AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2001

Film Es ist, wie es ist

Edward Yangs "Yi Yi" zeigt nichts Sensationelles, bloß das tagtägliche Überleben einer Familie ­ doch der taiwanische Regisseur hat daraus eine bewegende Chronik gemacht.


Ü

ber eine glückliche Familie ist bekanntlich in der Regel nichts Besonderes bekannt, während eine unglückliche in ihrem Unglück auch eine Besonderheit gewinnt, die es wert macht, sie kennen zu lernen.

Der große, exemplarische Familienroman, als den man Edward Yangs Film "Yi Yi" betrachten darf, beginnt mit einem Hochzeitsfest und endet (ein paar Monate oder drei Kinostunden später) mit einer Beerdigung.

Zum Auftakt Bilder wie aus einem Fotoalbum. Als Erstes natürlich das Brautpaar in großer Garderobe, doch dahinter ist ein Babygeplärr zu hören, das schon ausplaudert, was eine Weile noch ein Familiengeheimnis hätte bleiben können; als Nächstes das Gesamt-Gruppenbild, fast zu schön in das goldene Licht eines Parks getaucht; später in einem Hotel-Festsaal ein kleiner Junge, der stillvergnügt die herzförmigen rosa Ballons der Dekoration Stück um Stück zerknallen lässt; noch später in einer Herrenrunde die albernen Pups-Scherze, vielleicht typisch chinesisch, mit denen man den Bräutigam neckt. Rundum Rot, sehr viel Rot in diesen Prachträumen, lackierte Säulen und polierter Marmor, auch das eben typisch chinesisch.

Bild um Bild entfaltet dieser Film seine Welt und steckt sie ab; jedes erzählt etwas; in großer Ruhe; und kein Bild, dem man nicht ansieht, dass es mit einer zarten, verschmitzten Liebe zu seinen Figuren gemacht ist. Das ist keine TV-Familienserie, in der jeder sich auslabert, und kein Film aus Amerika, der einem alle Informationen samt Emotionen so um die Ohren haut, dass man gar nicht zum Mitdenken kommen muss.

Warum sind solche Filme so selten? Er tut doch nichts Exorbitantes, sondern das Nächstliegende und Alleralltäglichste (das eben deshalb amerikanischen oder auch europäischen Filmen kaum je der Mühe wert scheint): Er porträtiert eine ganz durchschnittliche gutbürgerlich-mittelständische Familie in einer Großstadt von heute, die auch in ihrem Unglück durchaus durchschnittlich, unauffällig und moderat bleibt - nichts, was der Zeitung von morgen eine Schlagzeile liefern könnte.

Es handelt sich um die Familie Jian in Taipeh, und man braucht als Hochzeitsgast etwas Geduld, bis man sich in ihr zurechtfindet. Naturgemäß schiebt sich zuerst der Bräutigam in den Vordergrund, da er der Größte und Dickste ist und trompetend das Temperament einer Dampfwalze entwickelt. Die Hauptfigur jedoch, um die sich die Erzählung ordnet, ist sein Gegenteil, sein zarter, melancholischer Schwager, der nur immer NJ genannt wird: ein Bürger, der sich für einen verhinderten Künstler hält. Die beiden sind Kompagnons: Teilhaber einer kleinen Elektronikfirma, die offenbar nur mit Glück von Krise zu Krise dahinkrebst, alles so lala.

Auch NJs Familie krebst dahin, seit das Fest damit endete, dass die Mutter des Bräutigams bewusstlos (vermutlich nach einem Schlaganfall) in eine Klinik kam und dann, noch immer bewusstlos, in die Wohnung ihres Schwiegersohns gebracht wurde: eine Koma-Patientin auf unabsehbare Zeit.

Es sei entscheidend, so schärft ein Arzt den Verwandten ein, dass man mit der Bewusstlosen möglichst viel spreche, um ihre Lebensgeister lebendig zu halten. Wer kennt nicht die Wundergeschichten von Leuten, die dank unerschöpflicher Zuwendung irgendwann nach Monaten oder gar Jahren ganz plötzlich und putzmunter aus dem Koma erwachten? Mag sein, doch die Jians werden durch die stumme, starre, lastende Gegenwart der Großmutter ganz allmählich in die Flucht getrieben.

NJs achtjähriger Sohn, schon immer ein träumerischer Draufgänger, meidet das Zimmer der Oma und erfindet sich fotografierend eine eigene Version des Spiels "Ich sehe was, was du nicht siehst", und die 13-jährige Tochter, die sich die Schuld am Unglück der Großmutter gibt, flieht in ein riskant plötzliches Verliebtheitsabenteuer mit dem Freund einer Freundin.

NJs Frau wird, während sie der Mutter gehorsam Tag um Tag ihren Tageslauf heruntererzählt, vom Gefühl der Leere und Nichtigkeit ihres Lebens so überwältigt, dass sie zusammenbricht; und NJ selbst begibt sich auf die Spuren einer wieder aufgetauchten Jugendliebe, die ihm als Verheißung eines ungelebten anderen Lebens erscheint. Für einen Augenblick möchte er die Zeit anhalten. Yangs "Yi Yi" aber handelt zuerst und zuletzt davon, dass die Zeit vergeht.

Sein unerschöpflicher Episodenreichtum und die souveräne Verzahnung der Motive machen die Dichte dieses Films aus; eine sanft perlende Klaviermusik gibt ihm Leichtigkeit, die Intensität der Farben taucht seine Schauplätze in ein magisches Licht. Yang sagt in einem Rückblick: "Genau einen Monat nach Ende der Dreharbeiten wurden die Orte, an denen wir gedreht hatten, durch ein Erdbeben vollständig zerstört."

"Yi Yi" ist der siebente Kinofilm von Edward Yang, 53, doch der erste, der - im vergangenen Jahr in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet - nun auf dem Weg ist, sich auch in Europa ein Publikum zu gewinnen. Es wird für ihn schwärmen.

Yang, geboren in Schanghai, aufgewachsen in Taiwan, hat trotz einer früh ausgeprägten Kino-Leidenschaft in den USA Computerdesign studiert und dann bei einer Firma in Seattle gearbeitet (angeblich auf die Ausrüstung von U-Booten spezialisiert), bis er sich mit 30 Jahren doch plötzlich für eine total ungewisse Zukunft als Filmemacher entschied - und zwar in Taiwan, wo man sehr wohl knallbunte Kinospektakel produzierte, wo es aber weit und breit keine Branche gab, die auf einen wie ihn gewartet hätte: auf einen behutsamen, gern geradezu zeitlupenhaft bedächtigen Erzähler, dem es gefiel, seinem Stoff auch in episodenhaften Verflechtungen und Verästelungen nachzugehen.

Man hat bei Yang-Filmen oft zum Vergleich auf Robert Altmans breite, vielsträngige Filmchroniken hingewiesen, doch "Yi Yi" im Besonderen weckt, weil auch hier zwei Kinder im emotionalen Zentrum der Geschichte stehen, Erinnerungen an ein ganz anderes filmisches Gegenstück, an Ingmar Bergmans "Fanny und Alexander".

Yang ist kein Romantiker wie Bergman, der damals mit Lust die Theaterkulissen der Jahrhundertwende heraufbeschwor, doch Yang hat denselben Menschenblick, der in aller Liebe unnachsichtig bleibt, und dasselbe grundfeste Vertrauen in seinen Stoff, den Glauben daran, dass das, was eine Geschichte erzählenswert macht, ohne alle Kunst-Purzelbäume ganz unmittelbar aus ihr selbst sprechen muss.

Den tragikomischen Geschicken der Familie Jian zuschauend, gehen einem die Augen auf, als sei man bisher seltsam blind dafür gewesen, dass das Leben ist, wie es ist. Wir könnten uns freuen, wenn uns die zweite Jahreshälfte noch eine Hand voll so besonderer Filme bescherte.

URS JENNY



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