16. Oktober 2000, 00:00 Uhr

Belletristik

Armes Herz

Große Hoffnungen, früher Tod: Halina Poswiatowskas ergreifende Erzählung

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in Arzt mit der ernüchternden Stimme der Vernunft warnt das stürmisch verliebte und frisch verheiratete Paar: "Diese beiden Herzen zusammen, das ist Selbstmord." Doch das Risiko schreckt die beiden nicht, die sich in einem Sanatorium kennen gelernt haben; sie verstehen ihre Liebe als Herausforderung und Aufbegehren gegen den Tod. Halina (oder Helena) Myga aus Tschenstochau, geboren 1935, ist seit einer Erkrankung im elenden letzten Kriegswinter so schwer herzleidend (Endokarditis), dass sie ihre Jugend größtenteils im Bett verbringen muss, zeitweise zu Hause, zeitweise in Spitälern, wo sie aufgereiht zwischen Todeskandidaten liegt, zeitweise in Sanatorien, stets von Büchern umringt, stets von einem rastlosen Lese- und Lerneifer getrieben.

Mit 18 Jahren heiratet sie den Studenten Adolf Ryszard Poswiatowski, einen Todeskandidaten wie sie, der an einer Aorta-Erweiterung leidet ­ ein unbändiges Lebensglücksverlangen beschwingt die beiden. Halina muss ein schönes, ungewöhnlich begabtes und strahlendes Mädchen gewesen sein, davon zeugt ihre autobiografische "Erzählung für einen Freund", grausamer Krankheitsbericht und wahre Herz-Schmerz-Geschichte in einem. Zwei Jahre nach der Hochzeit ist sie Witwe.

Im Herbst 1958 erscheint in Krakau der erste Lyrikband der 23-jährigen Halina Poswiatowska, doch da hat ihr Leben schon eine abrupte Wendung genommen: Ein polnischer Herzspezialist hat eine Spendensammelaktion in Gang gebracht, um der Todgeweihten in den USA eine Operation mit Hilfe der damals neu entwickelten Herz-Lungen-Maschine zu ermöglichen.

Mitte November 1958 wird sie in Philadelphia operiert, und schon ein paar Tage später, in der ersten Euphorie eines Neubeginns, beschließt sie, ohne materielle Sicherheit und gegen alle Vernunft, in den USA zu bleiben. Sie büffelt Englisch, bewirbt sich um ein College-Stipendium und gewinnt erstaunlicherweise eines.

Von den drei amerikanischen Studienjahren handelt die zweite Hälfte der "Erzählung für einen Freund": Die Bildhaftigkeit, Gefühlsdichte, Musikalität lassen erkennen, wie Halina Poswiatowska zu einer der großen polnischen Lyrikerinnen ihrer Generation heranwuchs.

Ihrem armen Herzen jedoch war nicht auf Dauer zu helfen; sie starb, gerade 32 Jahre alt, im Herbst 1967.

URS JENNY


Halina Poswiatowska: Erzählung für einen Freund. Aus dem Polnischen von Monika Cagliesi-Zenkteler. Piper Verlag, München; 240 Seiten; 36 Mark


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