Von Bruno Schrep
So verzweifelt und hilflos hatte sich Wolfgang Kalkowska in seinen fast 80 Lebensjahren nur selten gefühlt. "Ich muss den Doktor persönlich sprechen", flehte er am Tresen der Arztpraxis, "es ist ganz dringend." "Leider unmöglich", bedauerte die Arzthelferin. "Aber meine Frau sitzt draußen im Rollstuhl, es geht ihr schlecht", setzte der Rentner nach. "Hier warten noch 20 Patienten, der Doktor hat keine Zeit", wehrte die Angestellte ab. "Nur einen Moment, bitte." - "Keine Chance."
Der oft beklagte Ärztemangel auf dem Land gehört hier im Wendland, in Orten wie Gorleben, Höhbeck und Schnackenburg, längst zum Alltag. Selbst Schwerkranke wie die Eheleute Kalkowska müssen oft wochen- oder monatelang auf einen Termin warten - wenn sie überhaupt einen bekommen. Der einzige Arzt weit und breit, zuständig für rund 4000 Einwohner, ist hoffnungslos überlastet. Mehr als ein halbes Jahr lang blieb Wolfgang Kalkowskas schweres Herzleiden unbehandelt, er hat vier Bypässe; die Schmerzmittel für die kaputte Wirbelsäule seiner gleichaltrigen Frau brachten die Kinder aus Berlin mit.
Es sind Zustände wie in Gartow, die Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler Anfang April zum Handeln zwangen. Rund 3600 Landarztstellen sind nach Schätzungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Deutschland vakant, und es werden ständig mehr. Rösler will deshalb angehende Mediziner mit einem Belohnungssystem in die Provinz locken: Wer sich verpflichtet, auf dem Land zu praktizieren, soll schneller einen Studienplatz kriegen, später besser bezahlt werden, nicht mehr wie bisher auch am Praxisort wohnen müssen. Und wer als Arzt Elternzeit nehmen will, soll für drei Jahre einen Assistenten einstellen dürfen.
Viele Ärzte fehlen dort, wo sie gebraucht werden
Ob das Maßnahmenpaket, auf das sich die schwarz-gelbe Regierungskoalition vor kurzem geeinigt hat, wirklich reicht, ist fraglich. Versuche in Bundesländern wie etwa in Sachsen, Medizinstudenten mit Stipendien bis zu 600 Euro pro Semester zu ködern, waren bisher wenig erfolgreich. Zwar gibt es in der Bundesrepublik so viele praktizierende Ärzte wie noch nie, derzeit sind es über 320.000. Doch die meisten haben zur Landluft ein betont distanziertes Verhältnis, wohnen und arbeiten lieber in Großstädten - und fehlen dort, wo sie gebraucht werden.
Im Wendland zum Beispiel. Viele Einheimische sind weit über 60, Bauernhöfe liegen brach, weil die Kinder die unrentablen Anwesen nicht übernehmen wollen. Auch viele Zuwanderer aus Berlin und Hamburg, die Anfang der siebziger Jahre die malerischen historischen Runddörfer als schickes Ausweichquartier entdeckten, haben ihre Partner verloren, sind alt und hilfsbedürftig.
Angelika Rex, einst aus Hamburg zugezogen, ist so ein Fall. Sie lebt in Höhbeck und hat gerade eine Fußamputation hinter sich. Die feine alte Dame, schon lange verwitwet, hat keine Freude mehr an ihrem sorgfältig restaurierten Haus mit den freigelegten Fachwerkbalken, keinen Blick mehr für die Möbel im britischen Kolonialstil. Seit der Operation kann sie sich kaum noch bewegen, schon mehrmals ist sie zusammengebrochen, brauchte dringend ständige medizinische Versorgung - doch die gibt es nicht.
Der Traum von einem sorgenfreien alternativen Leben im Einklang mit der Natur, vom gemeinsamen Marmeladekochen und von Begegnungen in der Malwerkstatt, für Menschen wie Angelika Rex ist er schon lange ausgeträumt. Sie hat Angst vor der Zukunft.
"Nur Privatpatienten, keine Kasse"
Vor drei Jahren praktizierten in der Region noch mehrere Allgemeinmediziner. Doch einer starb an einem Herzinfarkt, ein Nachfolger fand sich nicht. Ein anderer, schon über 60 und amtsmüde, schockierte seine Patienten im Sommer 2010 mit einem unerwarteten Entschluss: Jürgen S. gab nach 25 Jahren seine Kassenzulassung zurück, änderte von heute auf morgen sein Praxisschild: "Nur Privatpatienten, keine Kasse". Und selbst für die private Kundschaft hält er nur noch montags Sprechstunde, von 10 bis 12 und von 17 bis 18 Uhr.
"Wir Kassenpatienten konnten unsere Unterlagen in der Praxis abholen", berichtet Inge Melzer, die ihren querschnittsgelähmten Ehemann allein pflegt, "es gab keinen Kommentar, nicht einmal ein Abschiedswort." Bei den immer häufiger auftretenden Krampfanfällen ihres Mannes ruft sie seitdem meistens einen Notarzt. Neulich sei ein Kinderarzt aus dem 24 Kilometer entfernten Lüchow gekommen, "der war völlig hilflos, hatte keine Ahnung, was er machen sollte", klagt die 78-Jährige. "Demnächst schicken sie womöglich einen Veterinär."
Dass sich ihre Misere kurzfristig ändert, glauben die Eheleute nicht. Selbst wenn Forderungen der gesetzlichen Krankenkassen umgesetzt werden, Jungmediziner durch Honorarkürzungen in den Metropolen und ein Übernahmeverbot großstädtischer Altpraxen quasi in die Provinz zu zwingen - für Betroffene wie die Melzers kommen solche Maßnahmen, wenn sie je durchgesetzt werden, zu spät. "Ich brauche jetzt einen Arzt, heute, morgen, übermorgen", sagt Kassenpatient Hans-Joachim Melzer. "Aber bis sich hier etwas ändert, leben wir nicht mehr."
Im Touristenort Gartow, bekannt durch sein gräfliches Barockschloss und einen künstlich angelegten See, hat der Ärztenotstand zu bizarren Resultaten geführt. In der Rosenapotheke, die seit 275 Jahren existiert, in der uralte medizinische Gefäße als Dekoration dienen, wird Apotheker Helmut Krabusch häufig um ärztlichen Rat gefragt. Ob heftiges Herzklopfen, ein dickes Knie oder Rückenschmerzen - viele Kunden wollen wissen, was ihnen wohl fehlt und was sie dagegen nehmen sollen. Der Apotheker, der nur rezeptfreie Mittel verkaufen darf, fühlt sich überfordert: "Ich kann doch keinen Arzt ersetzen."
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