AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2001

Fortsetzung - Das Protokoll des Irrsinns

Was wirklich geschah beim Angriff auf Amerika


Minneapolis, 16. August 2001

Amerika ahnt nichts. CIA, NSA, FBI ahnen nicht viel. 15 Monate lang planen islamistische Terroristen den größten Anschlag auf die USA, und die Geheimdienste der Supermacht merken nichts. Die Gottesflieger greifen nicht von außen an, sie leben mitten unter den Amerikanern. Alles, was sie brauchen für den Anschlag, lernen sie im Land, kaufen sie im Land.

Kein Small Talk mit Nachbarn, kein Gruß auf der Straße: Attas Truppe hinterlässt kaum Spuren.

Drei Wochen vor dem Anschlag hat das FBI zum letzten Mal die Chance, vom 11. September zu erfahren. In Minneapolis bucht der Algerier Habib Zacarias Moussaoui in einer Flugschule Stunden im Simulator. Er will in aller Eile lernen, einen Düsenjet zu fliegen, Landetechniken sind ihm egal, er zahlt alles in bar. Der Fluglehrer schöpft Verdacht, benachrichtigt die Polizei. Über Moussaoui liegt bereits eine Warnung des französischen Geheimdienstes vor. Er wird verhaftet, seine Wohnung wird durchsucht, sein Computer beschlagnahmt, aber nicht ausgewertet. Erst nach dem 11. September stellt sich heraus, dass er Kontakt zur Hamburger Terroristengruppe um Atta hatte und aus Hamburg Geld überwiesen bekam. Moussaoui sollte möglicherweise als fünfter Pilot eine weitere entführte Maschine aufs Weiße Haus stürzen lassen oder in jenem gekaperten Flugzeug sein, das nur vier statt fünf Entführer an Bord hatte.

Die Ahnungslosigkeit der US-Behörden ist umso unverständlicher, als die USA seit dem ersten Attentat auf das World Trade Center wissen, dass ein weltweit agierendes Netzwerk von Islamisten versucht, die USA im großen Stil zu attackieren. 1993 sollte der eine Turm auf den anderen stürzen und 40 000 Menschen in den Tod reißen, doch die später gefassten Terroristen berechneten die Sprengstoffmenge falsch.

Im Juni 1993 sollten in New York gleichzeitig zwei Verkehrstunnel, das Uno-Gebäude und das New Yorker Büro des FBI gesprengt werden, die Islamisten wurden vorher verhaftet. Im Jahr darauf sollten innerhalb von 48 Stunden zwölf amerikanische Jumbo-Jets auf ihrem Flug vom Fernen Osten in die USA gesprengt werden, der "Manila Air"-Plan wurde entdeckt. 1995: Anschlag auf die US-Streitkräfte in Riad. 1998: Sprengung der US-Botschaften in Kenia (253 Tote) und Tansania (10 Tote). 1999: Vereitelter Silvester-Anschlag auf den Flughafen von Los Angeles. Januar 2000: Geplantes Attentat auf den US-Zerstörer "The Sullivans" im Hafen von Aden. Oktober 2000: Anschlag in Aden auf den US-Zerstörer "Cole".

Alle Anschläge haben eines zum Ziel: den Massenmord an Amerikanern. Die Attentäter um Mohammed Atta kombinieren den World-Trade-Plan von 1993 mit dem "Manila Air"-Plan von 1994, ein paar Jumbos gleichzeitig explodieren zu lassen. Möglicherweise wollten sie ursprünglich gemietete kleine Sprühflugzeuge mit Kerosin füllen und sie als fliegende Bomben nutzen. Moussaoui hatte sich übers Internet für solche Flugzeuge interessiert, und Atta war im Frühjahr 2001 ebenfalls als seltsamer Interessent für Schädlingsbekämpfungsflugzeuge in Belle Glade, Florida, aufgefallen.

Er und die anderen Attentäter entgehen den Staatsorganen, weil sie nicht dem Feindbild der 30-Milliarden-Dollar-Agentenabwehr der USA entsprechen. Sie sind keine professionellen Terroristen, sie sind Anfänger, sie haben sich ihrem Anschlag vorsichtig genähert, haben ausprobiert, improvisiert, aus Fehlern ihre Schlüsse gezogen ­ learning by doing.

Das 180 Seiten starke al-Qaida-Handbuch für Terroristen enthält allerlei kriegerische Phrasen, geeignet für Höhlenkämpfer, die sich von Afghanistan aus vorstellen, wie man die Welt in Angst und Schrecken stürzen kann. Das Wenigste werden Atta und Co. gebraucht haben; wie man Internet-Cafés unauffällig nutzt, um mal eben ein paar Mails auszutauschen oder sich einen Überblick über die besten Flugschulen zu besorgen, das brachten sie sich selbst bei.

Ihr Interesse am Westen und seiner Art zu lernen und zu leben war nicht geheuchelt. Gerade Atta, Shehhi und Jarrah, die Piloten und Anführer, waren Anfang der neunziger Jahre gen Westen aufgebrochen, um zu erfahren, "wie diese so genannte Erste Welt uns betrachtet und wie sie sich unserer Dritten Welt gegenüber verhält" ­ so hatte damals Atta begründet, warum er in Deutschland Entwicklungspolitik studieren wollte. Aus den wissbegierigen Muslimen, die der Westen reizte, sind dann im Westen hasserfüllte Krieger gegen den Westen geworden. Sie waren keine Schläfer, sie waren Schüler. Die aus dem, was sie sahen und lernten, die falschen Konsequenzen zogen. Und sie ohne erkennbare Angst in die Tat umsetzten. Alle westlichen Zivilisationen, die ihre Macht genießen, sind in ihrem Innern sehr schwach, steht in Attas Selbstmordfibel.

Sie waren allerdings nicht die Todesroboter, die Bomben auf zwei Beinen, die nur darauf warteten, von Osama Bin Laden ferngezündet zu werden. Sie arbeiteten sich langsam heran an den Tag der Tat; sie unterliefen die Abwehr der USA wie ein kleines Sportflugzeug, das unter der Radarüberwachung hindurchsurrt.

Zwischen dem 26. August und dem 5. September buchen und kaufen die Attentäter ihre Tickets in den Tod. Die Flüge haben sie kühl kalkulierend ausgewählt: Es sind frühe Maschinen, die von 7.59 Uhr bis 8.14 Uhr in Boston, Newark und Washington starten. Es sind Boeings 757 oder 767 mit nahezu identischen Cockpits ­ was die Vorbereitung erheblich erleichtert hat. Es sind Maschinen mit Zielen an der Westküste ­ was hohe Kerosinmengen an Bord und größtmögliche Sprengkraft garantiert.

PANTHER MOTEL, DEERFIELD BEACH,
9. SEPTEMBER 2001

Gegen zehn Uhr morgens checken der Pilot Shehhi sowie die Kämpfer aus dem Panther Motel aus. Sie werden abgeholt von etwa sechs anderen Arabern, an die sich das Hotelbesitzer-Ehepaar Surma aber nicht mehr erinnern kann. Atta ist nicht dabei.

Sie hinterlassen zwei Plastiksäcke voller Müll. Richard Surma, einer alten Angewohnheit folgend, durchsucht den Müll und findet: ein Tapetenmesser, Landkarten, ein Wörterbuch Deutsch­Englisch, einen Winkelmesser und ein Gerät, mit dem Piloten oder Flugingenieure die Kerosinqualität prüfen sowie Videokassetten und ein Videokabel. Die Kassetten, die Surma findet, sind leer. Andere wurden offenbar benutzt; Surma findet die Verpackungen. Surma freut sich, schleppt seine Beute ins Zimmer 17 A, seinen Lagerraum. Er wundert sich kurz über die Videos: Was haben seine seltsamen Gäste aufgenommen?

Womöglich ihr Testament, mutmaßt der CIA. Ein paar letzte Worte an die anderen Gotteskrieger in aller Welt ­ und einen Aufruf, ihrem Beispiel zu folgen?

Kurz vor dem Abschied bringt Walid al-Schari Diane Surma den Zimmerschlüssel ins Büro. Sie hat es eilig, weil sie die Zimmer sauber machen muss, wünscht ihm gute Weiterreise. Er druckst einen Moment herum, ergreift ihre Hand, hält sie lange fest und sagt dann auf Englisch und mit gutturalem Akzent: "Thank you, it was good knowing you ­ you are very good person."

BOSTON, 11. SEPTEMBER, CIRCA 6.00 UHR

Die Kämpfer Walid und Wail al-Schari räumen ihr Zimmer 432 im "Park Inn" von Newton, einer Vorstadt Bostons, Boylston Street 160, 15 Kilometer entfernt vom Flughafen. In der Tasche Tickets für den Flug American Airlines 11 nach Los Angeles, gekauft im Internet auf eine Sun-Trust-Visa-Debit-Karte am 26. August auf eine gemeinsame Postfach-Adresse in Hollywood, Florida, abgerechnet über zwei verschiedene Visa-Kreditkarten. Überprüfe vor der Reise deine Waffe, denn du wirst sie zur Ausführung deiner Tat brauchen.

Die Kämpfer Ahmed und Hamsa al-Ghamdi checken aus im "Days Hotel", Soldiers Field Road 1234, Boston-Brighton. Sie bezahlen an der Rezeption den Pornofilm, den sie am Vorabend abgerufen haben. Ihre L.A.-Tickets für United Airlines 175 haben sie gekauft am 29. August, One-Way-Trips zu je 1760 Dollar. Sie gaben ein gemeinsames Postfach in Delray Beach, Florida, an. Jeder sollte bereit sein, seinen Teil zu übernehmen, und deine Tat wird durch Gottes Willen befürwortet.

Der Kämpfer Satam al-Sukami tritt hinaus auf die Charles Street am Rande des Theaterviertels von Boston-Downtown, in seinem Rücken die schmiedeeisernen Feuerwehrtreppen und roten Markisen an der alten Backsteinfassade des "Milner-Hotels". Er wird auf dem American-11-Flug sein, das Ticket wurde bezahlt. Du kommst nicht zur Erde zurück und pflanzt die Angst in die Herzen der Ungläubigen.

Der Hotelbesitzer fragt die Attentäter, ob sie die Kitschbilder aus religiösen Gründen verhüllen.

Auch der Pilot Shehhi, er hat eben noch mit Ziad Jarrah telefoniert, und seine Kämpfer Fajis Ahmed und Mohald al-Scheri verlassen das Milner-Hotel, sie haben kaum Gepäck. Scheri und Ahmed buchten One-Way-Tickets nach Los Angeles am 27. August, United Airlines 175, First Class, Kosten pro Ticket 4464,50 Dollar, als Kontaktadresse gaben sie ein Postfach in Delray Beach, Florida, an. Pilot Shehhi hat für seinen Flugschein am 28. August 1600 Dollar bar bezahlt an einem Ticketschalter der United Airlines am Flughafen in Miami. Nun ist der Tag gekommen. Du wirst am Ende der Sieger sein.



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