Von Thomas Tuma
Irgendwann braucht das Netz-Ich mich vielleicht gar nicht mehr. Es wird sich selbst genug sein. Wenn ich längst tot bin, wird dieses Über-Es weiterleben. Ich habe mit mir nichts mehr zu tun. Das ganze Dilemma des Phänomens zeigt jener zu meiner Person existierende Wikipedia-Eintrag, dessen Autor unbekannt bleibt.
Am 19. Juli 2005 um 17.05 Uhr wurde er von einem anonymen Benutzer online gestellt. Der Eintrag wurde kaum verändert, bis ein anderer Nutzer ihn - wieder anonym - am 20. November 2007 wegen "mangelnder Relevanz" löschen lassen wollte. Ich hätte das Vorhaben gern unterstützt. Ich wäre gern irrelevant geworden. Aber irgendwie scheiterte der Antragsteller an den Formalien des Lexikon-Portals, der Streich-Wunsch wurde selbst irrelevant, so dass ich nun weiter bei Wikipedia herumgeistere. Als vierzeiliger "Stub", "Stummel", so werden derart kurze, untote Einträge dort genannt.
Es ist mir unangenehm, dass ich in dem Lexikon überhaupt auftauche. Ich habe mit dem Eintrag nicht das Geringste zu tun, auch wenn er sicher nett gemeint war. Ich habe mich aber nicht mehr unter Kontrolle. Erstens besitze ich keine exklusiven Zugriffsrechte, zweitens: Wie sähe es erst aus, wenn ich anfinge, an meinem persönlichen, von der so vielgepriesenen Schwarmintelligenz Wikipedia erschaffenen Ich herumzupfuschen?
Andererseits: Wenn ich mich dem Netz verweigerte, wäre ich jetzt schon tot, denn was wirkt noch dubioser als üble Nachrede? Jemand, über den es gar keine "Fakten" zu finden gibt. Wenn ich Arbeitgeber wäre: Würde ich mich selbst einstellen, mit den Informationen, die mir mein Netz-Ich über mich zur Verfügung stellt, mit all dem Uraltkram, den Gehässigkeiten, den Missverständnissen und Link-Kurzschlüssen? Schwierig.
"Google ist wie ein Organismus, der sich von seinem eigenen Körper ernährt"
Jeder Personalchef googelt heute neue Arbeitskräfte, jeder Kunde eine Firma, jeder Single einen potentiellen Partner. Ich dagegen twittere nicht, ich bin bei keinem Netzwerk aktiv und habe keine Homepage. Macht mich das nicht erst recht verdächtig? Wäre es besser, wenn ich bei Facebook auf eine wilde Vita zurückblickte, die mir nun wenigstens peinlich sein könnte?
Jüngst dachte Google-Chef Eric Schmidt darüber nach, ob man jungen Leuten nicht die Möglichkeit einräumen sollte, mit Erreichen der Volljährigkeit ihre reale Identität zu wechseln, um sich von virtuellen Jugendsünden zu befreien. Die Idee will er mittlerweile als Spaß verstanden wissen. Doch vergangene Woche forderte Schmidt uns auf, seinem Konzern noch viel, viel mehr Daten zur Verfügung zu stellen. Nur so könnten unsere digitalen Ichs uns ähnlicher werden. Wozu? Schmidt glaubt, dass die Leute von seiner Firma bald gar keine Antworten mehr auf ihre Fragen erwarteten, "sie wollen, dass Google ihnen sagt, was sie als Nächstes tun sollen".
Als der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert seinen "Leviathan" entwarf, dachte er den Staat als Organismus, der sich aus seinen Bürgern zusammensetzt wie ein menschlicher Körper aus seinen Zellen. Jedes Individuum gab bei ihm in einem bewussten Akt Rechte an diesen Riesen ab, um zugleich eins werden zu können mit dem größeren Ganzen. Ohne Gesellschaftsvertrag kein Staat. Ein persönlicher Akt würdevoller Selbstbestimmung.
Apple, Facebook und Co. lassen uns allgemeine Geschäftsbedingungen unterschreiben oder besser: anklicken. Das war's. Google sei "wie ein Organismus, der sich von seinem eigenen Körper ernährt", sagt der US-Informatiker Jaron Lanier.
Die Konzerne haben uns nie eine Wahl gelassen. Mehr noch: Sie haben uns hintergangen, als sie begannen, vor einigen Jahren den globalen Leviathan 2.0 unserer Zweit-Ichs zu erschaffen. Google hat mit Geschenken gewinkt, die am Ende keine sind. Die Suchmaschine sollte unser Leben übersichtlicher machen, Google Earth die Welt erlebbar, Google News die Nachrichten sortieren. Es waren alles trojanische Pferde, mit deren Hilfe sich das Unternehmen in unsere Köpfe geschlichen hat, um uns auszuspähen.
Sie alle spähen uns aus. Dabei geht es weder um "Big Brother" noch Weltherrschaftsphantasien, sondern um simples Geschäft. Google, Apple oder Amazon gehören heute zu den profitabelsten Unternehmen der Welt. Sie verkaufen uns Produkte und uns als Produkt wiederum an die Wirtschaft. So schnöde ist das. Die Renaissance hat einst dem Ich das Bewusstsein geschenkt. Ein halbes Jahrtausend später ordnet Google auch das neu. Wer die Suchmaschine nach "Renaissance + Ich" suchen lässt, erhält als ersten Treffer ein Urlaubsresort in der Karibik.
Freiheit ist auch die Freiheit, sich zu verweigern
Beide Seiten müssen endlich umdenken. Die Konzerne müssen ihren sorglosen Umgang mit unseren Ichs beenden, an dem wir natürlich nicht unschuldig sind. Viele wollen ja wahrgenommen werden, Spuren hinterlassen. Und nirgendwo ist das einfacher als online, wo man auch das Spiel mit den Identitäten kultivieren kann. Aber sie sind dabei nicht einmal Marios geworden, sondern Marionetten. Deshalb sollten auch wir Erst-Ichs aufhören, Google & Co. als Identitätswährung zu akzeptieren.
Algorithmen sind dumm. Wir sind noch dümmer, wenn wir die völlig verzerrten Spiegelbilder akzeptieren. Die Google-Macht speist sich auch daraus, dass die Marketing-Masche des behaupteten Wir-wissen-alles-von-Euch nicht nur bei der werbetreibenden Industrie verfangen hat, sondern bei uns selbst.
Wir sind anders, doch das können wir nur unter Beweis stellen, wenn wir künftig mitentscheiden dürfen, was über uns sortiert und wie lange es wo archiviert wird. Freiheit ist auch die Freiheit, sich zu verweigern. Es geht nicht darum, dass wir bei Street View widersprechen dürfen. Es sollte darum gehen, dass wir vor allem bei privatesten Daten erlauben müssen, was damit geschieht. Informationelle Selbstbestimmung wurde uns vom Bundesverfassungsgericht schon 1983 zuerkannt.
Für viele mag das so naiv klingen wie die deutsche Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, als sie jüngst aus Protest gegen die Datenschutzignoranz von Facebook ihren Account löschte. Ha, ha, lachten da viele. Da werde sich ein globaler Riese wie Facebook mit der Phalanx seiner Abermillionen hipper User ganz bestimmt fürchten!
Aber es gibt kein Recht des Stärkeren. Ebenso wenig wie ein Recht des Cooleren. Ein Gedanke oder gar der Widerstand gegen ein Regime wird nicht dadurch lächerlich, dass er keine Chance zu haben scheint. Die höhnischen Reaktionen auf Aigner zeigen nur: Die Politik ist längst der David im Kampf gegen den Totalitarismus des Goliaths Internetindustrie.
Wir sollten mal wieder auf der Seite der Schwächeren stehen. Das ist überraschenderweise die Seite der Politik - und vor allem unsere eigene.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema Internet | RSS |
© DER SPIEGEL 37/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH