11. Juli 2005, 00:00 Uhr

Spanien

Tod oder Leben

Von Olaf Ihlau

Massenproteste im Ferienparadies Ibiza: Bedroht oder rettet der Bauboom die Zukunft der Insel?

Ibiza: Eine Insel ohne Staus, mit neuen Marinas und Golfplätzen
DDP

Ibiza: Eine Insel ohne Staus, mit neuen Marinas und Golfplätzen

Es herrscht Krieg auf Ibiza, und das bei elendigen Hitzegraden. Schwitzend, unter dem ohrenbetäubenden Lärm von Trommeln und Pfeifen, schieben sich Tausende Umweltschützer und Urlauber durch die Boulevards von Ibiza-Stadt, um gegen die Bauwut des konservativen Inselrats zu protestieren. 15 Oppositionsgruppen haben ein Manifest gegen die "Zerstörungsmaschinerie" der Balearen-Regierung geschrieben: "Unserem Territorium droht eine tödliche Wunde."

Von "Tod oder Leben" redet auch Stella Matutes, 32, die ebenso schlagfertige wie attraktive Inselrätin für Straßen und öffentliche Bauten. Mit Zwangsenteignungen in über 500 Fällen, die sich auf das Allgemeinwohl und ein Gesetz aus der Franco-Diktatur berufen, will sie den Bau drei- bis sechsspuriger Schnellstraßen durchsetzen, binnen 18 Monaten. Danach nämlich versiegen die Subventionen aus dem Kohäsionsfonds der Europäischen Union, der für Infrastruktur, Transport und Verkehr seit 2000 insgesamt zwölf Milliarden Euro für Spanien bereitstellt.

Matutes' konservative Crew glaubt, dass Ibiza im Wettlauf um den Tourismus am Mittelmeer nur infrastrukturell hochgerüstet mithalten kann: eine Insel ohne Staus, mit neuen Marinas und Golfplätzen: So soll es sein, und dafür tun sich die Modernisierer mit Big Business zusammen.

Die in der "Plataforma Antiautopista" organisierten Umweltschützer und Oppositionsparteien dagegen befürchten, "der Größenwahn in Beton" werde den überwiegenden Teil der zwei Millionen Touristen abschrecken. Denn anders als die sechseinhalbmal größere Schwester Mallorca ist Ibiza ein Zwerg, den Asphaltbänder, 60 neue Urbanisationsanlagen, Hafenerweiterungen und Golfplätze zu erwürgen drohen.

Die weiteste Entfernung auf der nur 570 Quadratkilometer umfassenden Sonnen- und Party-Insel beträgt 35 Kilometer. Wozu da Autobahnen mit Tunnels und Rotunden, die allein bei der Zufahrt zum Flughafen pro Kilometer 31 Millionen Euro kosten? Das fragen sich auch viele der 16.000 ausländischen Residenten, die meisten davon Deutsche. Um Ibizas Charme und Seele machen sich einträchtig Michael Otto vom gleichnamigen Versand und Ex-Rennfahrer Niki Lauda, der amerikanische Schauspieler Tom Hanks und der Regisseur Roman Polanski, Jade Jagger und Jil Sander, die Fußballkünstler Zinedine Zidane und Figo auf ihren Refugien große Sorgen.

"Alles Quatsch", sagt Stella Matutes, "wir haben im Vergleich mit anderen Touristenzentren Spaniens weiterhin den niedrigsten Urbanisationsgrad." Der Vater der Inselrätin, Abel Matutes, 64, rechtfertigt den Straßenausbau sogar mit Fürsorge - "weil wir die höchste Unfallquote von ganz Spanien haben". Viele der Opfer sind Touristen, die nach nächtlichem Disco-Besuch drogenumnebelt verunglücken. Ob denen breite Straßen helfen?

Was für ein Zufall, dass von den Bauprojekten das Firmen-Imperium des Abel Matutes profitieren würde. Denn der ehemalige spanische Außenminister ist der Pate Ibizas. Es gibt kaum etwas auf der Insel, was sein Clan nicht besitzt oder kontrolliert: die Hotel-Front der Playa d'en Bossa, neun Baleària-Fährschiffe, jede Menge Ländereien, dazu Steinbrüche, Baufirmen, Asphaltfabriken, die Milchfarm von Sta. Gertrudis oder auch Europas größte Disco-Paläste "Space" und "Privilege".

Matutes' Vorfahren sind im Zeitalter der Inquisition vom spanischen Festland auf die damals schon toleranten Balearen ausgewandert. Der Großvater und Großbankier brachte 1905, mit einem Motor von Otto/Deutz, den Strom nach Ibiza - "zwei Jahre vor Mallorca", wie Matutes stolz bemerkt. "Unsere Familie stand immer für wirtschaftliche Dynamik hier."

Dass die Demonstranten ihn auf Plakaten als "Bock" oder "Hai" verhöhnten, schert ihn wenig. Stört es ihn wenigstens, dass man ihn den Paten nennt? "Die Leute wissen, dass ich was für sie tue", sagt er kühl. "Wenn schon, bin ich ein guter Pate." Seine Millionen müsse er nicht auf Ibiza verdienen, "die hole ich mir mit meinen Hotels in der Karibik". Dort besitzt Matutes, der auch einmal EU-Investitionskommissar war und die Balearen großzügig bedachte, ein weiteres Imperium.

Tod oder Leben - der Glaubenskrieg um die Zukunft Ibizas ist in vollem Gang. Und das ist nicht gut für den Nimbus der Sonneninsel, die eigentlich fest auf die angebliche Zukunftsvision des Astrologen und Untergangspropheten Nostradamus vertraut. Danach ist Ibiza die "letzte Zuflucht der Menschheit vor dem großen Feuer".


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© DER SPIEGEL 28/2005
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