Von Mathieu von Rohr
Doch wie war es nun in Tunesien? Natürlich war der Auslöser der Proteste nicht das Internet. Es war Mohammed Bouazizi, ein arbeitsloser 26-jähriger Mann in Sidi Bouzid im Landesinneren, der sich als Straßenverkäufer durchschlug, bis die Behörden seinen Karren beschlagnahmten. Daraufhin beging er eine Verzweiflungstat. Er kippte sich Benzin über den Kopf, zündete sich an und setzte so das ganze Land in Flammen.
Mohammed Bouazizis Selbstmord trieb die Jugendlichen seiner Stadt auf die Straße. Die Proteste weiteten sich aus, Fotos und Videos wurden über Facebook verbreitet, aber auch über al-Dschasira, und erreichten so die Mittelklasse-Jugend in den Städten. Auch für sie besaß die Geschichte von Mohammed Bouazizi eine hohe Symbolkraft, sie erkannten in seiner Tat ihre eigene Frustration. Und so folgten unzählige von ihnen den Aufrufen zu Demonstrationen, die über Facebook verbreitet wurden.
Es gibt keinen Zweifel, dass das Netzwerk eine wichtige Rolle für die Organisation der Proteste spielte. Das Regime erkannte die Gefahr. Anfang Januar bemerkten laut "Atlantic" Mitarbeiter im Facebook-Hauptquartier in Kalifornien, dass die tunesischen Internetprovider die Passwörter ihrer Nutzer abfingen. Facebook richtete eine Reihe von Abwehrmaßnahmen ein, um seine tunesischen Kunden zu schützen - unter anderem verschlüsselte Verbindungen.
Ist Tunesien das Beispiel, das Malcolm Gladwell widerlegt? Oder Ägypten, wo eine arabische Facebook-Gruppe zu Ehren eines Polizeiopfers mit 400 000 Mitgliedern eine der Keimzellen des aktuellen Widerstands war?
Es scheint, als könnten soziale Netzwerke durchaus eine Rolle spielen, wenn eine Bevölkerung zur Revolution bereit ist. Das bestreite er keineswegs, sagt Morozov: "Es ist simpel: Soziale Netzwerke machen es einfach, an Informationen zu kommen, und sie erleichtern kollektives Handeln." Die entscheidende Frage allerdings sei: Wäre es auch ohne Internet zu den Aufständen gekommen? "Wenn die Antwort ,Ja' ist, dann war der Beitrag des Internets gering", so Morozov.
Es sind die Bezeichnungen, die ihn stören. "Facebook-Revolution". Er sagt, damit würden unterschiedliche politische und soziale Ausgangslagen in verschiedenen Ländern verwischt. Und es werde suggeriert, dieselbe Technologie könne dasselbe Resultat immer wieder erzielen.
Morozov wendet sich gegen eine Ideologie, die er selbst als "Cyber-Utopismus" bezeichnet. Er meint damit unter anderem seinen Antipoden Clay Shirky, Professor an der New York University. Shirky schrieb neulich in "Foreign Affairs", wenn die USA weltweit den unzensierten Zugang zum Internet förderten, stärke dies die Zivilgesellschaft in autoritären Staaten. Das könne langfristig zu politischem Wandel führen.
Sollte Shirkys These stimmen, würde das heißen, dass das Internet im Kern eine Kraft des Guten ist. Dass es für die Verbreitung von westlichen Werten sorgt, wo immer es nicht behindert wird.
US-Außenministerin Hillary Clinton sprach im Januar 2010 in einer Rede von einem ähnlichen Konzept: von der "Internetfreiheit", seither eine Priorität der US-Außenpolitik. Clinton kritisierte Regime wie in China, Vietnam oder Saudi-Arabien dafür, dass sie das Internet zensierten. Sie sprach von einem "Informationsvorhang", den es niederzureißen gelte: "Die Freiheit, Zugang zu solchen Technologien zu bekommen, kann Gesellschaften transformieren", so Clinton.
Diese Vorstellung ist es, die Morozov bekämpft. Zum einen, sagt er, sei es ein Fehler, das Internet, Facebook oder Twitter mit amerikanischen Werten gleichzusetzen. Das liefere autokratischen Regimen nur neue Vorwände zur Zensur.
Es sei eine unglückliche Fortsetzung der Rhetorik des Kalten Krieges, als man glaubte, Radio Free Europe und ins Land geschmuggelte Faxmaschinen könnten den Ostblock befreien. Morozov sieht im Internet kein reines Werkzeug des Guten. Er fürchtet es vielmehr als Gefahr für die Freiheit.
In Iran etwa habe das Regime nach der Niederschlagung der Proteste im Internet Jagd auf seine Gegner gemacht. Die Staatsorgane veröffentlichten im Internet Twitter-Bilder von Demonstranten - mit der Bitte um Identifizierung.
Die größte Gefahr, so Morozov, sei nicht allein die Internetzensur, wie China sie kennt. Autokratische Staaten hätten längst viel intelligentere Methoden entwickelt, um ihre Bürger zu kontrollieren.
Russland etwa kennt keine formale Internetzensur - dennoch hat die Regierung im Internet einen Überwachungsapparat geschaffen und steht hinter Hackerattacken auf unliebsame Webseiten. Trotz der fehlenden Internetzensur gibt es im russischen Netz keine lebendige Oppositionsbewegung. So gesehen könne sich "China Russland zum Vorbild nehmen", sagt er. Das klingt nach einer düsteren Welt, nicht nach einer besseren Welt.
Und doch fanden in Tunesien und Ägypten gerade Volksaufstände statt, und in beiden Fällen hat das Internet sie befördert.
In beiden Ländern sind die Armut und der Frust der Jugend groß. Beide litten seit Jahrzehnten unter einer Diktatur. Nicht das Netz, nicht das Handy und nicht das Satellitenfernsehen heizten den Volkszorn an. Es waren die Verhältnisse, die die Menschen auf die Straße trieben.
Nicht alles, was im Internet stattfindet, hat auch mit dem Internet zu tun. Es gibt keine Facebook-Revolutionen, genauso wenig, wie es Handy-Revolutionen und Flugblatt-Revolutionen gibt.
Es gibt nur Revolutionen von Menschen, die sich befreien wollen.
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© DER SPIEGEL 5/2011
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