Von Philip Bethge
Die lebenden Tankstellen des Biochemikers Dan Robertson schimmern dunkelgrün wie Eichenlaub und sind klein wie Ehec-Bakterien. Ihr Erbgut ist von Menschenhand frisiert. Fällt Licht durch ihre Hülle, scheiden sie wenig später tröpfchenweise Treibstoff aus.
Sein Labor ist karg möbliert, die Decke brüchig. Und doch geschieht hier Wundersames: Es geht um die Lösung des Weltenergieproblems. Robertson und seine Kollegen haben Blaualgen erschaffen, die Dieselkraftstoff produzieren.
Fachleute schwärmen von einer neuen, grünen Revolution. Mit Gentechnik und raffinierten Zucht- und Ausleseverfahren peppen Biochemiker vor allem in den USA Blau- und Grünalgen zu Winz-Fabriken für Öl, Ethanol oder Diesel auf.
Grüner Algensud schwappt in Zuchtteichen und zirkuliert durch glänzende Bioreaktoren oder pralle Plastikschläuche. Schon tanken erste Autos, Schiffe und Flugzeuge testweise den Algensprit. Investoren wie die Rockefeller-Familie und Microsoft-Gründer Bill Gates setzen Millionenbeträge auf die Kraft der grünen Brühe. "Die industrielle Produktion von Öl aus Algen ist die nächstliegende Möglichkeit, künftig das Erdöl zu ersetzen", sagt Jason Pyle von der kalifornischen Firma Sapphire Energy, die mit Algenhilfe bereits Rohöl herstellt.
Auch die etablierte Ölindustrie ist in das Geschäft eingestiegen. "Kraftstoff aus Algen kann eine entscheidende neue Energiequelle werden", sagt Emil Jacobs, Forschungsvorstand von Exxon Mobil. Der Ölkonzern investiert 600 Millionen Dollar in die Firma Synthetic Genomics des Erbgut-Entschlüsslers Craig Venter.
Die Verheißungen sind groß: Wer als Erster ökologisch nachhaltigen und klimaneutralen Biosprit zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten kann, wird nicht nur Milliarden verdienen, sondern noch dazu Geschichte schreiben.
Warum der Autoschnaps keinen guten Ruf genießt
Mit altem Frittenfett zum Betrieb genügsamer Landmaschinen starteten Do-it-yourself-Dieselbarone vor Jahrzehnten das Biospritgeschäft. Inzwischen treibt aus Getreide gewonnenes Ethanol Hunderttausende Autos an. In den USA etwa enthalten mehr als 40 Prozent des Benzins Ethanol-Beimischungen. In Fermentern, so groß wie Zeppeline, entsteht der Stoff, wenn Maische aus Mais oder Roggen mit Hefe gärt.
Doch der Autoschnaps genießt keinen guten Ruf. Weniger als 4000 Liter Ethanol jährlich liefert ein Hektar Maisacker; und jeder Liter davon wird mit rund 8000 Liter Süßwasser erkauft. Außerdem geht wertvolles Ackerland für den Nahrungsmittelanbau verloren. In der vergangenen Saison ernteten die Bauern in den USA erstmals mehr Mais für die Ethanol-Produktion als für die Viehzucht. Der Biospritboom treibt die Lebensmittelpreise nach oben.
Viele Ökologen halten den Anbau von Energiepflanzen daher inzwischen für einen Irrweg. Algen dagegen verbrauchen kein Ackerland. Sonne, Salzwasser, etwas Dünger und Kohlendioxid reichen den genügsamen Winzlingen zum Leben. Weil sie bei der Photosynthese etwa so viel CO2 verbrauchen, wie später beim Verbrennen ihres Öls wieder frei wird, ist Algensprit auch noch klimaneutral.
Die Kommerzialisierung steht bevor
Verblüffend erscheint auch ihre Produktivität: Wer ein Hektar sonniger Wüste mit Algenbecken vollstellt, gewinnt aus ihrer Biomasse nach einem Jahr fast achtmal so viel Biosprit wie ein Bauer aus Energiemais.
Die Firma Sapphire gehört zu den Pionieren der Branche. Firmenchef Pyle hat die Vision, Wüste in fruchtbares Energieland zu verwandeln: "Dazu müssen wir Algen wie Reis anbauen, in flachen Wasserbecken, auf Tausenden Hektar." Nur so könne es gelingen, Algenöl in großen Mengen und zu wettbewerbsfähigen Preisen zu produzieren.
Ein Barrel grünes Rohöl von Sapphire soll künftig zwischen 70 und 100 Dollar kosten - und damit deutlich weniger als Erdöl. Ähnlich wie beim Getreideanbau sind dafür allerdings Hochleistungssorten nötig. Ertrag, Krankheitsresistenz und "Erntefähigkeit" der verwendeten Grünalgen seien optimiert, berichtet Pyle. Schon erproben die Sapphire-Ingenieure ihre grünen Zauberwichtel in einer Kleinanlage in New Mexico. Zusammen mit dem Agrarkonzern Monsanto und dem CO2-Produzenten Linde wollen die Algenbastler auf 120 Hektar bald auch das kommerzielle Geschäft ausloten.
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© DER SPIEGEL 30/2011
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