Von Bruno Schrep
Das kleine Schmuckgeschäft in der Nürnberger Altstadt, etwas abseits der großen Einkaufsstraßen gelegen, gilt unter Kennern als Geheimtipp. Hier werden erlesene Pretiosen nach individuellen Wünschen entworfen und gefertigt.
Das liegt vor allem am Besitzer, dem Goldschmiedemeister Udo Makosch, 69. Der gilt nicht nur als ausgewiesener Fachmann, sondern hat sich auch einen Ruf als ehrlicher Kaufmann erworben. Seit 37 Jahren führt er den eleganten Laden mit den grünen Tapeten, die Zeiten waren wirtschaftlich zuletzt nicht einfach, aber die Leute, die zu ihm kommen, darunter Industrielle und ehemalige Minister, vertrauen seinem Urteil und seiner Redlichkeit.
Für seine Versicherung ist der alte Herr mit den feinen Manieren jedoch nichts weiter als ein Krimineller und ein Betrüger. Über sechs Jahre lang weigerten sich die Mannheimer Versicherungen (Firmenmotto: "Vertrauen ist die Basis von Partnerschaft"), einen Schaden von rund 400.000 Euro zu regulieren - und trieben den Geschäftsmann damit fast in den Ruin.
Begründung: Es sei davon auszugehen, dass sich der Schadensfall "nicht ohne Wissen und Wollen des Inhabers ereignet hat" - ein ungeheuerlicher Vorwurf. Denn der Juwelier war Opfer eines offenbar sorgfältig geplanten Verbrechens geworden.
Die Versicherung ignorierte jedoch beharrlich alle Erkenntnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft und zwang den Goldschmied zu einem juristischen Hindernislauf durch vier Gerichtsverfahren. Erst als keine Erfolgsaussichten mehr bestanden, ließ sie sich auf einen Vergleich ein.
Nicht jedes Misstrauen ist unberechtigt
Eine Methode, die nicht selten zu beobachten ist. Selbst renommierte Versicherungen neigen dazu, Angaben ihrer Kunden erst einmal grundsätzlich anzuzweifeln, es auf lange gerichtliche Auseinandersetzungen ankommen zu lassen. "Ich kann mitunter nur den Kopf schütteln", erklärt Tobias Strübing, Anwalt bei der auf Versicherungsrecht spezialisierten Berliner Kanzlei Wirth. Er selbst habe viele Fälle erlebt, in denen trotz eindeutigen Sachverhalts die Schadensregulierung immer wieder hinausgezögert worden sei.
"Dahinter steckt womöglich Strategie", glaubt der Jurist, "die Leute sollen weichgekocht werden." Die Angst vor einer langen finanziellen Durststrecke, vor hohen Gerichtskosten und endloser Verfahrensdauer mache viele Versicherungskunden mürbe und bereit, einem Kompromiss zuzustimmen, der letztlich nur der Versicherung nutze.
Allerdings: Nicht jedes Misstrauen ist unberechtigt. Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft entsteht der Branche durch Versicherungsbetrug pro Jahr ein Verlust von vier Milliarden Euro. Bei jeder 20. Schadensanzeige, schätzen Experten, ist Schmu im Spiel - was den falschen Verdacht gegen Goldschmied Makosch allerdings kaum rechtfertigt.
Die Mannheimer Versicherungen, die laut Eigenwerbung rund 70 Prozent aller deutschen Juweliere unter Vertrag haben, wollten sich zum Fall ihres Nürnberger Kunden nicht äußern. Abgeschlossene Verfahren kommentiere man grundsätzlich nicht, erklärte eine Unternehmenssprecherin gegenüber dem SPIEGEL.
Raubopfer Makosch hat nach eigenen Berechnungen auf mehr als 100.000 Euro verzichtet. "Ich war einfach fertig, ich konnte nicht mehr", sagt er heute über seinen Marathon mit der Assekuranz.
Der Alptraum hatte gerade erst angefangen
Seinen Ursprung nahm Makoschs Kampf ums Geld am 15. Juli 2004, einem regnerischen Mittwoch. Nach Schilderung des Juweliers steht um 10.11 Uhr ein Kunde vor seiner Ladentür, den er schon kennt und dem er deshalb arglos öffnet. Der jüngere Mann, stämmig, rundes Gesicht, osteuropäischer Akzent, hat sich schon ein paar Tage zuvor teure Bernsteinohrringe angeschaut, wollte mit Bargeld wiederkommen. Als Makosch den Schmuck aus dem Schaufenster holen will, wird er zu Boden gerissen, spürt plötzlich eine Pistole im Rücken. "Ich hatte Todesangst", erinnert sich der Goldschmied, "ich glaubte, der bringt mich um."
Ein zweiter Mann kommt hinzu, Makosch wird zum Tresor geschleift: "Open, open", ruft einer der Diebe. Der Juwelier zittert, schafft es erst beim dritten Versuch, den Panzerschrank aufzuschließen. Makosch wird Klebeband um den Kopf gewickelt, Handschellen werden ihm angelegt, er wird in die winzige Toilette gebracht und mit den Beinen am Siphon des Waschbeckens gefesselt. "Seid ihr Russen?", fragt er. Der Räuber will ihn beruhigen: "Wir sind keine Mörder."
Die Eindringlinge leeren blitzschnell den Tresor und ein Schaufenster, zu ihrer Beute gehören auch zwei Revolver, die der Juwelier zur Selbstverteidigung im Stahlschrank deponiert hat, sowie die Ladenschlüssel und Makoschs Handy.
Weil die Beinfesseln nur locker sitzen, kann sie Makosch abstreifen und telefonieren. Als um 10.27 Uhr die Polizei eintrifft, reißt ein Beamter dem Juwelier das Klebeband vom Gesicht, die Handschellen müssen mit einem Bolzenschneider durchtrennt werden.
"Da dachte ich, der Alptraum sei vorbei", berichtet der Goldschmied. Doch in Wahrheit hatte er gerade erst angefangen.
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© DER SPIEGEL 10/2011
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