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Ausgabe 5/2011
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Demokratie Die Revolution, die keine war

Demokratie: Die Revolution, die keine war
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3. Teil: Das Netzwerk spielte eine wichtige Rolle für die Organisation der Proteste

Doch wie war es nun in Tunesien? Natürlich war der Auslöser der Proteste nicht das Internet. Es war Mohammed Bouazizi, ein arbeitsloser 26-jähriger Mann in Sidi Bouzid im Landesinneren, der sich als Straßenverkäufer durchschlug, bis die Behörden seinen Karren beschlagnahmten. Daraufhin beging er eine Verzweiflungstat. Er kippte sich Benzin über den Kopf, zündete sich an und setzte so das ganze Land in Flammen.

Mohammed Bouazizis Selbstmord trieb die Jugendlichen seiner Stadt auf die Straße. Die Proteste weiteten sich aus, Fotos und Videos wurden über Facebook verbreitet, aber auch über al-Dschasira, und erreichten so die Mittelklasse-Jugend in den Städten. Auch für sie besaß die Geschichte von Mohammed Bouazizi eine hohe Symbolkraft, sie erkannten in seiner Tat ihre eigene Frustration. Und so folgten unzählige von ihnen den Aufrufen zu Demonstrationen, die über Facebook verbreitet wurden.

Es gibt keinen Zweifel, dass das Netzwerk eine wichtige Rolle für die Organisation der Proteste spielte. Das Regime erkannte die Gefahr. Anfang Januar bemerkten laut "Atlantic" Mitarbeiter im Facebook-Hauptquartier in Kalifornien, dass die tunesischen Internetprovider die Passwörter ihrer Nutzer abfingen. Facebook richtete eine Reihe von Abwehrmaßnahmen ein, um seine tunesischen Kunden zu schützen - unter anderem verschlüsselte Verbindungen.

Ist Tunesien das Beispiel, das Malcolm Gladwell widerlegt? Oder Ägypten, wo eine arabische Facebook-Gruppe zu Ehren eines Polizeiopfers mit 400 000 Mitgliedern eine der Keimzellen des aktuellen Widerstands war?

Es scheint, als könnten soziale Netzwerke durchaus eine Rolle spielen, wenn eine Bevölkerung zur Revolution bereit ist. Das bestreite er keineswegs, sagt Morozov: "Es ist simpel: Soziale Netzwerke machen es einfach, an Informationen zu kommen, und sie erleichtern kollektives Handeln." Die entscheidende Frage allerdings sei: Wäre es auch ohne Internet zu den Aufständen gekommen? "Wenn die Antwort ,Ja' ist, dann war der Beitrag des Internets gering", so Morozov.

Es sind die Bezeichnungen, die ihn stören. "Facebook-Revolution". Er sagt, damit würden unterschiedliche politische und soziale Ausgangslagen in verschiedenen Ländern verwischt. Und es werde suggeriert, dieselbe Technologie könne dasselbe Resultat immer wieder erzielen.

Morozov wendet sich gegen eine Ideologie, die er selbst als "Cyber-Utopismus" bezeichnet. Er meint damit unter anderem seinen Antipoden Clay Shirky, Professor an der New York University. Shirky schrieb neulich in "Foreign Affairs", wenn die USA weltweit den unzensierten Zugang zum Internet förderten, stärke dies die Zivilgesellschaft in autoritären Staaten. Das könne langfristig zu politischem Wandel führen.

Sollte Shirkys These stimmen, würde das heißen, dass das Internet im Kern eine Kraft des Guten ist. Dass es für die Verbreitung von westlichen Werten sorgt, wo immer es nicht behindert wird.

US-Außenministerin Hillary Clinton sprach im Januar 2010 in einer Rede von einem ähnlichen Konzept: von der "Internetfreiheit", seither eine Priorität der US-Außenpolitik. Clinton kritisierte Regime wie in China, Vietnam oder Saudi-Arabien dafür, dass sie das Internet zensierten. Sie sprach von einem "Informationsvorhang", den es niederzureißen gelte: "Die Freiheit, Zugang zu solchen Technologien zu bekommen, kann Gesellschaften transformieren", so Clinton.

Diese Vorstellung ist es, die Morozov bekämpft. Zum einen, sagt er, sei es ein Fehler, das Internet, Facebook oder Twitter mit amerikanischen Werten gleichzusetzen. Das liefere autokratischen Regimen nur neue Vorwände zur Zensur.

Es sei eine unglückliche Fortsetzung der Rhetorik des Kalten Krieges, als man glaubte, Radio Free Europe und ins Land geschmuggelte Faxmaschinen könnten den Ostblock befreien. Morozov sieht im Internet kein reines Werkzeug des Guten. Er fürchtet es vielmehr als Gefahr für die Freiheit.

In Iran etwa habe das Regime nach der Niederschlagung der Proteste im Internet Jagd auf seine Gegner gemacht. Die Staatsorgane veröffentlichten im Internet Twitter-Bilder von Demonstranten - mit der Bitte um Identifizierung.

Die größte Gefahr, so Morozov, sei nicht allein die Internetzensur, wie China sie kennt. Autokratische Staaten hätten längst viel intelligentere Methoden entwickelt, um ihre Bürger zu kontrollieren.

Russland etwa kennt keine formale Internetzensur - dennoch hat die Regierung im Internet einen Überwachungsapparat geschaffen und steht hinter Hackerattacken auf unliebsame Webseiten. Trotz der fehlenden Internetzensur gibt es im russischen Netz keine lebendige Oppositionsbewegung. So gesehen könne sich "China Russland zum Vorbild nehmen", sagt er. Das klingt nach einer düsteren Welt, nicht nach einer besseren Welt.

Und doch fanden in Tunesien und Ägypten gerade Volksaufstände statt, und in beiden Fällen hat das Internet sie befördert.

In beiden Ländern sind die Armut und der Frust der Jugend groß. Beide litten seit Jahrzehnten unter einer Diktatur. Nicht das Netz, nicht das Handy und nicht das Satellitenfernsehen heizten den Volkszorn an. Es waren die Verhältnisse, die die Menschen auf die Straße trieben.

Nicht alles, was im Internet stattfindet, hat auch mit dem Internet zu tun. Es gibt keine Facebook-Revolutionen, genauso wenig, wie es Handy-Revolutionen und Flugblatt-Revolutionen gibt.

Es gibt nur Revolutionen von Menschen, die sich befreien wollen.

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insgesamt 53 Beiträge
GinaBe 01.02.2011
....Doch wie war es nun in Tunesien? Natürlich war der Auslöser der Proteste nicht das Internet. Es war Mohammed Bouazizi, ein arbeitsloser 26-jähriger Mann in Sidi Bouzid im Landesinneren, der sich als Straßenverkäufer [...]
....Doch wie war es nun in Tunesien? Natürlich war der Auslöser der Proteste nicht das Internet. Es war Mohammed Bouazizi, ein arbeitsloser 26-jähriger Mann in Sidi Bouzid im Landesinneren, der sich als Straßenverkäufer durchschlug, bis die Behörden seinen Karren beschlagnahmten. Daraufhin beging er eine Verzweiflungstat. Er kippte sich Benzin über den Kopf, zündete sich an und setzte so das ganze Land in Flammen... Massive Demonstrationen und brennende Autos können nicht alleine durch die Inter- Vernetzung ausgelöst werden. Auslöser ist stets, so zeigen es Erfahrungen, (Selbst-)Morde, Übergriffe durch die ausübende gewalt, bei denen ein Mensch oder mehrere verletzt werde oder zu Tode Kommen, siehr Rudi Dutschke oder der Tod des jungen Mannes in Griechenland vor 3 Jahren. Das Internet kann allerdings Staatsgrenzen aufweichen, Informationen transportieren und den status quo in einem jeden Land in Frage stellen. Freiheit ist aller Menschen Wunsch, sie zu erleben und möglichst wenigen repressiven Machtmaßnahmen ausgesetzt zu werden,bestmöglichst keinen. Systeme, die ihre Bürger kontrollieren und ihnen jede Entscheidungsfreiheit über ihr individuelles leben berauben sowie jeder Existenzgrundlage enteignen, werden zwangsläufig einer globalen Orientierung zu demokratischen Grundwerten und Menschenrechten zum Opfer fallen, gleichgültig, ob blutig oder sanft.
Arne11 01.02.2011
Interessanter Artikel. Das Internet eignet sich tatsächlich sehr viel besser zur Identifizierung von Menschen die die 'falsche' Ideologie/Religion/Meinung vertreten. Früher hiess es 'die Gedanken sind frei/wer kann sie erraten'. [...]
Zitat von sysopDer erfolgreiche Umsturz in Tunesien und der Volksaufstand in Ägypten werden in diesen Tagen wieder als "Facebook-Revolutionen" bezeichnet, gelobt wird die befreiende Kraft der Technologie. Das sei naiv und falsch, sagen Kritiker. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,742430,00.html
Interessanter Artikel. Das Internet eignet sich tatsächlich sehr viel besser zur Identifizierung von Menschen die die 'falsche' Ideologie/Religion/Meinung vertreten. Früher hiess es 'die Gedanken sind frei/wer kann sie erraten'. Heute kann man es, noch Jahre später, per simpler Suche mit google. Natürlich benutzt im Internet niemand der vernünftig ist seinen eigenen Namen. Aber bei Job & Co hat man oftmals keine Wahl, Namen können durch Freundschaften, Aktivitäten rekonstruiert werden und soziale Netzwerke versuchen Druck auszuüben damit immer mehr Menschen ihre echten Namen angeben.
ecce homo 01.02.2011
[quote]Die größte Gefahr, so Morozov, sei nicht allein die Internetzensur, wie China sie kennt. Autokratische Staaten hätten längst viel intelligentere Methoden entwickelt, um ihre Bürger zu kontrollieren.[/&Quote] Bei uns [...]
[quote]Die größte Gefahr, so Morozov, sei nicht allein die Internetzensur, wie China sie kennt. Autokratische Staaten hätten längst viel intelligentere Methoden entwickelt, um ihre Bürger zu kontrollieren.[/&Quote] Bei uns werden z.B. die Provider und Dienstleister für den Zahlungsverkehr angesprochen, die sich dann auf ihre AGB beziehen und unerwünschte Seiten werden dann auf diese Weise bekämpft.
Bernd.Brincken 01.02.2011
Die Analyse des Autors scheint mir plausibel, es darf aber noch ergänzt werden, dass über das Internet auch EInfluß ausgeübt werden kann. In den USA sind die Strategien zur politischen Meinungsbildung durch Netzmedien am [...]
Die Analyse des Autors scheint mir plausibel, es darf aber noch ergänzt werden, dass über das Internet auch EInfluß ausgeübt werden kann. In den USA sind die Strategien zur politischen Meinungsbildung durch Netzmedien am weitesten entwickelt - und wie Tea-Party und Palin zeigen, geht das nicht immer in Richtung Aufklärung. Die USA finanzieren weiterhin eine große Palette von Nicht-Regierungsorganisationen, nach der Wende vor allem im Ostblock, inzwischen weltweit, die sich häufig für Freiheit und Demokratie einsetzen mögen, im Zweifel aber die amerikanische Lesart unterstützen. Es ist daher Vorsicht geboten, über Medienwirkungen zu reden, als ob diese sich jenseits der Politik abspielen.
avollmer 01.02.2011
Das Internet ist ein Werkzeug, genau so wie es der Flugblattdruck für den Vormärz war oder das Radio für die Revolutionen zum Ausgang des ersten Weltkriegs oder das Fernsehen für die politischen Prozesse der 68er Jahre. Das [...]
Das Internet ist ein Werkzeug, genau so wie es der Flugblattdruck für den Vormärz war oder das Radio für die Revolutionen zum Ausgang des ersten Weltkriegs oder das Fernsehen für die politischen Prozesse der 68er Jahre. Das Internet ist ein Medium und eine Plattform, es ist leistungsfähiger und universeller als seine Vorläufer in der Revolutionsunterstützung. Und globaler. Das Flugblatt hängt jetzt nicht nur an der Wand des Bahnhofs, dem Laternenpfahl oder fliegt von der Brüstung in die Menschenmenge. Die fliegenden Blätter unserer Zeit werden zahllos wie Ameisen in kleinen Datenpäckchen durch die Kommunikationsstränge des Erdballs gepresst und entfalten sich nicht nur auf den Bildschirmen der Computer, Handy und TV-Geräte - sie werden auch vorgelesen, wenn der Staat die Schirme schwarz werden lässt. Das System ist schneller und robuster geworden. Die Transparenz lässt sich nicht mehr eintrüben. Reichte es vor 150 Jahren noch das Papier vom Mast zu reißen, so sitzt heute ein automatischer Spender an der Stelle, der auf vielfältige Weise dafür sorgt, dass immer neue Formen und Exemplare der Information ihren Weg ans Licht der Öffentlichkeit finden. Verstummte Twitter mit dem Web vor Tagen in Ägypten, konnte man am Abend schon Auszüge auf Al Jazeera lesen, im Radio hören und per SMS aufs Handy bekommen. Trotz Verhaftung der Al Jazeera Teams, Schließung deren Büros und der der Radiosender, kann man sich die getweeteten Flugblätter am Telefon anhören. Das Werkzeug wehrt sich, es wächst mit der nutzenden Cloud zusammen, nutzt deren Intelligenz, Finanzkraft und Kreativität und schafft etwas Neues. Eine Gesellschaft, die in einem Maße digital ist, dass es zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Man kann das Netz hinter den Steckdosen abschalten, aber nicht das Netz in den Köpfen.
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Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).



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