Von Wieland Wagner
Es wird stiller in der Weltfabrik, und am unheimlichsten ist die Ruhe dort, wo die Maschinen plötzlich ganz stillstehen: Düster schweigend marschieren Hunderte Arbeiter der bankrotten Schuhfabrik Weixu durch die südchinesische Stadt Dongguan am Perlfluss-Delta, der Verkehr staut sich auf den breiten Straßen, über die sonst pausenlos schwerbeladene Lkw donnern.
Dongguan ist ein wichtiger Motor der chinesischen Export-Maschine. Hier, nahe Hongkong, reiht sich eine Billigfabrik an die andere. Tagsüber sieht man sonst kaum Menschen auf den Straßen, auch bei Weixu hausten die Wanderarbeiter direkt auf dem Werksgelände, in einem Wohnheim mit engen Mehrbettzimmern.
Doch nun zeigen sich die Arbeitssklaven in der Öffentlichkeit, in Dongguan gehen sie fast täglich irgendwo auf die Straße. Vielen Fabriken gehen Geld und Arbeit aus, seit die Kunden der Volksrepublik in Europa und den Vereinigten Staaten weniger kaufen.
Die 2000 Arbeiter von Weixu tragen keine Protestplakate, sie pfeifen nicht mit Trillerpfeifen - China erlaubt keine freie Gewerkschaft, die den Protest organisieren könnte. Die Männer und Frauen - viele von ihnen sehen jung aus wie Teenager - treibt nur ihre Wut, sie fordern den Lohn, der ihnen seit Monaten nicht mehr gezahlt wurde. Ihr Boss, ein Taiwaner, ist über Nacht geflohen.
Eine Arbeiterin, die sich "kleine Li" nennt, pappte bis vor kurzem noch Aufkleber mit Schuhgrößen auf Kartons. Eines Mittags hätten sie und ihre Kollegen gehört, wie Zulieferer am Werkstor lautstark Geld für ihre Waren verlangten, berichtet sie. "Da haben wir sofort die Arbeit niedergelegt."
Mit den üblichen Überstunden verdiente die 24-Jährige bis zu 130 Euro im Monat, doppelt so viel wie der kümmerliche Mindestlohn. Doch nun fehlt ihr das nötige Geld für die Bahnfahrkarte zurück nach Yunnan, in ihre Heimatprovinz. Sie will nur noch weg aus dem Perlfluss-Delta, sie hofft auf Zusagen der Lokalregierung, wonach jeder Arbeiter seinen Lohn erhalten soll.
Die Frau hat Glück: Die chinesische Obrigkeit fürchtet den Ausbruch größerer Unruhen, erstaunlich unbürokratisch zahlen die Rathäuser in der Region in diesen Tagen ausstehende Löhne aus. Über Geld verfügt das Reich der Mitte genug - mit rund 1,9 Billionen Dollar hortet es die höchsten Devisenreserven der Welt.
An den Bahnhöfen im Perlfluss-Delta herrscht derzeit fast ein Gedränge wie sonst nur zum traditionellen chinesischen Neujahrsfest: Massenhaft strömen Wanderarbeiter zurück aufs Land, zurück zu ihren Familien, um die Krise mit der Ernte der eigenen Äcker zu überstehen.
Die globale Wirtschaftskrise trifft China mit einer Wucht, die Staat und Partei völlig überrascht und zunehmend überfordert. Zwar hat die Polizei strenge Anweisung, Demonstranten nicht zu provozieren, doch die Reibereien in Dongguan nehmen zu.
Bei Kaida Toys, einer Spielzeugfabrik, die Investoren aus Hongkong gehört, zogen 500 aufgebrachte Arbeiter vergangene Woche zur Fabrikverwaltung, in den Büros zertrümmerten sie Fenster und Computer. Anschließend geriet die Menge mit rund tausend Polizisten aneinander, Streifenwagen wurden umgeworfen.
Auch im übrigen Land flackern immer häufiger Proteste auf. In der Hauptstadt Peking marschierten zornige Arbeiter in die Konzernzentrale des Spirituosenherstellers China Resources. Auf Plakaten verlangten sie die Auszahlung ihrer ausstehenden Löhne. In Chongqing und anderen Städten legten Taxifahrer massenhaft die Arbeit nieder.
Die Proteste dürften erst der Anfang sein. Denn die Volksrepublik, deren Wirtschaft 2007 noch mit traumhaften 11,9 Prozent wuchs, spürt mit einem Mal, wie extrem sie von der Weltkonjunktur abhängt.
Das sahen viele chinesische Wirtschaftsexperten bis vor kurzem noch ganz anders: Kräftig ermuntert von westlichen Ökonomen, glaubten sie, China sei dabei, sich vom Westen wirtschaftlich zu "entkoppeln".
Fast schon gönnerhaft verkündete Premier Wen Jiabao: Chinas größter Beitrag für die Welt bestehe darin, weiter kräftig und reibungslos zu wachsen. Wie das gehen soll, wenn die Hauptabnehmer der chinesischen Massenproduktion - allen voran die USA - schwächeln, sagte er nicht.
Inzwischen hastet "Opa Wen", wie der Regierungschef im Land genannt wird, durch sein Reich, und was er sieht, scheint ihn zu entsetzen: "Faktoren, welche der sozialen Stabilität schaden, werden zunehmen", warnte er im Parteiblatt "Qiushi" - zu Deutsch: "Die Wahrheit suchen".
Bislang erachteten Wen und seine roten Strategen ein Wachstum von 8 Prozent als magisches Minimum, um die soziale Stabilität und damit auch die Herrschaft der Partei zu wahren. Doch vergangene Woche gab die Weltbank bekannt, dass sie kommendes Jahr für China nur noch mit einem Wachstum von 7,5 Prozent rechnet.
Das klingt nach viel - gemessen an westlichen Maßstäben: Die Volkswirtschaften der großen Industrieländer können von solch einer Wachstumsrate selbst in Boomzeiten nur träumen. Es ist aber wenig - gemessen an den zweistelligen Wachstumsraten der vergangenen fünf Jahre und gemessen an den Problemen des Landes. Der chinesische Staat ist deshalb fest entschlossen, kräftig gegenzusteuern. Rund 450 Milliarden Euro will das Land in neue Projekte - Brücken, Bahnlinien, Flughäfen - pumpen, um das erschlaffende Wachstum anzukurbeln.
Wie viel China von der Riesensumme letztlich ausgibt, lässt sich zwar kaum nachprüfen. Aber der Partei geht es vor allem um die beruhigende Botschaft, die Präsident Hu Jintao rechtzeitig zum G-20-Gipfel in Washington der Welt vortrug: Schaut her, wir haben die Lage im Griff.
Chinas Wirtschaftspolitik gleicht einer Fahrt auf einer Achterbahn
Symbole der Zuversicht sind gefragt: In Shanghai legten die örtlichen Funktionäre vergangene Woche den Plan für einen neuen Wolkenkratzer vor. Das verwegene Design ist einem Drachen nachempfunden, mit 632 Metern soll es der höchste Turm im Reich der Mitte werden. Damit wird er auch das World Financial Center überragen, das kürzlich in Shanghai eröffnete - und das wegen der Krise zur Hälfte leer steht.
Dabei dürfte alles noch viel schlimmer kommen, warnen Ökonomen von der Volksuniversität in Peking in ihrem jüngsten Bericht. Die konjunkturelle Anpassung werde so zackig verlaufen wie der Buchstabe "W": Im kommenden Jahr werde das Wachstum stärker einbrechen als befürchtet, 2010 werde es sich leicht erholen, doch dann erneut tief absacken.
Dieses Horrorszenario will Peking abwenden, fast täglich verkündet es neue Konjunkturmaßnahmen: Am vergangenen Mittwoch senkte die Zentralbank zum vierten Mal in kurzer Folge die Zinsen um mehr als einen Prozentpunkt - so radikal handelte China seit der Asien-Krise 1997 nicht mehr.
Chinas Wirtschaftspolitik gleicht derzeit einer Fahrt auf einer Achterbahn: Bis ins Frühjahr hatte Peking die Zinsen noch mehrfach erhöht - auf diese Weise wollte es die Inflation in den Griff bekommen. Die Preise wurden angeheizt durch den erhöhten Wechselkurs des Yuan zum Dollar sowie durch steigende Kosten für Rohstoffe und Lebensmittel. Doch von Inflation redet jetzt keiner mehr - die Weltfabrik zittert nun vor der Deflation, also vor einem stetigen Verfall der Preise.
Die Krisenmanager um Premier Wen kämpfen gleich an mehreren Fronten. Schon vor der globalen Finanzkrise mühten sie sich, ein lautstarkes Platzen der aufgeblähten Wirtschaftsblase zu verhindern.
So brach die Shanghaier Aktienbörse innerhalb eines Jahres um über die Hälfte ein, der Immobilienmarkt gab gewaltig nach.
Zudem muss Wen mit seiner Truppe eine riesige strukturelle Herausforderung meistern: Drei Jahrzehnte nachdem der legendäre Erneuerer Deng Xiaoping die Volksrepublik durch seine Politik der Reformen für den Kapitalismus öffnete, erweist sich die chinesische Billigfabrik als historisches Auslaufmodell. Auf Dauer - das ahnen die Strategen in Peking - kann ein System kaum funktionieren, bei dem China wie besessen produziert und der Rest der Welt fast nur konsumiert.
Deshalb hatten die Planer in Peking behutsam begonnen, ihr Land auf die Ebene einer Hightech-Nation zu hieven: Durch ein schärferes Arbeitsgesetz, durch die Rücknahme von Exportsteuern und strengere Umweltschutzauflagen sorgte die Regierung mit dafür, dass allein im ersten Halbjahr rund 67.000 Billigfabriken etwa für Schuhe oder Textilien im Perlfluss-Delta dichtmachten. Einige Betriebe zogen in noch billigere Länder wie Vietnam oder Bangladesch weiter.
Doch dann verlief der Wandel plötzlich rasanter als geplant. Erst wirbelte ein verheerender Schneesturm die schönen industriepolitischen Pläne durcheinander, dann bebte die Erde in Sichuan - und dann kamen die Olympischen Spiele.
Eigentlich sollte Olympia Chinas weiteren industriellen Aufstieg kräftig befeuern. So hatten es Japan 1964 und Südkorea 1988 vorgemacht. In China aber dämpften die Spiele das Wachstum: Um für blauen Himmel über Peking zu sorgen, ließ die Obrigkeit schon Wochen vor den Spielen zahllose Fabriken in Nordchina schließen. Und aus Furcht vor Terroranschlägen verbot sie den Transport von Chemikalien und anderen gefährlichen Gütern. Von der verordneten Zwangspause haben sich etliche Betriebe bis heute nicht erholt.
Und den Rest besorgt die Weltfinanzkrise, die sich derzeit zu einer Weltrezession auszuweiten droht.
Von einer tatsächlichen Rezession - also einer schrumpfenden Wirtschaft - ist China zwar weit entfernt. Aber das Land muss jedes Jahr zehn Millionen Wanderarbeiter zusätzlich mit neuen Jobs versorgen, die in die Großstädte strömen.
Um die sinkende Nachfrage aus dem Ausland zu ersetzen, will Peking jetzt den Binnenkonsum ankurbeln. Als potentielle neue Verbraucher fasst die Partei die 800 Millionen Bauern ins Auge. Künftig sollen sie über das staatliche Land, das sie bewirtschaften, freier verfügen dürfen. Doch privater Verbrauch - er trägt erst 40 Prozent zu Chinas Bruttoinlandsprodukt bei - lässt sich nicht einfach befehlen. Damit die Chinesen mehr ausgeben und weniger sparen, muss Peking die soziale Sicherheit verbessern, die meisten Landsleute besitzen weder Krankenversicherung noch Altersvorsorge.
Die aktuelle Krise dürfte auch die Handelsspannungen zwischen der Weltfabrik und ihren größten Abnehmern, EU und USA, verschärfen. Im Oktober kletterte Chinas Handelsüberschuss auf die Rekordmarke von über 35 Milliarden Dollar - vor allem weil China im Zuge der Krise drastisch weniger einführte als im Vormonat. Stoff für bilaterale Gespräche gäbe es also genug. Dennoch sagte Peking einen für diesen Montag geplanten Gipfel mit der EU in Lyon ab - aus Zorn über das geplante Treffen von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy mit dem Dalai Lama.
Denn trotz der Krise treibt die Großmacht ihre globalen Ambitionen unbeirrt voran: In Anwesenheit von Staatschef Hu unterzeichneten die Bosse des staatlichen chinesischen Schifffahrtskonzerns Cosco vergangene Woche ein Abkommen mit Griechenland. Für 4,3 Milliarden Euro will Cosco in Piräus einen eigenen Containerterminal bauen - als strategisches Sprungbrett für den chinesischen Handel mit Osteuropa.
© DER SPIEGEL 49/2008
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