Von Udo Ludwig und Holger Stark
Er hat ja gewusst, als er anfing vor 13 Jahren, dass Unternehmer zu sein mit Risiken verbunden ist. Der harte Wettbewerb, das Finanzamt, säumige Kunden, schlechtes Personal - alles irgendwie kalkulierbar. Aber Piraten?
Niels Stolberg, 47, lässt sich im Büro seiner Beluga Shipping GmbH am Ufer der Weser in eine schwarze Ledercoach fallen. Keine Stunde ist es her, dass der Bremer Reeder seinen Frachter "BBC Trinidad" von Seeräubern am Horn von Afrika freigekauft hat. "Niemand kann sich vorstellen, was wir hier durchgemacht haben", sagt Stolberg.
Er hat die Nacht zuvor so gut wie nicht geschlafen, er hat zu Hause am Laptop den Weg seines Schiffs zur Geldübergabe verfolgt, morgens um fünf ist er ins Krisenzentrum seiner Firma gefahren und hat auf Nachrichten von der Küste Somalias gewartet. Am vergangenen Donnerstag gegen 12 Uhr gaben die Piraten dann das Schiff frei, nach 21 Tagen. Und jetzt weiß Stolberg nicht so recht, was in ihm überwiegt: die Erleichterung oder der Groll.
Denn Stolberg ahnt, was seine Lösegeldzahlung bedeutet. Die Dollarnoten werden von den Entführern in neue Schnellboote investiert, in Waffen und in moderne Technik. Schon in ein paar Tagen werden die Piraten eine noch größere Bedrohung sein. Die Beluga Shipping GmbH hat über 50 Schiffe, und das Horn von Afrika liegt an einer Handelsroute, die kein großer Reeder meiden kann. "Die Piraten werden professioneller, aggressiver, strategisch besser", warnt Stolberg, "wenn wir uns jetzt nicht wehren, wird die Lage immer gefährlicher."
Die Entführungsgeschichte der "BBC Trinidad" ist ein Musterfall der modernen Piraterie. Für die schwerbewaffneten Seeräuber war es spielerisch einfach, den modernen 23 Millionen US-Dollar teuren Frachter unter ihre Kontrolle zu bekommen. In dem wochenlangen Geschacher danach ging es zu wie bei Tarifverhandlungen; es wurde gepokert, getrickst, mit Abbruch gedroht. Der Unterschied: Es ging nicht nur um Geld. Es ging um Leben und Tod. Wenn einer der Beteiligten die Nerven verloren hätte, wären womöglich tödliche Schüsse gefallen.
Die Irrfahrt der "BBC Trinidad", die Röhren und anderes Equipment für die Ölindustrie von Houston in Texas nach Maskat in Oman bringen soll, beginnt am 21. August. Ein chinesisches Schiff, das in Sichtweite fährt, warnt den Kapitän, sein Frachter werde von verdächtigen Booten verfolgt. Das deutsche Schiff, das unter der Flagge des Karibikstaates Antigua und Barbuda fährt, schlägt einen Zickzackkurs ein, muss aber einsehen, dass es den Schnellbooten damit nicht entkommen kann. Als die Piraten in Rufweite sind, feuern sie Gewehrsalven in die Luft und fordern, die Maschinen zu stoppen.
Kapitän Jan Konecny ist Slowake, er hat wenige Wochen zuvor an einem Seminar der Reederei auf der Nordseeinsel Spiekeroog teilgenommen. Es ging dabei auch um das Verhalten bei Überfällen. Er weiß, dass er Ruhe bewahren muss, nicht aggressiv werden darf. Immerhin gelingt es der Besatzung auf der Brücke, jene Taste zu drücken, die eine Elektronik aktiviert, die automatisch den aktuellen Standort des Schiffs nach Bremen sendet.
Neun Somalier entern das Schiff, sieben sind mit Kalaschnikows bewaffnet, zwei tragen Panzerfäuste. Sie nehmen der Besatzung alles ab: Handys, Geld, Proviant. Sie zwingen den Kapitän, sein Schiff in die Bucht vor Eyl zu manövrieren, eine Piratenhochburg, in der schon zahlreiche andere Frachter und Segelboote liegen.
Als Reeder Stolberg vom Kidnapping der "BBC Trinidad" erfährt, richtet er einen Krisenstab ein: Sicherheitsfachleute seiner Firma, zwei Beamte vom Bundeskriminalamt und Experten eines renommierten englischen Sicherheitsunternehmens. Einem Offizier des Schiffs gelingt es, heimlich eine E-Mail zu senden. So erfährt Stolberg von den Umständen der Entführung und dass neben dem Kapitän auch die Crew, Russen und Philippiner, wohlauf sind.
Vier Tage nach der Entführung meldet sich die "BBC Trinidad" über ein Satellitentelefon direkt in Bremen. Der Kapitän gibt das Telefon einem Mann namens Abdi weiter, einem somalischen Vermittler, der behauptet, auch nur "ein Knecht" der Hintermänner zu sein. Er verlangt acht Millionen Dollar Lösegeld. Seine Chefs aus Somalia, fährt er fort, hätten gesagt, wenn die nicht gezahlt würden, würden "sie das Schiff in die Luft jagen". Man verabredet sich, am nächsten Morgen erneut zu telefonieren.
Der Bremer Krisenstab legt eine Strategie für die Verhandlungen fest und die Einstiegssumme. Der deutsche Verhandlungsführer sagt, die Reederei sei noch jung am Markt, man könne nicht so viel Geld zahlen. Das Angebot laute auf 800.000 Dollar. Abdi entgegnet, das sei "unglaublich", viel zu wenig. Diese Zahl werde er seinen Chefs gar nicht erst übermitteln, denn sonst "nehmen sie einige Ihrer Besatzungsmitglieder und könnten sie bestrafen".
Die Entführer lassen das Schiff bis auf vier Meilen an die Küste heranfahren. Sie wollen zeigen, dass sie mit der Besatzung jederzeit alles machen können.
Am folgenden Tag unterbreiten die Deutschen ein neues Angebot. Es liegt einige hunderttausend Dollar über dem alten. Abdi betont noch einmal, er sei nur der Übersetzer. Die Chefs würden neben ihm sitzen, und er könne sagen, dass auch das neue Angebot "nicht akzeptabel" sei. In einem unbeobachteten Moment kann der Kapitän durchgeben, wie gefährlich er die Lage an Bord einschätzt: "Tatsache ist, dass die Drogen nehmen, die essen nichts, die trinken nichts, sondern essen die ganze Zeit grünes Gras. Ich glaube, es ist so etwas wie Koka, und wer weiß, was die tun werden, wenn die verrückt spielen."
Am 27. August bricht die Verbindung nach Somalia immer wieder ab. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, sagt Abdi, dass somalische Piraten zurzeit einige Schiffe gekapert hätten; dort seien "verschiedene Leute ermordet" worden, und sie "werden möglicherweise auch Ihre Mannschaft töten". Aber er verspricht auch, weiter mit den Anführern der Piraten zu verhandeln. Die Bremer locken damit, das angebotene Geld sehr schnell zu besorgen und nach Afrika zu bringen. Jeder Tag, kalkuliert Stolberg, an dem das Schiff festsitzt, kostet ihn 25.000 Dollar.
An Bord wird das Essen knapp, es ist oft an die 40 Grad heiß. Um Wasser zu sparen, wäscht sich die Mannschaft nicht mehr. Der Kapitän gibt durch, dass Abdi über den Stand "sehr, sehr verärgert ist". Abdi sagt, die Chefs würden langsam unruhig. Sie hätten gedroht, "die Crew zu versenken". Abdi deutet aber auch an, dass seine Chefs mit zwei Millionen Dollar zufrieden sein könnten, aber es müsse jetzt schnell gehen. Offenbar um den Druck zu erhöhen, bekommt die Mannschaft einen Tag lang nichts zu essen.
Ungeahnte Hindernisse
Es ist ein eigenartiges Poker. Abdi gibt gegenüber den Entführern vor, die Bremer hätten zwei Millionen Dollar angeboten. Dabei hat die Reederei ihre bisherige Offerte ausdrücklich nicht erhöht. Umso überraschender entwickelt sich der 1. September, zwölf Tage ist die "BBC Trinidad" in den Händen der Somalier. Die Piraten sind mit dem Angebot aus Bremen mit einem Mal einverstanden. Die Bremer rätseln, woher der Sinneswandel kommt. Haben sie Angst vor einer Befreiungsaktion durch die US-Marine? Kalkulieren sie, dass jeder weitere Tag in der Bucht von Eyl sie davon abhält, neue Schiffe zu kidnappen?
Tagelang wird über die Geldübergabe verhandelt. Abdi sagt, es gebe nur die Möglichkeit, die Scheine an Bord auszuhändigen, nur so "können wir unseren Arsch retten". Und dann spricht Abdi noch ein Problem an, ein sehr persönliches. Er sei nur Vermittler, sagt er, und er habe die Piraten von acht Millionen auf gut eine Million heruntergehandelt. "Ich habe sieben Millionen eingespart, daher habe auch ich meinen Preis." Doch die Bremer wollen mehr nicht zahlen. Sie sagen Abdi, er solle versuchen, "einen Teil des Lösegelds zu bekommen".
Stolberg wähnt sich nahe am Ziel, aber es gibt in Deutschland ungeahnte Hindernisse. Die Bremer Landesbank hat nicht genug Dollar vorrätig. Scheine aus Hamburg müssen herangeschafft werden, und weil man auch dort einen Teil der Millionensumme nur mit 20- statt 100-Dollar-Noten auszahlen kann, braucht die Reederei zwei große Pilotenkoffer, um alles zu verstauen. Über die kenianische Hauptstadt Nairobi gelangt das Geld per Helikopter auf einen kleinen Schlepper nach Mombasa. Die englische Sicherheitsfirma transportiert das Lösegeld von dort weiter nach Somalia. Nach sieben Tagen erreicht der Schlepper die "BBC Trinidad".
Donnerstagmorgen vergangener Woche machen zwei Boote an dem Beluga-Schiff fest: an einer Seite ein Schnellboot der Entführer, an der anderen Seite der Schlepper aus Mombasa. Ein Arzt checkt die Besatzung, die Piraten zählen das Geld. Martin, der Chef der Sicherheitsfirma, erkennt die Piraten wieder. Vor einigen Wochen hat er ihnen bereits eine ähnliche Summe ausgehändigt, um das deutsche Schiff "Lehmann Timber" freizubekommen. Die Piraten teilen sich das Geld, verstauen es in 18 Taschen - vermutlich, um damit 18 unterschiedliche Clans zu bedienen. Als sie von Bord gehen, kann die "BBC Trinidad" ihren Weg nach Maskat fortsetzen.
Niels Stolberg hat die Aktion einige Millionen Euro gekostet, einen Teil wird er wohl von der Versicherung zurückbekommen. Aber bereits morgen, sagt er, könnte er den gleichen Verbrechern wieder ausgeliefert sein. "Die Lage am Horn von Afrika explodiert", sagt er, die Handelsschifffahrt brauche dringend von Militärs geschützte Konvois, die die Schiffe an Somalia und Jemen vorbeiführen.
An diesem Montag wird der EU-Rat in Brüssel zumindest die überfällige "Koordinationsmission" beschließen, die den Einsatz der im Golf von Aden patrouillierenden Kriegsschiffe bündeln soll, vor allem französische und spanische Boote sind gemeint. Für Deutschland nimmt Thomas Kossendey, Staatssekretär im Verteidigungsministerium, an der Sitzung teil. Kossendey weiß, dass diese Region weltweit der "Hotspot" ist, doch bislang war er einer der lautesten Gegner einer "spontanen" Rettungsmission der Bundeswehr. Denn Kossendey und sein Minister Franz Josef Jung (CDU) wollen mehr: Sie streben eine Änderung des Grundgesetzes an, das der Marine einen polizeilichen Einsatz bislang untersagt.
So konnte es geschehen, dass die deutsche Fregatte "Emden" zwar monatelang vor der Küste Somalias kreuzte, während verschiedene Frachter geentert wurden, aber nicht eingriff. Die Rechtsgrundlage sei fraglich, gab die Bundeswehr zu bedenken. Wenn die EU nun eine Operation beschließt, geht Staatssekretär Kossendey davon aus, dass sich die Deutschen ab Mitte Dezember an der konzertierten Aktion gegen die Freibeuter beteiligen werden.
Bis dahin aber könnte die Lage weiter eskalieren. Walter Lindner, der deutsche Botschafter in Kenia, kabelte schon vor einigen Wochen einen Appell nach Berlin. Mit den erbeuteten Millionen, so der Vermerk des Diplomaten, werde die stetige Aufrüstung der Seeräuber finanziert. Und allein aus Stolbergs Flotte müssen jede Woche im Schnitt zwei Schiffe die Piratenküste passieren.
© DER SPIEGEL 38/2008
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