Von Johann Grolle
Drei Totenköpfe empfangen den Besucher, aus den Augenhöhlen blicken ihm Muschelschalen entgegen. An dem Tisch dahinter zeichnet eine Studentin millimetergenau die Zahnhöcker eines Menschengebisses ab.
In blauen Blechschubladen verstaut, liegen darin, gebettet auf Schaumstoff, bröckelnde Arm- und Schenkelknochen, Handgelenke, Kinderschädel, Rippen, Kiefer und jede Menge Zähne: einzigartige Fossilien, die von einer der Schlüsselepisoden in der Geschichte der menschlichen Spezies erzählen.
Aus den Höhlen im Norden Israels haben die Paläoanthropologen die Gebeine von gut drei Dutzend Individuen aus dem Fels gekratzt. Das Besondere: Die Knochen stammen von zwei verschiedenen Menschenarten. Räumlich mitunter kaum mehr als einen Steinwurf voneinander entfernt, siedelten moderner Mensch und Neandertaler.
Aber lebten die beiden Vettern hier auch zur gleichen Zeit? Sind sie einander begegnet? Kam es also in der Levante zum ersten Showdown der beiden Rivalen um die Weltherrschaft?
Techtelmechtel zwischen Eurasier und Neandertaler
Die Entzifferung des Neandertaler-Erbguts lieferte im vergangenen Jahr ein gewichtiges Argument für diese These: Einen kleinen Teil seiner DNA-Sequenz, so der Befund der Forscher um den Leipziger Paläogenetiker Svante Pääbo, hat der moderne Eurasier vom Neandertaler geerbt. Zwischen beiden Menschenarten muss es folglich zur Vermischung gekommen sein. Und mehr noch: Auch den Zeitraum des folgenreichen Zusammentreffens konnten die Genetiker eingrenzen. Zum Techtelmechtel kam es demnach vor 65.000 bis 90.000 Jahren nach der Ankunft des modernen Menschen auf der eurasischen Landmasse - vermutlich am östlichen Mittelmeerrand.
In welcher Beziehung aber standen die Bewohner der israelischen Höhlen zu den Begründern des heutigen Eurasier-Geschlechts? Finden sich in ihren fossilen Überresten noch Spuren des Zusammentreffens der beiden Menschenspezies?
Fast wird Jean-Jacques Hublin, 57, ein wenig sentimental, wenn er behutsam die Schädel und Kiefer aus ihren Schubladen hebt: "Die gehören für mich sozusagen zur Familie", sagt der Paläoanthropologe vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Hier in Israel sammelte er schon vor 36 Jahren Erfahrungen als Jungwissenschaftler.
Mit Hilfe eines Hubschraubers, erzählt Hublin, hätten sie damals gewaltige Felsbrocken aus der Qafzeh-Höhle nahe Nazareth gehievt. Nun ist er, inzwischen eine der führenden Kapazitäten seines Fachs, zurückgekommen, um den Fundstücken, die er seinerzeit zu bergen half, ihre Geheimnisse zu entlocken - und so das rätselhafte Wesen des Neandertalers besser zu entschlüsseln.
Staunend, aber auch misstrauisch haben die Hüter des israelischen Fossilienschatzes die Ankunft der Max-Planck-Forscher in ihrem Institut verfolgt. Zwar sind sie Besuch gewohnt. Von überall her pilgern die Forscher, um die berühmten Stücke der Sammlung zu inspizieren. Diesmal aber ist es anders.
Denn Hublin und seine Mannschaft sind nicht mit Zeichenblock und Gleitzirkel angereist. Sie hatten tonnenschweres Hightech-Gerät im Gepäck. Mit Hilfe eines mobilen Computertomografen wollen sie von möglichst vielen der Fossilien digitale Abbilder fertigen.
"Das wird die Paläoanthropologie grundlegend verändern", verkündet Hublin. Statt von Museum zu Museum reisen zu müssen, könnten die Forscher künftig am heimischen Bildschirm Fundstücke aus aller Welt untersuchen - und dabei oft sogar Details erkennen, die dem bloßen Auge unzugänglich sind.
Nach Südafrika, Kenia, Marokko, Kroatien und Russland ist Hublin mit seiner Ausrüstung bereits gereist, um alle Vor- und Urmenschen-Fossilien, deren er habhaft werden konnte, zu durchleuchten. Stück um Stück setzt er so ein digitales Archiv der Familiengeschichte des Homo sapiens zusammen.
Ein weltweit einzigartiges Urmenschen-Labor
Um zu zeigen, wie die Zukunft seines Fachs entsteht, überquert Hublin den Hinterhof des Tel Aviver Anatomie-Instituts. Neben den Mülltonnen steht dort ein 20-Fuß-Container, in dessen Schatten israelische Techniker ihre Zigaretten rauchen. Von außen lässt sich nicht erahnen, dass sich im Innern dieses Kastens ein weltweit einzigartiges Urmenschen-Labor befindet.
In der engen, frostig klimatisierten Kammer im Innern des Containers verbringt Patrick Schönfeld seine Tage. Die Aufgabe des Systemtechnikers ist es, den Tomografen zu justieren. Durch eine Scheibe kann er verfolgen, wie der Röntgenstrahl die langsam kreisenden Fossilien abtastet. Vier, sechs, manchmal auch acht Stunden währt die Prozedur.
Am Ende verwandelt die Software den gewaltigen Datenwust in ein bis auf wenige Tausendstel Millimeter genaues Abbild des Fossils. Das Original wird längst wieder in seiner Schublade ruhen, wenn die Max-Planck-Forscher es daheim im Leipziger Virtual-Reality-Labor drehen, wenden oder kippen. Und wenn sie sich für ihre Forschung doch etwas zum Anfassen wünschen, dann stellen sie es sich eben her: Kaum eine halbe Stunde dauert es, dann hat der 3-D-Drucker ZCorp Spectrum Z510 eine maßgenaue Kopie aus Gips gefertigt.
Die Paläoanthropologen allerdings sind eine streitbare Zunft. Und nicht bei allen Kollegen stößt Hublin mit seiner Vision einer digitalisierten Urmenschen-Forschung auf Begeisterung. Israel Hershkovitz etwa, der Kurator der Sammlung in Tel Aviv, verhehlt nicht sein Unbehagen.
In seinem Büro umgeben ihn Dutzende Schädel. "Jeder von ihnen", sagt er, "erzählt eine Geschichte." Der eine, mit einem Einschussloch in der Kalotte, zeuge von den Hinrichtungen der napoleonischen Belagerungstruppen. Ein anderer wurde von einem steinzeitlichen Chirurgen geöffnet. "Wir gehen davon aus, dass er mit Bienenwachs die Blutung stoppte", sagt Hershkovitz.
Eine Wundertüte voll solcher faszinierender Geschichten - so sieht der israelische Anthropologe sein Fach. Und ob all die teuren Apparate und die aufwendige Software der Max-Planck-Forscher dafür nötig sind, da hat er seine Zweifel.
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© DER SPIEGEL 36/2011
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