Von Daniel Steinvorth
Zu den ganz Großen im türkischen Fernsehgeschäft gehört Kanal T eher nicht. Der Nischensender, der sich in einem Gewerbegebiet von Istanbul versteckt, machte bislang vor allem wegen seiner Geschäftsführerin Schlagzeilen: Seyhan Soylu, von der Presse auch "Sisi" genannt, 36 Jahre alt, Ex-Polizistin, Ex-Journalistin, Transsexuelle, Enfant terrible der Nation.
Mit 20 ließ sich der Diplomatensohn und Absolvent einer Polizeiakademie zur Frau operieren. Mit 22 gelangte Sisi auf die Titelseite einer "Playboy"-Ausgabe - und interessierte sich dann nebenher auch für die große Politik.
Als Mitarbeiterin "staatlicher Dienste" soll sich Soylu 1997 angeblich am Sturz des fundamentalistischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan beteiligt haben. Und im vergangenen September wurde die wortgewaltige Blondine mit den tätowierten Oberarmen sogar vorübergehend verhaftet - wegen Verdachts auf "Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation".
Kein Wunder also, so sagen die Türken, dass die zurzeit umstrittenste Fernsehsendung des Landes auch auf das Konto von Sisi geht.
Seit Wochen diskutiert die Öffentlichkeit über eine Reality-Show mit dem Namen "Tövbekarlar yarisiyor" - zu Deutsch: "Büßer im Wettstreit", die sich die Chefin von Kanal T ausgedacht hat.
In deren Mittelpunkt stehen zwölf Atheisten und mehrere religiöse Würdenträger, darunter ein katholischer und ein orthodoxer Priester, ein muslimischer Imam, ein jüdischer Rabbi und ein buddhistischer Mönch.
Acht Wochen lang sollen die Geistlichen unabhängig voneinander versuchen, den ungläubigen Kandidaten ihren Glauben näherzubringen, es soll persönliche Gespräche, Fragerunden und Ausflüge zu Moscheen und Kirchen geben. Schaffen es die Gottesmänner, einen Teilnehmer zu bekehren, gewinnt dieser eine Reise zum jeweiligen Heiligtum: Der frischgebackene Muslim darf auf Senderkosten nach Mekka pilgern, der Jude nach Jerusalem, der Katholik zum Vatikan und der Buddhist nach Tibet.
Was wie ein Witz klingt, meinen die Macher von Kanal T ganz ernst.
"Wir haben aus über 200 Bewerbungen unsere 12 Atheisten ausgewählt. Wir haben auch schon eine Zusage vom Vatikan, sie wollen uns einen Priester schicken", versichert Soylu in ihrem Büro im Istanbuler Stadtteil Güngören. Auch ein Rabbi und ein buddhistischer Mönch seien aufgetrieben - nur mit dem muslimischen Vertreter hapere es noch. Die türkische Religionsbehörde ziere sich, sagt Soylu.
Das ist allerdings milde ausgedrückt. Das "Amt für religiöse Angelegenheiten" (Diyanet) in Ankara reagierte verärgert auf die Programmankündigung von Kanal T. "Nicht ein einziger Imam" werde bei diesem "Firlefanz" teilnehmen, empörte sich Diyanet-Präsident Ali Bardakoglu in einem Fernsehinterview, die Show sei ein "großer, verhängnisvoller Fehler" und überdies eine "Erniedrigung der Religion".
Auch Mustafa Çagrici, oberster Mufti von Istanbul, der wie Bardakoglu zu den besonnenen Stimmen im türkischen Islam gehört, fürchtete den Untergang des Morgenlands. Mit Gott zu experimentieren schade dem öffentlichen Frieden, schimpft er.
Ohne einen Imam aber dürfte die Sendung wenig Chancen auf die Gunst des Publikums haben, in einem Land, dessen Einwohner zu 99 Prozent Muslime sind.
Soylu, die sich als "gläubige Muslima mit undogmatischen Ansichten" versteht, ist deswegen zum Gegenangriff übergegangen. Wenn nötig, will sie einen Imam aus Tunesien holen. "Wo ist das Problem? Wir wollen keinen Religionskrieg anzetteln", sagt sie. "Wir wollen helfen, Gott zu entdecken."
Sollte die Show tatsächlich gegen religiöse Empfindungen verstoßen, muss der Sender mit einer Geldstrafe von der Medienaufsichtsbehörde rechnen - im schlimmsten Fall mit einem Verlust der Lizenz.
Dabei haben es die Medienwächter schon seit längerem mit immer absurderen Programmen zu tun. Im Kampf um die Quote überbieten sich die türkischen Kanäle derzeit mit Ekelformaten wie "Ver coskuyu" ("Los, gib alles"), wo die Kandidaten mit kleinen Käfern berieselt werden oder Stromstöße ertragen müssen, während sie ein Lied singen. In einer anderen Show, die sich gegen Sexismusvorwürfe wehren muss, tritt ein Mann gegen 50 Blondinen in einem Wissenstest an und stellt die Frauen bloß.
Sisis Atheistenshow mutet dagegen eher harmlos an. Für die türkische Soziologin Nilüfer Narli bedient sie sogar eine gesellschaftliche Nachfrage: die "wachsende Neugier auf andere Religionen".
Wann genau die "Büßer im Wettstreit" auf Sendung gehen, bleibt indes unklar. Hieß es zunächst, die Show werde im September starten, sagte ein Berater des Senders jetzt, man wolle frühestens im Oktober beginnen - nach dem islamischen Fastenmonat Ramadan.
So viel Rücksicht muss sein.
© DER SPIEGEL 32/2009
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