SPIEGEL: Mr. Cameron, was sagt es über den Zustand Hollywoods, dass wir uns nicht dort treffen, sondern hier, zehn Kilometer weiter am Strand von Santa Monica?
SPIEGEL: Was ist denn mit dem Ort?
Cameron: Als Gemeinde ist Hollywood natürlich amerikanisch, denn es liegt schließlich in den USA. Kulturell aber ist es längst französisch, kanadisch, australisch, sogar deutsch. Sehen Sie sich die Filmemacher an, die Schauspieler. Hollywood ist eine beliebige Ansammlung von Gebäuden, in denen ein Haufen Leute am Telefon hängen und mit den Plätzen verbunden sind, wo wirklich die Filme gemacht werden, rund um die Welt.
SPIEGEL: Trotzdem ist ja Hollywood immer noch ein amerikanisches Symbol.
Cameron: Glauben Sie mir. Es ist nur noch ein Vehikel. Mein Film "Avatar" hat fast drei Viertel seines Geldes außerhalb Amerikas gemacht.
SPIEGEL: Lohnt es sich dann überhaupt noch, hier zu leben?
Cameron: Immer weniger. Mein Kollege Peter Jackson fährt gut damit, riesige Blockbuster innerhalb des Hollywood-Systems zu machen, ohne, glaube ich, je länger hier gewesen zu sein. Der kommt wirklich nie. Dem geht es gut in Neuseeland. Das wäre früher nicht gegangen.
SPIEGEL: Aber Sie leben noch hier.
Cameron: Ich lebe zufällig noch hier, ja. Weil ich ein hübsches Haus in Malibu habe und hier bin, seit ich 17 bin. Aber ich werde vielleicht auch bald wegziehen.
SPIEGEL: James Cameron, der mit "Titanic" und "Avatar" die beiden erfolgreichsten Filme aller Zeiten gedreht hat, verlässt Hollywood?
Cameron: Ich habe Hollywood schon lange verlassen. Wie ich sagte, Hollywood ist nur eine Geisteshaltung.
SPIEGEL: Wie fühlt die sich an?
Cameron: Nun, es gibt die gute Seite und die böse Seite an Hollywood. Erst mal ist es ist ein Treffpunkt für kreative Leute aus aller Welt, die kommen, um Filme zu machen, die überall funktionieren. Das ist die gute Seite. Die böse ist, ach lassen wir das ...
SPIEGEL: Nein, was?
Cameron: Das wird Sie nur enttäuschen. Aber dieses Glitzern, der Glamour, die Agenten, die Intrigen, der Neid.
SPIEGEL: Bekommen Sie Neid zu spüren?
Cameron: Nicht direkt, dazu bin ich gerade zu stark, aber indirekt schon. Glauben Sie mir, all der Mist, der in diesen Hollywood-Schundromanen steht, der passiert wirklich.
SPIEGEL: Zum Beispiel dass es sich für eine junge Schauspielerin immer noch lohnen könnte, mit einem Drehbuchschreiber oder Produzenten zu schlafen, um an eine Rolle zu kommen?
Cameron: Woher soll ich das wissen? Dieses Spiel habe ich nie mitgespielt. Ich kann Ihnen aber sagen, ich musste nie mit jemandem schlafen.
SPIEGEL: Bekommen Sie wenigstens Angebote?
Cameron: Jeder weiß doch, dass ich glücklich verheiratet bin.
SPIEGEL: Sogar zum fünften Mal.
Cameron: Ja, ja, Ehen können scheitern. Weiß ich sehr gut.
SPIEGEL: In welchem Restaurant in Hollywood kann ich als junger Drehbuchschreiber James Cameron treffen und ihm mein Skript zuschieben?
Cameron: Machen Sie sich keine Illusionen. Das würde nicht passieren. In ein bestimmtes Restaurant zu gehen, um James Cameron zu treffen oder Oliver Stone? Das ist, mit Verlaub, Bullshit. Halten Sie mich für altmodisch, aber ich finde, die Leute sollten sich ihre Position durch Leistung verdienen. Schreiben Sie Ihr Drehbuch, ich garantiere Ihnen, wenn es gut ist, wird irgendjemand es irgendjemandem zeigen, der es wiederum jemandem zeigt.
SPIEGEL: Es gibt ja für Blockbuster kaum noch originale Drehbücher. Das meiste, was verfilmt wird, sind Fortsetzungen, Adaptionen von Romanen, Comics oder Fernsehserien. Hollywood fallen keine Geschichten mehr ein.
Cameron: Ja. Wir haben eine Story-Krise. Jetzt wollen sie schon aus dem Spiel "Schiffe versenken" einen Film machen! Das ist reine Verzweiflung, weil inzwischen das Sequel-Business Hollywood regiert oder wie wir es auch nennen: das Franchise. Das bedeutet, man dreht von irgendetwas schon Erfolgreichem eine Fortsetzung, denn jeder in Hollywood weiß, wie wichtig es ist, dass der Film, bevor er in die Kinos kommt, bereits eine Marke ist. Wenn eine Marke schon existiert, "Harry Potter" etwa oder "Spider-Man", sind Sie Lichtjahre voraus. Und da liegt das Problem. Denn leider werden diese Marken immer lächerlicher. "Schiffe versenken"! Das degradiert das Kino.
SPIEGEL: Ihr Film "Avatar" widerlegt dies. Er basiert ja gerade auf nichts Bekanntem außer Ihrer offenbar etwas merkwürdigen Phantasie.
Cameron: Das war die größte Schwierigkeit bei dem Film. Wir mussten ihn nicht nur drehen, was schwierig genug war. Wir mussten nebenbei auch noch eine Marke kreieren, bevor der Film in die Kinos kam. Das war sehr schwer. Denn der Film sah aus wie nichts, was es vorher gab.
SPIEGEL: Trotzdem wurde Ihre Erzählung von einem Naturvolk, das sich gegen zivilisierte Eindringlinge verteidigt, überall auf der Welt verstanden. Eine universale Geschichte, wie sie nur Hollywood erzählen kann. Haben Sie das so geplant?
Cameron: Ja. Ich bin wie ein Ingenieur. Man baut etwas, damit es bestimmte Sachen macht. Wenn das dann schließlich passiert, sollte man nicht überrascht sein. Ich wusste vorher, wie die Geschichte laufen musste.
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© DER SPIEGEL 1/2011
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