Aus Fukushima berichtet Cordula Meyer
An Kilometerstein 231 ist Schluss: Barrikaden versperren die vierspurige Bundesstraße 6 nach Norden, hinter ihnen geht es zur Ruine des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. Uniformierte schwenken Stoppschilder. In der Abenddämmerung zuckt ein rotes Leuchtband auf: "Kein Zugang - Katastrophenrecht".
Insgesamt 20 Beamte bewachen diese Kreuzung, Tag und Nacht. Denn hier geht es zum J-Village, einem früheren Trainingszentrum der japanischen Fußballnationalmannschaft. Nach dem 11. März wurde das größte Fußballzentrum Japans zum Basislager für Japans seltsame Helden - für jene Arbeiter, die versuchen, das Kraftwerk Fukushima Daiichi unter Kontrolle zu bringen.
Mehr als tausend machen sich hier Tag für Tag fertig für die Schicht. Die Stromfirma Tepco, Betreiber des Katastrophen-AKW, hat die Sportanlage einst bezahlt. Seit diese zum Dorf der Atomarbeiter geworden ist, hat der Konzern Medien und Öffentlichkeit den Zugang verboten.
Passieren dürfen nur die Busse und Vans mit Tepco-Genehmigung an der Frontscheibe. Sie bringen Arbeiter zu den Reaktoren und wieder zurück ins J-Village. Durch die Scheibe sind die Köpfe der erschöpften Männer zu sehen: Viele sind auf dem gut halbstündigen Heimweg eingenickt.
In einem der Busse, die sich an diesem Nachmittag den Hügel zum J-Village hochquälen, sitzt Hitoshi Sasaki, 51, in einem weißen Tyvek-Anzug. Vor drei Wochen hat der Bauarbeiter hier angefangen. Seine Aufgabe ist es, vor den zerstörten Reaktoren eine Straße zu befestigen. Dazu muss er Stahlstreben im Boden verlegen, damit später ein 600 Tonnen schwerer Kran darauf stehen kann. Dieser soll dann eine Art Schutzhülle aus Plastik über die Ruinen ziehen.
Arbeiter schleppen sich in die Turnhalle
Sasakis erster Stopp im J-Village ist die Sporthalle rechts vom Hauptgebäude. In langen Reihen marschieren Arbeiter in Schutzanzügen mit Masken heran. Am Eingang stehen Kartons: Sasaki zieht sich die Plastikhüllen von den Schuhen, sie kommen in den ersten Karton. Danach sind die Atemmaske, der weiße Schutzanzug aus synthetischem Papier und die Handschuhe dran, jeweils in einen anderen Karton.
Manche Arbeiter schleppen sich in die Turnhalle, kaum einer spricht. Einige straucheln, wenn sie sich bücken müssen, um die Plastikhüllen von den Schuhen abzustreifen, andere reißen ihren Schutzanzug mit beiden Händen auf, als ob je-de Zehntelsekunde zählte, um endlich den heißen Anzug ablegen zu können. In Reihen stellen sie sich danach zur Strahlenmessung an.
Die meisten Arbeiter tragen nur langärmelige dunkelblaue Unterwäsche unter den Anzügen. Wer besonders lange in der drückend-schwülen Hitze ausharren muss, darf unter dem Schutzanzug eine türkisfarbene Weste tragen. Kühlmittel darin soll die Männer vor dem Hitzekollaps bewahren. Mehrere Arbeiter sind schon zusammengebrochen, 13 kamen allein im August in einen Notfallraum vor den Reaktoren 5 und 6. Ein 60-jähriger Arbeiter starb im Mai vermutlich an einem Herzanfall.
Ein Team von angelernten Strahlenmessern prüft jetzt die Strahlenbelastung jedes Mannes. Die Kontrolleure tragen Schutzanzüge, blaue Hauben und Papiermasken. Unter dem Basketballkorb am Kopf der Turnhalle stehen Tapeziertische mit vier mobilen Geigerzählern, dahin-ter sind drei Strahlenmessgeräte fest installiert.
Die Kontrolleure halten klobige Apparate und blicken auf die Zeiger. Mit den Messfühlern fahren sie erst über den Kopf jedes Arbeiters, dann links und rechts die Arme entlang, die Brust, den Bauch, die Beine. Die Arbeiter stehen dabei auf einer Matte mit Klebefolie, an der radioaktive Partikel haften bleiben sollen. Viele von ihnen sind jung, sie sehen aus wie Anfang zwanzig, aber auch einige abgekämpfte alte Männer sind darunter.
Tepco erhöhte die maximal erlaubte Dosis
Einer der Arbeiter findet, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf habe, zu erfahren, was im J-Village passiert. Deshalb redet er mit dem SPIEGEL, nur seinen Namen möchte er nicht preisgeben. Hier soll er Sakuro Akimoto heißen. An hektischen Tagen, sagt er, kämen mehr als 3000 Arbeiter durch die Messstation.
Eine Brigade ist pro Tag im AKW Fukushima Daiichi im Einsatz, um die havarierten Reaktoren unter Kontrolle zu bringen. Sie schuften bei Bullenhitze und gefährlich hoher Strahlung. Die maximale Jahresdosis für Arbeiter in japanischen Kraftwerken beträgt normalerweise 50 Millisievert. Tepco erhöhte die maximal erlaubte Dosis in Absprache mit den Behörden auf 250 Millisievert - hoch genug, um die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, deutlich zu erhöhen.
Rund 18.000 Arbeiter haben seit dem 11. März geholfen, die Katastrophe zu bewältigen. Die meisten von ihnen sind nicht bei Tepco beschäftigt, sondern bei Subunternehmen, die ihre Leute ihrerseits über Zeitarbeitsagenturen rekrutieren. Viele dieser Aushilfen haben schon vorher in Atomkraftwerken die Drecksarbeit gemacht.
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© DER SPIEGEL 37/2011
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