SPIEGEL: Herr von Gerkan, zwei Tage nach der Eröffnung der ersten Ausstellung im Nationalmuseum wurde der chinesische Künstler Ai Weiwei am Pekinger Flughafen festgenommen. Was war Ihr erster Gedanke?
SPIEGEL: Die Festnahme Ais hat abermals erwiesen, dass die chinesische Regierung Andersdenkende drangsaliert. Durch Vorkommnisse wie diese geraten auch Deutsche, die mit chinesischen Offiziellen zusammenarbeiten, in die Kritik. Was sagen Sie zu solchen Vorwürfen?
Gerkan: Dieser Vorwurf wird von Ihnen erhoben, jetzt und hier. Das heißt ja nicht, dass ihn auch andere anführen.
SPIEGEL: Vielleicht werfen Sie mal einen Blick in die "Frankfurter Allgemeine" oder den "Stern"?
Gerkan: Natürlich hat mich die Festnahme Ais erschrocken. Ich schätze ihn als Künstler sehr, könnte mir auch vorstellen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ein Freund von mir ist mit ihm befreundet. Ai provoziert absichtlich, vermutlich weil er meint, er könne damit etwas bewirken.
SPIEGEL: Wie deuten Sie die Festnahme?
Gerkan: Sagen wir so: Die Festnahme ist für alle, die an eine schrittweise Öffnung des Landes durch eine solche Ausstellung wie "Die Kunst der Aufklärung" glauben, ein herber Rückschlag. Wir hatten bei diesem Aufenthalt in Peking den Eindruck, dass die Chinesen recht nervös sind. Das muss mit den Ereignissen in Nordafrika, vor allem in Libyen, zusammenhängen.
SPIEGEL: Auch in China protestieren Mutige.
Gerkan: Statt die Lage zu beruhigen, werden solche Proteste durch so etwas wie die Festnahme Ais noch hochgekocht. Ich verstehe die Chinesen da nicht.
SPIEGEL: Zeigt sich die Nervosität der Offiziellen auch darin, dass Sie als verantwortlicher Architekt bei der Ausstellungseröffnung keine Rede halten durften?
Gerkan: Unser Botschafter hatte sich darum bemüht, dass ich ein paar Worte sagen kann, aber das wollten die Chinesen nicht. Wieso, ist nicht überliefert. Ich glaube, sie wollten lieber selber reden.
SPIEGEL: Was hätten Sie sagen wollen?
Gerkan: Ich hätte gern zur Kenntnis gebracht, dass es ein deutsches Architekturbüro war, das das Gebäude geplant hat, weil das in China nicht sehr bekannt ist.
SPIEGEL: Warum bauen Sie in China, einem so restriktiv geführten Land?
Gerkan: Seit ich vor 13 Jahren mit der deutschen Schule in Peking mein erstes Projekt begann, hat sich China rasant verändert. Es gibt zwar unbestritten noch viele beklagenswerte Ereignisse, aber man muss eines festhalten: Noch nie hat es in der Geschichte Chinas so viel Freiheit für das Individuum gegeben. Obgleich es noch Millionen armer Bauern gibt, ist es bewundernswert, dass in China niemand verhungert.
SPIEGEL: In den vergangenen hundert Jahren mag es Fortschritte gegeben haben, zuletzt hat sich der Umgang wieder verschärft: Regimekritiker werden gefoltert und weggesperrt. Warum kooperieren Sie mit den Regierenden?
Gerkan: Das klingt so konspirativ. Wenn ich ehrlich bin, sitze ich oft mit chinesischen Politikern an einem Tisch und weiß gar nicht, wer welche Funktion hat. Willy Brandt hat gesagt, Wandel sei durch Annäherung möglich, nicht durch Blockade.
SPIEGEL: Der Satz des früheren Bundeskanzlers bezog sich auf dessen Ostpolitik, auf das Verhältnis der damaligen Bundesrepublik zur DDR. Gesetzt den Fall, man hätte ihnen vor 40 Jahren den Bau der Volkskammer in der DDR angeboten, was hätten Sie gesagt?
Gerkan: Die hätte ich nicht gebaut. Es gibt einen großen Unterschied zwischen der DDR und dem heutigen China. Das können Sie mir glauben. Ich habe das System der DDR hinlänglich und ausgiebig erlebt, weil ich in Berlin studiert habe. Was ich damals erlebt habe - dieses Maß an menschenverachtendem Gebaren -, das gibt es in China nicht andeutungsweise.
SPIEGEL: Das sehen Ai Weiwei, der inhaftierte Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und viele andere, die es ebenfalls erwischt hat, wohl anders.
Gerkan: In unserem Büro in Peking arbeiten 70 Leute, viele davon sind Chinesen. Wir können uns über alle kritischen Themen unterhalten.
SPIEGEL: Sie wissen aber, dass manche Ihrer chinesischen Mitarbeiter dem Geheimdienst über Ihre Gespräche mit den Deutschen berichten müssen?
Gerkan: Sie haben eine vorgefasste Meinung.
SPIEGEL: Nein, das sind Erkenntnisse.
Gerkan: Wissen Sie, ich habe das sowjetische Regime erlebt, ich war mit meiner Frau in Moskau und Riga, und wir sind permanent während unseres Aufenthalts beschattet worden. Wenn wir ins Restaurant gingen, saß auf einmal eine fremde Dame am selben Tisch. Das alles ist doch kein Vergleich zu dem, was ich nun seit über zehn Jahren in China beobachte.
SPIEGEL: Das Nationalmuseum, das Sie entworfen haben, ist ein Repräsentationsbau des chinesischen Regimes. Es steht am Platz des Himmlischen Friedens, wo 1989 das Massaker stattfand, bei dem die chinesische Regierung Tausende Studenten töten ließ. Gab es in der Planungsphase Ideen, im Entwurf auf die spezifische Geschichte des Platzes einzugehen?
Gerkan: Gar nicht.
SPIEGEL: Der Platz als historisch belastete Kulisse hat für den Entwurf keine Rolle gespielt? Wollten Sie keinen visuellen Kontrapunkt aufzeigen?
Gerkan: Nein. Der Platz spielte keine Rolle, das war nicht die Aufgabenstellung. Wir sollten ein Museum bauen, das als Schaufenster der 5000-jährigen Geschichte Chinas dienen sollte, eines, das eine Million Exponate beherbergt und 20.000 Besucher gleichzeitig aufnehmen kann. Die Aufgabe bestand darin, ein Gebäude von 1959 möglichst behutsam und respektvoll zu erweitern.
SPIEGEL: Aber der Platz ist historisch kontaminiert.
Gerkan: Nach dieser Argumentation müsste man schlussfolgern, dass man auch in Deutschland nicht mehr bauen darf. Deutschland ist insgesamt kontaminiert.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Meinhard von Gerkan | RSS |
© DER SPIEGEL 15/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH