AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Todesstrafe Die letzte Zeugin

Gayle Gladdis reist durch die USA, um dabei zuzusehen, wie Menschen durch Giftspritzen getötet werden. Das Gesetz verlangt die Anwesenheit einfacher Bürger. Freiwillig sieht sie, was fast niemand mehr sehen will. Warum tut sie das?

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In eigener Sache
    Dieser Text des ehemaligen SPIEGEL-Redakteurs Claas Relotius hat sich nach einer Überprüfung in wesentlichen Punkten als gefälscht herausgestellt. Darüber hinaus steht die gesamte Berichterstattung von Relotius im Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier). Der SPIEGEL arbeitet den Fall Relotius derzeit auf; Verlag und Redaktion haben eine Kommission aus internen und externen Fachleuten eingesetzt: Sie soll die Vorgänge untersuchen und Vorschläge zur Verbesserung der Sicherungssysteme im Haus machen (mehr dazu hier). Bis die Kommission ihren Bericht vorlegt, bleiben die Artikel von Relotius unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen.
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An einem späten Januarabend, der Himmel über Joplin, Missouri, ist ohne Mond, verlässt eine kleine zierliche Frau ihr Haus, um einen Mann, den sie nicht kennt, sterben zu sehen. Sie verriegelt die Tür, dreht den Schlüssel dreimal um, dann geht sie eine menschenleere Straße entlang, zum Busbahnhof. Sie besorgt sich ein Greyhound-Ticket für 141 Dollar nach Huntsville, Texas, und zurück. Sie hat nur eine Handtasche und einen leichten Rucksack mit einer Bibel, einer Zahnbürste und ein paar Keksen als Proviant dabei. Gayle Gladdis, 59, eine Frau mit schulterlangem Haar und Perlenohrringen, plant, nicht länger als 48 Stunden unterwegs zu sein, um das Böse aus der Welt zu schaffen.

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Heft 10/2018
Die Wut der Autofahrer - und wie der Verkehr der Zukunft aussehen könnte

Sie setzt sich auf einen Platz vorn rechts, auf langen Busfahrten, sagt sie, werde ihr oft übel. Die Reise nach Huntsville dauert gut 15 Stunden, Gladdis hat schon viele dieser Reisen hinter sich. In Jarratt, Virginia, hat sie einen Mann, der sich mit Händen und Füßen gegen die Spritze wehrte, um Gnade flehen hören. In Jacksonville, Florida, hat sie gesehen, wie sich einer, der sein Leben lang ein Teufel war, im letzten Moment vor Angst in die Hose machte. In Florence, Arizona, wurde sie Zeugin, wie ein Verurteilter in dem Augenblick, als sie ihn töteten, nach Gott und seiner Mutter rief.

Der Bus rollt langsam aus der Stadt, über den Freeway in die Nacht. In Huntsville wird Gayle Gladdis zum zehnten Mal Zuschauerin sein. Sie wird den Mann, dem sie noch nie zuvor begegnet ist, festgeschnallt auf einer weißen Liege sehen. Sie wird die Nadeln in seinen Armen zählen, und sie wird hören, ob er noch etwas zu sagen hat. Sie hat so etwas wie eine persönliche Einladung dabei, einen Brief mit dem Sternenbanner des Bundesstaates Texas, darauf steht: "Citizen witness to an execution", bürgerliche Zeugin einer Hinrichtung. Ohne Leute wie sie, ohne Bürger, die freiwillig als Zeugen dienen, darf der Staat Texas den zum Tode Verurteilten nicht hinrichten.

Gladdis ist nicht ihr richtiger Nachname, aber sie will diesen lieber nicht öffentlich lesen. Gayle Gladdis hat fast niemandem verraten, wohin sie fährt und was sie dort erleben wird. In dem Büro in Joplin, wo sie als Sekretärin arbeitet, hat sie eine Woche Urlaub genommen, ihrem Chef hat sie gesagt, sie wolle sich erholen. Ihren Freundinnen im Kirchenverein hat sie gesagt, sie fahre für zwei Tage raus aufs Land. Ihren Nachbarn hat sie erzählt, sie besuche ihre Schwiegertochter. "Gott weiß", sagt Gladdis mit leiser Stimme und Südstaatenakzent, "ob sie verstehen würden, was ich in Wahrheit tue."

Gayle Gladdis holt einen Zeitungsartikel aus ihrer Handtasche und setzt ihre Lesebrille auf. Der Artikel handelt von jenem Mann, der in Huntsville getötet werden soll, in weniger als 16 Stunden. Sein Name ist Anthony Shore. Das Foto der Zeitung zeigt einen Mann mit kurz rasiertem Haar und teigigem Gesicht, 55 Jahre alt, zweimal verheiratet, Vater zweier Kinder; Vergewaltiger und Serienmörder. "Für Bestien wie Shore", diesen Satz liest Gladdis aus dem Artikel vor, "wurde die Todesstrafe erfunden."

Sie lehnt ihren Kopf ans Fenster, draußen ist tiefe Nacht. Eigentlich, sagt sie, habe sie Hinrichtungen ihr Leben lang für unchristlich und falsch gehalten. Gladdis holt tief Luft, sie presst ihre Fäuste auf ihrem Schoß gegeneinander, so fest, dass ihre Fingerknochen weiß hervortreten. Dann erzählt sie, wie aus ihr, einer Gegnerin der Todesstrafe, eine der letzten Dienerinnen des Tötens wurde.

Die Geschichte, die sie erzählt, beginnt an einem Tag vor 13 Jahren. Gayle Gladdis ist Witwe, ihr Ehemann ist früh an Krebs gestorben. Sie sitzt auf ihrer Veranda zu Hause in Missouri, sie erwartet Besuch von ihrem einzigen Sohn Stephen, einem Polizisten, und ihrem vierjährigen Enkel Josh. Ihr Sohn will mit dem Auto aus einem anderen Bundesstaat anreisen, aber Josh und Stephen kommen nie bei ihr an. Als es Abend wird, erhält Gladdis einen Anruf des Sheriffs einer fremden Stadt. Ihre Lieben, so sagt der Sheriff, wurden Opfer eines Überfalls auf eine Tankstelle, sie wurden mit Schüssen in Rücken und Bauch getötet. Gladdis versteht nicht, was der Sheriff dann noch sagt. In der Dämmerung hört sie nur Vögel singen.

Ein halbes Jahr später sitzt sie den Mördern in einem Gerichtssaal in Pennsylvania gegenüber. Beide sind kaum älter als ihr Sohn, beide tragen orangefarbene Overalls, und beide sagen, ihre Opfer seien ihnen ungünstig in die Quere gekommen. Sie zeigen keine Anzeichen von Reue. Sie lächeln Gladdis und ihrer Schwiegertochter einfach ins Gesicht.

Ein Richter spricht die Männer schuldig. Er verurteilt sie, durch die Giftspritze zu sterben.

Sie wartet jeden Tag auf die Vollstreckung. Sie wartet drei Jahre lang, dann sechs, dann neun. Sie findet mit der Zeit zurück ins Leben, aber die Männer, die es zerstört haben, leben noch immer. Der Termin ihrer Hinrichtung wird wieder und wieder verschoben; von Anwälten hört Gladdis, es gebe einfach nicht genügend Zeugen. Das Gesetz von Pennsylvania schreibt vor, dass mindestens sechs Bürger, die nicht für den Staat arbeiten und nicht direkt betroffen sind, anwesend sein müssen. Aber nie kommen diese sechs Bürger zusammen.

Gladdis, verzweifelt, verteilt Flugblätter, um Freiwillige zu finden. Sie will, dass die Männer ihre gerechte Strafe bekommen, aber eines Tages, und dieser Tag brennt sich ihrem Gedächtnis ein wie der Tag, an dem der Sheriff anrief, endet ihr Warten auf Gerechtigkeit: Der Bundesstaat Pennsylvania, der die Mörder ihres Sohnes und Enkels töten soll, stellt die Todesstrafe ein.

Der Bus verlässt Missouri, passiert die Grenze nach Oklahoma. Gladdis sieht die Leuchtreklamen von Tankstellen vorbeiziehen. Sie habe sich vorgestellt, sagt sie, wie die Mörder einfach weiterlebten; wie sie im Gefängnis Besuch bekämen, wie sie ihren Familien Briefe schrieben. Ihr eigener Sohn, dachte Gladdis, würde ihr nie mehr schreiben, ihr Enkel sie nie wieder besuchen. "Ich fühlte sie im Tod verraten."

Es war vor gut einem Jahr, sagt Gladdis, da wurde ihr klar: Sie ist mit ihren Gefühlen nicht allein. In den Nachrichten auf CNN hörte sie von Hilferufen anderer Hinterbliebener, die wie sie auf den Tod verurteilter Mörder warteten. Sie hörte, dass der Staat Arkansas acht Männer hinrichten wolle, aber nicht die vorgesehen sechs Zeugen dafür finde. Sie erfuhr, dass der Staat Florida dringend Freiwillige suche, dass man in Ohio angeblich 300 Dollar fürs Zuschauen bekomme, dass ein Gefängnis in Alabama, wie in blanker Not, Einladungen an Kirchen und Countryclubs verschicke.

Überall las Gladdis, mindestens die Hälfte aller Amerikaner sei für die Todesstrafe. Aber höchstens noch ein paar Dutzend von ihnen, so begriff sie, sind auch bereit, ihre Vollstreckung mitanzusehen.

Gladdis, allein in ihrem stillen Haus, dachte an all die Opfer und deren Familien. Sie stellte sich vor, sagt sie, andere Eltern müssten das Gleiche durchmachen wie sie; müssten erleben, wie die Mörder ihrer Kinder um die Todesstrafe herumkämen. Irgendwann habe sie verstanden, dass sie es selbst verhindern könne. Dass sie als Zeugin, die zu fast jeder Hinrichtung im Land reise, über Leben oder Tod entscheide.

Der erste Mann, der vor ihren Augen getötet wurde, war einer, der eine Mutter und deren Töchter ermordet hatte. Im Zeugenraum neben ihr saßen ein Priester, ein Schulbusfahrer, ein Footballtrainer und ein Ehepaar, zwei Schornsteinfeger. Die Hinrichtung dauerte 16 Minuten, der Busfahrer musste sich übergeben, der Footballtrainer wandte sich vor Grauen ab. "Ich habe an meinen Enkel gedacht", sagt Gladdis, "und gar nichts empfunden."

Beim zweiten Mal ließ sie der Anblick nicht mehr kalt. Sie sah einen gefesselten Mann, der wimmerte wie ein Kind, und sie zitterte am ganzen Leib. Beim dritten Mal sah der Verurteilte sie direkt an, in seinem Blick lag etwas Vorwurfsvolles, der Blick ließ sie wochenlang nicht los. Das sechste Mal verfolgt sie bis heute. Es war so schrecklich, sagt Gladdis, dass sie darüber nicht reden könne.

Warum tut sie sich das an? Warum sitzt sie in diesem Bus, um den nächsten Mann sterben zu sehen?

Draußen wird es heller Morgen, der Bus überquert die Grenze nach Texas. Gladdis schläft keine drei Stunden, sie bleibt fast die ganze Fahrt lang wach. Beim Umsteigen in Dallas kauft sie sich einen Kaffee zum Frühstück und Zigaretten zur Beruhigung. Der Zeitungsartikel aus ihrer Handtasche, der mit dem Foto des Todeskandidaten Anthony Shore, liegt während der ganzen Fahrt auf ihrem Schoß. Gladdis sagt, sie sei nervös bei dem Gedanken, Shore zu begegnen. Sie habe jemanden, der den Tod so sehr verdient habe wie er, noch nie zuvor sterben sehen.

Vier Stunden später, die Sonne neigt sich schon Richtung Westen, vor den Fensterscheiben reihen sich typische amerikanische Wohnhäuser aneinander, steht am Straßenrand ein Schild, "Welcome to Huntsville". Die Busstation, an der Gladdis aussteigt, liegt keine 400 Meter vom Todestrakt entfernt. Das Staatsgefängnis von Texas, ein alter Klinkerbau hinter roten, meterhohen Backsteinmauern, Amerikas Hochburg der Hinrichtungen, steht mitten im Stadtzentrum, neben einem Donutladen und einer Wohnsiedlung, wo Kinder spielen.

In Huntsville leben knapp 40¿000 Menschen, jeder zehnte arbeitet für das Gefängnis. Cowboys erbauten es einst auf einer Lichtung. Der Henker der ersten Hinrichtung, im Jahr 1924, weigerte sich, in Gottes Namen einen Menschen zu erschießen. Sechs Jahre später brach ein Häftling namens Clyde Champion Barrow aus dem Gefängnis aus. Er und seine Freundin Bonnie Parker, beide besser bekannt als Bonnie und Clyde, begingen mindestens noch 13 Morde. Die meisten Verurteilten kamen auf den elektrischen Stuhl, 361-mal floss Strom durch einen Körper, 361-mal flackerten die Straßenlaternen im ganzen Ort. Die Bewohner nannten den Stuhl aus Eichenholz "Old Sparky", weil er so schöne Funken sprühte. Er steht mittlerweile im Museum, Touristen können für Selfies darauf sitzen. Es war das Jahr 1982, als in Huntsville ein Verurteilter durch die Giftspritze getötet wurde, zum ersten Mal weltweit. "Human penitentiary", humaner Strafvollzug, so nennen sie das bis heute.

Gayle Gladdis geht langsam auf die Gefängnismauer zu. Auf den Wachtürmen sitzen Scharfschützen, die Zeiger der Uhr über dem Eingang sind vor Jahrzehnten stehen geblieben. Sie betritt das Gebäude, gibt ihren Mantel und ihren Rucksack ab, legt einem Beamten ihren Führerschein als Ausweis vor, sie sagt: "Ich komme aus Missouri. Ich bin hier wegen der Hinrichtung."

Der Beamte überreicht ihr ein Namensschild und antwortet, man habe sie erwartet, um 18 Uhr sei es so weit. Der Verurteilte Shore sei zum Duschen geschickt worden, er kriege gerade seine letzte Mahlzeit. Gladdis nickt, als wisse sie schon Bescheid, dann setzt sie sich auf einen Stuhl im Wartezimmer für Besucher. Sie ist das erste Mal hier. Eigentlich sind in Texas, wo fast jeden Monat jemand hingerichtet wird, wo sich der Gouverneur den Erfolg eines Strafvollzugs lediglich mangels Publikums nicht nehmen lässt, gar keine Zuschauer mehr vorgesehen. Nur noch dann, wenn keine Angehörigen des Verurteilten erscheinen, muss mindestens ein "reputable citizen", ein ehrbarer, volljähriger Bürger ohne Vorstrafen, den Ablauf der Hinrichtung bezeugen.

Gladdis sagt, sie sei bereits vor Monaten informiert worden, dass niemand von Shores Familie kommen werde. In dem Zeitungsartikel hat sie gelesen, Shores eigene Schwester wünsche ihm den Tod, seine Eltern glaubten, eine Welt ohne ihn sei eine bessere. Seine erwachsenen Töchter, auch das las Gladdis, hofften, er werde für seine Taten leiden "wie ein Tier".

Gladdis weiß fast alles über diese Taten. Als der Brief mit der Anfrage aus Huntsville kam, als sie gebeten wurde, die einzige neutrale Zeugin seiner Hinrichtung zu sein, begann sie Nacht um Nacht zu recherchieren. Im Fernsehen sah sie sich eine Dokumentation über Shores Leben an, im Internet stieß sie auf ein Buch über ihn, es heißt "Der Killer von nebenan". Gladdis hat sich alles, was darin steht, genau notiert, die Namen der Opfer, die Jahreszahlen, die Tötungsmethoden.

Es begann im Jahr 1986, Anthony Shore, der nun auf seine Hinrichtung wartet, war 24 Jahre alt, ein junger Ehemann und Vater. Er arbeitete als Telefontechniker in Houston, als er eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit ein 14-jähriges Mädchen in sein Auto lockte, vergewaltigte und erdrosselte. Gladdis hält ihre Bibel fest in beiden Händen, während sie ruhig weitererzählt, von Shores anderen Opfern. Von einem 21-jährigen mexikanischen Kindermädchen, das er in einem Treppenhaus strangulierte. Von einer 16-jährigen Highschool-Schülerin, die er bewusstlos schlug und tötete. Auch von einer 9-Jährigen erzählt Gladdis, sie war genauso alt wie seine älteste Tochter. Shore fesselte, folterte und missbrauchte sie, dann erdrosselte er sie langsam mit einer Schlinge, schließlich ließ er ihre nackte Leiche neben ihrem Elternhaus liegen.

Gladdis hält lange inne, als suche sie nach Worten. Dann erzählt sie, dass Shore auf die Frage, warum er die Tatwaffe gewechselt habe, antwortete, dass er sich beim ersten Mord den kleinen Finger verletzt habe.

Verkörpert ein Mann wie Shore das pure Böse? Gibt es das? Und wenn ja, lässt es sich durch Hinrichtungen besiegen?

Gayle Gladdis sagt, sie sei schon ihr ganzes Leben lang sehr gläubig gewesen. Sie sitzt im Wartezimmer vor der Tür zum Gefängnishof, neben einem Limonadeautomaten und einem Gemälde des Revolverhelden Billy the Kid. Sie trägt eine Bluse und eine Halskette mit einem Kreuz, sie blättert in ihrer Bibel. Sie hat so oft darin gelesen, dass sich der Umschlag gegilbt und die Seiten gewellt haben. Sie schlägt das 3. Buch Mose auf, Kapitel 24, dort steht: "Wer irgendeinen Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben." Sie blättert weiter. "Und wer seinen Nächsten verletzt, dem soll man tun", liest Gladdis vor, "wie er getan hat."

Die Verse sind ein paar Tausend Jahre alt. In der Bibel steht auch, als fünftes Gebot: "Du sollst nicht töten."

Gladdis klappt das Buch wieder zu. Sie sagt, die neun Männer, bei deren Hinrichtung sie zuschaute, erschienen ihr oft nachts im Traum, sie sieht dann ihre Gesichter. Würden diese Männer ohne sie noch leben? Würde Anthony Shore auch dann, wenn sie nicht den weiten Weg hierher gekommen wäre, getötet werden?

In Texas wohnen gut 28 Millionen Menschen; die Justizverwaltung macht keine Angaben, wie viele sich als Zeugen melden, ob sich überhaupt jemand meldet. Gladdis weiß nur, wie kurz die Freiwilligenlisten anderer Staaten sind, wie häufig sie in Zeugenräumen neben denselben Leuten gesessen hat. Die meisten, sagt sie, hätten auch Angehörige verloren, genau wie sie. Die anderen kämen einfach so; aus Neugier oder aus Lust am Grusel. Einem Ehepaar aus Virginia, den beiden Schornsteinfegern, die sie bei ihrer ersten Hinrichtung kennengelernt hatte, ist sie schon viermal begegnet; auch sie reisen überall hin, um Zeugenplätze zu besetzen. Einmal, in Ohio, erzählt Gladdis, seien sie nach der Hinrichtung noch gemeinsam einen Burger essen gegangen. Die Frau schlug vor, Telefonnummern zu tauschen, sich für kommende Termine abzusprechen. Der Mann sagte, beim Töten zuzusehen sei kein Spaß, aber irgendwer müsse den Drecksjob ja machen. Gladdis bekam als Einzige keinen Bissen runter, aber sie fühlte sich verstanden.

Um den Tod als Strafe zu legitimieren, brauchten die USA schon immer beides, Killer wie Anthony Shore und Hinterbliebene wie Gayle Gladdis. Die einen begehen Verbrechen, so grausam, dass der Staat ihnen das Recht zu leben abspricht. Die anderen suchen Vergeltung, so lange, bis der Staat das Leben des Verbrechers auslöscht. Um Zeugen, die das Töten freiwillig mitansehen, die dem Gesetz den Anschein des Volkswillens verleihen, musste kaum ein Bundesstaat je kämpfen.

Es war das Jahr 1936, da fand in Owensboro, Kentucky, die letzte öffentliche Hinrichtung der Vereinigten Staaten statt. Ein schwarzer Mann wurde gehängt. Tausende wollten ihn am Galgen sehen, die Gefängnisleitung soll Eintritt genommen haben. Noch im Jahr 1999 wurden fast hundert Männer in 20 Bundesstaaten getötet, und überall gab es Zeugen. Aber seitdem geht die Zahl der Hinrichtungen zurück, seitdem schaffen immer mehr Staaten die Todesstrafe ab.

Gladdis spricht von einer Schande, sie sagt, Menschen wie sie würden im Stich gelassen. Sie wisse nicht, ob die Todesstrafe christlich sei und wirklich von Gott gewollt. Sie glaube aber, dass sie Trauernden wie ihr den Weg ebne, Frieden zu finden, abzuschließen. "Rache ist ein Wort, das schrecklich klingt", sagt Gladdis, "aber vielleicht ist Rache das Einzige, das hilft."

Eine Viertelstunde vor der Hinrichtung betritt ein Wärter das Wartezimmer und erklärt Gladdis, was sie sehen wird. Er sagt etwas von einer "Operation" und von "Routine". Er versucht, wie ein Arzt zu klingen, vielleicht will er ihr die Angst nehmen.

Bei Einbruch der Dämmerung wird Gayle Gladdis in den Gefängnishof geführt. Draußen weht ein kalter Wind. Der Verurteilte Shore, hört Gladdis auf dem Weg zur Hinrichtungskammer, habe für seine letzte Mahlzeit eine Cola, frittierte Shrimps, Pommes frites, Erdbeeren und Pekanus-Pie bestellt. Er hat nichts davon bekommen. Seit ein paar Jahren, seitdem jeder Verurteilte den Höchstbestellwert von 15 Dollar überschritt, gibt es nur Bohnen, Kartoffelbrei und einen Pfirsichjoghurt.

Gladdis versteht nicht, warum Shore überhaupt noch Essen kriegt. Ein paar Meter vor ihr laufen Familien in schwarzer Kleidung, es sind die Eltern und Brüder der Mädchen, die Shore vergewaltigt und getötet hat. Ein paar Meter hinter ihr gehen die Beamten, die Shore hinrichten werden. Sie tragen weiße Umhänge und Kapuzen, die ihre Gesichter verdecken.

Die Hinrichtungskammer befindet sich in einer kleinen, fensterlosen Steinbaracke, im Schatten der Nationalflagge. Shore sitzt schon seit Stunden darin, in einer Zelle für die letzten Augenblicke. Ein Priester ist bei ihm, er liest aus der Bibel vor.

Im vorderen Eingang stehen zwei Türen offen. Die Familien der Mädchen gehen durch die rechte, in den Raum für die Hinterbliebenen der Opfer. Gladdis geht durch die linke, in den für die Angehörigen des Täters. Der Zeugenraum ist ein schmales, leer stehendes Zimmer, ohne Stühle. Es riecht nach starkem Putzmittel, so, als sei der Boden oft geschrubbt worden. Die Wände laufen zu auf ein tiefes, vergittertes Glasfenster. Noch sind die Vorhänge dahinter zugezogen, noch hört Gladdis kein Geräusch. Sie hat ihre Bibel mitgenommen.

Ein paar Meter weiter holen fünf Wärter Anthony Shore aus seiner Zelle. Es gibt Verurteilte, die verstecken sich unter ihrem Bettlaken, manche bekommen so lange Elektroschocks, bis sie endlich aufstehen. Shore, Häftlingsnummer 999488, so vermerken Wärter in ihrem Bericht, geht von allein. Er trägt nichts außer einer weißen Häftlingsuniform, er geht barfuß über grünen Linoleumboden, vielleicht neun oder zehn Schritte, bis in die Hinrichtungskammer, in grelles Neonlicht.

Der Raum, in dem der Staat Texas seine Verurteilten tötet, ist etwa 3,6 Meter lang und 2,8 Meter breit. Es passt kaum mehr hinein als eine große weiße Liege. Die Wärter befehlen Shore, sich mit dem Rücken darauf hinzulegen. Sie strecken seine Arme aus, fesseln seine Handgelenke. Dann schnallen sie ihn von den Füßen bis zum Halsende mit fünf Ledergurten fest. Ein Arzt misst seinen Puls und seinen Herzschlag, leuchtet in seinen Mund.

Der Staat muss feststellen, dass Anthony Shore gesund ist, erst dann darf er ihn töten.

Gladdis sieht im Zeugenraum nichts davon, aber sie hört nun, wie jemand hinter ihr die Tür verriegelt. Sie ist jetzt allein mit zwei Reportern der Gefängniszeitung, sie kann den Raum nicht mehr verlassen.

Als ausländischer Journalist darf man nicht bei ihr bleiben, die Hinrichtung nicht mit ihr ansehen. Aber es gibt Gefängnissprecher, die davon berichten können, und es gibt ein Protokoll.

Es ist 17.57 Uhr, als sich der Vorhang zu beiden Seiten öffnet wie bei einer Aufführung im Theater. Gladdis tritt ans Fenster. Direkt vor ihr, keine zwei Armlängen entfernt, liegt Anthony Shore wie ein Gekreuzigter. Er ist kleiner, als Gladdis ihn sich vorgestellt hat. Sein Gesicht, so wird sie später sagen, sieht genauso fahl aus wie auf dem Foto in der Zeitung. Sie legt ihren Kopf zur Seite, betrachtet seine weit aufgerissenen Augen. Sie sucht darin nach Angst oder nach Reue, aber sie kann nichts darin erkennen. Shore starrt zur türkisfarbenen Wand, auf eine Uhr mit Digitalanzeige. Vielleicht sieht er die umklappenden Ziffern, vielleicht zählt er die Sekunden.

Anthony Allen Shore, so steht sein Name in den Akten, kam an einem Junimorgen 1962 in Rapid City, South Dakota, zur Welt. Seine Vater arbeitete für die Nasa, seine Mutter für die U. S. Air Force. Seine Schwester spricht von einer glücklichen Kindheit. Seine Eltern sagen, er sei ein hübsches Kind gewesen, das jeden zum Lachen gebracht habe.

Als Junge galt Anthony Shore als hochbegabt. Er spielte Gitarre, Trompete und Klavier, sein Lieblingssong war "All My Loving" von den Beatles. Als er sieben Jahre alt war, gewann er einen Wettbewerb für Bach-Konzerte. Als er acht Jahre alt war, tötete er sechs Katzen; er schlug ihnen mit einem Stein den Schädel ein, weil sie ihm zu laut miauten.

Auf der Highschool, las Gladdis in dem Buch über sein Leben, wurde Shore fast jeden Tag von Mitschülern verprügelt. Er wehrte sich nie, sein Vater nannte ihn deshalb eine "Schwuchtel". Häufig, wenn der Vater getrunken hatte, verdrosch er ihn mit einem Gürtel, der Vater sagte, er wolle damit seinen Sohn abhärten.

Mit 19 Jahren flog Shore vom College, weil er kleinen Mädchen vor einem Kindergarten aufgelauert hatte. Mit 21 heiratete er Gina, eine Kassiererin, und zeugte mit ihr zwei Kinder. Mit 24 beging er seinen ersten Mord, aber er blieb noch 17 Jahre lang ein freier Mann. Er ging regelmäßig in die Kirche, besuchte Tanzabende mit seiner Frau, veranstaltete Barbecues in seinem Garten. Manchmal, wenn seine Frau nicht zu Hause war, kroch er in die Betten seiner Töchter, um sie heimlich zu missbrauchen.

Eine Woche vor dem Hinrichtungstermin bekam Anthony Shore im Gefängnis Besuch von seinem Anwalt. Shore sprach mit dem Anwalt nicht über Gnade, nicht über Aufschub. Er fragte nur, ob seine beiden Töchter zur Hinrichtung kämen. Sein größter Wunsch, so sagte er, sei es, sich von ihnen zu verabschieden, ihnen noch einmal ins Gesicht zu sehen.

"Nein", sagte der Anwalt.

In Shores Armen stecken zwei große Injektionsnadeln. Die Schläuche, die an den Kanülen hängen, führen durch ein Loch in der Wand hinüber in ein drittes Zimmer. Dort, hinter einer verspiegelten Fensterscheibe, sitzen zwei Beamte an einem Computer. Sie warten auf das Zeichen, um den Knopf für die Injektion zu drücken. Wer von ihnen drückt, werden sie niemandem verraten.

Gladdis hört einen Wärter das Todesurteil verlesen. Shore, so steht es in den Gerichtsakten, hatte bei seiner Verurteilung keinen Einspruch gegen die Todesstrafe erhoben, er hatte selbst darum gebeten. Der Wärter und der Priester sind jetzt die Einzigen bei ihm. Der Wärter baut sich neben ihm auf, schiebt ein Mikrofon über seinen Kopf und fragt: "Do you have anything to say?", haben Sie noch etwas zu sagen?

Gayle Gladdis hat diese Worte schon oft gehört. Sie hat daraufhin neun Verurteilte reden hören, manche wie Ertrinkende, die wussten, dass ihre Zeit abläuft. Sie hat sich die drei Worte, die sie am häufigsten benutzten, genau gemerkt. Viele sprachen von "Vergebung", die meisten sprachen von "Frieden", fast jeder redete von "Liebe".

Anthony Shore räuspert sich, dann sagt er, mit tiefer Stimme, die nach jedem Satz wegbricht: "Ich möchte den Moment nutzen, um den Familien meiner Opfer Entschuldigung zu sagen. Keine Worte können je rückgängig machen, was ich getan habe. Es ist, was es ist. Ich habe meinen Frieden gemacht. Gott schütze euch alle, bis wir uns wiedersehen." Er sieht zu keinem der beiden Zeugenräume, nicht zu den Familien, nicht zu der Zeugin Gladdis. Er holt tief Luft wie vor einem Tauchgang, dann sagt er zum Wärter: "I'm ready", ich bin bereit.

Es ist 18.06 Uhr, als sich der Wärter vor das verspiegelte Fenster stellt und zweimal deutlich nickt. Es vergehen nur Sekunden, dann sieht Gayle Gladdis, wie eine klare Flüssigkeit durch die Schläuche in Shores Venen schießt. Es ist eine Überdosis Pentobarbital, das auch zum Einschläfern von Tieren benutzt wird. Fünf Gramm des Gifts in einer Kochsalzlösung werden Shore injiziert.

Shores jüngstes Mordopfer, das neunjährige Mädchen, das er vergewaltigte und folterte, atmete noch stundenlang, ehe es seinen Verletzungen erlag. Gladdis' Sohn Stephen sah seinen eigenen kleinen Sohn blutend am Boden liegen, während er selbst langsam verblutete.

Der Staat Texas tötet schnell. Shores ganzer Körper zuckt plötzlich zusammen. Er ruft: "Ich fühle es!" Seine Augen rasen, er ruft: "Es brennt!" Dann entspannt das Betäubungsmittel seine Muskeln, dann werden seine Augenlider schwer. 30 Sekunden lang hört Gladdis ihn nach Luft schnappen, dann wird das Japsen zu einem Geräusch, das wie Schnarchen klingt. Nach etwa zwei Minuten verliert Shore das Bewusstsein. Gladdis achtet auf seinen Brustkorb, noch immer fährt er langsam auf und ab. Nach drei Minuten sind seine Muskeln wie gelähmt. Nach vier Minuten atmet er nicht mehr, nach spätestens fünf hört sein Herz auf zu schlagen.

Der Priester lässt seine Hand noch eine Viertelstunde lang auf Shores rechtem Bein liegen. Niemand sonst betritt währenddessen die Kammer. Alles ist still, Gayle Gladdis steht am Fenster, wie erstarrt. Die Wand zwischen den Zeugenräumen ist dünn, sie hört nun leise Stimmen nebenan, sie hört, minutenlang, wie Frauen und Männer weinen. Vor Erleichterung? Vor Schmerz? Oder vor Schuld?

Um 18.26 Uhr betritt ein Arzt die Hinrichtungskammer und erklärt Anthony Shore für tot. Der Vorhang schließt sich, und die Tür hinter Gladdis wird wieder geöffnet. Sie verlässt den Zeugenraum und die Baracke. Während der Hinrichtung hat es geschneit. Mit verschränkten Armen, den Kopf gegen den Wind gesenkt, geht sie zurück durch den Gefängnishof. Im Wartezimmer unterschreibt sie auf zwei Formularen, was sie gesehen hat. Sie sagt dabei kein Wort.

Draußen vor dem Gefängniseingang spricht der Direktor von einer gelungenen Hinrichtung. Der Staat Texas, sagt er vor Fernsehkameras, sei wieder sicherer geworden. Ein Reporter fragt Gladdis, wie es war. Eine Anwohnerin, die zufällig im SUV vorbeifährt, dreht die Scheiben runter und ruft: "Eine Hinrichtung, wie cool!" Ein paar Rentner, die mit Plakaten gegen die Todesstrafe demonstrieren, rufen: "Eye for an eye we will all go blind", Auge um Auge werden wir alle blind. Gladdis geht stumm an ihnen vorbei. Sie zieht ihren Mantel an, wirft ihren Rucksack über. Sie verabschiedet sich von niemandem, sie will nur noch weg von hier.

Sie verlässt das Gelände und macht einen langen Spaziergang, vorbei an einem Baseballstadion, wo Väter mit ihren Jungen spielen, vorbei an Wohnhäusern, in denen Familien vor dem Fernseher sitzen oder gemeinsam zu Abend essen.

Irgendwann, hinter einem Schnellrestaurant, erreicht sie rechts vom Straßenrand einen weiten, abfallenden Hügel mit Hunderten Grabsteinen und Kreuzen. Der Friedhof, auf dem die Hingerichteten beerdigt werden, ist benannt nach Cap-tain Joe Byrd, einem Wärter, der jahrzehntelang den Hebel für den Strom umgelegt hatte.

Gladdis zögert einen Moment, dann geht sie über die grasbewachsenen Gräber, sie schreitet langsam die Reihen ab. Die ältesten Steine sind im Boden versunken, die Namen darauf kaum noch zu lesen. Andere, auf denen auch Frauennamen eingraviert sind, sehen aus wie frisch gelegt. Gladdis sagt, sie sei noch nie auf einem solchen Friedhof gewesen, sie wolle sehen, wo Anthony Shores Leiche liegen werde. Sie nimmt ihr Handy aus der Handtasche und leuchtet suchend in die Dunkelheit.

Wie oft erträgt sie noch das Töten? Sie kann den Männern, die ihren Sohn und ihren Enkel ermordeten, nicht mehr beim Sterben zusehen. Sie könnte ihnen vergeben, vielleicht fände sie dann ihren Frieden.

Von den Friedhofsbäumen singen Vögel. Am Fuße des Hügels wurde Erde aufgeschüttet, ein Grab ausgehoben und mit Holzbrettern verdeckt. Gayle Gladdis tritt vorsichtig an seinen Rand, sie faltet ihre Hände und blickt schweigend zu Boden. Jemand hat Plastikblumen neben das Loch gelegt.



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