AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/1973

"Israels Mythos ist schwer erschüttert"


Daß der Schlag kommen würde, wußten die Israelis, und sie ahnten auch, wann. Doch sie unterschätzten den Gegner. Nach einer Woche Krieg beklagte Israels Außenminister Abba Eban "tragische Verluste". Amerikaner und Sowjets, deren Entspannungskurs die Araber letztlich zum Angriff veranlaßt hatte, versorgten ihre Schützlinge nun wieder mit Waffen. US-Außenminister Kissinger warnte: "Ein Pulverfaß wie der Balkan 1914."

Die Vietcong kamen mit 50 000 Mann, mit schwerer Artillerie, mit Mörsern, Raketenwerfern und unbändigem Siegeswillen.

1973: Jom-Kippur-Krieg
DER SPIEGEL

1973: Jom-Kippur-Krieg

Sie kamen unerwartet, denn es war Feiertag, das Tet-Fest 1968. Sie überrannten die Stellungen des Gegners und hatten, bevor noch der Kampf zu Ende war, einen moralischen Sieg errungen.

Der hingebungsvolle Einsatz der Asiaten, ihr Kampf gegen eine gigantische Militärmaschinerie begeisterten auch einen arabischen Staatsmann, dessen Volk kurz zuvor von einem übermächtigen Gegner vernichtend geschlagen worden war.

Der Araber, Ägyptens heutiger Präsident Anwar el-Sadat, wartete fünfeinhalb Jahre. Dann, am vorletzten Sonnabend, ahmte er nach, was er - nach eigenem Eingeständnis - einst in Südostasien bewundert hatte. Und eine Welt, die den Wert arabischer und israelischer Soldaten nach dem Blitzkrieg von 1967 bemaß, brauchte Tage, um zu erkennen, daß das Kriegstheater 73 mit dem von 67 nicht mehr zu vergleichen war.

Ägyptische Soldaten stürmten zu Zehntausenden mit Hunderten von Panzern über den Suezkanal und eroberten wie im Handstreich das von Israel angeblich felsenfest gesicherte Ostufer der Sinai-Halbinsel: das ägyptische Fernsehen präsentierte einen leibhaftigen israelischen Oberst, als Kriegsgefangenen; Israels Kampfflugzeuge, die beste Waffe des Judenstaates, wurden durch arabische Raketen getroffen, Israels Geheimdienst, einst als der beste der Welt gepriesen, irregeleitet von arabischer Kriegslist.

Der arabische Schlag enttäuschte auch alle, die gemeint hatten, die Welt steuere mit dem Ende des Vietnamkriegs und den Erfolgen der west-östlichen Détente freundlicheren Zeiten entgegen, Krisen seien beherrschbar, der Frieden machbar, wenn nur die Kissingers nach Peking und Moskau reisten. Einmal mehr entzog sich dem Welt-Management eine Region, die zwar keineswegs schon als pazifiziert, aber auch nicht mehr als hochexplosiv galt.

Entgegen allen Erwartungen sah sich Israel sechs Jahre nach dem fast spielend errungenen Sieg im Sechs-Tage-Krieg in die härteste. Schlacht seiner Geschichte verwickelt. Sie trug keine Züge von Blitzkrieg mehr, sondern ähnelte eher dem Existenzkampf von 1948, in dem die Israelis ein Prozent ihrer gesamten Bevölkerung verloren.

Schon in den ersten Tagen des neuen Krieges wurden israelische Stellungen überrannt, die seit 1967 als sicher galten. Und auch am sechsten Tag hatten die Israelis erst an der gefährlichsten Stelle der Front, gegenüber Syrien, die Initiative an sich gerissen. Die kühnen operativen Durchbrüche aber, der von strategischer Imagination getragene schnelle Schlag, den jedermann den Israelis zugetraut hatte, war bis dahin ausgeblieben.

Dafür hatten die Araber binnen weniger Tage ihren Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Erzfeind verloren, konnte Ägyptens Generalstabschef Schasli triumphieren: "Der Mythos von der militärischen Überlegenheit Israels ist schwer erschüttert. Der Suezkanal und die Sinai-Halbinsel sind zu einem großen Friedhof für den Gegner geworden."

Das war zwar übertrieben, doch die Bilder vom Suez zeigten eine in der Tat total veränderte Lage: Wo einst arabische Soldaten ihre Schuhe stehen ließen, um schneller durch den Wüstensand fliehen zu können, gaben nun Israelis Hals über Kopf ihre Stellungen preis, ließen sie Panzer und schweres Gerät zurück. "Was wir gesehen haben, waren nicht Soldaten, sondern fliehende Mäuse", höhnte der verwundete Ägypter Mohammed Hassein.

Anders diesmal die Ägypter. "Dieser arabische Soldat, der der stärksten Armee der Region die Stirn bietet", jubelte die Beiruter Zeitung "L'Orient - Le Jour", "ist nicht dem Kino entnommen, nicht aus einem Lied der (bekanntesten arabischen Sängerin) Umm Kulthum, nicht aus einer Rede Nassers."

Selbst die Fähigkeit, möglichst blumige und großmäulige Kommuniques zu formulieren, schien über den Kanal nach Israel gewandert zu sein. Hatten einst die Araber gedroht, sie würden "Israel ins Meer werfen", so prahlte nun Israels Generalstabchef Elasar: "Wir werden den Feind angreifen, bis wir ihm die Knochen gebrochen haben."

Die Israelis, soviel schien trotz wechselnder Erfolgsmeldungen Ende voriger Woche festzustehen, mußten mit schweren Verlusten dafür zahlen, daß sie die Araber unterschätzt hatten. Dabei waren Israels Geheimdienst und Militärs angeblich schon lange gewahr geworden, daß der Feind Finsteres plante. Aus Beirut wurde ihnen zugetragen, Ägyptens Sadat habe Ende September drei Palästinenser-Führern gesagt: "Ich werde bald losschlagen, bei Gott." Doch: Wie oft hatte Sadat nicht schon den Krieg in Aussicht gestellt und es dabei bewenden lassen. Und man wußte ja längst: "75 Prozent aller Meldungen aus Beirut sind Märchen, die sich irgend jemand ausgedacht hat" (so ein Sprecher des US-Außenministeriums).

Arabischer Gegenschlag am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur
AFP

Arabischer Gegenschlag am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur

Als dann der Aufmarsch feindlicher Truppen am Kanal und vor den Golan-Höhen nicht mehr zu übersehen war, wollten Israels Politiker den ohnehin schlechten Ruf ihres Landes nicht durch einen neuen Präventivschlag noch weiter belasten. Verteidigungsminister Mosche Dajan: "Wir müssen ein kalkuliertes militärisches Risiko akzeptieren, um politische Pluspunkte zu verbuchen."

Diesen Standpunkt kann sich nur erlauben, wer überlegen ist. Und die Israelis waren offenbar überzeugt, daß sie jeden arabischen Angriff zurückschlagen könnten. General Arik Scharon, ehemaliger Befehlshaber der Südfront: "Israel ist eine militärische Supermacht... Alle Armeen Europas sind schwächer als wir. Wir können das Gebiet von Khartum bis Bagdad und Algerien in einer Woche erobern."

Doch als der Feind dann kam, am Versöhnungstag des jüdischen Jahres 5734, am Jom Kippur um 14 Uhr, war nicht Erobern, sondern Halten das Gebot der Stunde, mußten die Israelis erst einmal mobilisieren.

Premier Golda Meir hatte schon um neun Uhr morgens den US-Botschafter Kenneth Keating zu sich bestellt und ihn - ebenso wie wenig später den eigenen Außenminister Abba Eban in New York - über den drohenden Araber-Angriff unterrichtet. Um zehn Uhr auch, vier Stunden vor Kriegsausbruch, ließ sie bereits die ersten Reservisten einberufen. Und als die Nachricht vom arabischen Überfall die Hauptstadt erreichte, tagte bereits - erstmals an einem Versöhnungsfesttag - das israelische Kabinett.

Das übrige Israel feierte den höchsten jüdischen Festtag - ohne Rundfunk, ohne Fernsehen, ohne Straßenverkehr, ein nichtsahnendes Land.

Zwar war auch für die Angreifer Feiertag, der Fastenmonat des Ramadan. Doch im Heiligen Krieg, im "Dschihad", muß - so der Großscheich der islamischen Universität in Kairo Dr. Abd el-Halim Machmud "jedes Opfer erbracht werden, um die islamischen Gebiete von den zionistischen Aggressoren zu befreien". An 13 Stellen schlugen die Ägypter Pontonbrücken über den Suezkanal, an drei Stellen durchbrachen die Syrer die Stellungen auf den Golan-Höhen.

Der Angriff kam mit einer Stärke und Intelligenz, die Israelis den Arabern nicht zugetraut hatten: Die Israelis waren auf einen Luftkrieg eingestellt gewesen, auf eine Herausforderung durch die zahlenmäßig klar überlegene arabische Luftwaffe - die man wie 1967 schnell zu erledigen hoffte. Statt dessen verlegten die Ägypter ihre Flugzeuge auf libysche Flughäfen und deckten ihren Angriff über dem Kanal vorwiegend mit Fla-Raketen. An zwei Fronten entfesselten Syrer und Ägypter eine wohlkoordinierte gigantische Panzerschlacht.

Innerhalb von Minuten heulten in Israel die Sirenen, schaltete sich der Rundfunk wieder ein und rief die Reservisten mit Codewörtern zu den Sammelstellen: "Seewolf", "Fleischtopf", .Charmante Dame". Predigten wurden unterbrochen, sogar durch die Viertel der orthodoxen Juden rasten die Autos, um die Soldaten einzusammeln und in den Kampf zu fahren.

Die von Israel und seinen Freunden noch gerühmte Bar-Lev-Linie am Ostufer des Suezkanals wurde von den Ägyptern schnell überrannt. Mit Feldbefestigungen, einem Militär-Straßennetz, Treibstoff- und Wasser-Depots, Panzerfallen, Minenfeldern und unterirdischen Hospitälern galt dieses Stellungssystem dem amerikanischen Militärjournalisten Charles Black jr. als "die sicherste Befestigungsanlage der Welt" - wohl zu Unrecht.

Die Israelis wußten denn auch, daß ihre Kanallinie, die kaum betonierte Bunker hatte, einem ägyptischen Großangriff auf Dauer nicht widerstehen konnte. Anders als etwa die Maginot -Linie oder der Westwall sollte sie den Feind nur für Stunden aufhalten, bis die eigenen Panzer und Flugzeuge eingreifen und ihn in der 35 Kilometer breiten Zone zwischen dem Wasserweg und der ersten Gebirgskette der Sinai-Halbinsel aufreiben könnten.

Dieser Plan funktionierte nur auf dem Papier: Israels Panzer wurden zunächst einmal an der strategisch wichtigeren, weil den israelischen Siedlungen näher gelegenen 400 Kilometer entfernten Syrien-Front benötigt, und gegen israelische Luftangriffe hatten die ägyptischen Verbände fahrbare Luftabwehrraketen mit über den Kanal gebracht.

Daß sie die Bar-Lev-Linie, das Monument israelischer Übermacht auf ägyptischem Boden, erobert hatten, war für die Araber der größte moralische Triumph in ihrem nun schon ein Vierteljahrhundert währenden Kampf gegen den Judenstaat. "Was immer auch geschieht", so jubelten Intellektuelle in Kairo, die Situation wird nie wieder wie vorher sein." Und: "Wir sind wieder eingetreten ins 20. Jahrhundert."

Schon nach drei Kriegstagen schätzte der amerikanische Geheimdienst, die von Israel streng geheimgehaltenen Verluste seien doppelt so hoch wie im Sechs-Tage-Krieg. Und am sechsten Kriegstag sprachen Washingtoner Militärs von 1500 bis 2000 Toten, beklagte Israels Außenminister Abba Eban vor der Uno "tragische Verluste".

Mochten die Siegesmeldungen der Araber in der ersten Kriegswoche auch, wie stets, übertrieben sein - Ägypter und Syrer meldeten nach sieben Kriegstagen den Abschuß von 438 der 488 israelischen Flugzeuge, westliche Geheimdienste sprachen von etwa 150 allein weil sie sachlich und ohne Pathos übermittelt wurden, wirkten sie glaubwürdig.

Im Gegensatz dazu wichen die israelischen Militärsprecher oft aus, mehr als einmal mußten sie triumphale Siegesmeldungen tags darauf korrigieren; schärfer denn je war der Zugriff des Zensors, von dem sich auch deutsche Fernsehzuschauer jeden Abend überzeugen konnten: In allen Filmen aus Israel flimmerte in der linken Bildmitte ein kleiner Fleck - kein Staub auf dem Bildschirm, kein Flugzeug, sondern Zeugnis des Zensors, daß der Film keine Geheimnisse verrät.

Viel zu schleppend kam Dajans Drei-Phasen-Strategie in Schwung. Sie sah nach der Auffangaktion einen Gegenangriff und dann die "Bestrafung" vor, die - so Dajan - so durchschlagend sein soll, daß die Araber danach "über Frieden und nicht über einen neuen Waffengang oder einen weiteren Krieg nachdenken werden.

Israel hielt einen Durchhalteappell für nötig. Golda Meir an die Nation: "Es gibt keinen Zweifel am Ausgang des Krieges - wir werden gewinnen." Und General Scharon bekräftigte, unbeeindruckt von den Ereignissen an der Front: "Die Ägypter haben absolut keine Chance, irgendwelche militärischen Erfolge gegen uns zu erzielen, absolut keine."

Um die Kampfmoral der Ägypter zu brechen, verstärkte Israels Rundfunk seine Propagandasendungen in arabischer Sprache. Wie vor sechs Jahren wandten sich Israels Psycho-Krieger oft an einzelne ägyptische Soldaten - etwa:

  • an den Oberst Sahi Abbas: "Wo bleibt deine Abschirmung durch die Luftwaffe?"
  • an den Oberst Machmud Nuri, Kommandant der Raketenstellungen am Kanal: "Was hast du eigentlich getan, als unsere Flugzeuge ungestört Ägypten bombardierten?"
  • an einen Hauptmann Machmud Salem: "Du kennst doch euren Kriegsminister. Hast du eigentlich Vertrauen in den Mann?"

An alle Ägypter erging die höhnische Aufforderung: "Die Brücken über den Suezkanal stehen euch offen. Die Sinai-Wüste ist groß - und die israelische Falle auch. Kommt und tappt hinein!"

Doch die Ägypter tappten nicht jedenfalls nicht bis Ende voriger Woche. Die israelische Propaganda wirkte anachronistisch, abgestimmt noch auf den Gegner von 1967. Seither aber hatte sich bei den Arabern einiges geändert. Ihren Anfangserfolg verdanken sie bisher so unarabischen Tugenden wie planender Vernunft, Disziplin und Wirklichkeitssinn.

Seit 1967 hatten Ägypter und Syrer die Kampfkraft ihrer Truppen verdreifacht. Sie konnten ohnehin mehr Truppen an die Front werfen, denn den Schutz des Hinterlandes übernahm eine Art Zivilschutz nach sowjetischem Vorbild, Kommando-Trupps waren für Sonderaufgaben hinter den feindlichen Linien ausgebildet, etwa den Angriff auf Funkzentren und Verbindungslinien, auf die Israel, an der 300 Kilometer vom Kernland entfernten Südfront besonders angewiesen ist.

Selbst den Einsatz der sowjetischen Amphibienfahrzeuge hatten die Ägypter geübt - am Nil bei El-Faijum.

Keine primitive Hurra-Propaganda gaukelte diesmal den Soldaten vor, daß die Schlacht ein Spaziergang sei. Militärisch gut trainiert und politisch gut indoktriniert, zeigten Ägypter und Syrer bislang unbekannten Angriffsgeist. Die unteren und mittleren Chargen vom Feldwebel bis zum Hauptmann, die 1967 ihre Soldaten sogar noch mit Stökken vorwärts getrieben hatten, führten diesmal eher vorbildlich.

Israels Feinde stritten auch mit besseren Waffen - und wußten diesmal gar, sie zu bedienen: Brücken, die schnell aufgebaut werden können und schwer zu bombardieren sind, weil sie einige Zentimeter unter der Wasseroberfläche liegen; 11,5-cm-Geschütze mit hochwertiger Infrarot-Zieleinrichtung in den modernen T-62-Tanks; Boden-Boden-Raketen des Typ Frog 7 mit einer Reichweite von 60 Kilometer und 500-Kilo-Sprengkopf sowie einige im Westen noch unbekannte panzerbrechende Waffen.

An einigen Stellen der Sinai-Front gewannen die Israelis den Eindruck, daß auf je drei ägyptische Soldaten eine Panzerabwehrwaffe kam. Und sie fühlten sich kaum erleichtert, daß im arabischen Waffenarsenal auch einige Absurditäten auftauchten, wie etwa amphibische Tanks PT-76 auf den wasserlosen Golan-Höhen.

Wie die Kampfstärke der arabischen Soldaten überraschte die Israelis die Koordination zwischen Ägyptern und Syrern und die Wahl des Angriffs-Zeit punktes: Er war offenbar weder durch spezifisch arabische Emotionen noch durch das fatalistische Vertrauen bestimmt, Allah werde den Arabern die verlorenen Gebiete zu gegebener Zeit schon zurückbringen.

Der Zeitpunkt war vielmehr politisch genau berechnet: In der Uno hat eine wachsende anti-israelische Mehrheit den Judenstaat isoliert. Sogar die um arabische öl-Lieferungen bangenden Amerikaner verurteilten ihren Schützling erstmals, als die Israelis eine irakische Verkehrsmaschine entführt hatten, weil sie unter den Passagieren palästinensische Guerilla-Führer vermuteten. Nach der Gipfelkonferenz der Blockfreien in Algier brach Burundi als nunmehr elfter afrikanischer Staat die Beziehungen zu Jerusalem ab - die Katastrophe von 25 Jahren israelischer Afrika-Politik kam vollends in Sicht. Und dann verstand sich gar Österreichs Kanzler Kreisky, selbst Jude, noch dazu, das Durchgangslager Schönau, für Juden aus der Sowjet-Union zu schließen.

Auch militärisch war der Zeitpunkt optimal gewählt: Ägypten und Syrien hatten ihre Aufrüstung abgeschlossen. Sie wußten, daß ihnen weder die sowjetischen Freunde noch irgendeine andere Macht bessere Waffen liefern würden. Die Syrer hatten zum Monatsbeginn Sam-2-Raketen auf fahrbarem Untersatz erhalten, die Ägypten schon seit Jahren besitzt.

Für den Waffengang entscheidend aber war wohl die Erkenntnis von Ägyptern und Syrern, daß die Zeit keineswegs für sie arbeitete. Denn die politischen Erfolge in der Uno und in Afrika bringen nicht zurück, was die Araber vor allem wollen: ihre 1967 von Israel besetzten Gebiete.

Im Gegenteil: Im Geist weltweiter Entspannung waren Washington und Moskau dabei, auch ihre Gegensätze in Nahost abzubauen. Diese Gegensätze aber waren den Arabern als einzige Chance erschienen, die 1967 geschaffenen Fakten doch noch zu revidieren.

"Ich hoffe, man versteht, daß wir nicht gegen die Entspannung in der Welt sind oder dagegen, daß sich die USA und Rußland verständigen", hatte Sadat zum Jahrestag der ägyptischen Revolution am 23. Juli erklärt, aber gleichzeitig gefragt: "Wo bleiben unsere Interessen?"

Im Mai 1972 erwähnte das Kommunique des Moskauer Gipfeltreffens zwischen Nixon und Breschnew den Nahen Osten nur in zwei nichtssagenden Sätzen. Seither fühlen sich die Araber von den Großmächten verraten - vor allem von der Sowjet-Union.

Spätestens damals begriffen Kairo und Damaskus, daß Moskau, zum Rückzug auf haltbare Positionen entschlossen, ihnen bei der Rückeroberung der verlorenen Gebiete nie aktiv helfen würde. Die Araber zweifelten sogar daran, daß Moskau seine amerikanischen Partner je ernsthaft gedrängt habe, auf Israel Druck auszuüben. Denn der Status quo in Nahost, ein Mixtum zwischen Krieg und Frieden, schien "permanent die sowjetischen Interessen" zu verbessern (so "Al-Ahram"-Chefredakteur Heikal).

Mit erstaunlicher Offenheit beklagten die Araber die für sie nachteiligen Folgen der Entspannung: "Unsere Interessen wurden von Nixon und Kossygin unter den Teppich gekehrt", beschwerte sich Radio Kairo. Die Beiruter Zeitung "El-Liwa" nannte das sowjetisch-amerikanische Tete-à-tete einen "sowjetisch-amerikanischen Kuhhandel auf Kosten der Araber".

Dem ägyptischen Vizepräsidenten Schafei erklärte Chinas Tschou En-lai noch vor drei Wochen, daß Israel mit "Unterstützung und dem stillschweigenden Einverständnis der Supermächte" arabisches Gebiet besetzt halte. Ein libanesischer Karikaturist zeichnete, wie Nixon und Breschnew sich umarmen und dabei die Dritte Welt zerquetschen, zu der sich die Araber zählen. Für den Libyer Gaddafi sind die Sowjets "das gleiche wie die Kolonialisten der Vergangenheit".

Der Vergleich hinkt. Denn immerhin hatten die Russen die Araber aufgerüstet und sich über Jahre hin alle arabischen Positionen zu eigen gemacht. Zunächst im russisch-arabischen Einverständnis, später gar trotz russisch-arabischer Entfremdung reifte jene Frucht, der sich Ägypten und Syrien während der ersten Woche der Oktoberschlacht im Nahost näher wähnten: Israel, das sich politisch unnachgiebig gezeigt hatte, dann eben militärisch zu besiegen.

Daß Grenzen zwar nicht in Europa, wohl aber andernorts noch gewaltsam revidiert werden können, hatte der indisch-pakistanische Krieg bewiesen, in dem Moskau auf indischer Seite einen ähnlichen (wenn auch schwächeren) Part wie bei den Arabern spielte. Das russisch-arabische Verhältnis ist der Schlüssel zum Verständnis des vierten Israel-Krieges.

Begonnen hatte die seltsame Entente nach dem zweiten Krieg. 1956 lud Ägyptens Gamal Abd el-Nasser Moskau ein, die bislang vorwiegend britisch ausgerüstete und trainierte ägyptische Armee umzurüsten. Russen bauten auch Ägyptens moderne Pyramide, den Assuan-Staudamm, und zahlten über die Hälfte der Kosten von 2,5 Milliarden Mark. Mit dem Stahlwerk von Heluan kurbelten sie Ägyptens Industrialisierung entscheidend an.

Der Zusammenarbeit mit dem Araber-Führer Nasser zuliebe waren die Sowjets sogar bereit, Genossen zu opfern. Sie nahmen keinen Anstoß daran, daß in Ägypten die KP verboten war und Kommunisten in Gefängnissen schmachteten. Die Interessen der Großmacht UdSSR rangierten vor der Solidarität mit Klassenbrüdern.

Chruschtschow drängte - wie einst schon Rußlands Zaren - zu den warmen Wassern des Mittelmeeres. In der Zeit des Kalten Krieges und der damals bipolaren Weltpolitik war der Zugang nach Alexandria eine wichtige Position gegenüber der Nato und der im Mittelmeer kreuzenden Sechsten US-Flotte.

1967 glaubten die Sowjets offenbar, Amerikas wichtigster Nahost-Schützling, Israel, stehe am Rande des Zusammenbruchs. Moskaus Mann in Tel Aviv, Botschafter Dmitrij Tschuwachin, meldete jedenfalls nach Hause, daß Israel den Krieg wünsche, um sich aus wirtschaftlicher und geistiger Depression zu retten, daß es aber nicht mehr fähig sei, "sich heute noch zu einer politischen oder gar militärischen Glanzleistung" aufzuraffen.

Die UdSSR unterstützte Ägyptens Forderung nach Abzug der Uno-Truppen aus dem Gaza-Streifen, Tschuwachins Kollegen in Kairo und Damaskus ermutigten die zur Auseinandersetzung mit Israel drängenden Araber. Den Konflikt selbst wollte Moskau damals wohl nicht.

Der Krieg - freilich von den Israelis begonnen - endete für die russisch gerüsteten Araber mit der Katastrophe. Nach dem Krieg bestellte Nasser den Sowjetbotschafter in Kairo zu sich und überhäufte ihn mit Vorwürfen. Moskau löste ihn ab.

Die sowjetische Zeitschrift "Sa rubeschom" erklärte die Nasser-Niederlage trotz der sowjetischen modernsten, erstklassigen technischen Kampfmittel" damit, daß "einzelne Generäle und höhere Offiziere, welche die Revolution innerlich nicht bejahten, gegen die Hauptlinien der Regierungspolitik eingestellt waren".

Verärgerte Araber aber hielten den Russen ein Versprechen vor, das Moskau zehn Tage vor dem Ausbruch des Krieges gegeben hatte: "Jeder, der sich auf die Entfesselung einer Aggression im Nahen Osten einläßt, wird... auf den entschlossenen Widerstand der Sowjet-Union stoßen." Wie die kuwaitische Zeitung "Al-Rai al-Amm" fragten viele Araber: Wo blieben die Russen?

Moskau mußte jedenfalls seine Waffenlieferungen an Ägypten (Gesamtwert acht bis zwölf Milliarden Mark) als Verlust abschreiben. Als Nasser - so Moskauer Witzbolde - seinen Lieferanten Kossygin telephonisch um Ersatz bat, antwortete der Russe: "Gern. Was braucht Israel denn noch?"

Moskau lieferte dennoch erneut - von Armeeschuhen bis zu Düsenflugzeugen. Die Ägypter mußten nun auch sowjetische Spezialisten ins Land bitten, um die geschlagene Armee von Grund auf neu zu organisieren. Chefberater in Kairo wurde Generatoberst Okunew, ein Spezialist für Flugabwehr. Die Russen machten ihren arabischen Freunden klar, daß die, Aufrüstung rein defensiv bleiben solle.

Dagegen opponierten als erste die Syrer, die ebenfalls Russen-Waffen erhielten. Hafis el-Assad, damals Verteidigungsminister, gab schon 1969 den Sowjets die Schuld, daß sich sein Land im Februar gegen einen israelischen Angriff nicht befriedigend hatte wehren können, und nannte die von Moskau "für teures Geld" erworbenen Waffen "überholte Ladenhüter". An Damaszener Häusern prangten anti-sowjetische Parolen: "Iwan ruh abeitak!" (Iwan, hau ab!). Und Assad maulte: "Wir können uns bessere Waffen auch woanders holen."

Der Syrer dachte an den Moskau-Rivalen Peking, der seinem Generalstabschef Tlas bei einem Besuch in Maos Reich Raketen mit einer Reichweite von 1200 Kilometern angeboten hatte.

Andere Araber holten sich bereits Rüstung aus Peking: Die palästinensischen Freischärler nahmen im irakischen Hafen Basra und im syrischen Mittelmeerhafen Latakia leichte Waffen für den Partisanenkampf gegen Israel entgegen, darunter Knopfminen mit einem Gewicht von nur acht Gramm und panzerbrechende Sieben-Kilo-Minen.

Die gegenüber jeder Nahost-Lösung mißtrauischen Palästinenser erkannten vor den arabischen Regierungen, daß sich Russen und Amerikaner näherkamen. El-Fatah-Chef Jassir Arafat schon 1969: "Die Großmächte können beschließen, was sie wollen. Wir haben uns bereits entschieden - für die Gewehre."

Daß die Großen zusammenarbeiteten, zeigte sich spätestens im September 1970, den die Palästinenser den "schwarzen September" nennen.

Als Sowjet-Schützling Syrien mit Panzern den Fedajin zu Hilfe kam, die den US-Schützling Hussein von Jordanien stürzen wollten, verständigten sich Washington und Moskau. Sowjet-Diplomaten forderten die Syrer auf zurückzukehren. Sie erklärten ihren Verbündeten in Damaskus, daß sie nicht auf Russen-Hilfe rechnen könnten, wenn Amerika für Jordanien interveniere.

Die Syrer zogen daraufhin zähneknirschend ihre Tanks zurück. Für die zum Abflug in den Orient alarmierte 82. Luftlandedivision in Fort Bragg (USA) sowie US-Truppen in Bad Kreuznach und Augsburg begann wieder Routinedienst. Der Status quo im Nahen Osten blieb noch einmal erhalten.

In der ersten Zeit nach dem Sechs-Tage-Schock hatten sich die Araber mit diesem Status zufriedengegeben. Nasser damals: "Die gesamte arabische Nation schuldet der Sowjet-Union endlosen Dank, weil sie ohne deren uneigennützige Unterstützung hilflos dem siegestrunkenen Israel ausgeliefert wäre."

Doch je mehr Sowjet-Bürger nach Ägypten und Syrien kamen, um so mehr profilierten sich die Freunde als die "häßlichen Russen". Zu verschieden war die Mentalität der verbündeten Völker.

Die meist wortkargen Sowjet-Menschen mit kurzgeschnittenem Haar und offenem Hemdkragen waren den temperamentvollen, kommunikationsfreudigen Arabern zu fischblütig. Die Russen lebten abgeschlossen in Gettos, traten stets in Gruppen auf und blieben auch dann unter sich, wenn sie einmal in ein Cafe gingen. Eine französische Korrespondentin fand die Sowjet-Menschien in der arabischen Umwelt "so fehl am Platz und so exponiert wie Fliegen in der Milch".

Den Arabern mißfiel vor allem, daß die Russen kein Verständnis für das landesübliche Feilschen zeigten und das Bakschisch offenbar nicht kannten. Ein Ägypter 1970 im Restaurant "Rannoun" in Heliopolis, einem der wenigen Lokale, in denen Russen verkehrten: "Sie haben dafür gesorgt, daß unsere Städte nicht mehr bombardiert werden, sie helfen uns ... Aber offen gesagt, wir lieben sie nicht. Man kann mit ihnen keine Geschäfte machen."

Die Russen wiederum erblickten ihre orientalischen Partner bald aus der gleichen Perspektive, aus der auch westliche Ingenieure und Monteure Araber sehen. Sie beklagten die Schlamperei, das technische Unverständnis und die Unzuverlässigkeit ihrer Freunde, zeigten sich oft arrogant und intolerant.

Das Überlegenheitsgefühl der roten Nachhilfelehrer -wich Fassungslosigkeit, wenn die arabischen Partner an moslemischen Feier- und Ruhetagen verspätet oder gar nicht zum Dienst an Radarschirmen oder Flieger-Abwehrkanonen erschienen.

Die "Mißverständnisse unter Freunden" (Sadat) häuften sich. Die desillusionierten Sowjets - in Ägypten schließlich rund 20.000 - erschienen den Arabern bald eher als Besatzer denn als beratende Freunde. Auf den Stützpunkten kam es zu Reibereien. Sowjetisch-ägyptische Ehrengerichte mußten monatlich etwa 80 Streitfälle schlichten. Ägyptens Generalstabschef Schasli ließ einen sowjetischen General nach Hause schicken, der bei einem Essen abfällige Bemerkungen über die "untreue Geliebte" Ägypten gemacht hatte. Unterstaatssekretär Fahmi vom Kairoer Außenministerium wurde wegen zu lauter Sowjet-Kritik beurlaubt.

Den Stolz der Ägypter verletzte es, daß zahlreiche Stützpunkte auf ihrem Boden für sie selbst exterritoriales Gebiet waren: Sam-2-Luftabwehrraketen-Basen, Sam-3-Basen, Flugplätze in Assuan, Assiut und Kairo-West, Marine -Basen in Alexandria, Port Said und Marsa Matruch am Mittelmeer sowie Ras Banas am Roten Meer. "Faktisch ist Ägypten", so urteilte 1971 das Londoner Institut für Strategische Studien, "ein Protektorat der Sowjet-Union."

Als Libyens Gaddafi einmal in Kairo den Präsidenten Sadat herausforderte, er sei nicht mehr Herr im eigenen Lande, wollte der Ägypter seinem Gast das Gegenteil beweisen. Die Präsidenten fuhren unangemeldet zum Marine-Stützpunkt Marsa Matruch. Der dortige sowjetische Kommandant aber war erst nach Rücksprache mit seinem Botschafter Winogradow in Kairo bereit, den wütenden Sadat und den triumphierenden Gaddafi einzulassen.

Hauptstreitpunkt zwischen Russen und Ägyptern freilich wurde die Forderung nach bestimmten Waffen, deren Lieferung Moskau verweigerte, weil es keinen neuen Nahost-Krieg wollte. So scheint glaubhaft, daß Sadat immer wieder angekündigte Termine für die Schlacht gegen Israel nicht einhielt, weil die Russen die notwendigen Waffen nicht lieferten. Sadat nach einem Bittbesuch in Moskau Mitte 1971: "Für die Russen mag die Nahost-Krise nicht Problem Nummer eins sein. Für mich ist es das Problem!"

Tatsächlich paßte den Sowjets ein Kompromiß zwischen Juden und Arabern und die öffnung des für sie wichtigen Suez-Kanals weit besser als ein arabischer Befreiungskrieg um die von Israel besetzten Gebiete, der sie zu neuen Lieferungen an die Araber zwingen und überdies den Keim für das Ende der Entspannung mit den USA enthalten konnte.

Längst war Moskaus Hauptfeind nicht mehr die Nato-Führungsmacht Amerika, mit deren Präsident man sich jederzeit über das rote Telephon verständigen konnte, sondern der chinesische Nachbar im Osten. So nahmen die Russen gelassen hin, was für eine Großmacht an sich eine Provokation war: Am 18. Juli 1972 setzte Sadat, Staatschef eines orientalischen Mittelstaates, die große Sowjet-Union vor die Tür.

Um 16 Uhr meldete sein Rundfunk noch die Eröffnung einer ägyptisch-sowjetischen Freundschaftswoche für den kommenden Tag und die Ankunft von 20 Sowjet-Sportlern. Drei Stunden später unterbrach Radio Kairo sein Programm, um die Entscheidung des Präsidenten zu verlesen. Umm Kulthum sang: "Atini hurrijati" -"Gebt mir die Freiheit wieder."

Sadat, nach Nassers Tod als vermeintlich schwacher Kompromiß-Kandidat an die Spitze gekommen, wurde durch seinen Kraftakt gegen Arabiens "meistgehaßten Freund" (so die Beiruter Zeitung "El Hajat") der populärste Mann in der arabischen Welt. Strategen im Westen und in- Israel aber sahen schon damals, was deutsche Sowjet-Feinde nie zugeben wollten: daß nicht die Präsenz, sondern der Abzug der Russen die Kriegsgefahr im Orient wieder erhöht hatte.

Der Russen-Auszug aus Ägypten fiel nicht zufällig in eine Zeit, in der die Araber nach eigenen Wegen zum Sozialismus suchen. In Libyen glaubt Gaddafi, Sozialismus und Koran geeint zu haben. Sadat - seine "Sabiba", eine Druckstelle auf der Stirn vom Drücken des Gebetsteppichs, weist ihn als frommen Moslem aus - beruft sich bei seinen Entscheidungen auf die Lehre des Propheten. Syriens linkes Regime stellte klar, daß- es "jeden Atheismus" ablehne; Präsident Assad ließ Korane mit seinem Bild drucken.

Die Sowjets und ihre Freunde sahen diese Entwicklung mit Sorge. "Die Feinde des Volkes", warnte "Horizonte", das dem DDR-Außenministerium nahestehende Wochenblatt, "sind jetzt in verstärktem Maße dazu übergegangen, mit Hilfe des Islam gegen die fortschrittlichen Züge in den (arabischen) Sozialismus-Konzeptionen vorzugehen. Hierbei spielt Saudi-Arabien eine große Rolle."

Der einst als Reaktionär isolierte Saudi-König Feisal ist heute in der arabischen Welt einflußreich und hochgeachtet. Er schürt die antisowjetischen Araber-Gefühle. Für ihn, den Bewahrer der Heiligen Stätten in Mekka und Medina, den reichsten aller ölprinzen, sind Kommunismus und Judentum identisch: Marx war schließlich Jude, und die Sowjet-Union ermöglichte 1947 mit ihrer Uno-Stimme die Entstehung des Staates Israel. Sie stärkt heute den zionistischen Feind ständig, indem sie ihm liefert, was er am dringendsten braucht: Menschen.

Die Emigration der Sowjet-Juden war in den Beziehungen zwisch en UdSSR und den befreundeten arabischen Staaten lange tabu. "Al-Ahram" -Chefredakteur Heikal im vergangenen Jahr zum SPIEGEL: "Ich habe dieses Thema gegenüber Mitgliedern des sowjetischen Politbüros angeschnitten. Sie versuchten, die Frage einfach vom Tisch zu wischen: Was wir gehört hätten, sei alles westliche Propaganda."

Nach dem Palästinenser-Anschlag auf durchreisende Sowjet-Juden in Wien vor drei Wochen ließ sich das Tabu-Thema nicht mehr unterdrücken. Die Arabische Liga in Kairo nannte den Exodus der Sowjet-Juden "Unterstützung der israelischen Aggression gegen die Rechte des palästinensischen Volkes". Eine Fedajin-Splittergruppe kündigte in einem "Ultimatum" Anschläge auf Sowjet-Botschaften an. Moskaus "vorgebliche Freundschaft mixt den Arabern sollte durch Ehrlichkeit bewiesen werden und nicht durch Dolchstöße von hinten".

Kurz vor dem neuen Nahost-Krieg erlitt Moskau neue Rückschläge im Orient. Ägypten schloß mit der US-Firma Bechtel Corp. einen Vertrag über den Bau einer Ölleitung vom Roten Meer zum Mittelmeer ("Newsweek" über das Millionen-Projekt: "Amerikas Assuan"). Der Irak schloß das sowjetische Kulturzentrum in Bagdad, weil es in Moskau auch kein irakisches Kulturzentrum gebe.

Nach einer Niederlage seiner Mig-21 in einem Luftgefecht mit israelischen Phantoms beschränkte Syriens Assad die Bewegungsfreiheit von 3000 sowjetischen Militärberatern in seinem Land - weil Moskau ihm keine Mig-23 geschickt hatte. Tage später reisten die Freunde ohnehin ab. Seit Donnerstag vorletzter Woche brachte Moskau in einer eilig eingerichteten Luftbrücke alle Berater heim, die noch in Ägypten und Syrien geblieben waren. Mißtrauische Araber und Juden sagten: Die Russen gehen - es wird gefährlich. Zwei Tage später griffen die Araber an.

Daß Breschnew den neuen Krieg nicht wollte, ist sicher. So warnte die Moskauer "Neue Zeit' noch vor wenigen Wochen: Es verstoße "gegen jede Vernunft und Logik zu behaupten, die Suche nach einer friedlichen Lösung laufe den arabischen Interessen zuwider". Das sowjetische Regierungsblatt beschwor die Partner im Orient: "Die Araber wissen, was Blutvergießen bedeutet. . . Die Verhältnisse in der Welt machen einen solchen Preis immer unnötiger, um die Konsequenzen von Israels Aggression zu eliminieren."

Nachdem aber der Krieg ausgebrochen war, den die Araber dank russischer Ausbildung und russischer Waffen besser als je zuvor führen konnten, blieb Moskau nichts anderes übrig, als die Positionen der Araber wieder zu unterstützen - obschon es sie nicht mehr kontrollieren kann. Es schickte riesige Antonow-22-Transportflugzeuge mit Raketen-Nachschub nach Syrien.

Der arabische Überraschungsangriff gefährdete damit nicht nur den Judenstaat, sondern ebenso auch die Entspannung zwischen den beiden Supermächten, die Nixen und Breschnew erst Mitte dieses Jahres in Washington ein weiteres Mal bekräftigt hatten.

Denn parallel zu den Sowjets sehen sich nun auch die Amerikaner verpflichtet, ihrem nahöstlichen Schützling Israel zu helfen: mit 48 Phantom-Bombern, die sie aus Europa abzogen, aber auch mit Raketen und Munition (und obendrein mit 120 Millionen Dollar, die amerikanische Juden innerhalb von fünf Tagen als Spenden aufbrachten).

Vergebens waren die Bemühungen des Krisen-Managers Henry Kissinger, den vierten arabisch-israelischen Waffengang überhaupt zu vermeiden - in den Stunden vor Kriegsausbruch telephonierte Amerikas neuer Außenminister mit den Chefs nahezu aller Araber-Missionen bei der Uno - oder doch zumindest die Großmächte vollends herauszuhalten. Was Moskau in letzter Stunde tat, ist unbekannt. Israelische Diplomaten behaupteten, die Sowjet-Union habe ihnen Hinweise auf den bevorstehenden Angriff zugespielt.

Weder ein Kontakt Nixon-Breschnew über den heißen Draht zwischen Washington und Moskau noch eine ungewöhnliche Geste Kissingers hatten Erfolg: Der Außenminister warnte vor einer "direkten Konfrontation" der Großmächte und bewog das Repräsentantenhaus, die Abstimmung über ein Handelsgesetz, das mehrere gegen die Sowjet-Union gerichtete Passagen enthält, bis zur letzten Oktoberwoche zurückzustellen.

Bis dahin, so hofften die Amerikaner - und auch die Israelis -, würde der vierte Nahost-Krieg beendet sein: mit einem Sieg der Truppen Israels.

Sie vertrauten vor allem auf den Siegeswillen, die Kampfmoral, die Qualität der israelischen Soldaten - und auf die nach wie vor nur kaschierte Einigkeit im arabischen Lager:

Trotz aller Treueschwüre ihrer Bruderstaaten von Bangladesch bis Kuweit standen Syrer und Ägypter auch am Wochenende noch allein in der Schlacht gegen Israel.

Auf den Golan-Höhen kämpften zwar 3000 Marokkaner an der Seite der Syrer, doch sie waren schon vor Ausbruch des Krieges dort gewesen. Von den 18.000 Soldaten und 100 Panzern, die der Irak angeblich Anfang der Woche an die syrische Front verlegt halte, wurden die ersten Kämpfer erst am Freitag gesichtet. Und Tunesiens Präsident Burgiba versprach zwar Truppen, äußerte aber Sorgen "über das Ergebnis des Krieges für alle Araber. Denn ich kenne die Stärke israels".

Statt arabischer Einheit gab es auch während des Krieges arabischen Zwist. So kritisierte Libyens Gaddafi, seit Monaten der kriegerischste aller Araberführer, die Planung des Krieges, der "von Sadat im falschen Moment unter falschen Umständen gestartet wurde". Israels General Herzog: "Diesmal stimme ich mit Gaddafi überein: Es war ein Fehler für Ägypten."

Der reiche, wohlgerüstete Libyer - dem Frankreich noch vorige Woche weitere Panzer, Raketen und Munition lieferte - will seine Brüder allenfalls moralisch und finanziell unterstützen.

Die wahren Opfer fordert er ausgerechnet von Jordaniens Hussein, dessen Land 1967 von den Israelis am schwersten bestraft worden war und der deshalb in den vergangenen Jahren mehrfach schwor, er werde sich einem neuen Waffengang gegen Israel nur anschließen, wenn die Gewinnchancen mindestens bei 50 Prozent lägen.

Ihn schimpfte der Libyer aus der Ferne einen "Feigling", einen "Verräter und Handlanger des Zionismus". Die Jordanier rief er auf, den König zu stürzen und das zu vollziehen, was er für sich und Libyen ablehnt: sich dem Krieg gegen Israel anzuschließen.

Eine dritte Front am Jordan könnte für Israel gefährliche Folgen haben. Doch am Wochenende hofften Dajan und seine Generäle, ihr - verlustreicher - Durchbruch gegen Damaskus werde den Haschemiten-König davon abhalten, sich in den Krieg einzuschalten.

Daß ein am Ende wieder gesichertes Israel nach einem schwierigen, von den Arabern begonnenen Krieg in der Gunst der Welt Pluspunkte sammelt, scheint freilich jetzt schon zweifelhaft.

Als am vorigen Dienstag im Uno-Sicherheitsrat der israelische Botschafter Josef Tekoa sein Beileid für den Tod von 30 Russen aussprach, die angeblich bei einem israelischen Bombenangriff auf Damaskus ums Leben gekommen waren, sprang sein sowjetischer Kollege Jakow Malik aus seiner Bank: Er sei nicht gewillt, "Entschuldigungen und Kondolenzen eines Repräsentanten von Mördern und internationalen Gangstern" anzuhören.

Bestärkt durch die Erfahrungen vom Oktober 1973, dürfte sich Israel intransigenter denn je zeigen, auf die Grenzen von 1967 zurückzugehen: Mit jenen Grenzen hätte der jüngste syrisch-ägyptische Schlag tödlich sein können.

Und auch die Araber würde ein selbst nur begrenzter Erfolg schwerlich verhandlungsbereiter machen: Ihr Selbstbewußtsein, ohne dessen Stärkung sie nicht verhandeln wollten, könnte leicht überborden und sie auf das Glück in der abermals nächsten Schlacht gegen Israel hoffen lassen.

Doch auch das würde vermutlich bedeuten: Wieder Krieg und noch kein Frieden.



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