20. Oktober 2008, 00:00 Uhr

SPIEGEL-Gespräch

"Wir sind ein Alptraum"

Von Isabell Hülsen und Thomas Tuma

Die "James Bond"-Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson über ihr streng kontrolliertes Familienimperium und die Frage, wie man aus einem Agenten-Macho eine globale Marke macht

SPIEGEL: Mrs. Broccoli, Mr. Wilson, Ihr Vater soll einmal gesagt haben: Solange ihr James Bond nicht zerstört, könnt ihr machen, was ihr wollt!

Wilson: Er hat's ein bisschen anders gesagt: Ihr könnt es vermasseln, aber sorgt dafür, dass es niemand anders tut. Wir sollten Risiken eingehen, aber uns nicht in etwas hineindrängen lassen, das wir für falsch halten. Bond ist so was wie ein Teil der Weltkultur, und wir haben eine Verantwortung dafür ...

SPIEGEL: ... was jetzt arg nach Gralshüter klingt und nach belastendem Erbe.

Broccoli: Ich habe das nie als Belastung gesehen - und meinen Vater immer angehimmelt. Wenn er eine Pizzeria gehabt hätte, würde ich heute eben Pizza backen, statt Filme zu drehen ...

SPIEGEL: ... und statt zum Beispiel gegen enormen öffentlichen Widerstand Daniel Craig als neuen 007 durchzusetzen.

Broccoli: Unser Vertriebspartner Sony hat die Idee letztlich unterstützt und erklärt, wir seien nun mal die "Hüter der Flamme". Aber ehrlich gesagt, haben wir denen bei Craigs erstem Auftritt mit "Casino Royale" auch wirklich viel zugemutet: Das "Bond"-Girl stirbt, es gibt keine Miss Moneypenny, keinen Q. Craig war nur ein kleiner Teil einer großen Revolution.

Wilson: In "Casino Royale" wurde 20 Minuten lang Poker gespielt. Sie können sich nicht vorstellen, wie die Studioleute geguckt haben, als wir denen von unseren Plänen erzählt haben.

SPIEGEL: "Stirb an einem anderen Tag", der letzte "Bond" mit Pierce Brosnan, war 2002 mit einem Umsatz von über 430 Millionen Dollar extrem erfolgreich. Sie hätten all die Risiken nicht eingehen müssen ...

Wilson: ... aber wir haben gemerkt, dass wir in diese Richtung nicht weitermachen konnten. Es war das Ende einer Ära, die mit "GoldenEye" angefangen hatte. Die Filme wurden zu wirklichkeitsfremd. Wir mussten Bond ins 21. Jahrhundert bringen.

Broccoli: Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 ist die Welt viel ernster geworden. Terror war keine Phantasie mehr, sondern real. Und in der Welt der Spionage hat sich gezeigt, dass menschliche Intelligenz das Entscheidende ist, nicht all die technischen Spielzeuge. Dem muss auch der Agentenfilm Rechnung tragen. Das bedeutet: zurück zur Realität, zu Menschen ...

SPIEGEL: ... wie Matt Damon, der als gebrochene Killermaschine mit der "Jason Bourne"-Trilogie globale Kassenhits feierte. Waren die Erfolge dieser sehr rau anmutenden Reihe ein Weckruf für Sie?

Wilson: Ich liebe die "Bourne"-Serie. Aber statt das zu kopieren, sind wir zu unseren eigenen Wurzeln zurückgegangen. Wenn man sich die Kampfszene im Zug in "Liebesgrüße aus Moskau" ansieht, ist das ein sehr brutaler, realistischer Kampf. Als wir analysiert haben, wo wir stehen, haben wir gemerkt, dass wir dahin zurückmüssen.

SPIEGEL: Wie bringt man eigentlich einem Pierce Brosnan bei, dass er nicht mehr der passende Darsteller ist?

Wilson: Wenn Sie nach so langer Zusammenarbeit entscheiden, die Rolle neu zu besetzen, ist das schwierig für beide Seiten. Wir haben uns alle unwohl gefühlt, aber am Ende haben wir geredet - und er hat es verstanden. Wir haben ja nicht gesagt: Du bist gefeuert. Das ist ein längerer Prozess.

Broccoli: Es war sehr schmerzhaft für uns und für ihn. Er hatte ja nichts falsch gemacht.

SPIEGEL: Craig ist ganz anders als Brosnan: blond, wortkarg, bisweilen brutal. Wie viel Veränderung verträgt eine Figur wie Bond? Oder anders: Was muss 007 sein?

Wilson: Das kann man nicht herunterbrechen auf ein paar Punkte nach dem Motto: Er muss Martini trinken und sexy sein. Das sind Oberflächlichkeiten. Es geht um das Innenleben. Jeder Schauspieler, der die Rolle bislang übernahm, hat eine andere Facette von Bond hervor- und seine eigene Persönlichkeit eingebracht.

SPIEGEL: Bond darf töten, betrügen und foltern. Was dürfte er nie?

Broccoli: Ich denke, er ist unkorrumpierbar. Ja, das ist seine wichtigste Charaktereigenschaft. Er wird von seinem eigenen Sinn für richtig und falsch geleitet, auch wenn das nicht immer ganz zu dem passt, was seine Vorgesetzten denken.

SPIEGEL: "Ein Quantum Trost" ist als Fortsetzung von "Casino Royale" angelegt. Das klingt, als bekomme Bond eine Vergangenheit, eine Erinnerung.

Broccoli: Am Ende von "Casino Royale" versteht man, weshalb er so ist, wie er ist, und wie sehr ihn die Sache mit seiner getöteten Partnerin Vesper geprägt hat. Er hat gemerkt, dass ihn seine Gefühle anfällig gemacht haben, betrogen zu werden. Er weiß, dass sein Leben von seiner Intuition abhängt, und fürchtet, sich getäuscht zu haben. Das verletzt ihn. Aber die Lust auf Rache stürzt ihn in einen Konflikt, denn er weiß, dass Rache sein Urteilsvermögen trübt. Die Fortsetzung des Films ist die Lösung dieses Konflikts: Bond erkennt, dass Vesper sich aus Liebe für ihn geopfert hat. So gewinnt er seine Menschlichkeit zurück. Hier könnte die Geschichte aufhören. Aber die Zuschauer verstehen jetzt, weshalb Bond etwa ein Womanizer ist: weil es ihn schützt. Er könnte nicht heiraten und Kinder bekommen, weil sonst irgendwann jemand eine Pistole an die Schläfe seines Kindes halten würde.

SPIEGEL: "Bond" ist eine Macho-Welt, mit einer Frau als Chef. Wie fühlt sich das an?

Broccoli: Lustig. Aber okay, wenn ich ein Mann wäre, hätte ich noch viel mehr Spaß. Vieles, wofür Bond steht, schnelle Autos etwa, interessiert mich gar nicht. Ich bin eher ein Angsthase, der will, dass alle sicher und glücklich sind.

Wilson: Wenn Sie bei uns im Büro herumschauen, sind die Männer im Management in der Unterzahl. Schon meine Mutter war immer mit dabei, "Bond" war nie ein Männergeschäft ...

SPIEGEL: ... aber sicher eines, das etliche unmoralische Angebote mit sich bringt.

Broccoli: Sie meinen Männer, die mir ihre Dienste anbieten? Ständig, das kann man sich nicht vorstellen, was wir hier alles geschickt bekommen.

SPIEGEL: Würden Sie denn jemals mit jemandem wie James Bond ...

Wilson: Oh, Barbara war schon bei ihm im Bett! Sie war sieben Jahre alt, da fuhr sie mit ihrer Mutter und Cubby zum Dreh von "Man lebt nur zweimal" nach Japan. Sie wurde krank, und als Sean Connery das mitbekam, hat er gesagt: Sie schläft in meinem Bett. Sie kann also immer sagen: Ich war in Bonds Bett.

SPIEGEL: Ihr Agent ist ein Frauenheld. Aber ist er auch ein Held weiblicher Kinofans?

Wilson: Mit "Casino Royale" haben wir jedenfalls mehr Frauen als Zuschauer gewonnen. Craig ist für Frauen viel anziehender.

Broccoli: Ich glaube, dass er auch Männer angezogen hat. Männer justieren doch im 21. Jahrhundert ihre Identität auch neu. Dazu gehört, dass sie Gefühle anerkennen und Frauen ihnen auch erlauben, Gefühle zu zeigen. Der Reiz von Daniel Craigs Art, Bond zu spielen, liegt auch darin, dass er diese Gefühle zulässt. Er kann unglaublich männlich und gefühlvoll zugleich sein.

Wilson: Wir sind mit Craig übrigens auch jünger geworden. "Bond" hatte vorher fast die ältesten Zuschauer aller Action-Filme.

"Jemand muss in die Rolle passen, nicht ins Marketing"


SPIEGEL:
So alt kann der Durchschnitts-"Bond"-Fan ja nun auch nicht sein.

Wilson: Vor "Casino Royale" lag der Schnitt bei 23, das ist wirklich hoch. In unserer Branche werden Zuschauer über 35 Jahre doch so gut wie gar nicht mehr mitgezählt.

SPIEGEL: Das "Wall Street Journal" schrieb mal, Sie würden mit eiserner Faust regieren. Sie selbst haben von sich gesagt, Sie seien der totale Alptraum.


Broccoli:
Ja, wir sind ein Alptraum! "Bond" ist sehr wertvoll, und wir wollen diesen Wert schützen. Das Filmgeschäft ist ein kooperatives Gewerbe, aber am Ende muss, wie überall, jemand Entscheidungen fällen. Da kann man nichts abstimmen oder Marktforschung machen. Michael und ich haben eine Überzeugung. Das heißt nicht, dass wir unsere Meinung nicht ändern. Aber wir sind sehr von unserer Intuition geleitet. Und manche Dinge fühlen sich eben einfach nicht richtig an.

SPIEGEL: Bond trägt mittlerweile Omega-Uhr, fährt Aston Martin und trinkt Bollinger-Champagner. Mit dem vielen Sponsoring dürfte die Finanzierung schnell gesichert sein.

Wilson: Diese Jungs finanzieren gar nichts! Uns wurde von Autobauern viel Geld geboten, um ihre Wagen im Film unterzubringen. Wir haben das nie angenommen, außer einmal von BMW, das war ein Experiment. Aber wir wollten eben Aston Martin, und glauben Sie mir: Aston Martin hat schöne Autos, aber definitiv kein Geld.

SPIEGEL: Wie viele der Sportwagen brauchen Sie eigentlich für einen Bond-Film?

Wilson: Sie geben uns ein oder zwei hübsche, den Rest setzen wir stückweise zusammen.

SPIEGEL: Einen haben Sie beim letzten Dreh im Gardasee versenkt.

Wilson: Das war der Ingenieur von Aston Martin, der den Wagen gebracht hat und damit ins Schleudern kam.

SPIEGEL: Uns scheint es, als sei mit "007" das Product Placement überhaupt erst erfunden worden.

Wilson: Marken gehörten auch in Flemings Büchern schon zu 007: Uhren, Zigaretten, Champagner. Weil Bond eben immer das Beste haben wollte. Jeder Tag konnte ja der letzte sein. Heute werben alle Sponsoren mit Anzeigen und TV-Spots für den Film. Sie bekommen dafür von uns die Rechte an einzelnen Szenen, die sie in einer bestimmten Zeit vor dem Filmstart verwenden müssen.

SPIEGEL: Die Industrie finanziert also nicht, bewirbt den Film aber kräftig. Das Unternehmen "007" ist jedenfalls die professionellste Marketingmaschine eines total globalisierten Filmgeschäfts.

Wilson: Ach Gott! Schauen Sie sich nur mal an, wie das heute etwa bei "Spiderman" funktioniert. Das können die anderen schon auch sehr gut.

SPIEGEL: Sie suchen doch sicher sogar die "Bond"-Girls nach Marketingaspekten aus, aktuell etwa Olga Kurylenko, weil der russische Markt so wichtig ist wie einst schon Michelle Yeoh für den asiatischen.

Wilson: Nein, jemand muss in die Rolle passen, nicht ins Marketing. Wir können Schauspieler casten, die keine Stars sind und aus ihnen Stars machen. Wir haben Hunderte Frauen gecastet, die meisten davon Europäerinnen. Eine Amerikanerin erschien uns nicht passend für die Rolle, obwohl Sony gern mehr amerikanische Stars gewollt hätte, weil die USA natürlich ein wichtiger Markt sind.

SPIEGEL: Ihr Regisseur Marc Forster ist Deutsch-Schweizer und war bisher eher für Kunstfilme bekannt. Überraschend, dass Sie so jemandem dann die Verantwortung für ein 200-Millionen-Dollar-Projekt anvertrauen.

Wilson: Marc ist wunderbar. Er hat viel Talent, jeder im Team liebt ihn. Es gab kein Geschrei, kein Chaos. Und wenn er sagte, wir drehen diese Szene von 7.30 bis 8.30 Uhr, dann klappte das auch. Es ist das erste Mal, dass wir 103 Drehtage vorgesehen haben und nach 103 Tagen fertig waren.

SPIEGEL: Selbst Steven Spielberg will angeblich wahnsinnig gern mal einen "Bond" drehen.

Wilson: Stimmt. Es hat sich nur noch nie ergeben. Er wäre auch zu teuer für uns.

SPIEGEL: Quentin Tarantino würde dafür wohl sogar noch Geld zahlen ...

Wilson: ... und er macht wirklich tolle Filme. Aber schauen Sie sich "Kill Bill" oder "Pulp Fiction" an. Das ist schon eine sehr spezielle Filmsprache, da könnten wir unser jugendliches Publikum und die Altersfreigabe vergessen.

SPIEGEL: Wie oft wird Ihnen eigentlich ungefragt ein Martini angeboten - geschüttelt, nicht gerührt?

Wilson: Also mir nie! Dir?

Broccoli: Der Name Broccoli ist nun einmal ziemlich selten. Lassen Sie es mich so formulieren: Wenn ich jeden trinken würde, wäre ich ziemlich oft ziemlich betrunken.

SPIEGEL: Mrs. Broccoli, Mr. Wilson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führten SPIEGEL-Redakteure Isabell Hülsen und Thomas Tuma.


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