AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/1991

Serie Deutschland "Die Augen feucht vor Wut"

DDR-Heldenkult um 25 Soldaten und Polizisten


In dringender Angelegenheit wandte sich das DDR-Außenministerium schriftlich an Claude Dunbar, den britischen Befehlshaber im Westen Berlins, und verzichtete, so waren die Zeiten, auf übertrieben höflichen Umgang.

Nach der knappen Anrede ("Herr General!") erhob der Ost-Berliner Staatssekretär Otto Winzer, später Außenminister der DDR, eine ungewöhnliche Forderung: "Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik verlangt die sofortige Aufhebung des völkerrechtswidrigen Schießbefehls der Westberliner Polizei."

Verkehrte Welt im Kalten Krieg.

An Mauer und Stacheldraht kamen die Wächter des SED-Regimes Woche für Woche grausig gründlich der Weisung nach, sogenannte Grenzverletzer "aufzuspüren, festzunehmen und zu vernichten". Nun aber versuchten die Schreibtischtäter aus Wandlitz, ganz verfolgende Unschuld, die Klassenfeinde im Westen als Mordbuben auf die internationale Anklagebank zu setzen.

Vorausgegangen war, Ende Mai 1962, der folgenschwerste Zwischenfall, den es je an der Todesgrenze der Deutschen gegeben hat: West-Berliner Polizisten feuerten zurück, als DDR-Grenzer mit gezielten Schüssen die Bergung eines schwerverletzten Flüchtlings vom Westufer des Spandauer Schiffahrtskanals zu verhindern suchten. Bei dem Gefecht wurde der Volkspolizei-Gefreite Peter Göring, 21, tödlich getroffen.

Göring ist einer der Märtyrer der DDR, deren Namen, im Westen so gut wie unbekannt, jedes Schulkind im Osten auswendig lernen mußte: 25 Angehörige der ostdeutschen Grenztruppen haben, so die SED-Sprachregelung, "für den zuverlässigen Schutz der Staatsgrenze der DDR ihr Leben gegeben" - am stets frisch geharkten Kontrollstreifen zwischen den Blöcken, in dem 197 Grenzgänger zu Tode kamen, waren sie Täter und Opfer zugleich.

Die SED-Propaganda widmete ihnen einen Personenkult ohnegleichen. Sie wurden postum befördert, ihre Särge mit höchsten Auszeichnungen wie dem "Kampforden für Verdienste um Volk und Vaterland in Gold" verziert. Fast 300 Brigaden, Schulen, Einheiten der Zivilverteidigung und der Massenorganisationen trugen Namen von Grenzern, "die in Ausübung ihres Ehrendienstes für das sozialistische Vaterland meuchlings ermordet wurden".

Als "unvergessene Helden" wurden sie jedes Jahr neu gefeiert, die DDR-Führung ließ Denkmäler und Ehrenschreine anlegen, Straßen trugen ihre Namen, in den Kasernen wurden Gedenkecken gestaltet, und für die Inschriften auf Ehrentafeln und Mahnmalen brachten Gebrauchslyriker realsozialistischen Schwulst zu Papier:

Wo sie gefallen sind, stehen wir. Was sie liebten, lieben wir inniger. Was sie haßten, hassen wir heftiger. Wofür sie starben, leben wir. Unvergessen sind, die ermordet wurden. Unvergessen die Mörder!

Umgebracht wurden die meisten von Flüchtlingen, die um jeden Preis die schwerbewachte DDR verlassen wollten. Dokumente aus den östlichen Militär- und Polizeiarchiven, nennen die Namen der Gewalttäter, die sich ihren Weg in den Westen mit Mord und Totschlag bahnten*.

Nicht alle wurden zur Rechenschaft gezogen, die meisten kamen, sofern bisher überhaupt bekannt, dank der deutschdeutschen Rechtswirren straflos oder mit milden Urteilen davon. Staatsanwälte prüfen nun, ob auch Todesschützen (West) neue Ermittlungen fürchten müssen.

Generell gilt, so Berlins Justizsprecherin Jutta Burghart, "daß es bei jedem Todesfall, der nicht eindeutig natürlicher Art ist, einen Ermittlungsvorgang gibt". So ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft im Fall Peter Göring aktuell unter dem Aktenzeichen 1 Kap Js 884/91.

Erstmals enthüllen die bisher geheimen Protokolle der Grenztruppen, daß manche westliche Version über die Todesfälle auf der Ostseite der waffenstarrenden Grenze vor der Geschichte kaum Bestand haben wird. Bis zur Wende hatte die SED sämtliche Einzelheiten über die Tragödien - Morde finden sich darunter ebenso wie Unglücksfälle - sorgfältig verschwiegen. Die DDR-Bürger erfuhren lediglich, die Opfer seien "bestialisch", "meuchlings", "feige", "heimtückisch", "kaltblütig", "hinterhältig" oder "hinterrücks" ermordet worden.

Täter wurden nicht genannt, aus gutem Grund: Die SED-Propaganda, auf Pflege des Feindbildes erpicht, hatte immer den gleichen Schuldigen parat - den Westen. Die Grenzer seien samt und sonders "Opfer bewaffneter Anschläge und Provokationen des Imperialismus" geworden, machten Trauerredner und Gedenkschreiber ihrem Publikum weis, oder westlichen "Banditen" und "Agenten" zum Opfer gefallen.

Die meisten der Banditen allerdings standen im Sold der DDR: Sie dienten bei den Grenztruppen. 11 der 25 Helden wurden, so belegen die Dokumente jetzt, von fliehenden DDR-Wächtern erschossen oder erschlagen, einer gar von einem sowjetischen Deserteur getötet. In drei weiteren Fällen beschuldigten östliche Kommissare US-Soldaten des Mordes, beim Tod des Hauptmanns Rudi Arnstadt, 35, westdeutsche Bundesgrenzschützer - letztgültige Beweise fehlten. Mindestens drei DDR-Wächter, darunter der Hauptwachtmeister Manfred Portwich, 26, und der Stabsgefreite Siegfried Widera, 22, wurden von zivilen Republikflüchtlingen getötet, zwei kamen bei dramatischen Scharmützeln mit westlichen Fluchthelfern ums Leben.

In einigen Fällen sind die Täter bis heute unbekannt. Nach dem Mord an dem Grenzpolizisten Waldemar Estel, 24, der im September 1956 zwischen Buttlar und Grüsselbach an der thüringisch-hessischen Grenze erschossen wurde, fand die Untersuchungskommission nur eine "Schuhspur", die laut Abschlußbericht "fotografiert und mittels Gips gesichert" wurde.

Über das erste Opfer auf östlicher Seite, den Volkspolizeiwachtmeister Gerhard Hofert, 24, ist nur bekannt, daß er am 3. August 1949, noch vor Gründung der DDR, an der damals unter sowjetischer Regie gesicherten Demarkationslinie von einem Grenzgänger erschossen wurde. Und im dunkeln bleibt auch, wer Anfang September 1949 den Wachtmeister Fritz Otto, 25, erstochen hat - an der Grenze zur Tschechoslowakei.

Doch die DDR-Führung brauchte und mißbrauchte die "gefallenen Genossen" als Beweis für "direkte Aggressionsakte" des Westens, ihr Tod wurde zum Argument für die Aufrüstung an der "Friedensgrenze".

Egon Krenz, 54, nach dem Sturz Erich Honeckers 47 Tage lang SED-Chef, rechnete noch vorletzte Woche in einer Fernsehdiskussion die 25 DDR-Helden gegen die 197 anderen Grenztoten auf, das Leiden von Peter Görings "alter Mutter" ("Darüber können Sie auch mal einen Film drehen") gegen die Leiden der anderen Hinterbliebenen: Zählst du deine Toten, zähl' ich meine Toten - als seien sie nicht allesamt gleichermaßen Opfer der Spaltung und des gewalttätigen Regimes an der Grenze der DDR.

Die Märtyrersaga wird nun, durch die Dokumente aus den Militärarchiven, Stück für Stück entzaubert. Gerade die Berichte über den Tod des blutjungen Gefreiten Peter Göring, Gußputzer von Beruf und Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ), zeigen einen überzeugten Täter, aus dem unversehens ein Opfer wurde.

Göring beteiligte sich am 23. Mai 1962 an einer regelrechten Jagd auf den Erfurter Oberschüler Wilfried Thews, 14, der in der Nähe des Invalidenfriedhofs die Mauer überwunden hatte und durch den Spandauer Schiffahrtskanal nach West-Berlin fliehen wollte.

Insgesamt zehn DDR-Grenzer, neben Göring die Soldaten Hammel, Lindemann und Erdmann, die Gefreiten Krautmann, Biedermann und Liebner, der Unteroffizier Laumer und die Oberfeldwebel Görlich und Ender, schossen auf den unbewaffneten Jugendlichen - Göring drängte sich förmlich danach. Das Protokoll der 1. Grenzbrigade der Bereitschaftspolizei ("Vertrauliche Verschlußsache VS-Tgb-Nr.: 3556/63"):

Der Gefr. Göring verließ selbständig seinen Posten mit der Absicht, die Verhinderung des Grenzdurchbruchs von einem günstigeren Standpunkt aus aufzunehmen. Genosse Göring rief dem Postenführer zu, daß dieser beim Vorgehen nicht schießen soll. Den Befehl des Postenführers: "Bleiben Sie hier!" befolgte er nicht.

Gnadenlos wurde der Schüler, nachdem er zwei Drittel des Kanals durchschwommen hatte, von Oberfeldwebel Görlich unter Feuer genommen. Als der Flüchtling, bereits schwer verletzt, am westlichen Ufer in einer Mauernische Deckung gefunden hatte, stellte Görlich das Feuer ein. Nicht so der Gefreite Göring, der laut Protokoll auf den wehrlosen Jugendlichen noch einmal "einen Feuerstoß" abgab.

Auch Oberfeldwebel Ender feuerte immer weiter auf den Flüchtling, der, wie eine spätere Untersuchung ergab, einen Wirbel- und einen Schulterdurchschuß sowie je zwei Ober- und Unterschenkeldurchschüsse erlitt. Er ballerte auch, was Ost-Berlin stets bestritten hat, auf West-Berliner Bereitschaftspolizisten, die den leblosen Jugendlichen bergen wollten: Sie mußten sich, so der Bericht, "auf Grund mehrerer Schüsse des Genossen Ender" zurückziehen.

Daraufhin schossen die West-Berliner Polizisten zurück, um den blutenden Thews unter Feuerschutz aus dem Kugelhagel zu holen. Sie beriefen sich später auf ein Notwehrrecht gegenüber schießenden Grenzwächtern, das durchaus umstritten war: Es barg die Gefahr einer heißen Eskalation des Kalten Krieges.

Bei dem Scharmützel wurde DDR-Grenzer Laumer in den Oberschenkel getroffen, Göring erlitt "einen Streifschuß am Zeigefinger der rechten Hand, einen Durchschuß an der linken Schulter und einen Querschläger in der linken Nierengegend". Nüchterne Gefechtsbilanz im Bericht der Grenzbrigade: "Die Handlungen der in diesem Abschnitt eingesetzten Genossen sind als gut zu bezeichnen, initiativreich und entschlußfreudig."

Insgesamt hatten die West-Berliner Beamten 28, die DDR-Grenzer mehrere hundert Schuß abgegeben. Die DDR-Presse, die kein Wort über das Schicksal des Schülers Thews verlor, berichtete von einer "inszenierten Grenzprovokation" und meldete: "Westberliner Bürgerkriegstruppen führten mit amerikanischen Waffen einen Feuerüberfall gegen Grenzsicherungskräfte der Deutschen Volkspolizei."

Ost-Berlins Posten, ließ Staatschef Walter Ulbricht entgegen den Berichten seiner eigenen Grenzer verbreiten, hätten sich, "die Augen feucht vor Wut", an das Verbot gehalten, West-Berliner Gebiet zu beschießen. Der damalige DDR-Generalstaatsanwalt Josef Streit setzte auf die Ergreifung von Görings "Mördern" eine Belohnung aus: 10 000 Mark - West.

Seit den Kindertagen der Republik war es nicht mehr möglich gewesen, den Feind im Westen so unmittelbar für den Tod eines DDR-Wächters verantwortlich zu machen. Anfang 1951 wurden die Grenzer Herbert Liebs, 21, Werner Schmidt, 21, und Heinz Janello, 19, nach Volkspolizei-Berichten offenbar von durchgeknallten GIs getötet, die laut Zeugenaussagen "frisch aus Texas" angekommen waren und nun im wilden deutschen Osten blutig Krieg und Besatzer spielten.

Der Täter Peter Göring, bereits das zweite DDR-Opfer nach dem Bau der Mauer, wurde zu einer der Zentralfiguren des Ost-Berliner Heldenkults. Das SED-Zentralkomitee nutzte seinen Tod zu einer Propaganda-Kampagne für "eine entmilitarisierte, neutrale Freie Stadt" Berlin und verbreitete realsozialistisches Pathos: "Peter Göring, ein guter Deutscher, der für das Glück der Nation kämpfte, der Rosen liebte und vom Flug ins All träumte, ist in unsere Herzen eingeschreint."

Eine Gedenkwelle überrollte die DDR, eine Protestbewegung wurde angeordnet. Kollektive in den Volkseigenen Betrieben (VEB) forderten die Bestrafung der "feigen Mörder", FDJ-Einheiten beantragten, "den Ehrennamen Peter Göring" tragen zu dürfen. Die "Vortriebsbrigade ,Patrice Lumumba' im Kalikombinat Werra" nahm Göring postum als Ehrenmitglied auf, in "Peter-Göring-Aufgeboten" mußten DDR-Grenzer um die Auszeichnung als "Beste Gruppe" wetteifern.


* Werner Filmer/Heribert Schwan: "Die Opfer der Mauer - Protokolle des Todes". C.Bertelsmann Verlag, München; 320 Seiten; 39,80 Mark.



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