AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/1947

Deutschland So ein knuspriger Schweinebraten

"Deutsch immerdar"


DER SPIEGEL

Zum vierten Male gelangte Frankreich 1945 in den Besitz der Saargruben, nachdem es schon von 1793 bis 1797, von 1807 bis 1815 und von 1920 bis 1935 Herr an der Saar gewesen war. Als am 13. Januar 1935 von 528 005 Abstimmenden 477119 ihre Stimmen für Deutschland gaben, bestätigte der damalige Außenminister Laval, als Kollaborationist am 15. Oktober 1945 erschossen, daß "Die Abstimmung klar und eindeutig den Willen der Bevölkerung erwiesen" habe.

Wenn man hexte der MRS (Mouvement pour le Rattachement de la Sarre a la France - Bewegung für den Wiederanschluß der Saar an Frankreich) Glauben schenken will, muß sich die Meinung der Saarbevölkerung seither gründlich geändert haben. Diese "Bewegung", eine überparteiliche Organisation, die den völligen wirtschaftlichen und politischen Anschluß des Saargebiets an Frankreich fordert, will heute über 100 000 eingeschriebene Mitglieder haben. Danach stünde jeder achte Saarländer in ihren Reihen

Sie bemüht für ihre mehr als durchsichtigen Zwecke sogar Heinrich Heine mit seinem Zitat: "Frankreich ist unser natürlicher Bundesgenosse. Wer dies nicht einsieht und dagegen handelt, ist ein Verräter". So muß der unermüdliche Spötter herhalten, den Geschäftsstellen der MRS einen Teil ihrer propagandistischen Bemühungen abzunehmen.

"Wann endlich kommt der Anschluß?", ruft die MRS-Zeitung "Die neue Saar". Sie winkt diskret mit dem Brotkorb: "Du möchtest Dich endlich einmal wieder Sattessen an guten Dingen: So ein Schweinebraten, schön knusprig, ein gutes Glas Bier dazu anstatt dieser ekelhaften Faßbrause, deren Erfinder man lebenslänglich ins Zuchthaus sperren sollte ... "

Wenn auch MRS von den französischen Stellen nicht offen unterstützt werde, so würden ihre Mitglieder doch mit "fettigen Vorteilen" bedacht, behauptet die saarländische KPD, die als einzige Partei jede auch nur wirtschaftliche Anlehnung an Frankreich ablehnt. Aber sie ist nicht frei von schmerzlichen Ressentiments. Sie fühlt sich in ihrem Kampf für die wirtschaftliche Einheit Deutschlands einschließlich der Saar von ihren französischen Parteifreunden schmählich im Stich gelassen.

Dabei soll sie einen der ihren, einen gewissen Fritz Pfordt, geradezu in die Arme von MRS getrieben haben, der, von der KPD ausgeschlossen, zu einem der "Anschluß-Führer" aufstieg.

Das wird jedenfalls in Kreisen der SPS, der Sozialdemokratischen Partei des Saarlandes, behauptet. Die SPS steht nicht nur im Gegensatz zur KPD, sondern im gewissen Grade auch zu Schumachers SPD, da sie den wirtschaftlichen Anschluß der Saar an Frankreich bejaht. Von einem politischen Aufgehen in der Französischen Republik will sie allerdings ebenfalls sowenig wissen wie die CVP, die Christliche Volkspartei, die saarländische CDU. "Unsere hochentwickelte Hüttenindustrie braucht das lothringische Erz, das vor der Tür liegt", erklärte ein CVP-Mann. Und Reparationen bedeuten Verarmung.

Ob diese Stimme auch für die l000 qkm und rund 90 000 Menschen aus den Kreisen Saarburg, Wadern, Birkenfeld und Trier-Land, mit denen General König am 21. Juli 1946 das Saargebiet in einem plötzlichen Entschluß abrundete, wird nicht berichtet.

Die MRS-Männer jedenfalls gefallen sich bereits in kühnen Träumen, die nach dem Beispiel Hessens und Bayerns hier ein "Groß-Saargebiet" einschließlich der ganzen Pfalz hervorzaubern möchten. Die dreihundert französischen Sprachlehrgänge von MRS werden dazu beitragen, für das neue Zauber-Departement auch die notwendigen französischen Saarbürger zu schaffen.

Frankreich tut das Seine im gleichen Geiste. Der Quai d'Orsay gibt bekannt, daß sich hundert saarländische Studenten bereits zur Fortsetzung ihrer Studien in Frankreich befinden. Mit der Ankündigung der neuen Zollgrenze wird gleichzeitig in Paris mitgeteilt, daß 7000 deutsche Kriegsgefangene aus dem Saargebiet nach Hause geschickt werden. Sie gehen nach Hause, und sehr viele würden kaum böse darüber sein, wenn ihre Heimat in einem neuen Vaterland liegen würde, beispielsweise in Frankreich.



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