Von Markus Brauck
Wenn man die Größen von ARD und ZDF danach fragt, was eigentlich das Tolle an einer öffentlich-rechtlichen Anstalt sei, dann gibt es zwei mögliche Antworten. Eine offizielle und eine inoffizielle.
Die eine steckt voller großer Vokabeln wie "Qualität" und "Demokratie", "öffentlicher Auftrag" und "Unverzichtbarkeit", sie strotzt vor Zitaten aus hoch- und höchstrichterlichen Urteilen.
ZDF-Intendant Markus Schächter trägt sie auf den Podien der Republik genauso unfallfrei vor wie der ARD-Vorsitzende Fritz Raff.
Die andere Antwort ist zwar nur inoffiziell, aber dafür auch viel simpler. Sie lautet: Geld muss nicht erst verdient werden. Es ist schon da.
Sie müssten, erzählen die öffentlichrechtlichen Manager schon mal im kleinen Kreis, im Gegensatz zu den Kollegen von den Privatmedien überhaupt nicht darüber nachdenken, ob sich das, was sie machen, irgendwann einmal rentiert. Das sei ein Vorteil, sagt ein ARD-Mann lächelnd, den er im Internet natürlich voll ausspielen könne.
Es ist sehr viel Geld, von dem hier die Rede ist, von mehr als sieben Milliarden Euro, die ARD und ZDF jährlich kassieren. Dieses Gebührengeld soll künftig nicht mehr allein dazu dienen, eine Fernsehalternative zu den Privatsendern zu finanzieren. ARD und ZDF wollen es viel stärker als bisher einsetzen, um den noch jungen journalistischen Angeboten im Internet Konkurrenz zu machen, den Online-Auftritten von "FAZ", "Süddeutsche Zeitung" und zig Regionalzeitungen, den Portalen von "Focus", "Stern" und SPIEGEL.
Das hat seinen Grund. Die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sender wurmt es ziemlich, dass etwa die Seiten heute.de und tagesschau.de für das Internet nicht annähernd die gleiche Bedeutung haben wie "Tagesschau" und "heute" für das Fernsehen.
Jede Prognose darüber, dass die journalistische Bedeutung des Web zunimmt, weckt ihre Zukunftsangst, und die wächst immer weiter mit jedem Jahr, in dem die Benutzerzahlen des Internet steigen, mit jeder neuen Untersuchung über das Medienverhalten junger Menschen, die sich vom Fernsehen ab- und dem Internet zuwenden. "Wer nicht ins Netz geht, geht ins Museum", formuliert ZDF-Intendant Schächter sarkastisch.
Was sich die öffentlich-rechtlichen Sender in so einer Lage wünschen, ist nicht schwer zu erschließen. Sie würden die publizistische Dominanz, über die sie am Fernsehmarkt verfügen, am liebsten auch auf das Zukunftsmedium Internet ausdehnen.
"Das Internet gehört allen", hat der ARD-Vorsitzende Raff als Parole ausgegeben, und darunter versteht er längst nicht mehr nur, dass ARD und ZDF ihre TV-Sendungen auf Abruf ins Internet stellen können. Es ist auch nicht mehr genug, dass sie zu diesen Sendungen weitere Informationen im Netz anbieten dürfen. Das wäre für Raff "medientechnisches Mittelalter". ARD und ZDF wollen mehr.
Sie wollen im Internet journalistisch alles machen, was möglich ist. Video, Radio und - da wird es knifflig - auch Text. Mit einem riesigen Apparat im Rücken und einer Heerschar von Journalisten auf Abruf.
Im Grunde wollen sie im Internet betreiben, was ihnen auf Zeitungspapier bisher verwehrt ist. Sie wollen Textjournalismus machen. Sie wollen Presse sein. Elektronische Presse. Mit Gebührengeld bezahlte öffentlich-rechtliche Presse im Internet.
Es ist klar, dass die deutschen Zeitungsverleger Sturm laufen gegen solche Pläne. Sie sehen ihre eigenen Internet-Projekte bedroht.
Auch die Zeitungsverleger sind voller Zukunftszweifel angesichts des schleichenden Bedeutungsverlustes der gedruckten Tageszeitung. Sie schauen sorgenvoll in die USA, deren Papierjournalismus eine massive Krise durchzittert. Auch für die Verleger gibt es auf Dauer keine Alternative, als ihr Glück im Internet zu versuchen.
Und ausgerechnet auf der Informationsplattform der Zukunft sollten die Öffentlich-Rechtlichen ihre finanzielle Übermacht ausspielen dürfen? Schon mit einem Bruchteil ihrer Etats könnten ARD und ZDF rasch dominant werden und die wachsende journalistische Vielfalt allmählich ersticken.
Seit Monaten schwelt der Streit über dieses Thema. Doch richtig giftig wurde er erst vor zwei Wochen. Da gelang es der Lobby der Zeitungsverleger, in einem Entwurf für eine anstehende Änderung des Rundfunkstaatsvertrags einen Satz unterzubringen, den sich die Verleger dort seit Monaten hineinwünschen. Es ist ein Satz, der für ARD und ZDF festschreibt: "Eine elektronische Presse findet nicht statt."
ZDF-Intendant Schächter war darüber so empört, dass er die Autoren des Entwurfs bei den im eigenen Haus organisierten Mainzer Tagen der Fernsehkritik donnernd "unter Zensurverdacht" stellte.
SWR-Intendant Peter Boudgoust, in der ARD zuständig für die Internet-Strategie, brachte seinen Rundfunkrat gar dazu, öffentlich in Stellung zu gehen gegen den Entwurf der Politik. Die Wächter stellten ihm in schönstem Kanzleideutsch einen Freifahrtschein aus: "Der Rundfunkrat unterstützt den Intendanten nachhaltig in seinem Bemühen, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Möglichkeit zur Erfüllung seines dynamischen Auftrags gerade im Online-Bereich zu erhalten."
Es ist exakt dasselbe Gremium, das nach den Plänen der ARD künftig darüber wachen soll, ob ein neues Internet-Angebot des SWR öffentlichen Mehrwert hat oder nicht.
Bisher hatten ARD und ZDF hauptsächlich versucht, den Argwohn der Verleger mit Kuscheloffensiven und Umarmungstaktik zu ersticken. Besonders Boudgoust, der im Jahr 2009 ARD-Vorsitzender werden soll, hat darin inzwischen eine gewisse Meisterschaft entwickelt. Interessengegensätze schleift er gekonnt weg, wenn er Sätze sagt wie: "Es kann gar nicht genug Qualitätsjournalismus geben."
Ein durchsichtiges Manöver
Im Internet wüchsen die journalistischen Disziplinen ohnehin zusammen, und Videos stünden gleichberechtigt neben Textbeiträgen, sagt er. Da noch zwischen Text- und Bewegtbildjournalismus zu unterscheiden sei doch von gestern.
Doch so einfach ist es nicht. Denn auch wenn im Netz alle alles machen, sind die Zeitungsverleger gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen in einem Punkt stets im Nachteil: Sie können keine Gebühren verpulvern.
Jeder Euro, den sie in ihre Online-Angebote stecken, muss entweder am gleichen Platz über Werbung finanziert oder von den Gewinnen der Zeitungen und Zeitschriften alimentiert werden. Zurzeit ist es meist ein Zuschussgeschäft. Wenn die Gebührenriesen ARD und ZDF dort mit ihrer geballten Kraft einsteigen, könnte das auch die bisher erfolgreichen Angebote von Verlagen durcheinanderrütteln.
Die Burda-Managerin Christiane zu Salm sieht die öffentlich-rechtliche Aufgabe vor allem darin, Angebote bereitzustellen, die auf dem freien Markt nicht zu finanzieren seien. Textangebote wie tagesschau.de oder manches Ratgeber-Angebot stünden jedoch in Konkurrenz zu privaten Angeboten.
Doch Boudgoust glaubt an die Gemeinsamkeit. Und so war er auch der Urheber einer Idee, die vielleicht nur eine besondere List war. Schon vor Monaten lockte er die Zeitungsverleger mit einer Kooperation. Er regte an, dass sie für ihre Internet-Auftritte öffentlich-rechtliche Bewegtbilder nutzen könnten. Das war ein guter Köder für die Presse. So einfach würden die Zeitungen nirgendwo anders an qualitativ gleichwertige Videoclips kommen.
Zuerst griff die WAZ zu. Weitere Verlage wollen folgen. Auch die "Süddeutsche Zeitung"("SZ") liebäugelte lange mit einer ZDF-Offerte, um sich dann aus den Verhandlungen zurückzuziehen.
"Das ist ein durchsichtiges Manöver", sagt Richard Rebmann, Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medien Holding (SWMH), zu der die "SZ" gehört. Er zog die Notbremse. "Die Öffentlich-Rechtlichen versuchen mit diesem Angebot doch nur, unseren Argumenten gegen eine öffentlich-rechtlich elektronische Presse die Grundlage zu entziehen." Zumindest sein Verlag wolle sich "publizistisch in keiner Form alimentieren lassen".
Doch eine so klare Kante wie die SWMH zeigen nur wenige Verlage. Nicht einmal die großen. Im Springer-Verlag hat man sich noch keine abschließende Meinung gebildet. Holtzbrinck verhandelt derzeit für die Wochenzeitung "Die Zeit" über eine Kooperation mit dem ZDF.
Kaum einer traut sich wirklich aus der Deckung. Einerseits will kein Verlag ARD und ZDF in die Hände spielen. Andererseits möchte auch kaum einer am Ende als der Dumme dastehen, der nicht aus dem vollen Bewegtbild-Pool der Öffentlich-Rechtlichen schöpfen kann.
Drinnen verhandelt man. Draußen beharkt man sich. Man schenkt sich nichts.
Kein Termin wird ausgelassen, um aufeinander einzuprügeln. Auch an diesem Montag, wenn sich die ARD-Intendanten in Bonn treffen, werden sie wieder den drohenden Untergang der Kultur an die Wand malen, sollte man ihnen im Internet nicht freie Bahn lassen.
Unterstützung bekommen sie zurzeit vom rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD). Er will für das Internet "eine Insel, wo die Nutzer Qualität finden können. Deshalb müssen auch ARD und ZDF mit Public Value im Netz vertreten sein". Aus der Bayerischen Staatskanzlei schallt es zurück: "ARD und ZDF sind nicht die alleinigen Garanten für Qualitätsjournalismus in Deutschland", sagt Staatsminister Eberhard Sinner (CSU).
Mit Formulierungen von den "Inseln" oder "Leuchttürmen" der Qualität wagen sich die Öffentlich-Rechtlichen weit vor. Die Skandale um Schleichwerbung oder um die übergroße Nähe zum Radsport, um Interviewverträge mit Jan Ullrich sind so lange auch noch nicht her. Ganz abgesehen von fragwürdigen Aktionen wie der Verpflichtung von Bruce Darnell fürs Erste.
ARD und ZDF übertragen ihre öffentlich-rechtliche Überheblichkeit in Sachen Qualität ziemlich simpel vom Fernsehmarkt aufs Internet, wo sie nicht mehr nur RTL und Sat.1, N24 und N-tv begegnen, sondern der "FAZ" und dem "Stern", der "Süddeutschen Zeitung" und dem SPIEGEL.
Doch die ARD präsentiert sich unverdrossen auf diese Weise. Etwa auch in einem aktuellen Schreiben an die Europäische Kommission. Dort heißt es, der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse im Internet gestärkt werden, vor allem "seine Rolle für die Demokratie, den sozialen Zusammenhalt, Bildung, Kultur und lebenslanges Lernen". Der Grund: "Die kommerziellen Veranstalter" zögen sich "aufgrund ihrer speziellen ökonomischen Motivationslage aus der gesellschaftlichen Verantwortung" zurück. So ähnlich zieht sich das seitenlang durch den Text.
Für Blätter wie "FAZ" oder "Süddeutsche Zeitung", die ja auch "kommerzielle Veranstalter" sind, muss das wie Hohn klingen.
Es ist das Weltbild des dualen Systems, in dem die öffentlich-rechtlichen Anstalten sich für den letzten Fels halten, umtost von einer Brandung des Blödsinns und der Verflachung. Doch ob man ARD und ZDF im Internet in dieser Rolle überhaupt braucht, ist fraglich. Diese Rolle füllen dort schon andere aus.
Der Medienwissenschaftler Robin Meyer-Lucht sieht ziemlich illusionslos, was geschehen würde, wenn man ARD und ZDF freie Bahn geben würde: "Sie werden im Internet einfach die erfolgreichen Angebote schlecht kopieren, so wie sie im Fernsehen ja auch ,Wer wird Millionär?' einfach nachgemacht haben mit ,Das Quiz mit Jörg Pilawa'."
© DER SPIEGEL 16/2008
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