder auf. Natürlich schmeißt Walter seine Gutmensch-Überzeugungen über Bord, weil er begreift, wie sehr sie ihn einengen, und der Sohn wird, wie um die Eltern zu strafen, nicht nur ein Neocon, sondern auch ein Waffenhändler, der dem Militär ausrangierte Panzerteile aus Paraguay verkauft.
Dieser Joey, sagt Jonathan Franzen nun auf dem Sofa in seinem Haus, war eins der größten Probleme beim Schreiben. Joey führte zu monatelangem Steckenbleiben. Immer wieder habe Franzen zu seiner Freundin Kathy gesagt: "Ich weiß nicht, was das alles bedeutet! Es gibt keine Geschichte!"
Joey löste in ihm eine Depression aus. "Ich mochte Joey nicht. Und ich musste mir eingestehen, dass ich genauso wenig mochte, wie ich in Joeys Alter gewesen bin. Dass ich Joey also nicht mochte, weil er ein bisschen ist, wie ich mal war."
Es sind gerade diese Romancharaktere, die den Roman "Freiheit" von allem abheben, was in den vergangenen Jahren geschrieben wurde. Das Meisterhafte an Franzens Literatur ist, dass die Figuren uns nah genug kommen, dass wir ihre fürchterlichen Schwierigkeiten mit dem Leben sofort nachfühlen können. Das Merkwürdige ist nur: Der Leser denkt nie, dies könnten die eigenen Probleme sein, obwohl sie es sicher sind, die Probleme mit den Eltern, die Alkoholiker sind, mit einer Libido, die nicht so will wie der Verstand, mit der Unfähigkeit, sich auf etwas festzulegen, mit Überzeugungen, die einen nur limitieren, mit namenloserAngst. Franzen hält uns die Probleme seiner Figuren auf Armlänge, zwar treffen uns die Schläge, aber sie hauen uns nicht um.
Diese Figurenausstattung, der dichte Plot, die Allumfassendheit der Handlung, der Verzicht auf Ornament, erinnern an die russischen und französischen Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts, vor allem an Tolstois "Krieg und Frieden", dem Franzen einen Cameo-Auftritt verschafft, als Patty versucht, sich durch die Lektüre des Klassikers ihr sexuelles Begehren für den besten Freund ihres Mannes zu erklären. Franzen wollte Literatur schreiben, die dem Leser keine Mühe macht, und ihn doch in ihrer Mühelosigkeit viel stärker, weil schleichend verunsichert. Anders, glaubt er, habe Literatur heute keine Chance mehr.
Wallace, der bewunderte, beneidete Freund, stand für den entgegengesetzten Ansatz, für Texte, die sich sprachgewaltig und chiffriert in Mikrokosmen vergruben, merkwürdig gefangene Bücher, die sich, wie der Literaturwissenschaftler James Wood mal sagte, mit allem Möglichen auskannten, mit Rezepten für das beste indonesische Fischcurry, mit Anarchisten im 19. Jahrhundert oder der Drogenszene in Detroit. Bloß für die Menschen interessierten sie sich nicht. So ist "Freiheit" auch ein Abschied von Dave, dessen Geist in diesen Roman hineingefahren ist, in den Rockmusiker Richard, der wie Wallace Kautabak kaut, und in die sehr enge, aber auch gestörte Beziehung zwischen Richard und Walter, die ähnliche Züge trägt wie die zwischen Franzen und Wallace.
Das Wörtchen Freiheit poppt immer wieder hoch, in Dialogen, als Inschrift, in Richards Songtexten, doch es ist nie klar, was von diesem Wort eigentlich zu halten ist. Freiheit ist das höchste Gut des Menschen, das klingt super, aber die Freiheit in "Freiheit" ist eher wie ein schwarzes Loch, das alles in sich hineinsaugt, was nicht durch Prinzipien und Überzeugungen abgesichert ist. Vielleicht, so sagt es Franzen, ist es sinnvoll, ein bisschen Freiheit einzutauschen gegen Überzeugungen und danach zu handeln. Auch darum geht es in dem Buch. Das, woran man glaubt, gegen das, was einen atmen lässt.
Freiheit ist das allererste Wort gewesen, das er von dem Buch gehabt hat. Er habe, sagt er, das Buch auf seinen Titel hin geschrieben, auf dieses Wort, dessen Klang inzwischen Unbehagen hervorruft, zumindest im Englischen, wo es "Freedom", heißt und in den vergangenen Jahren zu einem verlogenen Kampfbegriff verkommen ist.
"Freedom" ist das, was unsere Zivilisation über den Rest der Welt stellt, hat die neokonservative Doktrin der Bush-Jahre gesagt. Wenn Bomben fallen, fallen sie für die "Operation Enduring Freedom", und auf dem Schlachtfeld des 11. September sollte ein "Freedom Tower" entstehen. "Dafür", sagt Franzen, "brauchen wir Literaten und Poeten: um die Sprache ehrlich zu halten, oder?"
Und während Franzen auf seinem Sofa sitzt und all dies überdenkt, sich freut, wenn man etwas in dem Roman richtig erkannt hat, und enttäuscht zu Boden blickt, wenn der Gedanke doch noch eine falsche Abzweigung nimmt, schneidet seine Freundin, die Autorin Kathryn Chetkovich, in der offenen Küche das Biogemüse für ein Abendessen mit Freunden. Die beiden sind nicht verheiratet. Franzen war es einmal, da war er sehr jung und unglücklich. Er schreibt eigentlich über nichts anderes als über Familien, aber selbst hat er keine. Es gab mal die Idee, Kinder zu adoptieren, aber dann gestand er sich ein, dass er doch nichts anderes wolle als schreiben.
Manchmal macht er beim Reden lange Pausen, dann ist nur das Klackern von Kathys Messern zu hören. Franzen scheint währenddessen seine Worte wie schwere Möbelstücke in seinem Gehirn hin- und herzurücken.
Draußen vor dem Fenster kreist ein Vogel mit riesigem Schnabel über der Schlucht. Franzen kennt sicherlich seinen Namen. In diesem Moment kann man sich vorstellen, warum Jonathan Franzen, seit ein paar Wochen 51 Jahre alt, neun Jahre gebraucht hat, dieses Buch zu schreiben. Es war jede Minute wert.
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© DER SPIEGEL 36/2010
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