Von Thomas Schulz
Die Region ist groß und weitläufig, Hunderte Milliarden Dollar werden dort jedes Jahr erwirtschaftet von einigen der berühmtesten Unternehmen des Planeten. Google, Apple, Facebook residieren hier. Aber am Ende führen im Silicon Valley doch viele Wege zu einem gebürtigen Deutschen namens Peter Thiel.
Sein Büro liegt im Presidio, einst die Militärbasis von San Francisco, heute ein Nationalpark. Vor ein paar Jahren baute sich der "Star Wars"-Macher George Lucas hier für 350 Millionen Dollar eine exklusive Zentrale für seine Filmfirma. Thiel hat eine halbe Etage gemietet, rund 4500 Quadratmeter.
Es gibt eine Bibliothek mit eleganten Sesseln, wertvolle Hölzer und viele schöne junge Menschen, die hinter Glaswänden in weitläufigen Büros arbeiten. Durch Panoramafenster fällt der Blick ungehindert auf die Golden Gate Bridge. So stellt man sich auch die Hauptquartiere der neuen Gewinnerfirmen des Web 2.0 vor. Aber Thiel stammt aus einer anderen Generation.
Er ist einer der wenigen Überlebenden der größten Investment-Orgie aller Zeiten, der New Economy, die vor rund zehn Jahren Börsen und Kleinanleger erst in Euphorie und dann in tiefe Depressionen stürzte. Er hat PayPal mitaufgebaut, ein Bezahlsystem für das Internet. 2002 kaufte Ebay es für 1,5 Milliarden und machte ihn sehr reich.
Thiel ist kein Mark Zuckerberg, kein Wunderkind-Programmierer. Der 43-Jährige hat Jura in Stanford studiert und betreibt eine milliardenschwere Investmentfirma. Er hält Beteiligungen an zahlreichen Technologiefirmen und hat den Aufstieg von etlichen Internetgrößen finanziert. Auch den von LinkedIn, das vor kurzem an die Börse ging. Er ist ein Stratege, ein Geldverteiler. Und er sagt: "Wir müssen mehr in Technologie investieren, weit mehr Ressourcen aufbringen, das Gaspedal tiefer durchtreten, wenn wir in diesem Jahrhundert vorankommen wollen."
Man kann Leute wie ihn auf zweierlei Arten sehen: Einerseits ermöglichen sie mit ihrem Wagniskapital überhaupt erst, dass neue Geschäftsideen die Chance bekommen, sich am Markt zu bewähren. Andererseits entfacht dieses Geld auch immer die Gier nach mehr, es unterstützt die Spekulation und mit ihr womöglich neue Finanzblasen.
Befeuert das Valley schon wieder eine neue Blase
Während der New Economy waren Briefkastenfirmen plötzlich Millionen wert. Und jetzt? Befeuert das Valley schon wieder eine neue gefährliche Blase, wie viele Beobachter befürchten?
Das Absurde ist: Während der Rest Amerikas von Billionenschulden erdrückt am Boden liegt und gegen die drohende Zahlungsunfähigkeit kämpft, schlägt das Hysterie-Pendel in der Internetbranche in die andere Richtung aus. Dort herrscht wieder die große Euphorie.
Die Bewertungen für die bekanntesten Internetunternehmen erreichen immer neue Rekordwerte. Noch im Januar machte sich Verwunderung breit, als Facebook nach einem Teileinstieg der Investmentbank Goldman Sachs mit erstaunlichen 50 Milliarden Dollar bewertet wurde. Mittlerweile soll das soziale Netzwerk schon bis zu 100 Milliarden wert sein.
Der Kurznachrichtendienst Twitter liegt bei acht Milliarden, gut doppelt so viel wie im Dezember. Der Unternehmenswert von Groupon wurde vor einem Jahr auf 1,3 Milliarden geschätzt, nun sind es um die 25 Milliarden.
Die Börsengänge von Internetfirmen sind überzeichnet, und die Kurse klettern steil. Der von LinkedIn, dem weltweit größten Netzwerk für Geschäftskontakte, stieg seit dem Börsengang im Frühjahr von 45 auf über 100 Dollar. Der Gewinn im vergangenen Geschäftsjahr: laue 15,4 Millionen.
Einstiegsgehälter von über 100.000 Dollar
Neugegründete Firmen mit einer Handvoll Mitarbeitern bekommen schon wieder Millionen an Startkapital, solange sie auch nur eine halbwegs erkennbare Geschäftsidee vorlegen. Die Häuserpreise im Silicon Valley ziehen so schnell an, dass die Makler kaum mit neuen Preisschildern hinterherkommen. Google zahlt jungen Computeringenieuren frisch aus dem College inzwischen Einstiegsgehälter von über 100.000 Dollar - deutlich mehr als noch vor ein paar Monaten, weil sich zu viele Unternehmen um zu wenig Programmierer schlagen.
Viele in der Technologiebranche und an den Finanzmärkten macht das nervös. Sie sagen, es fühle sich an wie 1999. Als die Euphorie aus den Fugen geriet und die englische Abkürzung für Börsengang, IPO für "Initial Public Offering", umgedeutet wurde in "Instant Porsche Owner".
Die Zweifler fürchten, das Silicon Valley sei nun wieder auf dem Weg zurück in diese Zukunft, weil das Investorengeld erneut zu locker sitzt. Weil all jene, die beim ersten Internetboom reich wurden, nun in einem wilden Wettkampf um das nächste große Ding enthemmt ihr Geld in die jungen Firmen stecken und damit eine neue Blase schaffen. Und dass der große Knall dann noch schlimmere Verwüstungen anrichten könnte, weil er nun die USA trifft, die ökonomisch am Abgrund stehen.
"Nein", sagt Investor Thiel, "es gibt keine Blase, nicht bei Facebook, nicht bei LinkedIn und bei keinem der anderen bekannten Unternehmen." Sehr hoch seien viele Bewertungen zwar, aber noch nicht wahnsinnig oder realitätsfern.
All diese Geschichten über neue Übertreibungen seien vor allem psychologisch zu begründen: "Wir haben immer noch einen enormen Kater von den neunziger Jahren." Eine Blase kann es aber erst dann geben, so besagt eine alte Marktregel, wenn die Gier die Angst frisst.
Thiel sieht deswegen nicht "den Wahnsinn von früher" wiederkehren, sondern im Gegenteil eine "kulturelle Transformation".
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© DER SPIEGEL 31/2011
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