AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2001

Fortsetzung "Niemand wird dich hier oben retten"


NORDTURM, 86. ETAGE

Drei Etagen tiefer sind James Gartenberg und seine Sekretärin Patricia Puma in den Trümmern ihres Büros eingeschlossen. Er arbeitet für "Julien J. Studley Inc.", eine Immobilienfirma, und sucht Büroflächen für große Unternehmen. Die Firma will die Zweigstelle im November schließen. Gartenberg hätte ins Hauptbüro nach Midtown wechseln können oder in die Zweigstelle New Jersey, aber er hätte sich damit nicht verbessert. Er ist jetzt 36 und hatte schon seit längerem ein Angebot von "Colliers", einer New Yorker Konkurrenzfirma. Der 11. September ist sein letzter Arbeitstag bei Julien J. Studley Inc. und im World Trade Center.

Gartenberg und Puma können die Tür zum Treppenhaus nicht öffnen. Die Sekretärin nimmt das Telefon von ihrem Schreibtisch. Es funktioniert. Sie ruft die Notrufnummer 911 an. Sie bekommt keinen Anschluss. Sie ruft zu Hause an, obwohl sie weiß, dass ihr Mann gerade die Kinder in die Schule bringt. Sie haben drei kleine Kinder, das jüngste ist 16 Monate alt. Es ist niemand da. Gartenberg rennt an ihr vorbei nach draußen. Er wirkt kopflos. Als er zurückkommt, sagt er, er könne die Tür zum Treppenhaus nicht öffnen. Sie sei von Schutt versperrt. Überall sei Feuer. Sie seien eingesperrt.

Patricia Puma versucht es noch mal zu Hause. Ihr Mann ist zurück. Er sitzt mit der einjährigen Tochter neben dem Telefon. Patricia Puma ist erst ruhig, beginnt dann aber im Gespräch hysterisch zu werden, als begreife sie erst jetzt, was passiert ist. Die 33-Jährige weint und schreit. Sie erklärt ihrem Mann, was sie gesehen hat. Sie sagt, dass Feuerbälle aus den Fahrstuhltüren schlugen, dass eine Wand eingestürzt ist.

Als die Maschine in den Turm schoss, kam Puma von der Toilette, die Explosion traf sie auf dem Flur. Ein Feuerball zerstörte die Toiletten im 86. Stock komplett. Dort, wo sie sich eben noch im Spiegel ansah, ist nur noch ein schwarzes Loch. Der Turm schwankte, die Stahlkonstruktion kreischte. Patricia Puma wurde zu Boden geworfen, stand auf, rannte dann weiter zwischen den schwankenden Wänden auf ihr Büro zu. Hinter ihr stürzte etwas zusammen, es sah aus wie eine Wand. Zwei Sekunden langsamer, und sie wäre von dem Geröll begraben worden, sagt sie am Telefon.

"Ich liebe dich. Bleib ruhig. Ich rufe die Polizei an", sagt Kevin Puma.

Sie legt auf, Gartenbergs Telefon klingelt.

Es ist Adam Goldman, ein Studienfreund von Gartenberg. Goldman lebt in Chicago, er hat im Fernsehen gehört, dass ein Flugzeug in den Nordturm geflogen ist.

"Adam, es ist ein Feuer hier auf unserer Etage", schreit Gartenberg. "Ich bin eingeschlossen, ich komm nicht raus."

Goldman erzählt seinem Freund, dass ein Flugzeug eingeschlagen ist.

"Es sieht hier im Fernsehen aus, als würde der Rauch nach oben ziehen", sagt er. "Also geh besser runter."

"Wir kommen nicht raus", sagt Gartenberg.

"Bleib ruhig", sagt Goldman.

"Ich kann nicht ruhig bleiben, verdammt noch mal, Adam. Ich hab Angst. Bitte, hol mich hier raus."

Gartenberg legt auf und ruft in dem New Yorker Hauptquartier seiner Firma in Midtown an. Die Rezeptionistin weiß nichts von dem Unfall, sie hat keine Ahnung, wen sie mit dem aufgeregten Mann verbinden soll. Sie stellt ihn zur Personalchefin durch. Die heißt Margaret Luberda und ist erst seit ein paar Monaten in der Firma. Sie kennt Gartenberg nicht persönlich, aber sie hat gehört, dass er die Firma verlassen will. Sie weiß auch nichts von dem Unglück, sie sitzt in einem fensterlosen Büro im fünften Stock eines Hochhauses in der 52. Straße.

"Margaret, wir sind eingesperrt", ruft Gartenberg.

"Was ist los?", fragt Margaret Luberda ruhig.

Im selben Augenblick reißt eine Kollegin die Tür auf und erzählt Luberda, was passiert ist. Es ist 8.52 Uhr, alle denken an ein kleines Flugzeug oder einen Touristenhubschrauber.

"Wo sind Sie?", fragt Luberda.

"In der Empfangshalle, das Glas ist völlig rausgesprungen. Alles weg." Gartenberg sieht Brooklyn, so schön wie vorhin. Der Himmel ist blau, er sieht Teile herunterfallen, von oben, aber keinen Rauch. Die gläsernen Wände, die die Empfangshalle ihrer Firma von den Maklerbüros trennten, gibt es nicht mehr. Aus der Suite 8617 ist ein Großraumbüro geworden.

"Dann geht zum Notausgang", sagt Luberda am Telefon zu Gartenberg.

"Können wir nicht."

"Warum nicht?"

"Es liegt zu viel Schutt vor der Tür. Ich komm nicht durch."

"Versuchen Sie es noch mal."

"Wir kommen nicht durch. Es ist zu schwer."

Luberda stellt Gartenberg auf die Standleitung und ruft 911 an. Die Polizei stellt sie zur Feuerwehr durch. Sie erzählt einem Mann, dass zwei Beschäftigte ihrer Firma in der Suite 8617 des World Trade Center 1 eingesperrt sind. Der Feuerwehrmann wirkt ruhig, Vertrauen erweckend. Hilfe ist unterwegs, sagt er. Luberda entspannt sich. Sie kehrt zu Gartenbergs Leitung zurück.

"Sie holen euch raus, Jim", sagt sie zu Gartenberg.



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