09. Februar 2009, 00:00 Uhr

Doping

Das Leben der Amateure

Von Detlef Hacke und Gerhard Pfeil

Seit Jahresbeginn zwingt ein neues, weltweit gültiges Doping-Kontrollsystem Athleten zur Offenlegung ihres Alltags. In Belgien klagen 65 Sportler, weil sie ihre Menschenrechte verletzt sehen - und auch unter deutschen Sportlern wächst der Unmut.

Wenn die Welt des Sports auf die normale Welt trifft, dann wird es manchmal kompliziert. Imke Duplitzer sitzt im Aufenthaltsraum des Bundesleistungszentrums in Bonn. Die Degenfechterin erzählt eine Geschichte aus dem Alltag einer deutschen Spitzensportlerin. Sie hat schlechte Laune.

Neulich wurde sie von einer Freundin zum Skilaufen nach Österreich eingeladen. Es sollte ein Überraschungstrip werden. Total nette Idee, sagte Duplitzer. Dann erklärte sie der Freundin, dass das aber so nicht mit ihr funktioniere. Sie brauche vorab die Namen aller Hotels, die Adressen, die Telefonnummern. Sie benötige ferner exakte An- und Abreisezeiten. Am besten wäre es, sie würde einen kompletten Reiseablauf erhalten, an dem sich dann bitte schön auch nichts mehr ändern dürfe. Die Freundin guckte sie mit großen Augen an und meinte, normal sei so was ja nicht.

Duplitzer sagt: "Da konnte ich nicht widersprechen."

Imke Duplitzer, 33, gehört zu den besten Degenfechterinnen der Welt. Wie alle Elitesportler muss sie sich dem Meldesystem der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) unterwerfen. Sie muss drei Monate im Voraus angeben, wo sie sich jeden einzelnen Tag aufhalten wird. Duplitzer hat diese Art der Überwachung immer hingenommen. Sie begrüßt den Kampf der Wada gegen die Doper.

Seit dem 1. Januar gilt für Duplitzer, gemäß dem neuen Wada-Code, nun ein verschärftes Kontrollsystem. Die wichtigste Ausweitung ist die sogenannte Ein-Stunden-Regel. Duplitzer muss jetzt auch noch jeden Tag zu einem festgelegten Zeitpunkt an einem vorher angegebenen Ort eine Stunde lang für eine eventuelle Dopingkontrolle zur Verfügung stehen. Die Ein-Stunden-Regel, sagen Experten, sei ein Meilenstein im Kampf gegen Doping.

Für Duplitzer kommt der Erlass einer Kriegserklärung gleich.

In der Stunde, die sie bei der Wada angibt, darf sie nicht zum Bäcker oder Zeitungshändler. Sie muss sich für eine eventuelle Kontrolle bereithalten. Auch wenn sie im Urlaub ist, 365 Tage im Jahr.

Sie komme sich vor wie eine "Gefangene", sagt Duplitzer und fühle sich in ihrer "persönlichen Freiheit" eingeschränkt. Sie fragt: "Was kommt als Nächstes? Legen sie uns elektronische Fußfesseln an?"

Es zieht ein Konflikt auf im deutschen Sport. Knapp 20 Jahre nach dem Untergang der DDR, des Landes mit dem am höchsten entwickelten Dopingsystem der Welt, regt sich Widerstand gegen die aktuelle Anti-Doping-Politik. Bei den Protestlern handelt es sich nicht um notorische Dopingleugner, die sich in die Enge getrieben fühlen. Es sind Athleten, die für die Werte des fairen Sports eintreten. Sie zweifeln nicht daran, dass der Kampf gegen Doping Sinn macht. Aber sie stellen sich die Frage: Wie weit darf man bei diesem Kampf eigentlich gehen?

Kritik am Kontrollsystem zu üben ist für Sportler riskant. Im Zeitalter des Generalverdachts landet man schnell in der Ecke der Verdächtigen. Die Verunsicherung ist so groß, dass die meisten Sportler lieber nicht offen über ihre Bedenken reden. Sie haben Angst, falsch verstanden zu werden und in die Mühlen zu geraten.

Der Ruderer Christian Schreiber, 28, aus Halle an der Saale, bei den Olympischen Spielen als Schlagmann im Doppelvierer Sechster, formuliert vorsichtig. Die Ein-Stunden-Regel sei "ein Rieseneinschnitt", sagt er, Vater von zwei Kindern, der neben dem Sport Wirtschaftswissenschaften studiert. Er fühle sich gegängelt, auch weil niemand die Athleten vorher nach ihrer Meinung gefragt habe: "Wir müssen die Kröte jetzt einfach schlucken."

Die Fechterin Britta Heidemann, 26, aus Köln hat ihre Worte auch lange abgewägt. Die Olympiasiegerin von Peking will, dass Dopern das Handwerk gelegt wird. Deshalb befürwortet sie Wettkampfkontrollen und dass Fahnder auch mal beim Training oder in der Universität erscheinen, um eine Urinprobe abzuholen. Was Leistungssportlern nun jedoch abverlangt werde, sei absurd.

Voriges Jahr machte sie Urlaub in Australien, sie fuhr mit dem Wohnmobil ins Outback. So eine Reise sei jetzt kaum mehr machbar. Sie müsste im Voraus die Campingplätze recherchieren, die sie ansteuern will, damit sie die geforderten Meldedaten liefern könnte. Sie müsste darauf achten, auch immer pünktlich an einem Zwischenstopp anzukommen. Es könnte ja der Dopingkontrolleur auf sie warten. In ihrem Urlaub. "Wer sich penibel an alle Vorgaben hält, wird von diesem System fremdbestimmt", sagt sie.

Der Volleyballer Christian Dünnes, 24, Nationalspieler im Dienst des italienischen Erstligisten Piacenza, geht neuerdings nach dem Aufstehen nicht mehr mit seinem Hund vor die Tür. Er hat die Stunde, die er für eine Dopingkontrolle zur Verfügung stehen muss, auf die Zeit zwischen sechs und sieben Uhr am Morgen gelegt. Sein Problem ist, dass er oft unterwegs ist, zu Auswärtsspielen im Ligabetrieb oder im Europapokal. Fast täglich muss er seine Angaben überprüfen und erneuern. Er sagt: "Man denkt nur noch an die Kontrollen."

In einer kleinen Stadtvilla in der Heussallee in Bonn befindet sich die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada). Die Stiftung setzt die Regeln der Wada in Deutschland um. Im ersten Stock hat Matthias Blatt, Leiter der Abteilung Doping-Kontrollsystem, sein Büro. Blatt bewundert Spitzensportler, in seiner Freizeit macht er Triathlon. In den letzten Wochen musste er sich fühlen, als wäre er deren größter Feind.

Es begann schon vor Weihnachten. Weil die Wada eine neue Version des Internet-Meldesystems "Adams" eingeführt hatte, riefen wütende Sportler bei ihm an, die mit dem komplizierten Programm nicht zurechtkamen. Seit ein paar Wochen muss er sich am Telefon beschimpfen lassen, die Nada "drangsaliere" Athleten. Blatt bekommt auch E-Mails mit beleidigendem Inhalt.

Es braut sich ein Sturm zusammen

Er reibt sich die müden Augen, guckt zum Fenster raus und sagt, dort draußen braue sich wohl ein Sturm zusammen.

Der Kampf gegen die Betrüger ist unerlässlich. Erst vorige Woche wurden drei positiv getestete russische Biathleten vorläufig gesperrt. Doping hat den Sport schon zu sehr ausgehöhlt. Es geht längst um den Wert des Sports in dieser Gesellschaft, weil immer mehr Zuschauer glauben, die Leistungen der Sportler seien ohnehin nicht echt. Es gibt Vorschläge, Athleten mit GPS-Geräten auszustatten, damit die Dopingkontrolleure sie jederzeit lokalisieren können. Nur so sei hochkriminellen Dopern in verseuchten Sportarten wie dem Radsport oder der Leichtathletik beizukommen.

In dem Bestreben, Doping zu bekämpfen, gerate der Sport jedoch auf Kollisionskurs mit den "Persönlichkeitsrechten der Athleten", sagt Udo Steiner, ein ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht, der jetzt die Dopingkommission des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) leitet. "Wir haben den gläsernen Menschen erfunden, wir verlangen in keinem anderen Beruf eine derartige Transparenz wie im Sport", meint der Jurist.

Der Zürcher Rechtsprofessor Ulrich Haas, der am neuen Wada-Code mitgearbeitet hat, räumt ein, dass die Ein-Stunden-Regel ein "massiver Eingriff in die Privatsphäre" der Athleten sei. Für Haas ist die Dopingbekämpfung eine "permanente Baustelle", an der immer nachgebessert werden müsse. Je höher man zum Beispiel die Anforderungen schraube, desto häufiger würden Sportler ins Netz gehen, "die sich aus Unachtsamkeit nicht rechtzeitig abgemeldet haben", sagt Haas. "Die Frage ist: Wenn wir viele Papierdelikte haben und nur noch wenige positive Proben - stimmt dann das Verhältnis noch?"

Keine einheitliche Front gegen die Ein-Stunden-Regel

Wenn ein Dopingkontrolleur einen Sportler nicht am angegebenen Ort antrifft, meldet er der Nada einen "nicht erfolgreichen Kontrollversuch". Der Sportler kassiert dann in der Regel einen "strike", eine Art Abmahnung. Bei drei "strikes" innerhalb von 18 Monaten kann ein Athlet bis zu zwei Jahre gesperrt werden.

2007 verzeichnete die Nada 382 "nicht erfolgreiche Kontrollversuche", darunter oft Fälle wie der einer Fechterin, die nicht in der heimischen Trainingshalle war, als der Kontrolleur kam. Sie startete mit der Nationalmannschaft bei einem Weltcupturnier in Luxemburg und war davon ausgegangen, ihr Verband hätte das der Nada mitgeteilt.

Ruderer Schreiber, der auch Athletensprecher seines Verbands ist, fürchtet, dass wegen der strengeren Meldevorschriften künftig noch mehr unschuldige Athleten "in Verfahren hineingezogen" werden. Vor allem Amateure sieht er bedroht, die sich neben dem Leistungssport noch um die Uni oder einen Beruf kümmern müssen und die sich nicht, wie gutverdienende Profis, einen Manager leisten können, der ein wachsames Auge auf die Meldeformalien hat.

Der Wada-Code gilt weltweit. Ein deutscher Sprinter, der nebenbei noch studiert und von der Sporthilfe ein paar hundert Euro im Monat bekommt, wird allerdings de facto schärfer überwacht als der 100-Meter-Weltrekordler und Sportmillionär Usain Bolt, weil es in der Heimat des Jamaikaners gar keine funktionierende Anti-Doping-Agentur gibt.

Auch wegen solcher Diskrepanzen beschweren sich über die neuen Regeln vor allem Sportler aus Ländern mit einem vergleichsweise gut ausgebauten Anti-Doping-System. Mitte Januar reichten in Belgien 65 Athleten sogar eine Klage ein, darunter Fußballer des KV Mechelen und Radler des Teams Quick Step.

Der Anwalt der Sportler, Kristof De Saedeleer, sagt, die Ein-Stunden-Regel bedeute nichts anderes als "Hausarrest". Der Wada-Code verstoße gegen Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention, der die Privatsphäre schützen soll. De Saedeleer meint: "Es ist nicht hinnehmbar, dass wir für eine private Organisation Ausnahmen machen."

Rechtsprofessor Haas hält den Vorstoß der Belgier für überzogen. "Es macht einen Unterschied aus, ob ich einen Staat in seiner Allmacht bändigen will oder eine Sportorganisation, die zwar drohen, aber keine Polizeigewalt ausüben oder Telefonleitungen abhören kann - all das, was den Schutz der Privatsphäre so wichtig macht", sagt er. Würden die Sportler vor Gerichten ihres Landes recht bekommen, dann sei in dem Fall jedoch "Pulver drin". Wobei die Athleten einen langen Atem haben müssten. Der Klageweg durch die Instanzen, glaubt Haas, dürfte sechs bis acht Jahre dauern.

Es gibt keine einheitliche Front gegen die Ein-Stunden-Regel. Manche Sportler sehen sie sogar als Chance. Sabine Spitz, 37, tritt in einer Sportart an, deren Image nach unzähligen Dopingskandalen im Keller ist. Die Radsportlerin gewann in Peking die Goldmedaille auf dem Mountainbike. Sie ist froh, durch ein straffes Kontrollsystem zeigen zu können, dass sie sauber ist.

Spitz hat kein Problem damit, der Nada ihr Leben mitzuteilen. Ihr Alltag verläuft geregelt und professionell. Kurzfristige Planänderungen meldet sie per Internet. Sie geht auf die Seite des Wada-Meldesystems, öffnet ihren persönlichen Meldekalender und gibt an den entsprechenden Tagen ihre Änderungen ein. Wenn sie zu einem Sponsorentermin unterwegs ist, bekommt sie oft erst spät mitgeteilt, in welchem Hotel sie ein Zimmer für sie reserviert ist. Dann schickt sie per Handy eine SMS mit der Hotelanschrift an eine bestimmte Telefonnummer in Großbritannien, um sich umzumelden.

Seit rund fünf Jahren ist Spitz vom Meldesystem erfasst. Sie sagt: "Es trägt dazu bei, das Kontrollnetz enger zu knüpfen und mich vor potentiellen Dopingsündern zu schützen. Für die wird die Hemmschwelle doch immer höher."

Rund 500 Athleten sind in Deutschland von der Ein-Stunden-Regel betroffen. Die meisten stammen aus Sportarten der "Gefährdungsstufe I". Dass auch 48 Volleyballer im "Registered Testpool" (RTP) landeten, findet der Sportdirektor des Deutschen Volleyball-Verbands, Günter Hamel, "nur noch bizarr".

Der bislang spektakulärste Dopingfall im deutschen Volleyball entstand, weil ein Spieler vor einer Wettkampfkontrolle ausgerechnet mit dem koffeinhaltigen Eistee eines Turniersponsors seinen Harndrang angekurbelt hatte. Das Getränk war ihm vom Dopingfahnder selbst angeboten worden. Der Sportler wurde freigesprochen.

Auch die Nada sieht eigentlich keine Notwendigkeit, Volleyballer genauso wie Radsportler oder Gewichtheber zu überwachen. Weil der Internationale Volleyballverband der Wada jedoch alle deutschen Nationalspieler als RTP-Athleten meldete, muss man sich nun in Bonn auch um die Ballsportler kümmern.

Der DOSB hat sich lange gegen den neuen Wada-Code gewehrt. Die Verschärfung durch die Ein-Stunden-Regel sei nicht sinnvoll, hieß es. Aber man musste sich dem Druck anderer Nationalverbände beugen.

Mindestens siebenmal, so hat es die Nada festgelegt, wird ein RTP-Athlet pro Jahr kontrolliert. Spitz rät daher allen Betroffenen, die Ein-Stunden-Regel nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Kürzlich erhielt Nada-Abteilungsleiter Blatt die Internet-Monatsmeldung eines Sportlers, die keinerlei Ortsdaten enthielt. Er wurde aufgefordert, nachzubessern.

Der Mann hatte die Kalenderfelder mit Fotos von Nacktmodels gefüllt.


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