AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/1995

Israel Ein Treibhaus für Mörder

Das Attentat auf Jizchak Rabin hat den Israelis den Blick in einen Abgrund von Haß und Gewalt freigegeben. Der Widerstand gegen den Friedensprozeß radikalisierte das nationalreligiöse Lager. Im rechtsradikalen Sumpf tummeln sich fanatische Verschwörer, die vor politischem Mord an ihren jüdischen Brüdern nicht mehr zurückschrecken.


Mordopfer Rabin
DPA

Mordopfer Rabin

An düsteren Vorzeichen hatte es nicht gefehlt. Wer wollte, konnte sie sehen, die Schrift an der Wand.

Anfang Oktober versammelten sich vor dem Wohnhaus des israelischen Regierungschefs einige schwarzgekleidete Männer, um das "Pulsa Denura" zu beten, die biblische Verwünschung.

Gott möge "den Verfluchten" doch endlich sterben lassen, flehte Rabbi Awigdor Askin vor Jizchak Rabins Türschwelle in der Raw-Aschei-Straße von Tel Aviv. Die fanatischen Frommen nahmen dabei gemäß dem orthodoxen Ritus in Kauf, daß auch einer von ihnen - gewissermaßen als ausgleichende Gerechtigkeit - sein Leben lassen müsse, sollte Gott ihr Gebet erhören.

Fast zur gleichen Zeit trugen auf einer Demonstration in Jerusalem rechtsradikale Siedler ein Transparent mit der unheilverkündenden Inschrift: "Rabin - hörst du die Stimmen deiner Brüder aus den Gräbern?" Kurz danach, am Morgen nach dem jüdischen Fest Jom Kippur am 4. Oktober, tauchten in den Synagogen Flugblätter mit einem Gebet auf, in dem "die Engel des Todes" aufgefordert wurden, Rabin von dannen zu nehmen, "weil er das Gelobte Land seinen Feinden ausliefert".

Die meisten Israelis taten die verbalen Exzesse achselzuckend ab und bagatellisierten die Gefahr. Die paar "Meschuggenen", durchgedrehte religiöse Fanatiker, die sich verzweifelt gegen den Friedensprozeß und den Ausgleich mit den Palästinensern aufbäumten, würden sich schon von selbst wieder beruhigen. Wie kaum ein anderer Staat sah sich dieser auch als eine Familie - rauhbeinig, streitlustig und manchmal bis zur Beleidigung brutal im Umgang miteinander, aber letztlich vereint. Blutiger Terror kam ja doch immer von den anderen: von den radikalen Palästinensern, den Hamas- und Dschihad-Aktivisten.

Doch auch Juden können auf dem rechten Auge blind sein. Erst nach den tödlichen Schüssen auf ihren Ministerpräsidenten Rabin, 73, wurde den Israelis schlagartig und schmerzvoll klar, wie falsch sie die Lage eingeschätzt hatten.

Untersuchungsrichter Dan Arbel hielt dem Attentäter Jigal Amir, 25, bei seiner ersten Vernehmung vor, "das abscheulichste Verbrechen in der Geschichte des Staates Israel" begangen zu haben. "Sind wir etwa in Sodom?" fragte der einflußreiche Rabbi Jehuda Amital, "wie kann so etwas in einer kultivierten Nation passieren?" Michael Ben-JaIr, dem Rechtsberater der Regierung, war nach dem Attentat "nun ganz klar: Die israelische Gesellschaft ist krank". Er habe Angst vor weiteren Morden, bekannte Ben-JaIr.

Vor aller Augen - und doch verdrängt und deswegen nahezu unbeachtet - hat sich in Israel, dem einzigen demokratischen Rechtsstaat des Nahen Ostens, eine extreme Rechte organisiert, deren Anhang ein Polizeioffizier auf "100 000 bis 150 000 Köpfe" schätzt - nicht wenig in einer Bevölkerung von 4,5 Millionen Juden.

Die Radikalen schufen ein Klima, das in vielem an das der Weimarer Republik erinnert. "Schlagt tot den Walter Rathenau, die gottverdammte Judensau", hetzten damals deutsche Rechtsextremisten gegen den angeblichen Erfüllungspolitiker. Genauso unverhohlen riefen ihre israelischen Brüder im Geiste zum Mord an Rabin und seinem Außenminister Schimon Peres auf, den vermeintlichen Ausverkäufern jüdischen Landes. Mosche Zimmermann, Professor für Deutsche Geschichte in Jerusalem, urteilte etwa über den radikalen Siedlernachwuchs in Hebron: "Wie die Hitlerjugend."

Doch selbst Israels vielgerühmter Sicherheitsdienst unterschätzte das Haßpotential - auch ihm verstellte der in Israel ständig wiederholte Glaubenssatz den Blick: "Kein Jude wird es wagen, einen anderen Juden zu töten."

Die Überzeugung, zusammenhalten zu müssen, um als Volk zu überleben, geht viel weiter zurück als die Staatsgründung. Jeder Schüler in Israel lernt, daß die Römer im Jahr 70 den Zweiten Tempel leichter zerstören konnten, weil im belagerten Jerusalem Juden einander bekämpften - Anfang ihrer Zerstreuung in alle Welt. Abscheu vor Gewalt prägte auch die ersten modernen Zionisten, die in Palästina eintrafen, mehr noch die Holocaust-Überlebenden.

Nun ist das Tabu des Brudermords gebrochen. Der Mord an Rabin, dem ersten Regierungschef Israels, der im Lande selbst geboren wurde, hat den Staat in seine bisher schwerste innere Krise gestürzt. Das Attentat zeigt dramatisch auf, daß Israel an einem Wendepunkt seiner Geschichte angelangt ist. Religiöser Fanatismus, rassistischer Überlegenheitswahn und der Anspruch auf gottgegebenen Lebensraum vereinigten sich zu einem Sumpf, in dem sich faschistische Elemente tummelten - etwa die rechtsextreme Ejal-Gruppe, zu der auch der Attentäter gehörte.

Noch ist unklar, ob Jigal Amir, bei dem man ein ganzes Waffenlager mit Sprengstoff und Granaten fand, im Auftrag oder mit Wissen von Ejal handelte. Israels Polizeiminister Mosche Schachal ging am vergangenen Freitag "ganz sicher" davon aus, daß der Täter nicht allein operierte. Sicher ist, daß sich außer Amir noch weitere Ejal-Mitglieder am Tatort aufhielten. Als Ejal-Chef Awischai Rawiw nach dem Anschlag festgenommen wurde, erklärte er: "Gegen Rabin bestand eine Art Todesurteil - aufgrund des religiösen Rechts." Und: "Wir bewundern diesen Burschen für seine Konsequenz."

Die Polizei beschuldigte neben dem geständigen Jigal Amir zwei seiner Freunde, am Mordplan beteiligt gewesen zu sein: Dror Edni, 26, und Ohad Skornik, 23, der gemeinsam mit Amir jüdisches Recht an der religiösen Bar-Ilan-Universität studierte. Dringend verdächtig der Mitwisserschaft ist auch Jigals Bruder Hagai, der zugab, die Kugeln aufgebohrt und "durchschlagskräftiger" gemacht zu haben.

Daß junge Juden aus gutem Haus zu einer Verschwörung gegen die eigene Regierung imstande sind, konnten Israels Fernsehzuschauer erstmals Ende September geschockt zur Kenntnis nehmen. Ein TV-Team hatte ein Vereidigungsritual von Ejal gefilmt, einer damals noch weitgehend unbekannten Vereinigung religiöser junger Männer. In einer gespenstischen Szene auf dem Herzl-Berg (siehe Titelbild) befragten vermummte Aktivisten über den Gräbern jüdischer Widerstandskämpfer die mit Wollmützen maskierten Novizen: "Bist du bereit, auf Juden zu schießen?" Ja, beteuerte der Terroristennachwuchs stramm, "wenn es Juden sind, die ich nicht als Juden anerkenne, dann tue ich es".

Gruselbilder fast wie aus der deutschen Neonazi-Szene - feierlich gelobte ein neues Mitglied, gerade 18 Jahre alt: "Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, und bei der Ehre des jüdischen Volkes, daß ich gegen die teuflische Regierung und ihre Verbündeten kämpfen werde bis zum Tod, daß ich kämpfen werde gegen die schlimmsten Feinde des jüdischen Volkes bis zum allerletzten Atemzug." Viele Israelis hatten Mühe, den nächtlichen Friedhofsspuk nicht für die völlig überzogene Phantasterei eines Fernsehreporters zu halten.

Obwohl einige Knesset-Abgeordnete der Arbeitspartei die Sicherheitsbehörden sofort aufforderten, schleunigst gegen die Friedensfeinde vorzugehen, ließen die Behörden Ejal erst einmal rechts liegen. Mittlerweile weiß die Polizei, daß Ejal zu den härtesten gewaltbereiten jüdischen Gruppen in Israels schwer überschaubarer rechtsradikaler Szene gehört. Der Name bedeutet soviel wie "Kraft" und leitet sich von einer jüdischen Widerstandsgruppe im Warschauer Ghetto 1943 ab.

Bis Ende letzter Woche wurden sechs Mitglieder festgenommen, darunter etliche, die nach dem Rabin-Attentat abgetaucht waren. Ein anderer Ejal-Mann, Natan Lewi, wollte sich am Wochenende der Polizei stellen; der Gesuchte war in den vergangenen drei Jahren nicht weniger als 300mal wegen Aufruhr festgenommen worden.

Der harte Kern der im Untergrund operierenden Truppe bestand aus etwa 50 Mitgliedern, denen rund 200 aktive Gefolgsleute, überwiegend junge, gebildete Männer, aufs Wort folgten. Die Zentrale der Organisation befand sich in der Wehrsiedlung Kirjat Arba, einer Hochburg rechtsradikaler Siedler im Westjordanland.

In Flugschriften propagierte Ejal "den Kampf gegen Nazis, Araber und alle jüdischen Kollaborateure". Die Untergrundkämpfer gaben sich Decknamen wie Malachai oder JaIr, alle zwei Monate wurde ein neuer Code ausgegeben. Sämtliche Aktivisten wurden regelmäßig militärisch geschult: Sie lernten den Umgang mit Pistole, Uzi und Sprengstoff; die Ausbildung schloß auch den Häuserkampf, die unbemerkte Verfolgung von Personen und das Verhalten bei Verhören durch den israelischen Inlandsgeheimdienst Schabak ein.

Von ähnlichem Kaliber wie Ejal ist die rechtsradikale Organisation Kahane Chai (Kahane lebt), deren Mitglieder vorzugsweise in der Siedlung Tapuach im Westjordanland leben. Sie wird von Benjamin Zeev Kahane geleitet, dem Sohn des früheren Parlamentsabgeordneten und Gründers der rassistischen Kach-Bewegung MeIr Kahane, der 1990 in New York von einem Araber ermordet wurde.

Viele Mitglieder der Organisation stammen aus den USA, sind Vietnam-Veteranen und ehemalige Aktivisten von MeIr Kahanes "Jewish Defense League". Ihre Anhänger propagieren den Aufbau einer "unabhängigen Armee" im Westjordanland; im Sommer bildeten sie am See Genezareth jugendliche Rekruten an scharfen Waffen aus. So wollen sie sich auf einen "neuen Unabhängigkeitskrieg" gegen die Palästinenser vorbereiten, wenn die Armee sich völlig aus den besetzten Gebieten zurückziehen sollte.

Benjamin Kahane zeigte sich "sehr zufrieden" mit dem Mordanschlag auf den Regierungschef, und die junge Aktivistin Gila, 15, pflichtete ihrem Chef bei: "Rabins Tod ist gut für das israelische Volk, weil er Unkraut war." Für die Siedler von Tapuach hat der Name des Attentäters einen guten Klang - Jigal heißt auf deutsch: "Er wird erlösen."

Vor einem Jahr bereits hatte der Geheimdienst eine andere, schattenhafte Gruppe jüdischer Untergrundkämpfer ausgehoben, die sich "Davids Schwert" nannte. Ihre Mitglieder, die offenbar einen Sprengstoffanschlag auf das palästinensische Orient-Haus in Ost-Jerusalem planten, hatten in einem Flugblatt das Attentat auf den Regierungschef gedanklich bereits vorweggenommen: Rabin sei "ein Verräter", der "seiner gerechten Strafe nicht entgehen kann, dem Tod".

Gruppen wie Ejal, Kahane Chai oder auch Davids Schwert bewegten sich unbehelligt in einem Strom des Widerstandes gegen die Regierung der Friedensnobelpreisträger Peres und Rabin - und auch wie Fische im Wasser des oppositionellen Likud-Blocks, der, selbst bürgerlich und respektabel, die Radikalinskis bei seinen Veranstaltungen als Stoßtrupp tolerierte.

"Die Atmosphäre, in der Rabins Mörder aktiv geworden ist, wurde in den Siedlungen des Westjordanlandes geschaffen", sagt Ehud Sprinzak, Experte für Rechtsextremismus an der Hebräischen Universität Jerusalem. "Dort wurde Rabin zum Freiwild erklärt."

Ausgerechnet Israels Sieg unter Rabins Kommando im Sechstagekrieg 1967, vielleicht die glücklichste Stunde in der Geschichte des jungen, ewig bedrängten Staats, machte die Ultranationalisten zu einer gefährlichen Kraft, die am Ende die Grundlagen des Staats in Frage stellt.

Mit der Besetzung des Westjordanlandes schien der Weg frei für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine Urheimat - nach Judäa und Samaria. Nicht nur orthodoxe Rabbiner beschworen den grandiosen militärischen Erfolg als "Fingerzeig Gottes" und feierten die Eroberung Ost-Jerusalems als "Heimkehr zu den Heiligen Höhen". Eine rasch gebildete Bewegung für das ganze Großisrael verlangte den Anschluß aller gerade besetzten Gebiete - eines Territoriums mehr als dreimal so groß wie der ursprüngliche Kernstaat: "Nie wieder", so der Appell, "darf das Land Israel geteilt werden."

Die biblisch begründete Landnahme begann zunächst gegen den erklärten Widerstand der Regierung. Als Siedler nach 1967 in illegalen Nacht-und-Nebel-Aktionen versuchten, an historischen Orten Fuß zu fassen, vertrieb das Militär die Zeloten. Doch mit jedem neuen Versuch erhielten die religiösen Pioniere (Kennzeichen: gehäkeltes Gebetskäppchen und umgehängtes Sturmgewehr) Zulauf - vor allem aus dem rechtsnationalen Lager.

Die regierende Arbeitspartei, entnervt durch die ständigen Konflikte, reagierte mit Zugeständnissen: Zunächst in Hebron, dann bei Nablus trieben die jüdischen Siedler - Teil ihres messianischen Traums - Brückenköpfe in die palästinensischen Gebiete.

Den Kern bildeten die Aktivisten des Gusch Emunim (Block der Getreuen), die sich von einer losen Truppe zur perfekt organisierten Lobby wandelten: Mit Hilfe der religiösen Splitterparteien in der Regierungskoalition wuchs ihr politischer Einfluß; als 1977 der rechtskonservative Likud-Block die Macht übernahm, erhielten sie die erklärte Unterstützung von Premier Menachem Begin. Viele Quadratkilometer Land wurden konfisziert, Straßen gebaut, Strom-, Wasser- und Telefonleitungen gelegt.

Großzügige Kredite und Steuervergünstigungen zum Bau von Eigenheimen lockten bald nicht nur überzeugte Verfechter eines Großisrael an: Die Zahl der Siedler stieg bis 1984 auf 50 000 Menschen.

Das Gift der Besatzung und die jüdische Zuwanderung verschärften die Spannung in den besetzten Gebieten. Unter Palästinensern und Juden wuchs die Bereitschaft zur blutigen Konfrontation. Die jüdischen Wehrdörfer wurden zu waffenstarrenden Festungen hochgerüstet, mit Stacheldraht, Wachtürmen und Suchscheinwerfern. Auf palästinensische Übergriffe antworteten die Siedler mit systematischen Vergeltungsschlägen.

Die jüdischen Gewalttäter brauchten sich kaum vor der Justiz zu fürchten. Als Rabbi Mosche Levinger, ein Prediger aus Hebron, einen Palästinenser niederschoß, verurteilte ein israelisches Gericht den notorischen Rassisten ("Araber sind Hunde") zu einer Haftstrafe von fünf Monaten - Levinger saß davon ganze zehn Wochen ab und wurde nach der Freilassung von Gesinnungsgenossen umjubelt.

Die Intifada, der palästinensische Aufstand gegen die israelische Besatzungsmacht, bestärkte die rabiaten "Westbank-Cowboys" noch in ihrem Sendungsbewußtsein: "Wo immer jüdisches Blut vergossen wird", gelobten sie, "werden wir eine neue Siedlung bauen."

Tatsächlich verdoppelte sich bis 1990 die jüdische Bevölkerung im Westjordanland und im Gazastreifen. Dank ihrer Beziehungen zum Landwirtschaftsministerium, zur Militärverwaltung und zur Zionistischen Weltorganisation schufen die Siedler in den besetzten Gebieten ein dichtes Netz von 144 Ortschaften. In den schmucken Villen-Ghettos, komplett mit Schulen, Supermärkten und Synagogen, leben heute rund 140 000 Menschen.

Erst das israelisch-palästinensische Autonomieabkommen von 1993 erschütterte das Selbstvertrauen der jüdischen Kolonialisten; der Zuzug in die besetzten Gebiete brach ab, die Preise für Wohnungen und Häuser fielen drastisch. Existenzangst griff um sich. Mit dem historischen Handschlag zwischen PLO-Chef Arafat und Premier Rabin sei der Ausverkauf Judäas und Samarias besiegelt worden, wettern seither die Siedlerführer. Politiker aus dem Friedenslager beschimpften sie als Verräter und verglichen sie mit Nazi-Schergen: "Judäa und Samaria", so ihr Schwur, "werden nie wieder judenrein."

Während manche Siedlerfamilie schon in aller Stille die Rückkehr ins israelische Kernland erwog, organisierten sich die orthodoxen Fundamentalisten in zunehmend militanteren Wehrverbänden. Für die radikale Minderheit im Siedlerblock ist die Aufgabe auch nur eines Fußbreits Gelobten Landes ein Frevel gegen Gottes Gebot. Der Anschlag auf Rabin, urteilt daher der Friedensaktivist und strenggläubige Avraham Burg, "war kein politischer Mord - er war ein religiöser Mord".

Rabin war in den Wochen vor der Tat vom Geheimdienst Schabak mehrmals unterrichtet worden, daß es Gerüchte über geplante Attacken von Juden auf seine Person gebe. Er lebe nicht in Angst, als altgedienter Soldat sei er "Granateneinschlag, Kugelhagel und solche Sachen gewöhnt", erklärte er. Auch glaubte er im Ernst wohl nicht daran, daß ein Jude auf ihn, den Kriegshelden, anlegen könnte. Immerhin war er bereit, ein gepanzertes Auto zu benutzen. Eine kugelsichere Weste zu tragen lehnte er ab.

Politisch allerdings nahm der Regierungschef die zusehends bedrohlicher klingenden Stimmen ernst. Am 12. Oktober griff er im Rundfunksender der Armee den Oppositionsblock in der Knesset an: "Der Likud stachelt die Extremisten auf, er schafft den Hintergrund für rechtsradikale verbale Gewalt. Mir reicht allmählich diese Sorte Reden in der Knesset und auf Versammlungen. Ich habe genug davon, diese Plakate und Spruchbänder auf ihren Demonstrationen zu sehen."

Den ganzen Sommer über hatten rechtsradikale Aktivisten gegen die Friedenspolitik Front gemacht. Mit aller Gewalt versuchten sie, das Zustandekommen von "Oslo B" zu verhindern, dem jüngsten Interimsabkommen mit der PLO, das schließlich feierlich am 28. September in Washington unterzeichnet wurde.

Wochenlang riefen Anhänger der außerparlamentarischen Bewegung So Arzenu (Dies ist unser Land) zu systematischen Störaktionen auf. Straßenkreuzungen im ganzen Land wurden blockiert, die Amtssitze von Regierungsmitgliedern belagert, einmal versuchten Demonstranten gar, Rabins Wohnhaus in Jerusalem zu stürmen.

In Sprechchören riefen sie "Rabin Mörder" und "Rabin Verräter", überall klebten Plakate, die Rabin mit einer Kufija, dem palästinensischen Kopftuch, zeigten. Karikaturen zeigten den Regierungschef, wie er sich von der Schlange Arafat verführen ließ. In einer anderen wusch er seine Hände in Judenblut.

"Ich werde alles tun, um diese kriminelle Regierung loszuwerden, diese verrückte Sekte, die uns unseren Staat kosten wird", versprach Mosche Feiglin, der Führer von So Arzenu. Zu einer großen Demonstration seiner Organisation strömten Anfang Oktober rund 40 000 Menschen in Jerusalem zusammen. Niemand schritt ein, als einige Plakate hochhielten, die Rabin in SS-Uniform zeigten.

"Keine Regierung hat das Recht, Erez Israel aufzugeben", empörte sich Uri Ariel, der Vorsitzende des Siedlerrats Jescha. Weil der Regierung mit demokratischem Widerstand und legalen Mitteln nicht beizukommen war, erhoben die Friedensgegner den gezielten Gesetzesbruch zur legitimen politischen Methode. Ziviler Ungehorsam sei kein Verrat am Staat, sondern "ein Stiefsohn des Gesetzes", verlautbarte der So-Arzenu-Rabbi Benni Elon. "Wenn die Regierenden Kriminelle sind", erklärte sein Kampfgefährte Feiglin die Bereitschaft zum Gesetzesbruch, "dann ist das Gefängnis die einzige Zuflucht für ehrenhafte Personen."

Der demokratische Zusammenhalt der israelischen Gesellschaft geriet ins Wanken. Oppositionsführer Benjamin Netanjahu bestritt plötzlich sogar, daß der gewählte Ministerpräsident noch die Legitimation für seine Politik besitze, und verglich das Rabin-Kabinett mit der Junta des rumänischen Diktators Ceausescu. "Unsere Regierung ist in Panik und rauscht wie verrückt durch die Friedensverhandlungen, um ihren Traum von einem palästinensischen Staat zu erfüllen", erklärte Netanjahu, auf Stimmenfang auch bei der Ultrarechten.

Damit ging der Likud einen Teufelspakt mit den militanten Radikalen ein: Netanjahu wollte sie als Speerspitze benutzen, um die Regierung zu Fall zu bringen. Doch der Zauberlehrling konnte die einmal geweckten Kräfte nicht bannen.

Nun ist das Erschrecken groß. Schockiert über die Ermordung Rabins, versammelten sich in Jerusalem führende religiöse Zionisten zu einer "Seelenfindung". "Wir müssen nach unserer Verantwortung fragen", rief der einflußreiche Rabbi Joel Ben-Nun seinen Zuhörern zu, "einen weiteren Anschlag würde der Staat nicht überleben."

Tatsächlich ist unübersehbar, daß die rechtsradikale Szene überwiegend tiefreligiös ist und ihren Glauben immer mehr in Gegensatz zur weltlichen Macht setzt. In ihrem Israel können die vom Parlament verabschiedeten Gesetze nur gelten, wenn sie Gottes Gesetz entsprechen.

"Ich habe einen Befehl von Gott erhalten", erklärte bezeichnenderweise der Rabin-Attentäter Jigal Amir gleich nach seiner Festnahme. Als der Untersuchungsrichter ihn fragte, ob er denn nicht die Zehn Gebote kenne, die Mord ausdrücklich verbieten, belehrte der Attentäter ihn überheblich: Es wäre "traurig, wenn dies das ganze Wissen" des Richters über die Tora, die Fünf Bücher Mose, sei. Dann holte er zu einer weitschweifigen theologischen Erklärung über das Tora-Recht zum Töten aus, indem er Rabin zum "Malschin" erklärte, zu einem Juden, der sein Judentum verwirkt hat, weil er sein Volk an Nichtjuden auslieferte. Kernsatz: "Nach dem religiösen Gesetz muß einer wie er um sein Leben gebracht werden."

Amir präsentierte sich vor dem Richter als geschliffen argumentierender und kenntnisreicher gläubiger Jude. Er wuchs in einer religiösen Familie auf, die aus dem Jemen eingewandert war. Sein Vater, ein orthodoxer Mann, verdient sein Geld als Tora-Schreiber, seine Mutter arbeitet als Kindergärtnerin.

Statt drei Jahre in der Armee zu dienen, wie die meisten wehrpflichtigen jungen Männer, schloß sich Amir freiwillig einer Hesder-Jeschiwa an - in diesen Talmudschulen können orthodoxe Soldaten ihren Wehrdienst mit dem Studium von Tora und Talmud verbinden. Mehrmals während dieser Zeit legen sie die Uniform ab, um mit gelehrten Rabbis über die Auslegung der Heiligen Schrift zu diskutieren.

Womöglich in dieser Talmudschule, die er fünf Jahre lang besuchte, erhielt Amir seinen rechtsradikalen Schliff. Deren Rabbi Mordechai Greenberg bestreitet das zwar energisch, aber auffällig ist, daß einige der Verdächtigen aus dem Freundeskreis des Attentäters dieselbe Jeschiwa besuchten.

Amir ist erkennbar ein Überzeugungstäter, seine Ideologie der Fundamentalismus der Ultraorthodoxen. "Wir haben uns schuldig gemacht, weil wir eine ganze Generation in Klischees erzogen haben", erkannte nun Rabbi Jehuda Amital in Jerusalem.

Immer wieder hatten sich Rabbis mit religiösen Richtsprüchen in die aktuelle politische Debatte um den Friedensprozeß eingemischt. So forderten manche Gottesmänner die Soldaten dazu auf, den Befehl zu verweigern, falls sie gegen Siedler vorgehen sollten.

Gegenwärtig prüft der Schabak, ob Amir womöglich eine "Hechscher", einen religiösen Freibrief, für die Mordtat bekommen hat. Der radikale Rabbi Avraham Hecht aus Brooklyn jedenfalls ging so weit, Rabin mit den Worten des Maimonides zu bedrohen: Der berühmte jüdische Rechtsgelehrte hatte im zwölften Jahrhundert festgestellt, ein Verräter in den eigenen Reihen müsse getötet werden. Hecht rief zum Mord am Premier auf: "Ich sage mit Maimonides: Wer ihn tötet, tut eine gute Tat."

Religionsminister Schimon Schitrit hat angekündigt, allen öffentlichen religiösen Einrichtungen in Israel sofort die Zuwendungen zu sperren, die sich der Anstiftung zu Straftaten schuldig gemacht haben. "Es gibt unter uns Personen, die glauben, Rabin habe seine gerechte Strafe bekommen", erboste sich Rabbi Joel Ben-Nun vor einer Versammlung zionistischer Rabbis, "wenn sie bis zum Ende der Trauerzeit nicht freiwillig ihre Posten geräumt haben, werde ich ihre Namen bekanntgeben."

Eine geistige Hochburg des religiösen Fanatismus ist das Institut für fortgeschrittene Tora-Studien auf dem Campus der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv. Hier studierte der Attentäter morgens die Tora und den Talmud, bevor er seine Seminare an der Juristischen Fakultät besuchte. "Die Jeschiwa ist ein Treibhaus für Mörder", so ein Kommilitone Amirs, der ausschied, weil ihm die ultrarechten Lehren dort nicht geheuer waren.

Auf den rund 13 000 Studenten lastet religiöser Gruppendruck; Mitglieder des Lehrkörpers beklagen sich, daß von ihnen stets das Tragen der Kipa, der Kopfbedeckung religiöser Juden, erwartet wird. Das Niveau der Hochschule ist fragwürdig, zu häufig wird Wissenschaft mit religiöser Überzeugung verwechselt - vor allem in den geisteswissenschaftlichen Fächern.

Hier fanden die rechtsradikalen Studenten ein wärmendes und schützendes Nest. "Man kann die Verbindung, die wir zu dem Mörder hatten, nicht übersehen", stellt selbstkritisch Jedidja Stern fest, Dekan der Juristischen Fakultät.

Sieben Tage lang wird nach jüdischem Brauch um Rabin getrauert. Noch sitzt der Schock zu tief, noch wagt keiner die große Abrechnung - doch in aller Stille werden die politischen Folgen des Attentats kalkuliert. Rabins Nachfolger Schimon Peres, der Architekt der Osloer Abkommen, müßte die Gelegenheit nutzen, um jene Splittergruppen zu verbieten, die gegen den Frieden und gegen die Demokratie agitieren - und so Israels Zukunft als modernen Staat mehr gefährden als die Palästinenser.

Zunächst aber werden am 20. Januar die Wahlen zum Palästinenserrat stattfinden. Die islamistische Widerstandsbewegung Hamas hat vergangene Woche beschlossen, daran teilzunehmen. Dafür will sie fortan auf jeden Terror gegen Israel verzichten.

So weit sind die jüdischen Fundamentalisten noch nicht. Die entscheidende Schlacht, sagt der israelische Schriftsteller Amos Oz, "wird im Nahen Osten nicht mehr zwischen Juden und Arabern ausgefochten. Statt dessen geht es jetzt um den Kampf gegen die gewalttätigen Eiferer auf beiden Seiten".

Lea Rabin, die Witwe, empfing jedenfalls den ehemaligen Erzfeind und neuen Friedensfreund, PLO-Chef Jassir Arafat, drei Tage nach der Beerdigung zu Hause - eine Geste, die sie dem israelischen Oppositionschef verweigerte.



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