Von Georg Diez
Er hat ja auch gewonnen, das zeigen diese Bilder. Sieger schreiben Geschichte, das weiß Fischer. Und "Joschka und Herr Fischer" ist die Siegergeschichtsschreibung jener Protestgeneration, die damals auf der falschen Seite der Mehrheit war und heute mitten drin steht, in jenem driftenden, sich verändernden Deutschland, das sich sucht, mal mit Sarrazin-Scheindebatten, mal mit einem Film wie dem von Danquart. Er ist ein Dokument aus 60 Jahren Gegendeutschland, und am Ende wurde daraus auch der Triumph eines Mannes, der mal Taxifahrer, Arschloch und Minister war, der dem Land beibrachte, wie wichtig es ist, wieder Krieg zu führen.
Es ist eine sehr westdeutsche Geschichte, die Danquart da erzählt, und zwar ganz explizit, weil er die zivilisierende, freiheitliche Fabel der BRD erklären will und auch einen didaktischen Auftrag verspürt. Er will Fischers Leben zum Nachkriegspanorama vergrößern, er hat dazu Interviews in den Film geschnitten mit dem SPD-Mann Hans Koschnick etwa oder dem Sponti-Millionär Johnny Klinke. Er hat auch eines mit der Schauspielerin Katharina Thalbach geführt, auf einem alten Rummelplatz im Osten von Berlin - und wie Thalbach von der DDR schwadroniert, wo man mit der Vergangenheit aufgeräumt habe, wie das auf Putzdeutsch heißt, wo Geld nicht die "Verhandlungsbasis war zwischen Menschen" und mit der Abschaffung des Privateigentums die "Rahmenbedingungen der Utopie" geschaffen worden waren: Da entlarvt sich heute neu das DDR-Denken.
Was der DDR fehlte, sagt Danquart, was damit auch dem vereinten Deutschland teilweise fehlt, das waren eben die Erfahrungen von 68, von Europa und Pop, all das, was ihm, dem 1955 leicht Nachgeborenen, so wichtig ist. Dass sie damals, das zeigt der Film, aber auch so aggressiv wirkten, so verkrampft, so unfrei in dem, was sie taten und wie sie waren, das kann man von heute aus entweder befremdlich oder verständlich finden. Die Gegnerschaft erwuchs aus dem Willen, sich selbst zu definieren. Es war eben ein rohes, von Altnazis durchsetztes Land.
"Im Taxi bin ich zum Realo geworden"
Daniel Cohn-Bendit, der natürlich auch in Danquarts Film auftaucht, ist da eine angenehme französische Ausnahme. Er erzählt, wie er "Austern für alle" forderte, als er aus Paris nach Frankfurt kam, was die "verkniffenen" deutschen Genossen natürlich überhaupt nicht verstanden. Er erzählt, wie er Fischer, der sich vom putzgruppenhaften, prügelnden Aktivistentum zurückgezogen hatte, zum Eintritt in die Grünen-Partei überredete. Der sagt in dem Film dazu den schönen Satz: "Im Taxi bin ich zum Realo geworden."
Danquart sucht in diesen Figuren immer auch sich selbst, er spiegelt seinen Weg, er reflektiert die Versuchung der Gewalt, diesen linken Terror-Irrweg, auf den, das möchte Danquart ändern, die Geschichte von 68 in Deutschland allzu oft reduziert wird. Und so versucht er, aus Fischer einen Gegen-Baader zu machen, der einen Satz sagt, den auch Baader hätte sagen können: "Das Großartige und das Hundsgemeine liegen in jedem Menschen ganz eng beieinander." Danquart inszeniert den Film mit der Gewissheit einer Gegengeschichte, er arbeitet mit dem Anspruch, ein Anti-Aust zu sein: Der Fischer-Komplex statt "Der Baader Meinhof Komplex".
Dass Fischer selbst wohl nur einen halben Meter davon entfernt war, in den Terror abzugleiten. Dass ein Schritt gereicht hätte. Dass andere, die so dachten wie er und Polizisten verprügelten wie er, später im Sarg oder auf der Anklagebank landeten: Das macht den Reiz von Fischer aus, der in seiner Gefährdetheit immer auch gefährlich wirkte.
Fischer wird in Danquarts Darstellung zu einer Figur, die die wilde Energie jener Jahre bündeln konnte. Dazu holt Danquart die Band Fehlfarben vor die Kamera, deren Song "Ein Jahr (Es geht voran)" 1980 die Mischung aus Euphorie und Verzweiflung, die die deutsche Linke prägte, in Musik packte. Dazu fährt Danquart nach Wyhl, wo er Marie-Reine Haug trifft, eine Veteranin des Atomprotests, die ähnlich beseelt und erleuchtet wirkt wie der grüne Konservative Winfried Kretschmann. Dazu trifft Danquart den "Haschrebellen" Norbert Kröcher, der die Terrorgruppe Bewegung 2. Juni mitgründete und mit einer Art von Hass auf dieses Land lebte, die Fischer immer fremd blieb. Fischer hatte früh gelernt, dass Bücher Waffen sein können und Worte weh tun sollten.
Joschka Fischer wurde erst durch seine Gegner groß
Die Biografie ist das Schlachtfeld dieser Generation, so wie ihre Leben durch die Kämpfe um Brokdorf, Gorleben, Wackersdorf und die Startbahn West geprägt wurden. Danquarts Film erzählt damit von der Psychopathologie, die auch Teil der BRD war, dieses Erfolgsmodell, das in der Figur des Rechthabers Fischer seine Symbolfigur fand. Er erzählt einerseits das Offensichtliche für die Generation um die 40. Für die Jüngeren aber, die nicht wissen, wer der dicke, schwitzende Mann dort ist ( Franz Josef Strauß), und die in einem vereinigten Land aufgewachsen sind, das jetzt ganz natürlich den Ethiklehrer Kretschmann als Ministerpräsidenten bekommt, für all die bietet sich diese Geschichte ganz anders dar: komplizierte einfache Leben, vorangetrieben von einer Wut, die sich nicht herstellen lässt, die es aber einfacher machte, seinen Platz zu finden. Auch Joschka Fischer wurde groß erst durch seine Gegner.
Danquart begann seinen Film 2005, als er Fischer im Wahlkampf begleitete, den mächtigen, müden Außenminister. Es ist ein anderes Land, auf das dieser Film nun 2011 trifft, nach fast sechs Jahren Merkel ist Deutschland grüner als unter Rot-Grün, und es diskutiert über einen grünen Kanzlerkandidaten, der, das fürchten viele, Fischer heißen könnte, weil alles andere nur die B-Lösung wäre.
Das sind die Pointen, die Tücken, die Überraschungen solcher Geschichten. Danquart, der heute Professor ist, trägt selbst genug dieser biografischen Eskapaden im Gesicht, wie er so da steht, auf der Oranienstraße in Kreuzberg, und sich eine Zigarette dreht.
Und dann kommt auch noch Jürgen Hempel durch die Menge, mit einem Bier in der Hand, mit einer Trainingsjacke bekleidet, jener Hempel, der in Danquarts Film mit Hemd und Anzug gezeigt wird und eine wichtige Rolle spielt: Hempel, der schon als Jugendlicher in der DDR Streit mit dem SED-Regime hatte, der Anfang der achtziger Jahre aus der DDR ausreiste und sich in Frankfurt sofort in den Streit um die Startbahn West warf, arbeitete später als Bauingenieur ausgerechnet an Flughäfen und war als Projektleiter an der Planung zum Flughafen Berlin Brandenburg beteiligt.
Pepe Danquart liebt solche Geschichten, verbogene, geborgene Leben. Man sieht Hempel das irgendwie an. Der Erfolg und die Angst, der Sieger und der Gebrochene, alles ist da, auf eine sehr menschliche und dabei irritierende Art. Etwas flirrt in seinen Augen.
Hempel küsst Danquart zum Abschied auf die Wange. "Jürgen gibt es zweimal, einmal im Anzug und einmal in der Trainingsjacke", sagt Danquart und schaut, wie Hempel in der schwarzgekleideten Menge verschwindet, über zerborstene Plastikbecher steigt, zum Klang der Musik, und über allem liegt der Geruch von Grill und Haschisch. Kreuzberg, juste milieu, Siegerland BRD.
Joschka Fischer kommt aus diesem Milieu. Das war Joschkas Welt, sie sind Joschkas Erben. Die meisten hier werden Fischer für einen Opportunisten halten.
Joschka Fischer ist der Joe Mustermann der gebrochenen Biografien.
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© DER SPIEGEL 19/2011
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