SPIEGEL: Herr Bofinger, Herr Homburg, ist der Euro noch zu retten?
Bofinger: Das wäre unverantwortlich. Der Euro ist ein Erfolgsmodell. Wir sollten ihn unbedingt erhalten. Das Problem ist nur, dass die bisherigen Maßnahmen dafür nicht ausreichen. Was wir jetzt brauchen, ist ein mutiger Schritt hin zu mehr wirtschaftlicher Integration.
SPIEGEL: Was schwebt Ihnen vor?
Bofinger: Wir sollten den Vorschlag des luxemburgischen Premierministers Jean-Claude Juncker aufgreifen und gemeinsame Staatsanleihen für die Euro-Zone einführen. Solche Euro-Bonds würden die Zinskosten für Problemländer wie Griechenland, Irland oder Portugal deutlich drücken. Diese Länder hätten es dann leichter, mit ihren Sparprogrammen die Staatsfinanzen wieder in Ordnung zu bringen.
Homburg: Das bezweifele ich. Euro-Bonds verstoßen gegen den Maastricht-Vertrag, wonach in der Euro-Zone kein Staat für einen anderen haftet. Die Euro-Bonds erheben die Haftung sogar zum Prinzip und zwingen Deutschland, für Schulden anderer Länder einzustehen, deren Finanzgebaren wir nicht kontrollieren können. Die dafür erforderlichen Steuererhöhungen und Transferkürzungen würde unsere Bevölkerung nicht tolerieren.
Bofinger: Doch, man müsste ihnen erklären, dass der Euro nur so zu bewahren ist. Mit den heutigen Rettungsschirmen wird das nicht gelingen. Die reichen höchstens für Griechenland, Irland, Portugal und vielleicht noch Spanien. Aber sie wären überfordert, wenn ein Land wie Italien dazukäme.
Homburg: Meinen Sie im Ernst, Deutschland sollte einspringen, wenn Italien seine Schulden nicht mehr bedient?
Bofinger: Auf jeden Fall. Wenn Italien kippt, kippen auch zig Milliarden, die deutsche Banken und Versicherungen an italienischen Anleihen halten. Die Folge wäre ein gewaltiger Finanzcrash, das Risiko könnte keine Regierung eingehen. Deshalb haben wir keine Wahl: Wir müssen das System stabilisieren.
Homburg: Entschuldigung, aber das ist reine Angstmache. Es hat in der Geschichte Hunderte Staatspleiten gegeben, denken wir etwa an Argentinien oder Russland. Niemals ist dabei das Finanzsystem zusammengebrochen. Natürlich gefällt es der Finanzindustrie, hohe Risikoprämien ohne Risiko zu kassieren. Es kann aber nicht richtig sein, dass Deutschlands Steuerzahler unter dem Deckmantel der Staaten- oder Euro-Rettung den Bankensektor alimentieren.
Bofinger: Ich bin durchaus Ihrer Meinung. Wenn es möglich wäre, die Folgen einer Bankpleite zu isolieren, sollten wir jene Kreditinstitute, die sich verspekuliert haben, ruhig pleitegehen lassen. Das Problem ist nur, dass wir die Folgen leider nicht isolieren können. Dazu sind die heutigen Banken zu groß und zu sehr untereinander vernetzt. Zudem halten sie keinerlei Eigenkapital für Staatspapiere. Die Finanzkrise hat uns gelehrt: Die Märkte neigen zu unkontrollierbaren Kettenreaktionen.
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, dass sich die Euro-Krise zu einem neuen Fall Lehman auswachsen könnte?
Bofinger: Die Lehman-Pleite war ein Klacks gegen das, was uns bei der Insolvenz eines Euro-Staates erwarten würde.
Homburg: Das sehe ich vollkommen anders. Die Ursache der Euro-Krise liegt auch nicht in einer Irrationalität der Finanzmärkte, sondern darin, dass manche Staaten über ihre Verhältnisse gelebt haben. Ein griechischer Lokführer verdient 5000 Euro netto im Monat, spanische Fluglotsen kommen auf 300 000 Euro im Jahr. Wollen Sie den deutschen Arbeitnehmern, die seit langem Schlusslichter bei der Lohnentwicklung sind, wirklich zumuten, derartige Einkommen mit noch höheren Steuern zu finanzieren?
Bofinger: Nun mal langsam. In Spanien und Irland hat nicht der Staat über seine Verhältnisse gelebt, es war der Privatsektor. Der irische Staat hatte 2007 einen ausgeglichenen Haushalt, der spanische sogar einen Überschuss, die Finanzindustrie dagegen hat über Jahre ohne Sinn und Verstand Kredite vergeben. Die Schäden sind beträchtlich, aber sie ließen sich eindämmen, wenn Europa Euro-Anleihen einführen würde. Eine Euro-Anleihe ist schließlich keine Transferunion.
Homburg: Was denn sonst? Ökonomen haben seriös berechnet, dass der Zinssatz eines Euro-Bonds rund einen Prozentpunkt über dem einer Bundesanleihe liegen wird. Das würde den Staat rund 2o Milliarden Euro jährlich kosten und käme einer Mehrwertsteuererhöhung um zwei Prozentpunkte gleich.
Bofinger: Ich bestreite, dass die Zinsen eines Euro-Bonds über denjenigen einer Bundesanleihe liegen. Das aktuelle Problem besteht ja gerade darin, dass die Risiken der Euro-Länder separat bewertet werden. Würden sie dagegen gemeinsam am Finanzmarkt auftreten, wäre das Risiko einer Insolvenz gering, und die Zinsaufschläge würden verschwinden. Der wichtigste Wettbewerber wären US-Staatsanleihen. Da die Neuverschuldung der Euro-Zone insgesamt deutlich niedriger als diejenige der USA ist, wäre der Euro-Bond im internationalen Vergleich ein attraktives Investment, zumal der Markt für Euro-Bonds erheblich größer wäre als der für Bundesanleihen.
Homburg: Euro-Bonds wären weniger sicher als Bundesanleihen und somit höher verzinslich, weil sie zu noch stärkerer Verschuldung anreizen. Schon durch die bisherigen Rettungsmaßnahmen hat die Bundesregierung dem Steuerzahler Risiken von 200 Milliarden Euro aufgebürdet. Die Risikoprämien für Bundesanleihen haben sich im letzten Jahr verdoppelt. Mehr ist nicht drin.
Bofinger: Wenn Sie Eier, Wasser und Mehl zusammenrühren, kommen dabei nicht 50 Prozent Mehl, 25 Prozent Wasser und 25 Prozent Eier heraus, sondern ein Teig für Spätzle. Es entsteht etwas Neues, und so wäre es auch beim Euro-Bond.
Homburg: Sie träumen. Durch Euro-Bonds entsteht eine Haftungsgemeinschaft zu Lasten Deutschlands. Inzwischen hat die Europäische Zentralbank die Mitgliedstaaten um eine Kapitalerhöhung gebeten, weil sie seit Ausbruch der Krise fast 75 Milliarden Euro an problematischen Staatsanleihen gekauft hat. Wer bringt den Löwenanteil ein? Die Bundesrepublik. Bisher klappt das Hütchenspiel von Politik und EZB noch. Schlimmer wird es, wenn Griechenland und andere ihre Schulden nicht mehr bedienen. Dann stehen wir für Beträge gerade, die sich heute noch niemand vorstellen kann. In Deutschland werden dann massive Einschnitte notwendig sein.
Bofinger: Dazu wird es nicht kommen, wenn der Vorschlag richtig umgesetzt wird. Er sieht ja nicht nur neue Anleihen vor, sondern vor allem mehr Macht für die Brüsseler EU-Kommission. Sie soll künftig darüber wachen, dass alle Mitgliedstaaten eine solide Haushaltspolitik betreiben. Es ist ganz einfach: Wer gegen die Kriterien des Stabilitätspakts verstößt, darf keine Euro-Bonds mehr ausgeben.
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© DER SPIEGEL 51/2010
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