19. Juli 2010, 00:00 Uhr

Essay

Stunden der Wahrheit

Von Ullrich Fichtner

Irak und Afghanistan legen die Ratlosigkeit der Weltmacht USA bloß.

I. In der Debatte über Amerikas Kriege fällt jetzt häufiger ein Name, den Barack Obama fürchten muss. Es ist der Name des 36. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Lyndon B. Johnson. Johnson, ein Demokrat wie Obama, ein energischer Reformer wie er, scheiterte letztlich am Engagement amerikanischer Truppen in der Welt; der Vietnam-Krieg hat verhindert, dass er als einer der herausragenden US-Präsidenten in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingehen konnte.

Johnson packte an, was niemand zuvor gewagt hatte, auch John F. Kennedy nicht, dessen Erbe er antrat. Mit seinem Namen verbindet sich das Projekt der "Great Society", Johnson war es, der die Rassendiskriminierung in den USA mutig bekämpfte, der der Armut den Krieg erklärte, der die USA öffnete für nichteuropäische Immigranten, der das Bildungssystem von Grund auf reformierte, die Bürgerrechte förderte und mit seinen "Medicare"- und "Medicaid"-Programmen den Grundstein legte für eine neue Gesundheitspolitik, auf dem Barack Obama nun sein Haus bauen kann.

Diese großen Leistungen sind jedoch so gut wie verschwunden hinter Johnsons Fehleinschätzungen in Bezug auf Indochina. Ab dem Jahr 1966 etwa, als der US-Aufmarsch in Vietnam auf seinen Höhepunkt zusteuerte, machte in den USA das Wort von einer "Glaubwürdigkeitslücke" Karriere. Johnsons Außenpolitik verdarb seine innenpolitischen Erfolge; man nahm ihm, dem Kriegsherrn, die Rolle des Versöhners in der Heimat nicht mehr ab.

Barack Obama, der Friedensnobelpreisträger, wird sich schon sehr bald in einer ganz ähnlichen Zwickmühle wiederfinden. Und in der Folge wird sehr wahrscheinlich die ganze heutige Weltordnung zur Debatte stehen.

Der Umgang der US-Präsidenten mit kriegerischen Konflikten

II. Irak war nie Vietnam, Afghanistan wird es nie werden. Die schnell hingeschriebenen Vergleiche hatten und haben stets den Makel, den historischen Stoff zu verfehlen. In Vietnam standen auf dem Höhepunkt der Kämpfe 543.000 US-Soldaten im Bodenkrieg, weit mehr als doppelt so viele wie jetzt im Irak und in Afghanistan zusammen. In Vietnam fielen, bis der Krieg im Jahr 1975 zu Ende ging, mehr als 58.000 US-Soldaten, allein im Jahr 1968 starben manchmal tausend GIs pro Woche, mindestens drei Millionen Vietnamesen kamen ums Leben und weit über eine halbe Million Kambodschaner und Laoten. Wer solche Zahlen kennt, muss von Vietnam-Vergleichen die Finger lassen.

Und doch ist über Ähnlichkeiten zu reden hinsichtlich des politischen Umgangs der US-Präsidenten mit ihren kriegerischen Konflikten. Wie seine Amtsvorgänger Johnson und Nixon hat Obama ein baldiges Ende der amerikanischen Kriege versprochen; wie seine Amtsvorgänger hat er davon geredet, den von US-Truppen besetzten Ländern das eigene Schicksal schnellstmöglich wieder zu übertragen.

Obama hat versprochen, bis Ende 2011 alle Truppen aus dem Irak abzuziehen. Und er hat versprochen, ab Juli 2011 die Truppen aus Afghanistan heimzuholen. Nichts dergleichen wird geschehen. Die in diesen Wochen neu nach Afghanistan abrückenden US-Soldaten, 30.000 zusätzlich, die das US-Kontingent dort auf gut 100.000 Mann verstärken, werden erst im November dieses Jahres überhaupt vollzählig in Afghanistan angekommen sein. Sie hätten dann, wenn Obamas Ankündigungen zuträfen, bis zum Juli 2011 noch knapp neun Monate Zeit, um eine Wende im Krieg am Hindukusch zu erzwingen. Das aber ist nach der aktuellen Lage der Dinge ein aussichtsloses Vorhaben.

Die Amerikaner und ihre Verbündeten gewinnen jede Schlacht, aber sie verlieren den Krieg

Es war in den vergangenen Wochen beispielhaft zu besichtigen: In Marjah, einer kleinen Stadt im Süden Afghanistans, kämpften Tausende britische und amerikanische Soldaten hart und verlustreich um einen Sieg gegen die Taliban, der sich bei Licht betrachtet nicht eingestellt hat. Marjah ist heute, nach dem Großangriff, nicht befriedet, nicht befreit, die Stadt wird nicht gehalten, denn der Feind - in Teilen geschlagen, in Teilen vertrieben - kehrt schon wieder zurück, um das Ruder zu übernehmen. Die Anstrengungen der US-geführten Truppe wirken nachgerade verzweifelt, und sie sind ein Sinnbild dessen, was seit nunmehr fast neun Jahren in Afghanistan vor sich geht.

Die Amerikaner und ihre Verbündeten gewinnen jede Schlacht, aber sie verlieren den Krieg. In diesen Wochen wird die Weltöffentlichkeit auf eine große, die angeblich entscheidende Offensive gegen Kandahar vorbereitet, die Heimstatt der afghanischen Taliban. Die zugehörige Rhetorik erinnert sehr an die Lageberichte der scheiternden Generäle in Vietnam. Es braucht deshalb keine große Prophetengabe, um vorauszusagen, dass es auch von dort, aus Kandahar, bald schlechte Nachrichten hageln wird und dass sich wieder erweisen wird, dass dieser Krieg - man mag ihn Anti-Terror-Kampf nennen, "Counterinsurgency", Friedenseinsatz - nicht zu gewinnen ist.

Die afghanische Bevölkerung mitsamt ihrer korrupten, inkompetenten Führung in Kabul hat in ihrer Mehrheit spürbar kein Interesse mehr an einem Erfolg der Amerikaner und ihrer Verbündeten. Es scheint heute eher so, als wünschten sich die Afghanen nichts sehnlicher, als dass all die Fremden auf heimischem Boden endlich wieder dorthin verschwinden, wo sie hergekommen sind, und sei es um den Preis einer neuerlichen Taliban-Herrschaft.

Immer am Rand eines möglichen Bürgerkriegs

III. Der Irak war anders von Beginn an. Saddam Hussein mag ein brutaler Diktator gewesen sein, aber sein Regime entfaltete auf seine Weise Modernisierungseffekte, von denen die irakische Gesellschaft bis heute profitiert. Saddam benutzte die Religion, wenn sie seiner Sache diente, letztlich aber war er ein säkularer Führer, der Ingenieure bewunderte, sich für die Wissenschaften begeisterte und dessen Bild etwa von der gesellschaftlichen Rolle der Frau für nahöstliche Verhältnisse als durchaus aufgeklärt anzusehen ist.

Der amerikanische Krieg im Irak war deshalb, obwohl auch er zwischenzeitlich, vor allem in den Jahren 2006 und 2007, verheerende Nachrichten in Serie produzierte, viel leichter zu führen. Die irakische Gesellschaft - ganz anders als die afghanische - ist eine städtische, die Bevölkerung ist im Durchschnitt deutlich höher gebildet, die gesamte Infrastruktur des Landes ist, verglichen mit Afghanistan, modern zu nennen, und deshalb ist das Land immer immun gewesen gegen alle Versuche einer "Talibanisierung".

Es war im Irak auch immer möglich, trotz aller ethnisch-religiösen Differenzen, trotz des Kurden-Problems, trotz des Streits um die Einnahmen aus dem Ölexport, allerorten rationale Gesprächspartner zu finden, deren Einfluss auch weit genug reichte, um einigermaßen tragfähige politische Lösungen zu verabreden. Immerhin haben die Iraker seit dem Einmarsch der Amerikaner im Frühjahr 2003 dreimal - und dreimal einigermaßen demokratisch - ein Parlament gewählt. Als Barack Obama sein Amt antrat, war das Land mit seinem Premierminister Nuri al-Maliki auf einem Weg, einem weiterhin steinigen, von vielen Gefahren gesäumten, aber es war auf dem Weg, und alle Attentate konnten nicht verhindern, dass um die Zukunft des Landes vor allem mit Worten und nicht mit Waffen gestritten wurde. Dieser Befund verliert in diesen Wochen an Gültigkeit.

Die Sektierer und Terroristen im Land wittern wieder Morgenluft

Da Obama an dem Plan festhält, bis Ende 2011 alle Truppen aus dem Irak abzuziehen, wittern die Sektierer und Terroristen im Land wieder Morgenluft, und vor allem erinnern sich die Regierenden ihrer alten, schlechten Angewohnheiten. Der autoritäre Führungsstil, einige Jahre lang gemildert durch den Willen, die nationale Einheit des Landes nicht zu gefährden, hält wieder Einzug.

Premierminister Maliki, dessen Partei bei der Wahl im März weniger Sitze gewann als die des wichtigsten Herausforderers Ijad Alawi, hat sich mit unguter Sturheit an sein Amt geklammert und monatelang eine Regierungsbildung verhindert. Viele über die Jahre mühsam erzielte Kompromisse, die sich immer auch der drohenden Anwesenheit von immer noch 90.000 US-Soldaten verdanken, verlieren an Verbindlichkeit - und man darf all dies auch als eine Folge der unbedachten Außenpolitik Obamas betrachten, der zu oft wie ein Idealist handelt, dem aber der Sinn fürs wahre Leben fehlt.

Das wahre Leben spielt, im Irak und in Afghanistan, bis auf weiteres immer am Rand eines möglichen Bürgerkriegs. Obama wird sich deshalb, wenn nicht alles im Irak Gewonnene schlagartig wieder zerrinnen soll, in Sachen Truppenabzug am Ende korrigieren müssen, mit allem Autoritätsverlust, den diese Entscheidung mit sich bringen wird. Wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wird auch der Irak noch bis auf weiteres die stabilisierende Truppenpräsenz der Amerikaner brauchen, und die US-Regierung wird auch schon auf den Gedanken kommen, dass es hilfreich sein könnte, sich ein gewisses Drohpotential gegen Iraks Nachbarn Iran zu erhalten.

Der Ausblick am Hindukusch geht auf einen schwarzen Horizont

IV. Wie ist die Lage in Bagdad und Kabul im Jahr 2010? Für den Irak ist diese Frage fast schwerer zu beantworten als für Afghanistan. Denn dort, am Hindukusch, geht der Ausblick schlicht auf einen schwarzen Horizont. Gebietsgewinne der internationalen Koalition haben sich immer nur als kurzfristig erwiesen, in weiten Teilen des Landes herrschen de facto die vielen Splittergruppen, Clans und Warlords, die in der Debatte stets zusammengerührt und als Taliban etikettiert werden. Tatsächlich ist Afghanistans Gesellschaft, und das gilt auch für ihre Feinde, ein wundersam vielfältiges Geflecht aus kulturellen, ethnischen, religiösen, geografischen und tribalistischen Loyalitäten, das für den Fremden kaum je befriedigend zu entwirren wäre.

Die Bezüge gehen immer auch nach Pakistan und Iran, nach Russland und selbst nach China. Es gälte, usbekische Einflüsse zu verstehen, tadschikische Verbindungen, alte russische Seilschaften. Man müsste den Verlauf aller Fäden kennen, die sich in 30 Jahren Krieg gesponnen haben, all die Geschichten von Verrat und Treue, die Legenden der Mudschahidin, und wer nicht weiß, wer gerade wessen Schwiegersohn ist und welcher Stammesführer gerade welchen Polizeichef besticht, wird immer wieder vor einem unlösbaren Rätsel stehen.

Mit einer solchen Gesellschaft ist, nach US-amerikanischen Kriterien und Methoden, kein Staat zu machen. Der aktuelle US-Botschafter Karl Eikenberry hat sich mit der Regierung in Kabul über viele Fragen längst überworfen; der US-Sonderbotschafter Richard Holbrooke gilt mittlerweile als erklärter Feind von Präsident Hamid Karzai, dessen Unfähigkeit nach acht Jahren als erwiesen gelten darf. Es ist offenkundig, dass die amerikanische Diplomatie kurz davor steht, Afghanistan aufzugeben - und sich stattdessen dem Nachbarn Pakistan zu widmen, der als Atommacht und wahre Heimstatt des Taliban-Terrors längst größere Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Über militärische Kampagnen gültige Voraussagen treffen zu wollen ist ein heikles Geschäft. Wenn am Hindukusch jetzt ein "surge" ansteht, eine Truppenaufstockung wie 2007 im Irak, beginnt gewissermaßen ein neues Spiel. Die Berufung des Vier-Sterne-Generals David Petraeus auf den Posten des Afghanistan-Kommandeurs wurde von vielen als hoffnungsvolles Zeichen begrüßt. Petraeus' Erfahrungen aus dem Irak, wo seine klugen Entscheidungen die Wende des Jahres 2008 mitbewirkten, könnten sich am Hindukusch jedoch als hinderlich erweisen. Irak ist nicht Afghanistan, Petraeus sagt es selbst immer wieder - aber Petraeus ist immer noch Petraeus, und so steht zu befürchten, dass er seine Methoden, die im Irak wirkten, in Afghanistan neuerlich in Anschlag zu bringen versucht.

Die US-Diplomatie steht kurz davor, Afghanistan aufzugeben und sich Pakistan zu widmen

Dass sie nicht greifen werden, lässt sich vorhersagen. Die irakische Wende kam maßgeblich zustande, nicht, weil noch mehr Amerikaner ins Land einrückten, sondern weil die sunnitischen Scheichs erst in der Provinz Anbar, dann im ganzen Land die Seiten wechselten und fortan mit den Amerikanern paktierten. In Afghanistan gibt es solche potentiellen Verbündeten nicht, es sei denn, man gäbe sich der kühnen Vorstellung hin, Petraeus und die USA wollten eines Tages direkt und öffentlich mit den Taliban verhandeln.

Karzai will und tut das im Geheimen seit langem; die USA werden deshalb mit ihrer harschen Anti-Taliban-Strategie aus Sicht der Regierung in Kabul mittlerweile eher zu einem Hindernis auf dem Weg zum inneren Frieden. Dass Karzai längst begonnen hat, offen gegen sie zu arbeiten, hat er jüngst mit der Entlassung seines Innenministers Hanif Atmar schrill demonstriert, der im Westen als einer der wenigen kompetenten Minister galt. Und auch wenn es derzeit noch klingt wie ein wilder Traum: Am Ende, wenn es für ihn und seinen Clan um alles oder nichts geht, könnte sich Karzai selbst zum Anführer des antiwestlichen Aufstands im Land aufschwingen, was der verfahrenen Isaf-Mission eine letzte absurde Wendung gäbe.

Die Probleme im Irak nehmen sich, gemessen an jenen am Hindukusch, vergleichsweise klein aus; jedenfalls schien es bis vor kurzem so. Obwohl immer wieder Nachrichten von verheerenden Terroranschlägen im Land die Welt erschüttern, hat sich die Sicherheitslage generell doch spürbar entspannt, was nicht zuletzt dem erfolgreichen Aufbau eines nationalen Armee- und Polizeiapparats geschuldet ist.

Der Süden von Bagdad, der noch vor drei Jahren ein ausgestorbenes Kriegsgebiet war, in dem sich Milizen, einsame Scharfschützen und US-Soldaten in gespenstischen Haus-zu-Haus-Kämpfen bekriegten, sieht heute wieder aus wie normales, ziviles Stadtgebiet. In Orte mit berüchtigten Namen, Falludscha, Ramadi, Nadschaf, ist ein Alltag zurückgekehrt, mit Märkten, Straßenfesten und Kindern, die in Schuluniformen ihrer Wege gehen. Aber nun baut sich im Land eine neue gefährliche Krise auf.

Die Weigerung des amtierenden Premierministers Maliki, sich in seine Wahlniederlage zu fügen, hat zu politischem Stillstand, wo nicht zu einem Machtvakuum geführt. Ethnische Milizen gehen wieder gezielt gegen Angehörige anderer Volksgruppen vor, und sie werden dabei nicht mehr, wie es lange der Fall war, von äußeren Kräften, von Terrornetzwerken oder iranischen Geheimdiensten gesteuert. Es scheint sich eher ein neuer, innerer Konflikt im Irak aufzubauen, dessen Ursachen hausgemacht sind, und an denen eine unfähige Politik maßgeblich die Schuld trägt.

Man muss sich vor Augen führen, dass die Iraker seit Jahren über ein nationales Ölgesetz streiten. Trotz aller Verhandlungsrunden, trotz allen Drucks von außen und von innen ist es noch immer nicht gelungen, einen gerechten Schlüssel für die Verteilung des irakischen Reichtums zu finden, der ein Schlüssel zum Frieden im Land wäre.

Diese Unfähigkeit zum großen Wurf geht einher mit zahllosen anderen Unzulänglichkeiten der Regierenden, die sich bislang unfähig gezeigt haben, die Versorgung des Irak mit Strom und Wasser und vielen anderen elementaren Gütern zu bewerkstelligen. Die Bevölkerung wird das komplizierte Spiel in Bagdad leid und beginnt sich abzuwenden von Führern, die das Wohl des Landes nicht mehren, aber auf ihr eigenes sehr bedacht sind.

Dass dies jetzt Freunde und intime Kenner des Landes berichten wie der frühere US-Botschafter in Bagdad, Ryan Crocker, der vor einem Rückfall hinter das Erreichte warnt, ist ein Alarmzeichen. Es wirkt, als schwände die Hoffnung auf ein gedeihliches Zusammenleben aller Iraker gerade wieder, und sie schwindet ausgerechnet im historischen Augenblick, in dem sich die USA festgelegt haben auf einen vollständigen Abzug ihrer Truppen. Daraus kann nicht viel Gutes erwachsen.

In Afghanistan eröffnen sich extrem widersprüchliche Optionen

V. Obama hat, im Irak, bei Licht betrachtet nicht viele Optionen. Zöge er, als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte, wirklich alle Truppen ab, wäre ein Scheitern des irakischen Experiments mehr als wahrscheinlich, und die US-Regierung wird diese Sicht der Dinge über kurz oder lang teilen. Nur mit einer stabilisierenden, bewaffneten US-Präsenz im Rücken können die gemäßigten Kräfte in Bagdad ihr Projekt fortsetzen, und es wäre ein historischer Irrtum, ihnen diese Chance zu nehmen.

In Afghanistan liegt der Fall anders. Hier eröffnen sich extrem widersprüchliche Optionen, deren Folgen jeweils nur schwer abzuschätzen sind. Die von den meisten Europäern bevorzugte besteht im schnellen Abzug aller Truppen und ließe sich als eine Strategie des "Nach mir die Sintflut" bezeichnen. Auch auf Obama wächst der Druck, die heillose Militäroperation am Hindukusch rasch zu beenden und die offenkundig unwilligen Afghanen ihrem eigenen Schicksal zu überlassen.

Kanada, die Niederlande, Polen, Australien, viele weitere Länder werden ihre Truppen abziehen oder stellen ihre Engagements in Frage, die Isaf-Koalition bröckelt, und Obama steht vor der Wahl, die Operation auf Dauer mit immer größerem Aufwand als amerikanisch-britischen Krieg weiterzuführen oder eben sieglos zu beenden. Beide Wege wirken nicht sehr verlockend, und deshalb wäre es so denkbar wie wünschenswert, eine letzte große Kraftanstrengung zu versuchen, die in eine konstruktivere Lösung münden könnte.

Klein-Klein ohne Ziel und Zweck

Es gehe jetzt nicht darum, die Sache schnell zu erledigen, sondern ordentlich, hat der unehrenhaft gescheiterte Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal vor seinem Abgang gesagt, das ist ein so banaler wie wahrer Satz. Sollen ihm Taten folgen, müssen sie über das militärische Engagement immer neuer US-Kampftruppen weit hinausgehen. Es spielen, in Afghanistan, noch immer alle Faktoren eine Rolle, die schon das historische "Great Game" des 19. Jahrhunderts zwischen dem britischen Empire und Russland bestimmten. Der Konflikt ist punktuell, nur in den afghanischen Grenzen nicht zu lösen.

Ist Obama wirklich der messianische Weltführer, als der er nach seiner Wahl allerorten willkommen geheißen wurde, dann sollte es ihm jetzt gelingen, alle Beteiligten noch einmal an den großen Tisch einer Afghanistan-Konferenz zu zwingen - und alle Beteiligten, das schlösse Mächte wie Russland, China, Pakistan, Iran und in irgendeiner Form selbst die Taliban und einige afghanische Warlords mit ein. Angesichts der verfahrenen Lage könnte nur eine solche Konferenz, wenn überhaupt, gangbare Wege aus dem ansonsten sicheren Desaster weisen.

Bleibt eine solche letzte diplomatische Anstrengung aus, geht das jetzige Klein-Klein ohne Ziel und Zweck einfach weiter, ist die Zukunft Afghanistans leicht zu erraten: Nach und nach und in immer schnellerer Folge werden sich Amerikas Verbündete vom Acker machen, auch die Uno wird sich, allein schon um ihre Beschäftigten zu schützen, über kurz oder lang zurückziehen. Das Land wird in einem Chaos versinken, aus dem am Ende die Taliban als Retter des Landes wiederauferstehen. Die Geschichte hätte sich dann einmal im Kreis herumgedreht, alle Opfer und Mühen wären sinnlos gewesen, und Afghanistan wäre wieder dort angelangt, wo es sich im Jahr 2001 schon einmal befand.

Endspiel um die Rolle der USA in der Welt

VI. Im Irak wie in Afghanistan wird mehr verhandelt als nur die Stabilisierung zweier Länder und ihrer Gesellschaften. Es geht um ganze Regionen, um geopolitische Einflusszonen, und es geht auch um eine Art Endspiel um die Rolle der USA in der Welt. Gut möglich, dass es in der Rückschau eines Tages so aussehen könnte, als hätten die USA am Beginn des 21. Jahrhunderts auf den Schlachtfeldern im Irak und in Afghanistan ihren Status als Supermacht eingebüßt und womöglich an China abgeben, das derzeit in aller Welt eine "soft power" entfaltet, die jene Amerikas womöglich schon übertrifft. Gut möglich auch, dass Barack Obama als der Präsident in die Geschichte eingehen wird, der den Niedergang der US-Dominanz endgültig einleitete.

Aber es geht in diesen Monaten und Jahren, die zusätzlich noch bleischwer belastet werden durch eine historische Weltwirtschaftskrise, nicht allein um die USA und ihre Rolle in der Welt. Es mögen vorrangig amerikanische Kriege sein, die in Irak und Afghanistan geschlagen werden, aber in ihrem Windschatten erleben gleich drei große Spieler der Weltpolitik ihre Stunden der Wahrheit. Die Uno, die Nato und die Europäische Union laufen Gefahr, sich unter den Kollateralschäden der aktuellen Kriege und vor allem jenes in Afghanistan wiederzufinden.

Alle drei haben am Hindukusch unter Beweis gestellt, dass sie als Kriseninterventionskräfte nicht viel mehr als teure Totalausfälle sind. Die Uno mag in Afghanistan erfolgreich Impf- und Bildungsprogramme gestartet und hier und da die Gesundheitsversorgung verbessert haben, was gewiss keine Kleinigkeit ist; als selbsterklärter Meister des Nation Building hat sie aber auf ganzer Linie versagt. Die Nato hat sich im Zuge der Isaf-Operation als zerstrittener Haufen eigenmächtig handelnder Truppenteile vorgestellt, mit dem weder ein Krieg zu gewinnen noch Frieden herzustellen wäre. Die Europäer schließlich waren als Europäische Union gänzlich abwesend, und die einzelnen europäischen Truppensteller haben im fernen Asien - ganz wie in Brüssel - fast energischer um ihre nationalen Interessen gekämpft als gegen die Feinde eines neuen Afghanistan.

Gemeinsames Scheitern gemeinsam analysieren

Diese Befunde fügen sich zu einer ernüchternden Erkenntnis: In Afghanistan verliert gerade die Hoffnung noch weiter an Boden, dass es für die zentralen Probleme der Welt vernünftige multilaterale Lösungen gäbe. Die Aussicht darauf, dass die heutigen Agenturen der internationalen Staatengemeinschaft am selbstgesetzten Prüfstein Afghanistan scheitern, dass sie womöglich schon gescheitert sind, kann jedenfalls für das Gefüge der Welt nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Eine positive Folge könnte sein, dass die Beteiligten ihr gemeinsames Scheitern gemeinsam analysieren und zu kraftvollen Reformen finden, um Nato, Uno und auch die EU neu aufzustellen, aber wer glaubte daran. Negative Konsequenzen sind wahrscheinlicher. Die Mitglieder der Welt-Koalition haben am Hindukusch nicht zueinandergefunden, sondern sich tatsächlich einander weiter entfremdet. Risse tun sich auf, im Großen zwischen den USA und Europa, im kleineren Maßstab zwischen vielen europäischen Ländern, unter denen sich besonders Deutschland mit seiner komplizierten Sonderrolle im Militäreinsatz isoliert und sogar internationalem Spott ausgeliefert hat.

Wenn die Afghanistan-Mission, einfach so, einfach so schäbig enden sollte, wie es sich derzeit abzeichnet, indem sich die Beteiligten nach und nach davonstehlen, ohne dem Land und der Region eine Perspektive zu hinterlassen, wäre dies ein weltpolitischer Totalschaden. Die Verantwortlichen müssen deshalb jetzt zusammenfinden und nicht routiniert wie üblich, sondern mit allem Ernst und im Bewusstsein der dramatischen Lage mit der Arbeit an einer vernünftigen, tragbaren Lösung beginnen.

Eine große Afghanistan-Konferenz, die das katastrophale "Weiter-so" beendet und wirklich alle Spieler, auch die zwielichtigen, an einen Tisch bringt, ist das Gebot der Stunde.


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