SPIEGEL: Herr Ai, vergangene Woche haben Sie 970.000 Euro auf ein Bankkonto der chinesischen Steuerbehörden eingezahlt. Sie selbst sehen das als eine Art Kaution, werden die Behörden es als Schuldeingeständnis werten?
SPIEGEL: Also haben Sie gezahlt. Hat die andere Seite damit gewonnen?
Ai: Wir hatten keine Wahl. Sie sagten mir, wenn du nicht zahlst, bringen wir deinen Fall vor das Amt für öffentliche Sicherheit. Dann hast du eine Strafanzeige am Hals. Laut Gesetz muss man erst zahlen, dann kann man Widerspruch einlegen.
SPIEGEL: Hat man Ihnen je einen Beweis für Ihre angebliche Steuerhinterziehung vorgelegt?
Ai: Nein, das alles ist lächerlich. Es gibt nur einen Grund, warum sie mich eingesperrt haben: weil ich mich in die Politik eingemischt und die Obrigkeit kritisiert habe. Erst später wurde mein angebliches Steuerproblem zum Vorwand für die Inhaftierung. Sie selbst haben mit mir nie darüber gesprochen. Ich will die Intelligenz dieser Leute nicht unterschätzen, aber was sie gemacht haben, war einfach dumm. Denn, das ist die Ironie, sie haben mir ja sogar geholfen. Sie haben mir die Möglichkeit gegeben, allen zu erklären, was mit diesem System hier passiert, und mir eine Plattform gegeben.
SPIEGEL: Hat ein Einspruch gegen die Steuerforderungen, wie Sie ihn vorhaben, irgendeine Aussicht auf Erfolg?
Ai: So gut wie keine. China diskutiert nie Fälle, die etwas mit Politik zu tun haben. Sie geben immer andere Straftaten vor, um Leute strafrechtlich zu verfolgen. Das ist seit der Kulturrevolution so. Aber es gibt eine tödliche Waffe gegen eine solche totalitäre Gesellschaft: Offenheit. Deshalb gehen wir in meinem Fall mit allem sehr offen im Internet um. Wir informieren die Menschen über jedes Detail, über jede noch so kleine Entwicklung. Wenn alles draußen ist, kann sich jeder seine eigene Meinung bilden. Wir führen das Verfahren außerhalb des Gerichts. Das ist fair, das ist gerecht, so funktioniert eine Zivilgesellschaft. Anderenfalls wäre es eine bösartige Gesellschaft, eine, in der alles versteckt läuft.
SPIEGEL: Die Chinesen zeigen Ihnen in beeindruckender Weise ihre Solidarität und überweisen Ihnen Geld. Viele schicken dabei auch persönliche Botschaften, gibt es welche, die Sie besonders berührt haben?
Ai: Es waren Tausende bewegende Botschaften. Ein Blogger sagte: Weiwei - wir wissen, wer du bist, unser Geld ist unser Stimmzettel für dich. Ein anderer sagte: Herr Ai, ich bin 13 Jahre alt, und dies ist der Beweis, dass sie uns niemals besiegen können. Andere haben Geld von ihrem ersten Lohn gegeben. Wieder andere schrieben: Dies ist ein Teil meiner Rente - nimm ihn. Oder: Dies ist das Geld für mein nächstes Paar Schuhe - nimm es. Es war enorm wichtig für mich, das zu sehen und zu hören. Wenn du ein Blog schreibst, merkst du normalerweise nichts von der Wärme der Menschen, ihrem Humor, ihrer Fürsorge, ihrer Großherzigkeit. Du marschierst durch einen dunklen Tunnel, und du fühlst dich allein.
SPIEGEL: Haben Sie die Chinesen unterschätzt?
Ai: Ja, das habe ich. Ich sollte mich schämen. In der jüngeren Geschichte waren die Chinesen wie verstreute Sandkörnchen, nie eng beieinander. Aber nun haben wir das Internet. Man muss nicht mehr physisch zusammenkommen, du kannst individuell sein, deine eigenen Werte haben und dich trotzdem mit anderen für eine Sache zusammenschließen. Es gibt nichts Mächtigeres als das. Im Internet kennen die Menschen einander nicht, sie haben keine gemeinsamen Führer, oft nicht einmal ein gemeinsames politisches Ziel. Aber sie können für eine spezielle Sache zusammenkommen. Das ist ein Wunder, so etwas hat es bislang noch nie gegeben. Ohne das Netz wäre ich heute nicht Ai Weiwei. Ich wäre nur ein Künstler, irgendwo, der seine Ausstellungen macht.
SPIEGEL: Es ist sehr ungewöhnlich, dass Menschen in China öffentlich Regierungskritiker unterstützen - warum trauen sie sich das jetzt?
Ai: Wo immer es Ungerechtigkeiten gibt, gibt es auch Spannungen. In China ist es sehr schwer, seinen Ärger herauszulassen, es sei denn, man verbrennt sich oder springt von einer Brücke. In einer Gesellschaft ohne freie Presse ist es sehr schwierig für Opfer, beachtet zu werden. Nehmen wir ein Beispiel von gestern: Ich hatte CNN ein Telefoninterview gegeben, da wurde der Sender plötzlich für ein paar Minuten abgeschaltet. Ich habe zum ersten Mal erlebt, dass mein Fernseher vollkommen tot war. Und dann dachte ich, o mein Gott, das ist meinetwegen, das ist total verrückt. Welche Nation würde so etwas tun? Vielleicht Kuba, Nordkorea, China. Aber was wollen die erreichen, wovor haben die solche Angst?
SPIEGEL: Was ist Ihre Erklärung, was macht Sie so gefährlich für die Regierung?
Ai: Die Wahrheit ist die größte Gefahr für diese Art von Systemen. Und ich kämpfe für die Wahrheit. Nach 60 Jahren an der Macht werden sie wieder zu einer Untergrundpartei, zu einer Geheimorganisation. Niemals diskutieren sie offen. Sie beantworten keine Fragen. Sie geben nur Befehle, meistens geheime Befehle. Aber das passt nicht zu ihrer Position, zu ihrer Macht. Sie haben eine Partei mit 80 Millionen Mitgliedern. Sie kontrollieren diese Nation. China ist die kommende Supermacht. Warum also sind sie so scheu? Warum reden sie nicht offen? Das ist die eigentliche Frage, aber niemand kann sie beantworten.
SPIEGEL: Aber warum hat die chinesische Führung ausgerechnet Sie zu einem Hauptgegner erklärt?
Ai: Ich frage mich das oft selbst. Wie bin ich zum Staatsfeind Nummer eins geworden? Während meiner Haft haben auch sie mich das gefragt: "Ai Weiwei, was ist der Grund dafür, dass du so wurdest?" Meine Antwort darauf ist: Erstens, ich weigere mich zu vergessen, was passiert ist. Meine Eltern, meine Familie, ihre und meine Generation, wir alle haben einen hohen Preis im Kampf um die Freiheit des Wortes bezahlt. Viele sind aufgrund eines einzigen Satzes, eines einzigen Wortes gestorben. Jemand muss dafür die Verantwortung übernehmen. Wenn eine Nation sich nicht ihrer Vergangenheit stellt, hat sie keine Zukunft. Ich begann nachzufragen: Über 5000 tote Schüler nach dem Erdbeben von Sichuan - wer waren sie? An die 60 Menschen, die bei dem Feuer in dem Hochhaus in Shanghai starben - wer waren sie? Ich sagte ihnen, kommt schon, beantwortet nur diese Fragen. Als Künstler weiß ich, wie man mit Details umgeht, wie man sie in eine Sprache umsetzt, die die Leute verstehen. Und sie wissen, was für eine starke Macht das Internet ist, das muss unerträglich für sie sein.
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