11. August 2008, 00:00 Uhr

Kunst

Ein Ego wie van Gogh

Von Ulrike Knöfel

Die exzentrische Britin Tracey Emin ist die größte Diva der Kunstszene, bekannt wegen ihrer vielen Skandale. In ihren Werken hat sie radikal das eigene Leben zum Thema gemacht. Mit einer Schau in Edinburgh feiert sie sich selbst - und beweist, dass sie das Zeug zur Legende hat.

Die schottische Nationalgalerie in Edinburgh: ein echter Palast, wuchtige Säulen, eine würdige Aura. Eine Meute von Fotografen wartet auf die berüchtigtste Frau der gesamten Kunstwelt, die Britin Tracey Emin.

Auf dem gigantisch großen Poster, das ein Mann gerade von einer furchterregend hohen Leiter aus an die Wand der Eingangshalle klebt, sind immerhin schon einmal die nackten Beine und der spärlich verhüllte Po der Künstlerin zu sehen.

John Leighton, der Direktor der Nationalgalerie, erklärt vorsichtshalber, ein Museum sei ja keine Kirche.

Dann erscheint, in Cowboystiefeln zum kurzen Rock, Emin selbst. Sie sammelt sich einen Moment, verzieht den Mund zu dem für sie typischen schiefen Grinsen und erlaubt ein paar Fotos. Anschließend redet sie über ihre Werke, etwa über "Automatic Orgasm", und darüber, wie großartig Sex sein könne, "als würde einem das Gehirn weggepustet".

Kurz: Sie erfüllt alle Erwartungen.

"Tracey Emin 20 Years" heißt die Ausstellung, mit der sie eine Art Dienstjubiläum zelebriert. Rechnerisch stimmt da etwas nicht, denn erst vor sechs Jahren beging sie im Stedelijk Museum in Amsterdam "Ten Years Tracey Emin". Aber was soll's.

Das Publikum reagiert auf alle Marotten seiner Lieblingsdiva mit Nachsicht. Sie benimmt sich nach dem Geschmack der Öffentlichkeit - das Temperament zu laut, das Dekolleté gern zu tief.

Die Leute von der Nationalgalerie umschwirren sie so ehrerbietig, als stünde die Queen vor ihnen. Direktor Leighton hat bis vor ein paar Jahren das Van Gogh Museum in Amsterdam geleitet. Er gibt zu, dass er die für "britische Verhältnisse sehr direkte Kunst" Emins zuerst nicht besonders schätzte, bis er vor sechs Jahren die Schau im Stedelijk Museum sah - und gewahr wurde, "dass sie das Gleiche macht wie van Gogh, nur mit anderen Mitteln. Sie bringt das gleiche große Ego zum Ausdruck".

Emin als neuer van Gogh, nur lebenslustiger? Mit dem derb Emotionalen, dem scheinbar Unintellektuellen hat sie jedenfalls maßgeblich dazu beigetragen, die Kunst der Gegenwart von dem Ruf des Spröden und Elitären zu befreien.

Erstaunlicherweise ist die Schau in der schottischen Bilderbuchstadt ihre erste große Überblicksausstellung in einer staatlichen britischen Institution. Von Edinburghs seriösem Ruf kann die in London lebende Emin durchaus profitieren. Sie sieht es locker: "Schottland ist bereit für mich, yeah."

Dass Emin, 45, aber eben auch einen großen Unterhaltungswert hat, lenkt viel zu oft von ihren großen Talenten als Künstlerin ab, bisher jedenfalls.

Sie ist natürlich nicht unschuldig an ihrem Image, und sie genießt auch jetzt den Trubel. Zur Party am Tag nach der Eröffnung reisen der Kinostar Orlando Bloom und ein paar andere prominente Kumpel an. Einer ihrer engsten Freunde ist der amerikanische Maler und preisgekrönte Filmregisseur Julian Schnabel, der bei Festen oft im bunten Pyjama herumläuft und Emin dafür schätzt, dass an ihr alles wahrhaftig sei. Natürlich steht auch er auf der Gästeliste.

In ihrer Heimat kennt Emin jeder, seit sie es fertiggebracht hat, sichtlich betrunken an einer TV-Diskussion teilzunehmen. Bei einem exklusiven Sommerfest einer Londoner Kunstinstitution fing sie auf der Damentoilette einen Streit an - und wurde laut Presseberichten so ausfallend, dass sich die Polizei meldete.

Die Würdigungen fielen im Vergleich dazu weniger auf. Das Museum Tate Britain hat einige ihrer Arbeiten in die Dauerpräsentation aufgenommen. Im vergangenen Jahr durfte sie ihr Land auf der Biennale von Venedig repräsentieren. Eine große Ehre - doch die Zeitungen des Königreichs berichteten lieber, wie schwierig es angeblich war, für Emin eine passende Unterkunft zu finden. Eine leitende Angestellte des British Council musste die Fünfsternehotels auf dem Lido abklappern und die Fadendichte der Bettwäsche prüfen.

Im Pavillon der Briten hat sie Gemälde und Zeichnungen gezeigt, die in ihrer drastischen Obszönität an die Blätter des Expressionisten Egon Schiele erinnern. Sie wirken nur reduzierter, rauer. Doch erst nach der Biennale hat sich allmählich das stärkere Bewusstsein herausgebildet, wie bedeutend ihr Werk wirklich ist.

Mehr noch als ihr Auftritt in Venedig zeigt nun die Schau in Edinburgh, wie vielfältig und zugleich in sich geschlossen der Kunstkosmos der Tracey Emin ist. Es ist ein eindringlicher Parcours durch ihr Schaffen. Sie, die als wichtige Vorbilder die beiden extrem unterschiedlichen Künstler Joseph Beuys und Andy Warhol nennt, hat ihre eigene unverwechselbare Bildersprache entwickelt - und das, versichert sie, sei immer ihr wichtigstes Ziel gewesen.

Durch ihre Retrospektive wird deutlich, dass auch sie das Zeug zur kunsthistorischen Legende hat. Schon jetzt orientiert sich der Nachwuchs an ihren Themen, ihrer Ästhetik, die oft gleichermaßen brutal und sensibel, kitschig und ernst wirkt.

Emins erster Karriereschub lässt sich so zusammenfassen: Anfang der neunziger Jahre hörte die unbekannte Nachwuchskünstlerin in ihrem Atelier die Musik von David Bowie. 1997 wurde sie von Bowie für ein Kunstmagazin interviewt.

Damals, in den Neunzigern, gehörte sie zum Kreis der Young British Artists, der jungen Wilden aus London, die Cool Britannia verkörperten. Die lösten mit ihren Provokationen selbst im abgehärteten New York noch Skandale aus: mit Damien Hirsts zerschnittenen Haien, Chris Ofilis Elefantendung-Madonnen, Marcus Harveys gespenstischem Porträt einer Kindsmörderin.

Damien Hirst, der den Anführer spielte, schien lange alle anderen Brit-Künstler zu überstrahlen. Er trat am großspurigsten auf, soll die meisten Drogen konsumiert haben. Beides weckte nachhaltiges Interesse. Nur hat er sich inzwischen zu einer Art Veteran entwickelt, dem es nur noch darum geht, bloß nicht in Vergessenheit zu geraten.

Zuletzt sorgte er für Aufruhr in der Medienlandschaft, weil er einen Totenkopf mit hochkarätigen Diamanten spickte und so - bezogen auf die Materialkosten - das teuerste Kunstwerk aller Zeiten schuf. Dann kam heraus: Dem Konsortium, das seine Schöpfung für 75 Millionen Euro erwarb, gehörte er selbst an.

Emins Arbeiten sind demgegenüber nicht besonders kostspielig in der Herstellung, sie wirken sogar oft betont schäbig, aber sie hat einfach das aufregendere Thema - sich selbst.

Sie scheint nun erst so richtig loszulegen, "die nächsten 20 Jahre werden spannend", sagt sie, und es klingt fast wie eine Drohung. Schon jetzt hat sie Hirst künstlerisch überholt, er ist hochpreisiger, sie erweist sich als maßgeblicher.

Natürlich könnte auch sie sich auf den alten Erfolgen ausruhen. Einige ihrer frühen Werke gelten geradezu als Ikonen der Gegenwartskunst.

Da wäre zum Beispiel ihr altes Bett, dekoriert mit Wodkaflaschen, Arzneischachteln, Kondomen. "My Bed" gehört dem Londoner Sammler Charles Saatchi. Früh hat der ehemalige Werbeprofi das Potential der Young British Artists erkannt, er war ihr Großabnehmer, er hat sie regelrecht vermarktet. Sie haben von ihm gelernt.

In seinem Besitz befand sich auch das blaue Zweimannzelt, auf dem Emin die Namen all der Personen aufgelistet hatte, "mit denen ich je geschlafen habe". Das waren Menschen, neben denen sie einfach in einem Bett gelegen hat, aber auch viele Liebhaber, 102 Namen insgesamt.

Als 2004 die Halle abbrannte, in der viele von Saatchis Schätzen eingelagert waren, ging auch dieses Werk in Flammen auf. Auf allen Kanälen wurde darüber berichtet, viele, auch die BBC, trauerten insbesondere Emins Zelt als einem der wichtigsten "modernen Klassiker" nach, der nun unwiderruflich zerstört sei.

Saatchi habe ihr mittlerweile eine Million Pfund geboten, damit sie das 1995 entstandene Werk rekonstruiere, sagt die Künstlerin, aber sie habe abgelehnt. Warum? Sie fühle einfach nicht mehr dasselbe wie 1995.

Symbiose von Kunst, Hollywood und Laufsteg

Vieles von dem, was sie mit ihren Videos, in ihren Installationen und Bildern darzustellen versucht, wirkt - und das ist die mutige Absicht - peinlich privat und unzulässig intim, oft auch tragisch. Es sind Geschichten und Dramen aus ihrem Leben: zu viel Teenager-Sex, eine Vergewaltigung, Schulabbruch mit 13, Alkoholexzesse, Abtreibungen, ihre Beziehungen, ihre Liebschaften.

Als Kunst sieht das oft so aus: Emin nackt im Atelier, Emin nackt und schreiend in der Landschaft, Emin im Gespräch mit ihrer Mutter Pam. Doch es gibt längst die sprödere Emin, gewissermaßen den Beuys in ihr: als Selbstporträt eine Blechwanne mit Stacheldraht oder die Achterbahn aus Holz, die sie "Das ist nicht die Art, wie ich sterben will" genannt hat.

Wer sich mit ihrer Kunst beschäftigt, glaubt, alles über sie zu erfahren. Sie und ihr Zwillingsbruder sind das Resultat eines Seitensprungs. Ihre Kindheit und Jugend verbrachten die beiden in der trostlosen Küstenstadt Margate. Ihr Vater, ein türkischer Zypriot, pendelte zwischen zwei Familien. Stets fühlte sie sich als Außenseiter, das hat viel ausgelöst.

Niemand sonst geht so geschickt um mit Kategorien wie Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung. Damit hat Emin das große Thema der Zeit besser als jeder andere erfasst. Bei ihr ist das Private nicht politisch, aber das Autobiografische sehr öffentlich. Regelmäßig verfasst sie sogar Kolumnen über ihr Leben im britischen "Independent". Sie ist ein Gesamtkunstwerk für die ganze Gesellschaft - aber sie würde nie in Frage stellen, dass gute Kunst über die bloße Exzentrik hinausgehen sollte, dass sie Tiefe besitzen muss.

Dass die Kunst der Gegenwart längst die Massen anzieht und dabei auch viele Menschen, die Museen früher für Orte der Langeweile und Lebensferne hielten, ist ihr zu verdanken. Sie hat insbesondere beim jungen Publikum die Hemmschwellen gesenkt - auch wenn Zuschauer unter 16 ihre Ausstellung nur in Begleitung Erwachsener besuchen dürfen.

Sie steht ebenso für die neue Symbiose von Kunst, Hollywood und Laufsteg. Heute lassen sich auf den Kunstmessen Schauspieler wie Brad Pitt sehen oder Models wie Emins gute Freundin Kate Moss.

Vor 20 Jahren studierte Emin in London, "und ich fing an, mir ernsthafte Gedanken über Kreativität zu machen". Bald darauf zerstörte sie ihre Gemälde. Ob sie sich heute erwachsener fühle? "Nein, älter."

Jetzt in Edinburgh braucht sie eine Pause, ein Freund holt sie im Luxus-Cabriolet zum späten Lunch ab. Zur Party am nächsten Tag trägt sie ein kleines Schwarzes, die Stiefel hat sie gegen silbern glitzernde Highheels getauscht.

Emin ist in vielen Rollen gut. Die Regie führt sie lieber gleich selbst.


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