29. Juni 2009, 00:00 Uhr

Radrennen

Projekt Mr. Nice Guy

Von Detlef Hacke

Mit dem Comeback bei der Tour de France will Lance Armstrong zum Supermann des Weltsports aufsteigen - als Vorkämpfer gegen den Krebs und als Athlet, der sogar den Schatten seiner Vergangenheit davonfährt.

Lance Armstrong kommt zu spät, aber das ist egal. Er kommt fast immer zu spät, wenn er wie alle anderen Rennfahrer seinen Namen vor einer Etappe in die Starterliste eintragen soll, er zelebriert seine Unpünktlichkeit wie der Sänger einer Band, der erst die Bühne betritt, wenn die anderen schon längst bereit sind.

Auf dem Rathausplatz von Avellino laufen drei Männer vor Armstrongs Rennrad her, sie bahnen ihm eine Schneise durch das Gewühl aus Menschen und Autos. Der Giro d'Italia neigt sich dem Ende zu, die Sonne brennt, heute ist der Vesuv das Ziel. Armstrong trägt Bartstoppeln und langes Haar unter dem Helm. Irgendwann kommt er am Podium an, stellt sein Rad ab, stakst das Treppchen zum Pult hoch und sucht die einzig freie Stelle auf der Meldeliste. Die hinter seinem Namen.

Strenggenommen könnte man ihn wegen Zeitüberschreitung disqualifizieren. Aber welcher Direktor erschießt schon sein bestes Zirkuspferd?

Als Nächstes bekommt Armstrong einen Ehrenteller samt Schatulle überreicht. Er reagiert darauf mit der gleichen Aufmerksamkeit wie auf den Jungen im Rollstuhl, der ihm vorgestellt wird und dem er Mut zuspricht. Armstrong posiert für Fotografen, sein Lächeln, das diabolisch sein kann, wirkt entspannt - sogar als sich die Bodyguards wieder den Dränglern entgegenwerfen und Armstrong auf dem Weg zum Start nur in Trippelschritten vorankommt.

So oder ähnlich lief das jeden Tag, ob in Venedig, in Padua, Innsbruck, Mailand oder Neapel. Die Veranstalter des Giro hatten sich Armstrongs Teilnahme zum 100. Geburtstag der Rundfahrt geschenkt und dafür eine Millionengage gezahlt. Ein Geschäft zu gegenseitigem Nutzen. Armstrong lenkte die Aufmerksamkeit auf ein Rennen, das bislang darunter gelitten hatte, dass er es ignorierte. Nun trainierte er hochbezahlt für die Tour de France, die er siebenmal gewonnen hat und die das einzige Rennen bleibt, das ihn ernsthaft interessiert. Auch diesmal, bei seiner Rückkehr nach mehr als drei Jahren Pause.

Vor allem aber nutzte Armstrong die Gelegenheit, Armstrong zu spielen. Den charmanten, gutherzigen Lance, den Vorkämpfer gegen das Weltleiden Krebs. Amerikas Allgemeinheit gilt er als Überlebender einer oft tödlichen Krankheit, einer, der es geschafft hat, dieses Rennen in Frankreich zu gewinnen. Sie mögen nicht viel über die Tour wissen, aber sie haben gehört, es sei das härteste Rennen der Welt. In Europa gilt er eher als jemand, der eine skandalöse Sportart dominiert hat und in dessen Urinproben Spuren des Blutdopingmittels Epo gefunden wurden.

Armstrong widmet sein Comeback seiner Krebsstiftung, die ihren Kampf weltweit aufnimmt. So sagt er es. Aber ebenso versucht er, die Zweifel und Zweifler beiseitezuräumen. Es läuft das Projekt Mr. Nice Guy. Noch vor dem Start des Giro empfängt ihn Italiens Außenminister, sie geben eine Pressekonferenz. Vor Kameras trifft Armstrong Hinterbliebene eines tödlich verunglückten Teamgefährten, und Nachbarn aus den Jahren, als er am Comer See wohnte, tauchen auf und bezeugen, wie nett Armstrong stets gegrüßt habe.

Kann so jemand ein Betrüger sein?

Es gibt aber auch Wegbegleiter Armstrongs, die sich abarbeiten am Bild des Supermanns. Es sind Betreuer, Freunde, Konkurrenten, die seine andere Seite kennengelernt haben. Manche haben geschildert, dass er Doping zugegeben habe, manche haben laut an ihm gezweifelt; sie fühlen sich eingeschüchtert und verleumdet. Man kann sie besuchen auf der Reise in die Vergangenheit des Lance Armstrong.

Frankie Andreu

WAR ES FREUNDSCHAFT? Frankie Andreu überlegt kurz, dann sagt er: "Ja, auf eine gewisse Art. Wir waren jung. Wir redeten über schnelle Autos, Frauen, Motorräder, solche Sachen. Wir hatten oft eine gute Zeit miteinander."

Armstrong, Ex-Teamkollege Andreu (bei der Tour 2002): "Er nannte nicht eine Sache, sondern fünf"
Getty Images

Armstrong, Ex-Teamkollege Andreu (bei der Tour 2002): "Er nannte nicht eine Sache, sondern fünf"

Andreu, 42, sitzt mit seiner Frau Betsy am Küchentisch ihres Einfamilienhauses in Dearborn bei Detroit. Er ist groß und schlank, sie zierlich und energisch. Zwölf Jahre lang war er Radprofi. Als Armstrong zum Motorola-Team stieß, 1992, war Andreu bereits da. Jene Rennfahrer aus Amerika, die es in die europäische Profiszene geschafft hatten, bildeten damals eine Gemeinschaft in Como. Armstrong und Andreu teilten sich anfangs eine Wohnung. Sie kamen miteinander klar. Andreu wusste, dass sein Talent bloß für eine Durchschnittskarriere reicht. Armstrong ließ nie einen Zweifel daran, dass er gekommen war, um zu gewinnen. Schon 1993 wurde er Weltmeister. "Lance war der Typ, der alles gab für einen Sieg. Er machte den Unterschied aus", sagt Andreu. "Ich war zufrieden mit meiner Helferrolle."

Bald erkrankte Armstrong an Hodenkrebs, und am 27. Oktober 1996 soll es zu jenem Treffen in einem Zimmer der UniKlinik von Indiana gekommen sein, das später zum Zerwürfnis führte. Sechs Leute aus Armstrongs Freundeskreis waren anwesend, darunter Frankie Andreu und dessen damalige Verlobte Betsy, als Ärzte Armstrong fragten, ob er jemals leistungssteigernde Drogen genommen habe. Antwort: Epo, Wachstumshormon, Kortison, Steroide, Testosteron.

"Ich war geschockt", sagt Betsy Andreu. "Ich hatte keine Ahnung von Doping."

"Ich war überrascht", sagt Frankie. "Er nannte nicht eine Sache, sondern fünf."

Armstrong bestreitet bis heute, dies gesagt und jemals gedopt zu haben.

Auf dem Flur konnte Betsy ihren Zorn nicht mehr zügeln. Sie glaubte, das Doping habe den Krebs verursacht, jetzt fürchtete sie, Frankie nehme ebenfalls solches Zeug, und schrie ihn an: "Wenn du auch so eine Scheiße machst, heirate ich dich nicht!" Frankie antwortete, nein, beruhige dich, ich dope nicht.

Das Ereignis von Indiana blieb zunächst folgenlos, das Misstrauen zwischen Armstrong und den Andreus jedoch wuchs. Für Betsy war Armstrong ein derber Texaner, der herumpoltert, wenn der Kellner nicht schnell genug serviert. Sie sind grundverschieden: Armstrong ist Atheist, fixiert auf den Erfolg und glaubt an die kalkulierbaren Segnungen der Medizin; Betsy ist katholisch und verdammt Drogen.

Zweimal fuhren Frankie Andreu und Lance Armstrong nach dessen Heilung zusammen die Tour, Andreu half, Armstrong siegte. Freunde waren sie da schon nicht mehr, sie blafften sich manchmal an, meist wegen Betsy, danach hatten sie sich kaum noch etwas zu sagen.

Die Krankenhausszene war fast in Vergessenheit geraten. Bis 2004. Da tauchte sie in einem Buch mit dem Titel "L.A. Confidentiel" auf. Ein Jahr später bekamen die Andreus Post: Sie sollen unter Eid aussagen. Die Versicherungsgesellschaft SCA Promotions ließ gerichtlich klären, ob sie Armstrong eine vereinbarte Prämie über fünf Millionen Dollar für seine Toursiege auszahlen müsse, und wollte herausfinden, ob er je gedopt hatte. Ihre Anwälte hatten das Buch gelesen.

Die Andreus wurden am 25. Oktober 2005 in einem Konferenzraum eines Detroiter Flughafenhotels getrennt voneinander vernommen, sie vormittags, er nachmittags, ihre Aussagen wurden stenografiert und gefilmt, Anwälte aller Beteiligten waren dabei, auch Lance Armstrong saß zeitweise mit am Tisch. Ja, antworteten die Andreus übereinstimmend, Armstrong habe damals auf Fragen der Ärzte Dopingmittel genannt.

Doch sie blieben die Einzigen, die sich so erinnerten. Andere mögliche Zeugen wurden kaum gehört. Eine Zeugin sagte aus, solch ein Gespräch zwischen Medizinern und Armstrong habe es nicht gegeben. Sie arbeitete damals für Oakley, einen Sponsor von Armstrong. SCA Promotions verlor den Fall und musste zahlen.

Das Leben der Andreus ist kompliziert geworden. Sie haben eine Ehekrise hinter sich, nachdem Betsy 1999 Frankie beim Epo-Doping erwischt hatte. Betsys Vater redet nicht mehr mit seiner Tochter, weil er findet, sie habe ein Idol beschmutzt. Frankie arbeitet als Fernsehkommentator und Streckensprecher, einen Job als Sportlicher Leiter eines Radteams hat er verloren. Sie fürchten um die Zukunft.

Betsy Andreu sammelt in einem riesigen Pappkarton alles, was ihre Version stützen könnte. Es sind Mitschnitte von Telefonaten mit einer Frau darunter, auf einer Aufnahme schimpft sie ("bitch"), auf einer anderen schluchzt sie haltlos, man hört Betsy beruhigend auf sie einreden. Das sei jene Zeugin, sagt Betsy, die für Armstrong ausgesagt habe und nun verzweifle, weil sie gelogen habe.

"Lance ist zum Angriff übergegangen, vor allem gegen Betsy. Er will sie isolieren. Wenn er etwas über sie sagt, steht es überall - was sie sagt, nimmt keiner wahr", sagt Frankie Andreu wütend. "Aber was haben wir denn von unserer Aussage? Es bringt keinen Job und kein Geld. Es war ein Gerichtsverfahren, und ... du kannst nicht zum Gericht gehen und dort lügen."

Filippo Simeoni

ES WAR DER SCHÖNSTE TAG seiner Karriere, als Filippo Simeoni am 29. Juni 2008 in Bergamo die Landesmeisterschaft gewann. Drei Jahre ohne Sieg waren zu Ende, eine noch längere Zeit voller Demütigungen. Ein Jahr lang durfte er nun im Trikot des italienischen Meisters antreten, in Grün-Weiß-Rot. Simeoni beschloss, seinen Rücktritt zu verschieben, einmal wollte er sich noch beim Giro zeigen.

Armstrong-Gegner Simeoni (bei seinem Ausreißversuch bei der Tour 2004): "Jetzt ist er wieder da und macht mir das Leben schwer."
DPA

Armstrong-Gegner Simeoni (bei seinem Ausreißversuch bei der Tour 2004): "Jetzt ist er wieder da und macht mir das Leben schwer."

Der Giro läuft längst, aber Simeoni, 37, sitzt in Sezze Romano bei seinem Anwalt am Büroschreibtisch, in einem Polsterstuhl. "Ich bin sehr verbittert", sagt Simeoni. Er darf nicht mitfahren, die Veranstalter haben ihn nicht eingeladen.

Sein Team sei zu schlecht, haben sie ihm gesagt und stattdessen eine Mannschaft nominiert, die ihre besten Profis wegen Doping verloren hatte. Simeoni war so entsetzt, dass er sein Meistertrikot einpackte, nach Rom fuhr und es beim Radsportverband auf den Tisch legte. Ein symbolischer Akt, wenigstens etwas, damit der Affront nicht unterging. "Das Trikot hat keinerlei Wert mehr", sagte er der Presse, "ich möchte es nicht länger tragen."

Simeoni redet ruhig und ausführlich, aber er ist vorsichtig. Manchmal spricht sein Anwalt für ihn, er bittet, Simeonis Zitate vor Veröffentlichung lesen zu dürfen, zur Sicherheit. Simeoni hatte Armstrong wegen Verleumdung verklagt und eine Gegenklage bekommen, vier Jahre lief der Streit, dann legten sie ihn außergerichtlich bei. Eine Klausel verbietet allen, näher über das Abkommen zu sprechen. Angeblich hat Armstrong 100 000 Dollar gezahlt, belegt ist das nicht, dazu schweigen sie.

Die Organisatoren planten den Giro von Anfang an als Armstrong-Festival. Hat Armstrong also den Start von Simeoni verhindert? "Was ich sagen kann, ist: Hätte er sich für mich eingesetzt, würde ich mitfahren", sagt er. "Alle Streitigkeiten zwischen uns sind beendet, ich dachte, er würde eine menschliche Geste zeigen."

Armstrong mag Prozesse stillschweigend begraben. Aber Feindschaften nicht.

Simeonis Schwierigkeiten begannen an jenem Tag im Jahr 1999, als die Polizei das Haus des Sportarztes Michele Ferrari durchsuchte und Belastungsmaterial über Radprofis fand, auch über Simeoni. Er sagte aus und wurde gesperrt.

Armstrong hatte er in seiner Aussage mit keinem Wort erwähnt.

Trotzdem wurde er attackiert. "Ein Lügner" sei Simeoni, sagte Armstrong, und Ferrari "ein Ehrenmann". Simeonis Problem war, dass Armstrong mit dem Arzt zusammenarbeitete, der in der Szene "Dottore Epo" hieß. Armstrong wusste, welcher Verdacht ihm nun anhing: Wenn schon der wenig erfolgreiche Simeoni von Ferrari gedopt wird, was gibt er wohl erst dem Sieger der Tour de France?

Simeoni wehrte sich mit der Verleumdungsklage gegen Armstrong. Doch als sie 2004 bei der Tour aufeinandertrafen, demütigte der Mann im Gelben Trikot den Außenseiter, indem er dessen möglichen Etappensieg vereitelte. Du hättest nicht gegen Ferrari aussagen sollen, ich habe Geld und Zeit, ich werde deine Karriere zerstören - all das habe ihm Armstrong vom Rennrad aus gedroht, berichtet Simeoni. Armstrong will so etwas nie gesagt haben.

Danach lief es schlecht für Simeoni. Er galt unter den Kollegen als Verräter. Im Frühjahr 2006 stürzte er schwer, drei Monate lag er im Krankenbett. Er nahm das Angebot von Armstrongs Anwälten für einen Vergleich an. Der lange juristische Kampf hatte ihn zermürbt. Er wollte wieder in Ruhe Rennen fahren, nachdem Armstrong zurückgetreten war und aus dem Radsport verschwunden schien.

"Jetzt", sagt Simeoni, "ist er wieder da und macht mir das Leben schwer."

Hat Armstrong seine Karriere zerstört?

Der Anwalt lacht.

Simeoni sagt: "Das kann ich nicht sagen. Aber wenn mein Ausschluss vom Giro seine Rache war, dann ist sie grausam."

Greg Lemond

GREG LEMOND STEHT MITTEN in der Kathedrale von Coventry an einem Pult, hinter dem Altar hängt ein Wandteppich mit einem Bildnis von Jesus in Arbeitskluft. Die Wände sind betongrau, unter dem Gewölbe hallt es aus den Lautsprechern, jede Ansprache klingt wie eine Predigt.

Lemond, Armstrong (bei der Tour 1999): "Er versucht, alles zu zerstören, was ich habe"
AP

Lemond, Armstrong (bei der Tour 1999): "Er versucht, alles zu zerstören, was ich habe"

Alles dreht sich um Doping, Betrug und Korruption und den Ausweg daraus, falls es einen gibt. Wissenschaftler, Athleten, Journalisten, sogar ein paar hochrangige Funktionäre diskutieren tagelang, die Holzstuhlreihen sind halb besetzt, es wirkt, als habe sich eine kleine Gemeinde gegen das Böse da draußen versammelt.

Dreimal hat LeMond die Tour de France gewonnen, zuletzt 1990, bevor die Ära des Epo-Dopings so richtig losging. Heute ist er neben Lance Armstrong der einzige Toursieger aus Amerika.

Er spricht eine halbe Stunde, frei, ohne Manuskript, es geht ein bisschen durcheinander, vielleicht weil er nichts vergessen will in seiner Abrechnung. Er redet vom Doping, "das den Radsport und andere Sportarten killt", von Medizinern wie Ferrari und skrupellosen Teammanagern. Immer wieder kommt er auf Armstrong. "Als er sein Comeback bekanntgab, wusste ich: Das war's", sagt LeMond. Er lacht kehlig.

Anderntags sitzt LeMond im Restaurant seines Hotels auf der Polsterbank, ein füllig gewordener, leicht erschöpft wirkender Mann mit grauen Haaren und neugierigem Blick. Seine ersten Sätze klingen wie das Resümee seiner Rede. "Ich bin fertig mit dem Radsport, die Tour interessiert mich nicht mehr. Radfahren ist ein wunderbarer Sport, aber ich habe die dunkle Seite gesehen, und sie ist einfach zu dunkel." Armstrong? "Ich küsse ihm nicht den Arsch."

Das ist die Kurzversion. LeMond möchte Armstrong vor ein US-Bundesbezirksgericht ziehen, er soll schwören, die Wahrheit zu sagen, damit man ihn darauf festnageln kann, was er zu Protokoll gibt. Das wäre etwas, was niemand geschafft hat.

Es geht dabei um einen Lizenzvertrag, den LeMond mit dem Radhersteller Trek abgeschlossen hatte und den die Firma vor Ablauf gekündigt hat. Trek fabrizierte Rennräder der Marke "Greg LeMond", rüstet aber auch unter eigenem Namen Armstrong und dessen Team aus. Es ist eine langjährige, sehr enge Verbindung. Armstrong ist Treks wichtigste Werbefigur.

LeMond glaubt, dass Trek bei ihm aussteigt, weil Armstrong sich rächen will. Deshalb hat er Trek verklagt. Treffen möchte er damit Armstrong, den mutmaßlichen Saboteur. "Er versucht, alles zu zerstören, was ich habe", sagt LeMond. Genug Beweise habe er.

Begonnen hatte die Fehde damit, dass LeMond 2001 die Zusammenarbeit von Armstrong mit Ferrari kritisierte und bezweifelte, dass beim Wandel vom Krebspatienten zum Toursieger alles mit rechten Dingen zugegangen ist. "Wenn ja, dann ist es das größte Comeback der Sportgeschichte", wurde LeMond später zitiert. "Wenn nicht, dann ist es der größte Betrug."

Was danach geschehen sein soll, das bestreiten Armstrong und Trek-Chef John Burke. LeMond behauptet, er habe mehrere Anrufe bekommen, Burke soll ihn aufgefordert haben, seine Worte zurückzunehmen, sonst werde man sich wegen geschäftsschädigenden Verhaltens von ihm trennen. Armstrong habe sogar gedroht, mindestens zehn Leute aufzutreiben, die bezeugen, dass LeMond in seiner Karriere Epo benutzt habe. "Come on, jeder nahm Epo", auch das soll Armstrong gesagt haben. LeMond sagt, er habe nie gedopt.

Kommendes Frühjahr beginnt in Minnesota der Prozess, zwei Champions treten an, und LeMond ist in seiner Sturheit Armstrong ebenbürtig. Auch er hat einen Schicksalsschlag verkraftet. 1987, nach LeMonds erstem Toursieg, schoss sein Schwager auf einer Truthahnjagd versehentlich mit Schrot auf ihn. Viele Kugeln schnitten die Chirurgen aus den Eingeweiden heraus, an manche trauten sie sich nicht heran. Mit dem Rest im Leib gelang ihm das Comeback, 1989 gewann er die Tour erneut.

Wie viele Kugeln stecken noch im Körper? "38", sagt LeMond. "Drei davon im Herzen, fünf in der Leber. In den nächsten ein, zwei Jahren müssen sie raus. Soweit möglich. Sie vergiften mich schleichend mit Blei. Wenn es so weitergeht, bleiben mir vielleicht noch fünf Jahre."

Den Fall zu gewinnen, das ist LeMonds großes Ziel, es könnte das letzte seines Lebens sein, womöglich fällt das Urteil zu spät, um es noch zu erleben.

DIESEN SAMSTAG STARTET die Tour de France in Monaco, es wird drei Wochen lang um Sieg und Niederlage gehen und vermutlich auch wieder um Doping. Sicher ist, dass Armstrong die meiste Aufmerksamkeit abbekommt, ob er gewinnt oder nicht. Politiker werden seine Nähe suchen, die Livestrong-Kampagne wird Teil der Werbekarawane sein und gelbe Armbänder verteilen. Armstrong wird täglich mit seinem Handy twittern, wie er die Welt sieht. Die Tour ist die nächste Etappe auf der Lance-Armstrong-Roadshow.

Es scheint, als habe er so ziemlich alles im Griff. Beim Giro ist er locker Zwölfter geworden, danach hat er in Kalifornien sein erstes Saisonrennen gewonnen, der Schlüsselbeinbruch vom März ist kein Problem mehr, er ist trotz seiner fast 38 Jahre offenbar in Form für einen Toursieg. Er wird häufig auf Doping getestet, das Astana-Team steht unter Aufsicht des dänischen Anti-Doping-Experten Rasmus Damsgaard, der einen tadellosen Ruf besitzt. Armstrongs Stiftung läuft blendend, über 300 Millionen Dollar an Spenden hat sie bislang eingenommen und die Erkenntnis verbreitet, dass Krebs nicht das Ende von allem zu sein braucht. Vor allem ist sie straff organisiert.

Mehrmals täglich ruft Armstrong bei Doug Ulman an, dem jungen Geschäftsführer, ein Krebsüberlebender wie er. "Was weißt du?", so begrüßt ihn Armstrong meistens. Die Gespräche sind auf Effizienz angelegt. Armstrong will auf dem Laufenden bleiben. Armstrong will immer die Kontrolle behalten, über alles, was mit ihm und seinem Namen zu tun hat.

Demnächst wird der Film über sein Leben gedreht, ein Hollywood-Spielfilm. Der Drehbuchautor heißt Gary Ross, er schrieb schon das Skript zum Blockbuster "Seabiscuit", die Geschichte der märchenhaften Laufbahn eines Rennpferds, einer Sportlegende aus dem Amerika der Dreißiger.

Dem kleinwüchsigen Galopper Seabiscuit traute anfangs niemand etwas zu, doch dann schaffte er es zu gewinnen, weil ein paar Menschen seine Fähigkeiten erkannten. Wie bei Armstrong ist es im Kern eine Geschichte über Widerstände und den Willen eines Außenseiters, sie zu überwinden. Und wie bei Seabiscuit liefert ein Bestseller die Story für die Handlung: die erste Biografie des Rennfahrers, erschienen nach der Krebsheilung und dem ersten Toursieg 1999. "It's Not About The Bike" heißt sie, es geht nicht um das Rad.

Es geht um viel mehr.


URL:

FORUM:


© DER SPIEGEL 27/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH