Von Jörg Kramer
Dem dänischen Fußball-Verein Østerbros Boldklub Kopenhagen gelang zwischen dem 9. April 1903 und dem 13. März 1910, also in fast sieben Jahren, in 39 Spielen nacheinander kein Sieg. Das war für die Jahre 1888 bis 1910 Weltrekord. Die Glasgow Rangers hatten im Zeitraum 1888 bis 1900 einmal 34 Spiele in Serie gewonnen. Weltrekord. Örgryte IS Göteborg wurde bis 1910 elfmal nationaler Meister. Die Bolton Wanderers stiegen bis dahin viermal aus der höchsten englischen Liga ab. Weltrekord, Weltrekord.
Das alles weiß die IFFHS, und nur dank der IFFHS weiß man auch, dass der FC Arbroath am 12. September 1884 im schottischen Pokal Bon Accord Aberdeen mit 36:0 besiegte, wobei John Petrie allein 13 Tore erzielte. Am selben Tag, in derselben Pokalrunde schlug Dundee Harp die Aberdeen Rovers mit 35:0. Reiner Wahnsinn, das alles.
Die IFFHS, die das zusammenträgt und für die Nachwelt festhält, ist die International Federation of Football History & Statistics. Und die IFFHS ist vor allem Alfredo Pöge. Doktor Alfredo Pöge, der deutsche Gründer und einzige Präsident seit 1984, wurde alle fünf Jahre wiedergewählt, einstimmig. Er spricht immer ein bisschen konspirativ, gedämpft, heiser sächselnd, es dauert ein paar Monate und sehr viele Telefonate, bis man ihn treffen darf.
Doktor Alfredo Pöge, 69, muss aufpassen, er hat genug Scherereien - trotz seiner "streng seriösen wissenschaftlichen Tätigkeit". Aus der DDR haben sie ihn 1985 wegen seiner merkwürdigen Passion ausgewiesen, jedenfalls erzählt er das so. Und was hat es gebracht? Auch in diesem Deutschland gebe es Leute, die "alles tun, um uns zu vernichten", sagt er.
Gerade, pünktlich zum Monatsanfang, hat seine Organisation wieder die Clubweltrangliste errechnet und ins Netz gestellt. Im Dezember gibt es wieder die Ehrungen, Welt-Ehrungen, und dann die Meldungen darüber in den Zeitungen: Weltschiedsrichter des Jahres, Weltnationaltrainer, Weltclubtrainer.
Dass Oliver Kahn 1999, 2001 und 2002 den Titel "Welttorhüter" tragen durfte wie das Siegel für Geprüfte Sicherheit, das hatte er Doktor Pöge zu verdanken. Die IFFHS kürte später auch Kollegen von Kahn wie den Italiener Gianluigi Buffon von Juventus Turin oder den Spanier Iker Casillas von Real Madrid. Mittelfeldstrategen wie Xavi von Barcelona, Kaká, damals beim AC Mailand, Zinédine Zidane von Real Madrid erklärte Pöges Organisation zu Weltspielmachern.
Die Verleihungen wurden im Fernsehen übertragen, bei RTL plus, zuletzt im DSF, und sie wurden auch schon im ZDF-"Sportstudio" vorgenommen. Die letzte Zeremonie wurde in 48 Länder ausgestrahlt. Doktor Pöge ist mit José Mourinho im ZDF aufgetreten, er hat den italienischen Schiedsrichter Roberto Rosetti im TV-Sender Rai geehrt, den argentinischen Torjäger Lucas Ramón Barrios im Stadion in Santiago de Chile.
Bei einer Gala in Rotenburg an der Fulda war, als die Tochter von Johan Cruyff eine Auszeichnung für den Papa entgegennehmen wollte, plötzlich die Trophäe weg. Es war eine jener Veranstaltungen, die deutsche Zeitungen als "Pannen-Gala" oder als "Tanztee" verspotteten.
Kritiker sagen, Doktor Pöge habe keine große Organisation hinter sich, er führe die Wahlen ganz allein in seiner Bonner Wohnung durch. Nur er sei die IFFHS. Im Ausland, sagt Alfredo Pöge, sei die Anerkennung größer.
Seine Organisation habe 160 Mitglieder, Fußballjournalisten die meisten, aber auch Lehrer und Ingenieure. Sie hat Bücher veröffentlicht, Zeitschriften publiziert, ein Mann allein könne das gar nicht schaffen. Er selbst arbeite bis zu zwölf Stunden am Tag, an den Wochenenden sechs. Die Informationen kommen von überall rein, Panama, Vietnam oder so. Man muss ja alles chronologisch machen. In dieser Woche, sagt er, war die Rangliste von 1903/04 dran, also die Ligatorschützen aus aller Welt, dazu Biografien der ersten 15.
Es geht bei alldem mehr oder weniger um die systematische Vermessung der Fußballwelt.
"Warum wählen die nicht gleich den Busfahrer des Jahres"
Einmal hat die Föderation des Präsidenten Pöge etwas Schwerwiegendes aufgedeckt. Italien hätte 1934 im eigenen Land gar nicht Weltmeister werden dürfen. Bei weltweiten Recherchen fand Doktor Pöges IFFHS heraus, dass die Italiener in einem Qualifikationsspiel gegen Griechenland drei nicht spielberechtigte Akteure eingesetzt hatten, außerdem sei ein Spieler zur Halbzeit ausgewechselt worden, obwohl das nicht erlaubt war. Davon berichtete dann sogar die Deutsche Presse-Agentur.
Heute berichtet sie nicht einmal mehr, wenn ein Deutscher Weltschiedsrichter wird. Man wisse nicht, wie die Wahlen der IFFHS zustande kämen, sagt man dort. Nur der Sport-Informations-Dienst trägt noch jedes Jahr die Ergebnisse in die Zeitungen und in die Fernsehnachrichten.
Misstrauen ist Alfredo Pöge gewohnt. In Leipzig war er schon mit 28 Jahren Abteilungsleiter für klinische Chemie und Labordiagnostik an der Universitätsklinik. Der Familie, Ehefrau Uschi und den beiden Jungen, ging es gut, sie hatten einen modernen Swimmingpool. Alles änderte sich, als im Mai 1984 der Mann von der Staatssicherheit kam, so erzählt er es. Knapp zwei Monate vorher hatte er mit ausländischen Kollegen - in gar keiner subversiven Absicht - die IFFHS gegründet, die Fußballstatistikföderation.
Als Waisenkind, er war viel allein, hat Alfredo Pöge immer Sportzeitungen aus aller Welt gesammelt und Mannschaftsaufstellungen auswendig gelernt - eigentlich das, was er heute noch tut. Was sollte an dieser Leidenschaft staatsfeindlich sein? Doktor Pöge glaubt, dass der Stasi die Weltföderation IFFHS suspekt war. Nach ersten Repressalien - es gab Vorladungen, die Post wurde unterschlagen - musste er zum Leipziger Stasi-Chef.
Der diktierte ein Urteil. Er sollte zusichern, die IFFHS aufzulösen, weltweit. Er sollte alle Manuskripte abliefern, seine Tätigkeit sei illegal. Der Staat wollte ihm Schizophrenie attestieren. Doktor Pöge weigerte sich. Er war jetzt ein Widerstandskämpfer zum Wohle der Fußballgeschichte und -statistik.
Er wandte sich über einen Bekannten an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Aber der muss dann etwas falsch verstanden haben. Er hat den Doktor Pöge einfach zur Persona non grata erklärt. Da, sagt Alfredo Pöge mit seiner heiseren Stimme, sei er das erste Mal zu einem Menschen geworden, der nicht existierte.
Man habe ihn loswerden wollen. Bald kam der Sonderbeauftragte der Stasi zu ihm in die Klinik. Die Meinungsverschiedenheiten, sagte der, sollten kurzfristig durch eine Umsiedlung seiner Familie beigelegt werden, und zwar diskret. Ohne Presse, Funk und Fernsehen.
Doktor Pöge nahm natürlich 14 Koffer Statistikmaterial der IFFHS mit in den Zug über Magdeburg in den Westen. Die Familie Pöge kam erst nach Düsseldorf, später auf eigenen Wunsch nach Wiesbaden. Doktor Pöge kannte dort Helmut Schön. Der frühere Fußballbundestrainer, er ist inzwischen tot, hat für Pöges Sohn einen Platz auf dem Gymnasium organisiert.
Doktor Pöge war jetzt anerkannt, und es gab bald Sponsoren. Der Ausrüster Uhlsport bezuschusste die Welttorhüter-Wahl, Adidas die Wahl und Ehrung des Weltfußballers, bis der Weltverband Fifa 1991 dieses Segment übernahm. Die Fifa kooperierte bei Buchprojekten, eine hessische Hotelkette übernahm die Reisekosten der Stars für die Ehrungen im Rahmen der Weltgala. Die Fußballszene braucht Helden und Inszenierungen.
Doch die fetten Jahre sind vorbei. Die Sponsoren sind weg, die Hotelkette ist insolvent. Im vorigen Jahr gab es keine Gala, weil niemand mehr die Reisekosten übernimmt. Für neue Veröffentlichungen fehlt Geld. Die Fußballszene traut der IFFHS des Doktor Pöge nicht mehr so recht.
"Warum wählen die nicht gleich den Busfahrer des Jahres oder die Stadionbratwurst des Jahres?", fragt der Ballack-Manager Michael Becker, er hat den Herrn Pöge des "medialen Harndrangs" bezichtigt und wegen Beleidigung verklagen wollen. Ballack hatte es abgelehnt, zu einer Ehrung zu kommen, er war bei der Wahl Dritter geworden in irgendeiner Kategorie. Alfredo Pöge nannte daraufhin Becker einen Lügner. Ballack habe sehr wohl an dem Abend frei gehabt, das wisse er von Mourinho persönlich, seinem damaligen Coach. Spielerberater seien "die Metastasen des Fußballs", sagt Doktor Pöge.
Inzwischen ist der IFFHS-Präsident, wegen einer Mieterhöhung in Wiesbaden, nach Bonn umgezogen. Sein Schreibtisch, das Hauptquartier der Weltföderation also, steht in der Erdgeschosswohnung in einem Mehrfamilienhaus im Stadtteil Hardtberg.
Zur Katastrophe führte dann schließlich der juristische Streit um eine Rechnung über 3485,22 Euro Versandkosten, die eine Kasseler Druckerei verlangte. Der IFFHS-Präsident zahlte zwar, doch danach ging es um die Kosten des Rechtsstreits und vor allem darum, ob Doktor Alfredo Pöge selbst haftet. Er hatte der Druckerei den Auftrag nicht im eigenen Namen erteilt, sondern "im Namen der weltweit anerkannten internationalen Föderation IFFHS", genau so hatte er das vor Gericht geltend gemacht.
Das Amtsgericht Bonn entschied im Dezember 2006, er müsse haften. Die Föderation besitze keine in Deutschland anerkannte Rechtsposition. Die IFFHS ist nicht als Verein eingetragen und auch nicht als Firma. Das Gericht fand keine Belege dafür, dass es die IFFHS überhaupt gab. Folglich gab es auch keinen Präsidenten.
Pöge sagt, da sei er also zum zweiten Mal für nicht existent erklärt worden. Das Exekutivkomitee der IFFHS beschloss daraufhin den Wegzug aus Deutschland, die Geschäftsadresse heißt nun Al-Muroor Street 147 in Abu Dhabi.
Für Don Alfredo Pöge hat das alles Methode. Auch dass gewisse deutsche Medien seine Ranglisten nicht erwähnen. "Das Totschweigen von wichtigen internationalen Informationen ist eine stalinistische Praktik", sagt er.
Wahrscheinlich soll die IFFHS vernichtet werden. Es gibt Indizien. Franz Beckenbauer beispielsweise sei 2007 als Erster der Welt mit dem Titel "Universalgenie des Weltfußballs" geehrt worden, die deutschen Medien verschwiegen das.
Noch hat die IFFHS nicht zurückgeschlagen. Sie überlegt gerade, einen Nachfolger für Beckenbauer als Universalgenie zu ehren. Der Name ist geheim, Doktor Pöge nennt ihn ganz leise, sollen die Deutschen doch sehen, was sie davon haben, wenn sie ihn vergraulen. Es ist Uefa-Präsident Michel Platini, ein Franzose.
© DER SPIEGEL 28/2009
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