AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/1994

Israel In Blut und Feuer

Wut und Entsetzen in Nahost: Das Massaker eines jüdischen Siedlers an betenden Moslems in Hebron könnte zum Menetekel werden für den von PLO-Chef Arafat und Israels Premierminister Rabin angesteuerten Friedensprozeß. In den besetzten Gebieten droht ein neuer Aufstand der Palästinenser.


Über ein Vierteljahrhundert war das Grab der Patriarchen in Hebron ein Symbol religiöser Koexistenz. Die Heiligkeit des Ortes vermochte gelegentliche Spannungen im frommen Nebeneinander von Juden und Moslems zu überbrücken.

An der Grabstätte Abrahams, den beide Religionen verehren, verlesen gottesfürchtige Juden ihre Litaneien zu Jahwe, verbeugen sich gläubige Palästinenser im Gebet vor Allah.

In der Felsenfestung, deren Mauer König Herodes vor mehr als 2000 Jahren um die Höhle Machpela errichtete, teilen sich die Nachkommen Israels und Ismaels beim Gottesdienst das Kirchenschiff, das Moschee wie Synagoge beherbergt. Im Innenhof mischen sich - überwacht von Fernsehkameras und einer Handvoll israelischer Soldaten - bärtige Moslems unter orthodoxe Juden mit Schläfenlocken und Gebetsschal.

Seit vergangenem Freitag jedoch gilt die Patriarchengruft weltweit als Symbol für blinden Haß und Massenmord, droht die Kultstätte zum Inbegriff für aggressiven Rassismus und verbohrten Fanatismus zu werden.

In den frühen Morgenstunden hatte ein jüdischer Siedler in der Uniform eines israelischen Soldaten mit seinem Galil-Sturmgewehr in der Moschee das Feuer auf die Gläubigen eröffnet: Schnell nachladend entleerte Baruch Goldstein etliche Magazine auf die Moslems, die sich wegen des heiligen Fastenmonats Ramadan in der schmalen Halle zum Gebet drängten. Auch Handgranaten soll er geworfen haben. Wachen konnten nicht schnell genug in die Moschee vordringen, um den Wahnsinnigen zu stoppen.

Mehr als 50 Menschen starben; über 150 Gläubige wurden zum Teil schwer verletzt. "Das Massaker", meldete Israels Staatsrundfunk, "war der schlimmste Anschlag auf Palästinenser seit der Eroberung der besetzten Gebiete im Sechstagekrieg von 1967." Selbst bei den Unruhen 1990 auf dem Tempelberg in Jerusalem, die Israel in eine tiefe innenpolitische Krise stürzten, waren weniger Palästinenser von der Polizei erschossen worden - 18.

Die Schreckensnachricht vom Gemetzel an diesem heiligen Ort löste in Israel über alle politischen Gräben hinweg Trauer und Empörung aus. Im Namen der "israelischen Regierung und der israelischen Bürger" verurteilte Premier Jizchak Rabin den "grausamen Mord" an "unschuldigen Menschen" und sprach "dem palästinensischen Volk unser Beileid" aus.

Der sichtlich betroffene Premier äußerte die Überzeugung, daß die verrückten Taten verwirrter einzelner "die Aussöhnung nicht verhindern können".

Oppositionsführer Benjamin Netanjahu, der Rabins Friedenskurs unlängst noch als "Ausverkauf" von biblischem Grund und Boden gegeißelt und so den Unmut der radikalen Siedler geschürt hatte, forderte ausdrücklich den "Kampf gegen den Terrorismus" zionistischer Eiferer.

PLO-Chef Jassir Arafat, wegen seines Aussöhnungskurses ohnehin in den eigenen Reihen in Bedrängnis, überschlug sich in Trauererklärungen und wandte sich mit öffentlichen Hilferufen an US-Präsident Bill Clinton sowie die Weltgemeinschaft. Der Palästinenserführer verlangte die Einberufung einer Sondersitzung des Uno-Sicherheitsrats und forderte Truppen der Vereinten Nationen "zum Schutze meines Volkes".

Uno-Generalsekretär Butros Butros Ghali erwog immerhin sofort, "Friedenswächter" nach Hebron und in die besetzten Gebiete zu entsenden. Ob der Ägypter damit eine neu zu schaffende internationale Beobachtergruppe oder ein Uno-Kontingent für die besetzten Gebiete meinte, ließ er vorerst offen.

Vom Weißen Haus in Washington bis zum Vatikan wurde das "scheußliche Verbrechen" (französische Regierung) verurteilt. "Tief geschockt" ermahnte Norwegens Außenminister Björn Tore Godal, dessen verstorbener Vorgänger Johan Jörgen Holst die israelisch-palästinensischen Geheimgespräche eingefädelt hatte, Rabin und Arafat, "durch den tragischen Vorfall Ihr weiteres Werk nicht beeinflussen zu lassen".

Wird das Massaker am Grab Abrahams den ohnehin fragilen Frieden sprengen? Springt der schreckliche Funke von Hebron auf die gesamten besetzten Gebiete über und löst einen Flächenbrand der Gewalt aus?

Oder gibt die Bluttat dem schleppenden Friedensprozeß gar den so bitter benötigten Schub, weil Politiker wie Öffentlichkeit auf beiden Seiten erkennen, daß es keine Alternative zur Aussöhnung gibt?

Auch wenn zunächst unklar blieb, ob der Angreifer, der nach dem Anschlag gelyncht wurde, allein gehandelt hatte oder gezielt im Auftrag einer jüdischen Extremistengruppe agierte - sicher ist, daß Baruch Goldstein, 42, seine Tat genau geplant hatte.

Der Aktivist, ein Anhänger der ultrarechten Kach-Extremisten, war vor etwa 15 Jahren aus New York nach Israel übergesiedelt, vor knapp 10 Jahren ließ er sich in Kirjat Arba nieder: "aus ideologischen Gründen", wie Freunde berichteten.

Die Siedlung vor den Toren Hebrons gilt als Hochburg fanatischer Siedler, die Judäa und Samaria, so die biblischen Namen für das Westjordanufer, nicht verlassen wollen. Sie geben sich martialisch wie einst das Pionierkorps der Haschomer (der Wächter). Kampfparole des historischen Vorbilds: "Judäa fiel in Blut und Feuer, in Blut und Feuer soll Judäa auferstehen."

Daß der Arzt und Vater von fünf Kindern zum Attentäter wurde, erklärten rechte Politiker und Siedlersprecher mit der Verbitterung Goldsteins über die Zunahme von Terroranschlägen auf Israelis: Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens mit der PLO am 13. September vergangenen Jahres in Washington töteten palästinensische Extremisten 29 Israelis; erst am vorletzten Freitag erschossen sie im Westjordanland eine schwangere Jüdin.

Goldsteins Nachbarn ahnten nichts von dessen Anschlagsplänen, als er sich am Donnerstag abend zu einer Party einfand. In geselliger Runde feierte der Siedler den Vorabend des Purimfestes - einer Art jüdischen Faschings -, bevor er einen Abschiedsbrief schrieb und sich dann auf den Weg zum Massenmord machte. Den hatte er indirekt schon lange angekündigt. Der Friedensprozeß, so hatte Goldstein oft orakelt, könne nur noch mit einer "dramatischen Aktion" gestoppt werden.

Fast sah es so aus, als sollte der fanatische Siedler mit seiner Mordaktion erfolgreich sein. Die Schreckensnachrichten von der Bluttat lösten in den besetzten Gebieten schwerste Unruhen aus.

Intifada überall: Jugendliche warfen Steine auf Autos mit israelischen Kennzeichen, sie attackierten Polizeijeeps und Armeetransporter mit Granaten und Gewehrfeuer. Israels Militär schoß mit Tränengas und scharfer Munition zurück. Allein bis zum frühen Samstag morgen wurden bei den gewalttätigen Ausschreitungen 5 Palästinenser getötet und über 170 verletzt - Israels Polizei meldete 13 verwundete Beamte, auch 3 Zivilisten erlitten Verletzungen.

Die Armee verhängte eine Ausgangssperre über Hebron, Betlehem, Nablus und Ramallah, der Gazastreifen wurde abgeriegelt. Erstmals durften auch die Juden in und um Hebron ihre Siedlungen nicht verlassen. Die Gewalt griff zudem auf Jerusalem und das israelische Kernland über: Rund um den Felsendom, wo sich am Freitag fast 100 000 Moslems zum Ramadangebet versammelt hatten, lieferten sich aufgebrachte Palästinenser stundenlange Gefechte mit der Polizei. Unweit von Tel Aviv erschlug ein Palästinenser einen Israeli mit der Axt.

Mit einem Anschlag, wenn auch nicht in diesem Ausmaß, hatten die israelischen Sicherheitskräfte gerechnet. Erst vergangene Woche hatte Polizeidirektor Rafi Peled vor Terrortaten gewarnt - vor allem in Jerusalem und im Westjordanland. Doch hatte der Chefinspektor Angriffe islamischer Fundamentalisten befürchtet.

Kaum ein Tag vergeht, an dem die radikalen Moslems nicht per Flugblatt gegen "Arafats Kapitulation" protestieren. Das Washingtoner Grundlagenabkommen zwischen Israel und Arafats PLO ist für moslemische Fundamentalisten schlicht "Verrat".

Aber auch die jüdischen Dogmatiker, die sich vehement für ein "Groß-Israel" einsetzen und ihren territorialen Expansionismus mit Bibelzitaten begründen, sehen in der Aussöhnung Rabins mit dem Todfeind Arafat ein Verbrechen. Sie drohen seit langem schon mit Gewalt.

"Es ist längst an der Zeit, daß Israel so wie Deutschland verfährt", fordert daher Ehud Sprinzak, Extremismusexperte der Hebräischen Universität Jerusalem, "und diese extremen Gruppen verbietet."

Das wollen jetzt auch Politiker aus Rabins Regierung. "Diese Verbände gehören verboten", forderte Jair Zaban, Minister der linken Merez-Fraktion, und sprach sich gar für die Evakuierung der jüdischen Siedler aus Hebron aus. "Um Israelis und Palästinenser zu schützen, müssen wir die Siedler vielleicht woanders unterbringen als im Herzen einer moslemischen Metropole", sagte Zaban.

Angesichts solcher Überlegungen stellten Siedlerverbände wie rechte Opposition das Massaker von Hebron als Tat eines verblendeten Einzeltäters dar. Auch Rabin schilderte Goldstein im persönlichen Telefongespräch mit Arafat als Psychopathen und suchte seinen aufgebrachten Friedenspartner zu beruhigen.

"Ich finde keine Worte, die stark genug sind, um meine Empörung auszudrücken", versicherte Rabin, "als Israeli bin ich tief beschämt." Den Palästinenserführer beschwor Rabin, am Friedensplan festzuhalten. "Wir müssen mit der Autonomie für Jericho und Gaza zügig weitermachen." US-Präsident Clinton lud beide Politiker demonstrativ nach Washington ein.

Ob Arafat den Friedenskurs durchhalten kann, ist seit vergangenem Freitag fraglicher denn je. Im Gazastreifen kündigten Intifada-Aktivisten "eine Woche der Gewalt" an. Auch die islamische Widerstandsbewegung Hamas schwor in einem Flugblatt an die "Söhne der Schweine und Affen blutige Rache".

Aus Damaskus und dem Libanon drohte die palästinensische Ablehnungsfront mit "Vergeltung für die Untat". Arafats Aussöhnungspolitik, tönte der libanesische Extremistenchef Munir Makdah, sei für das Massaker "verantwortlich". Der Palästinenserführer empfahl Arafat "den Selbstmord".

Vereinzelte Stellungnahmen jüdischer Ultras lassen erahnen, daß auch israelische Fanatiker den Terror weitertreiben wollen. Radikale in Kirjat Arba verklären Attentäter Goldstein bereits als "Märtyrer" und "wahren Zeloten". Eine Siedlerin: "Für mich ist er ein Held."



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