Von Moritz von Uslar
Ganz hinten in der Hotelhalle, wo unter dem Porträt von Kaiser Wilhelm II. ein Kaminfeuer brennt, da sitzen die zwei Damen, beide um die 50, mit ein bisschen zu viel Kajal um die Augen und ein bisschen zu kurzen Röcken; und sie warten auf den Sänger, der hier abends immer noch sein Kräuterteechen trinken soll. Aber Udo erscheint nicht.
Der Sänger, der schon lange keinen Nachnamen mehr braucht, weil seit Jahrzehnten geklärt ist, dass nach Udo entweder Jürgens (deutscher Schlager) oder Lindenberg (deutscher Rock und Schlager) kommt - er sitzt nebenan im Chinarestaurant und verhandelt mit dem Vertreter einer Reederei über eine Atlantikreise auf einem Kreuzfahrtschiff. Es wird darauf hinauslaufen, dass Udo zu einem fairen Preis reist und ein paar Freunde mitnehmen kann und sich dafür, wenn ihm danach ist, in der Bordbar ans Piano setzt, ein paar Witzchen erzählt und seine Evergreens singt. Cooler Deal.
Frühjahr 2008, aus dem Alltag des dienstältesten deutschen Popstars: In dieser Woche erscheint das neue Udo-Album, "Stark wie Zwei". Es ist laut Wikipedia sein 41. Album, das erste mit neuen Songs seit acht Jahren und, um es gleich zu verraten, das wohl beste Udo-Lindenberg-Album seit drei Jahrzehnten.
Ende März wird der Popstar dann die Single "Wenn du durchhängst" vor einem Millionenpublikum bei "Wetten, dass ...?" vorstellen, und im Oktober geht es mit den neuen Songs auf große Tournee.
Das wahrhaft gelungene Kunstwerk, so das romantische Kunstideal, ist klüger als der Künstler, der es geschaffen hat. Und: Gelingen kann nur das Kunstwerk, das der Künstler selber nicht ganz begreift.
Wäre es also denkbar, dass Udo nur ahnt, was ihm mit dem neuen Album aller Voraussicht nach gelungen ist, nämlich das Comeback und der überfällige Eintritt in sein Spätwerk? Es ist denkbar.
Wenn der Popstar heute im Sessel sitzt und aus seinem Leben erzählt (oder auf der Bühne in sentimentalen Balladen davon singt), dann wirkt diese Karriere nicht wie nun beinahe 40 Jahre alt, sondern so alt wie ein ganzes Jahrhundert.
Der Popstar Udo kommt nicht von früher, sondern von ganz, ganz früher - damals, als das Fernsehen noch schwarzweiß und der Spießer noch keine eher liebenswerte Minderheit, sondern die miese, gemeine, bekämpfenswerte Masse war. Gegen den Muff, die Enge, Tristesse und Borniertheit der westdeutschen Kleinstadt wehrte sich dieser Udo, 1946 im westfälischen Gronau geboren, mit dem Rock, der von der Straße kam, mit asozialen Gitarren, asozialen Lederhosen und asozialen Sprüchen.
Die Udo-Karriere im Rückblick: 1972 erschien sein erstes deutschsprachiges Album, "Daumen im Wind", im Jahr darauf "Alles klar auf der Andrea Doria", das Pionierwerk, der Meilenstein, der die Unerhörtheit durchsetzte, dass Poptexte gleichzeitig deutsch und cool klingen können.
Ach, die Udo-Sprüche, diese wunderbar frische, freie, himmlisch verquere, damals wie heute absolut voll danebene Phantasiesprache! Er kommt eben aus der Zeit, als die coolen Sprüche noch nicht Sache der Werbung und des FDP-Generalsekretärs, sondern Eigentum einer rebellischen Jugend waren. Das muss noch schön und wirklich aufregend gewesen sein. Die Stimme auf den alten Udo-Songs erzählt, wie einsam, unverträglich, verlegen und verletzbar der Popstar mit seinem merkwürdigen Easy-Deutsch in der alten Bundesrepublik herumgestanden hat.
Mit dem Blick von heute wird klar, dass Udo in den frühen Siebzigern seine stärksten Alben aufgenommen hat. In den achtziger Jahren entdeckte er den Song mit der oft allzu direkten politischen Aussage (gegen Krieg, Nazis, Honeckers SED-Regime). In den neunziger Jahren blieben, nach einem Popularitätsaufschwung durch die Wende, bald die großen Erfolge aus, und Udo entwickelte sein Talent im (immerhin erstaunlich gut verkäuflichen) Udo-Typen-mit-Knollnasen-Malen.
Der musikalische Tiefpunkt war tragischerweise ausgerechnet mit einem Bestof-Album erreicht ("Panikpräsident", 2003), einer Neueinspielung der Hits, mit der ein Karriereneustart à la Nena versucht werden sollte: Powerrock, dem aller Swing, die Ironie und Leichtigkeit der frühen Jahre fehlten. Mit schwindender musikalischer Bedeutung wuchs die Anerkennung von staatlich-offizieller Seite: Das Bonner Haus der Geschichte richtete eine Udo-Ausstellung aus.
Die bange Frage, die Udo Lindenberg damals aufwarf, lautete: Wie soll ein Rockstar noch rockende Songs abliefern, wenn ihn sogar Bundespräsidenten wegen seiner Verdienste um die Toleranz, Verständigung und die Sprache gelobt haben?
Der Popstar hat mittlerweile am Kamin Platz genommen, er trinkt sein Teechen, und die zwei Damen starren ihn unverhohlen und mit offenem Mund an: Dieser Udo sieht ja in echt genau wie Udo Lindenberg aus! Hut, Sonnenbrille, hängende Unterlippe. Er ist der Popstar, den Kinder malen können.
Da liegt er, tief im Sessel, breitbeinig und mit einem angespannt federnden Knie, wie so ein Teenager, Bahnhofs-Django, Chefrocker, Spießerschreck, Udo-Darsteller - als hätten wir 1976 und der Popstar müsste immer noch Omis mit seinen hauteng sitzenden Lederhosen erschrecken gehen.
Und der Besucher begreift: Dieser Udo kann, anders als sein Kollege Herbert Grönemeyer, nicht einmal so tun, als sei er ein normaler Mensch geblieben, das geht überhaupt nicht! Er hat als Clown, Astronaut, Außerirdischer angefangen, und das muss er auch bleiben: Freakvater des deutschen Pop.
Auf dem neuen Album haben die Musiker, die Udo in den vergangenen Jahren als Freunde gewonnen hat, mitgewirkt: der Rapper Jan Delay, der Komiker Helge Schneider, Trompeter Till Brönner, die Deutschrock-Heulsuse Stefanie Kloß von Silbermond, der Gitarrist der Band Juli, die große Dame der deutschen Popmusik, Annette Humpe, eine alte Weggefährtin Lindenbergs. Es ist, trotz dieses Staraufgebots, kein Feuerwerk, keine Show, kein Angeberalbum geworden, sondern ein merkwürdig stilles und intimes Werk.
Auf 14 Songs variiert der Sänger seine Themen: Frauen und die Furcht vor Frauen, Wonnen und Tücken des Alkohols, die Kumpelfreundschaft, auf die in Ewigkeit Verlass ist, die Kurven der eigenen Biografie, den Tod, das Alter. Ein Song mit direkter politischer Aussage kommt nicht vor. Es gibt den verwackelten, aus der Hüfte heraus getexteten Vierzeiler: "Wenn du Trouble hast / Mehr geht nicht als wir zwei / Dann sag ich: Bleib mal cool / Selbst der härteste Scheiß geht irgendwann wieder vorbei." Und es gibt, wie im Duett mit Jan Delay, den Udo-Claim, von dem man sich fragt, wie viel Whisky der Mensch eigentlich trinken muss, um auf so eine Zeile zu kommen: "Eigentlich bin ich ganz anders / Ich komm nur viel zu selten dazu."
Auffällig gut ist vor allem der Sound der neuen Platte. Ganz gleich, wie sehr ein Smash-Hit wie "Mein Ding" ins Ohr, ins Radio und in die Hitparaden drängt, an keiner Stelle klingt dieser Song peinlich. Vorstellbar ist, dass der junge Hipster aus der deutschen Großstadt sich einen Udo-Song auf den iPod lädt. Und das würde ja nun wirklich etwas bedeuten.
Hinter dem Wunder des neuen Udo-Sounds steht der Produzent Andreas Herbig, 41, zuletzt mit dem Annette-Humpe-Projekt Ich + Ich erfolgreich. Herbig hat seinem Schützling Udo sein Comeback organisiert, wie das einst die Produzentenlegende Rick Rubin mit dem erschöpften Countrystar Johnny Cash getan hat: Die Idee war, dass der Produzent im Studio der Boss ist und den Sänger nur für den Take reinholt, für den er ihn braucht.
Herbig, der sich als Fan der frühen Udo-Platten outet, erklärt: "Der erste Impuls von Udo geht immer dahin, dass er die laute, die große Rockshow will. Ich finde aber, dass Udos Stärke bei der kleinen, der sehr persönlichen Erzählung liegt."
Der Produzent beherrscht die Kunst des Weglassens: keine Sampler, keine Schnipsel aus den Sound-Bibliotheken. Wenn die Gitarren lärmen, dann klingen sie jetzt weniger oft wie Peter Maffay, öfter wie T. Rex - ein warmer, unfertiger, holpriger Sound, jenseits der prolligen Bizeps-Riffs. Vielleicht ist Udos Lebensproblem - dass er musikalisch vor Punk, also im Größenwahn-Rock der späten Siebziger, steckengelieben ist - überwunden: Der Produzent hat ihn da rausgeholt.
Vor 20 Jahren, als HipHop und elektronische Beats die avancierte Kunst bildeten, hätte der Hörer das "Handgemachte", den live eingespielten Sound, als reaktionär abgelehnt. Heute geht es wieder. Heute klingt der neue Udo-Sound vor allem deshalb, weil er gekonnt auf alt macht.
Und Udos Stimme hat sich verändert: Sie will nicht mehr so viel. Sie klingt jetzt lässig alt. Es singen Zuversicht, Gelöstheit, die totale Entspannung.
Wie ist es möglich, dass der Popstar nach achtjähriger Schaffenspause noch einmal so grandios hinlangt? Grinsender Udo. Zu dieser Frage fällt ihm jetzt komischerweise und sympathischerweise überhaupt nichts ein.
Der Popstar sagt nun Leersätze in der typischen Udo-Schubidu-Nuschel-Diktion auf. Frage: Weshalb gibt es überhaupt ein neues Udo-Album? Antwort Udo: "Ich hörte überall, von den Kleinkindern bis zu den Greisen, den Ruf der Straße: Geben Sie uns neuen Stoff! Das war die kollektive Sehnsucht, Forderung, eine Art Volksbegehren." Das Geheimnis eines guten Liedtextes? "Nüchtern geschrieben, breit gegengelesen. Oder andersrum." Die Idee der neuen Platte? "Ein neues Gefieder, ein neues Sound-Gewand für die Nachtigall. Kann man das so sagen?" Das kann man - als Udo - natürlich exakt so sagen.
In der Hotelhalle wendet er sich nun seinen Fans, den zwei wartenden Damen, zu: unangestrengt freundlich.
Die eine erklärt, dass Udos Songs für sie immer Trost bedeutet haben. Der Popstar nickt. Und nun lässt er für die Damen Champagner und für sich selbst noch einen Kräutertee kommen.
© DER SPIEGEL 13/2008
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