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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/1999

China: Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens

Teng: "Was sind eine Million Tote?" Anarchie in Peking, Demonstranten-Sturm im ganzen Land, Flucht der Ausländer - nach dem blutigen Massaker auf dem Tienanmen-Platz stürzt China wieder in Terror und Isolation.

Die Soldaten waren durch einen Tunnel aus dem eingemauerten Funktionärsviertel Zhongnanhai gekommen, zu Tausenden. Vom Platz des Himmlischen Friedens hallten ihre Schüsse und die Schreie ihrer waffenlosen Opfer zurück in das Wohngetto der Regierenden.

Der Oberste von ihnen, Teng Hsiaoping, 84, lag zu dieser Zeit im Militärhospital Nummer 301 - nach einem Leben, das ihm höchsten Ruhm beschert hatte. In aller Welt und - wichtiger - bei seinem Volk hatte sich der kleine alte Herr beliebt gemacht, weil er lebte und leben ließ, den Bauern wie den Beamten die Gelegenheit zur Bereicherung wiedergab und das geheimnisvolle Land der Mitte den Investitionen des Westens öffnete.

Als einer der ganz großen Staatsmänner wäre er beinahe in die Weltgeschichte eingegangen. Doch in einem letzten Willensakt zerschlug er alles, was er geschaffen hatte.Allein in den Krankenhäusern der Hauptstadt wurden 1400 Tote und etwa 10 000 Verletzte gezählt. Chinesische Rot-Kreuzler kamen auf 2600 Getötete. Die Regierung aber log, nur 23 Studenten seien ums Leben gekommen und viel mehr Soldaten, insgesamt 300. Die Wunden vieler Zerfetzter deuten auf Dum-Dum-Geschosse, chinesisch "Kaihua dan" (wörtlich: "Kugeln, die sich wie Blüten öffnen").

Den Schießbefehl hatte Teng am 19. Mai gegeben, als schon über eine Million Pekinger dem alten Kommunisten mitten in Peking und unmittelbar vor dem roten Säulentor von Zhongnanhai die Gefolgschaft verweigerten.

Aber die angerückte Pekinger Garnison, die in der Nähe stationierte 38. Armee, schoß nicht. Die Einwohner Pekings hatten die Soldaten, die sich "Volksbefreiungsarmee" nennen, freundlich blockiert und schließlich zum Abzug überredet. Parteichef Zhao widersetzte sich dem Kriegsrecht, Verteidigungsminister Qin Jiwei verweigerte den Befehl.

Zwei Wochen lang hing über der chinesischen Hauptstadt das Fallbeil, doch die Henker streikten. Die Avantgarde der Massendemonstration, die Studenten, hielten im Hungerstreik den Tienanmen-Platz besetzt, richteten sich in ihrem Zeltlager ein, getragen von der Sympathie der Arbeiter und Angestellten, auch der kleinen Bürokraten und sogar der Soldaten.

Ihre Bereitschaft zum Widerstand wurde von der Gewißheit beflügelt, den Generalsekretär der KP Chinas, Zhao Ziyang, auf ihrer Seite zu haben. Sein früherer Sekretär Bao Tong, Mitglied der Kommission für politische Strukturreform, wurde von den Parteikonservativen sogar der Organisation des Volksprotestes verdächtigt. Die Führung beriet.

Es ging um mehr als den Massenunmut, es ging um die Zeit nach Teng - ob China ein kommunistisches Land bleibt, also unter der Diktatur einer allmächtigen Partei verharrt, oder ob es pluralistisch werden soll.

Denn mit Forderungen, die bescheiden klangen, hatten die Studenten das ganze Herrschaftssystem in Frage gestellt. Sie verlangten die Anerkennung ihres Autonomen Studentenverbandes, der ersten von der KP Chinas unabhängigen Organisation seit Gründung der Volksrepublik, und fochten damit das 40 Jahre alte Machtmonopol der Partei an.

Schon entstand in Peking auch ein unabhängiger Arbeiterverband, dessen Auflösung (und die Verfolgung seiner Anführer) eine der ersten konkreten Maßregeln unter dem Kriegsrecht war.

Die Studenten verbündeten sich mit über 1000 Journalisten in dem Ruf nach Pressefreiheit, und schon nahmen sich einzelne Zeitungen diese Freiheit - ein Angriff auf das Meinungsmonopol der Partei.

Schließlich verbanden sich die jungen Akademiker mit der ganzen Bevölkerung im Klassenhaß auf die Privilegien der Funktionäre - das ging direkt gegen das liebste Monopol der Kommunisten, über die Volkswirtschaft wie ihr Eigentum zu verfügen und sich einen satten Anteil für den eigenen Verbrauch zu reservieren.

Die Kommunistische Partei - und das gilt für alle von den Genossen unterworfenen Staaten - hat trotz mühseliger Indoktrination vom Kindergarten an die Jugend nicht für sich gewinnen können, schon gar nicht ihre geistige Elite, die Studenten. Sie bilden ein Widerstandspotential, im Vergleich zu dem die Studentenrebellion des Westens 1968 harmlos wirkt. Denn im Sozialismus erschüttert sie das System in seinen Grundfesten.

War es einst das Verdienst der Kommunisten, die Masse der Analphabeten Lesen und Schreiben gelehrt zu haben - in Kuba mit großem, in China nur mit beschränktem Erfolg -, so offenbarten sie in der Volksrepublik jene alte Feindlichkeit gegen die Intellektuellen, der Rosa Luxemburg schon in der deutschen Vorkriegs-Sozialdemokratie begegnet war und die Stalin bei seiner Verfolgung der "Kosmopoliten" in Terror umgesetzt hatte.

Mao Tse-tung, der Bauernsohn und Absolvent einer Lehrerbildungsanstalt, ließ 1957 - mit Tengs Hilfe - Hunderttausende der Bildungsschicht, die nicht schon beim Machtantritt der Kommunisten 1949 geflüchtet waren, als "rechte Elemente" festsetzen.

Die Überlebenden erniedrigte er in den Terrorjahren der "Großen Proletarischen Kulturrevolution" von 1966 an zur "stinkenden" Kategorie noch unterhalb der kommunistischen Acht-Stufen-Gesellschaft. Er ließ Akademie-Mitglieder Schweineställe ausmisten und sperrte für sieben Jahre die Oberschulen und Universitäten zu.

Unter ungeheuren Anstrengungen wurde hernach - unter Teng - die geistige Wüste von den moralisch zerbrochenen Lehrern und Professoren mit neuen Lernenden urbar gemacht. Mangels heimischer Ausbildungsmöglichkeiten gehörte zu dem Neuanfang auch ein umfassendes Programm für Studienaufenthalte im Ausland: In den USA lernen derzeit 74 000 junge Chinesen, in der Bundesrepublik 8000 (einschließlich Praktikanten). Sie erleben eine andere Welt.

Wer von ihnen in den letzten Jahren nach China zurückkehrte, brachte - deshalb die US-Freiheitsstatue auf dem Tienanmen - eine Botschaft mit, die aufgeklärten Bürgern Chinas längst bewußt war und die der Astrophysiker Fang Lizhe, Chinas Sacharow, vor zwei Jahren als erster öffentlich aussprach: Das Denken bedingt die Freiheit, der Fortschritt die Mitbestimmung. Die altmodischen Versatzstücke des Marxismus-Leninismus taugen nicht mehr für den Eintritt in die industrielle Welt des 21. Jahrhunderts.

Und: Die Chinesen sind reif genug für die Demokratie. Die rebellischen Studenten, hinter denen eben nicht die von Teng vermutete Verschwörergruppe stand, haben es bewiesen. Sie beschlossen alle ihre mit Enthusiasmus und Disziplin ausgeführten Maßnahmen per Abstimmung.

Die Einwohner Pekings wiederum bewiesen ihr hohes politisches Bewußtsein, als sie sich mit den Studenten gewaltlos solidarisierten. Während die Parteiführung beriet, zeigte sich, daß die meisten - jüngeren - Spitzenfunktionäre das auch begriffen hatten:

Der Steuermann Teng blieb an der Parteispitze in der Minderheit, deshalb das wochenlange Zaudern bis zur Verkündigung des Kriegsrechts über Peking, deshalb auch die Zweiwochenspanne bis zum Vollzug und das bizarre Sich-Verstecken der Parteiprominenz, die sich nach dem Massaker dem Volk nicht einmal schriftlich erklärte.

Das Unvermögen der Parteiflügel, sich zu einigen, führte zu einem Machtvakuum, das für einen großen Staat beispiellos war: Nur Partei-Veteranen, formal aus der Herrschaftspagode meist ausgeschieden und nur noch als "Berater" tätig, meldeten sich öffentlich zu Wort und stützten ihren alten Kameraden Teng. Disziplinar-Chef Tschen Jün, 84: "Die Früchte von 30 Jahren Krieg und Blutzoll unserer unzähligen Märtyrer zerstören zu lassen, das hieße, die Kommunistische Partei zu verraten."

Gegen Teng stellte sich der Generalsekretär Zhao, mit 70 ein Junger unter den Polit-Greisen. Er widersetzte sich der Ausrufung des Ausnahmezustandes über Peking. Teng zu Zhao: "Ich habe drei Millionen Soldaten hinter mir." Zhao: "Ich habe das Volk hinter mir." Teng: "Sie haben nichts." Der Beschluß über das Kriegsrecht mußte verschoben werden.

Von den Aktiven hatte Teng den Premier Li Peng auf seiner Seite. Er hatte sein Studium als Elektroingenieur in der Sowjet-Union der Stalin-Zeit absolviert; der Adoptivsohn des geschmeidigen Tschou En-lai galt bei seiner Berufung 1987 als anpassungsfähiger Verteidiger der Planwirtschaft.

Jetzt behauptete er, ausländische Agenten hätten die Studenten aufgewiegelt: "Wir wissen, daß die USA über Gorbatschows Besuch nicht glücklich sind. Hat die Studentenbewegung einen amerikanischen Hintergrund? Wir müssen das genauer untersuchen." Ein Zhao-Mitarbeiter, der unter Spionage-Verdacht stehe, liefere schon eine Stunde nach geheimen Sitzungen in Zhongnanhai den Studenten die Protokolle.

Unter den fünf Mitgliedern des entscheidenden "Ständigen Komitees" im 16köpfigen Politbüro hielt zu Li dessen Vize, der Planungschef Yao Yilin, der Chinas Volkswirtschaft vom Westen weg auf die UdSSR orientieren möchte.

Als Li auch noch den Chefideologen Hu Qili, der vor polnischen Zuständen gewarnt hatte, für sich und die Sache Tengs gewann, hatte er die Mehrheit in diesem exklusiven Zirkel, obwohl sich der Sicherheitschef Qiao Shi, Gegner jeder Art von Unordnung, der Stimme enthielt.

Wahrscheinlich noch während Gorbatschows Peking-Aufenthalt rief Li das gesamte Politbüro zusammen, wohl ins belagerte Funktionärsgetto Zhongnanhai. Von den elf Mitgliedern außer dem Ständigen Komitee kamen nur drei. Zwei von ihnen stimmten ihm zu, vorneweg Tengs alter Freund Yang Shangkun, 82, Staatspräsident und Tengs Stellvertreter an der Spitze der Militärkommission auf Lebenszeit. Dagegen war der Verteidigungsminister Qin Jiwei, vormals Kommandeur der dann widersetzlichen 38. Armee.

Einer mußte der Bluthund sein - Yang, lange Jahre General. Er erläuterte hernach seinen Genossen:

Wenn wir nachgegeben hätten, hätten wir zugegeben, daß die Studenten im Recht sind, wir wären hinweggespült worden, und die Volksrepublik wäre zusammengebrochen. Es hätte eine Restauration des Kapitalismus gegeben, wie es sich manche Amerikaner erhoffen.

Yang war sich wohl der Worte seines Kriegsherrn Mao bewußt, der einmal schaudernd daran gedacht hatte, daß die junge Generation "ihren Frieden mit dem Imperialismus macht, die Überreste der Tschiang-Kai-schek-Clique aufs Festland zurückholt und sich hinter dem kleinen Prozentsatz von Konterrevolutionären zusammenschließt, den es im Land immer noch gibt".

Doch die Scharfmacher hatten jene Majorität aller Mitglieder des Politbüros verfehlt, mit der Li vor das 175köpfige ZK hätte treten können. Das ZK wurde nicht einberufen, das Kriegsrecht zu billigen. Nur mit der Stimmenmehrheit der anwesenden Politbürokraten legitimiert, vollstreckten Li und Yang denn auch den Ausnahmezustand.

Teng selbst war nach Wuhan gefahren und hatte fast alle Wehrbezirkschefs dafür gewonnen. Nach dem Versagen der 38. Armee beorderte Yang aus dem Wehrbezirk Nord die 27. Armee mit Rekruten aus der Inneren Mongolei und ihrem Vietnam-erfahrenen Offizierskorps. Die Einheit, drei Divisionen mit insgesamt 40 000 Mann, nennt sich "Harte Knochen", ihre Kommandeure haben ein Trauma zu bewältigen: Sie hatten 1979 die Vietnamesen nicht besiegen können.

Befehlshaber der 27. Armee ist Yang Shangkuns Sohn Baibing, zugleich oberster Politkommissar der ganzen Volksbefreiungsarmee. Der Nepotismus, der das Regime den Studenten so verhaßt macht, zahlte sich aus. Yang Shangkuns Schwiegersohn ist der Generalstabschef.

Es waren die Harten Knochen, die das Blutbad auf dem Tienanmen anrichteten. Ihnen wurde zuvor eingetrichtert, was Vater Yang hinterher der Öffentlichkeit über eine "extreme Minderheit von Aufrührern" (ohne seine Unterschrift) mitteilen ließ:

Sie haben mehr als 100 Armeefahrzeuge zerstört oder verbrannt. Sie haben Offiziere und Mannschaften beschimpft und verschleppt. Sie haben Zhongnanhai angegriffen . . . Geschäfte gestürmt und Polizeiposten in Brand gesetzt. Sie haben Dutzende Soldaten und Polizisten brutal ermordet und sogar die Leichen an den Geländern der Straßenüberführungen aufgehängt. Das Ziel ihres Aufruhrs ist die Verneinung der Führung der Partei und der sozialen Ordnung sowie der Sturz der Volksrepublik China. In aller Offenheit fordern sie: Tötet die 47 Millionen Kommunisten.

Obwohl die Studenten bereits das Ende ihrer Aktion für den 20. Juni beschlossen hatten, erging der Befehl zur gewaltsamen Räumung.

Ein Zwischenfall am Sonnabend gab wohl den Ausschlag: Demonstranten stoppten - wie überall in der Stadt - einen Militärkonvoi. Ein vorausfahrender Jeep der Militärpolizei fuhr drei Radler tot. Darauf wurden die Fahrzeuge geplündert und in Brand gesetzt, wobei ein Soldat ums Leben kam. Die Menge zündete den Leichnam an und hängte ihn an einem Mast auf.

Die Bilder dieses Gewaltakts - die vorigen Mittwoch auch das chinesische Fernsehen übertrug - reichten, die Harten Knochen aufzuputschen. Am Sonntag morgen um vier Uhr stürzten sie aus dem Zhongnanhai und der Großen Halle des Volkes, der Verbotenen Stadt und dem Revolutionsmuseum auf die Studiker und eroberten den Tienanmen-Platz zurück.

Sie schossen Fliehende aus wenigen Metern Abstand in den Rücken, Panzer walzten Liegende "platt wie Fleischpfannkuchen" (so eine chinesische Augenzeugin), rissen Köpfe und Gliedmaßen ab.

Angeblich rund 100 Ärzte und Schwestern starben in den Krankenzelten. Soldaten schossen wie im Blutrausch - vor ihnen knieende Studentinnen wurden ebenso hingerichtet wie ein Kind, dessen Körper ein halbes Dutzend Einschüsse aufwies. Das jüngste Opfer im Bei-San-Hospital war drei Jahre alt.

Asiatische Grausamkeit? Chinas Intellektuelle verglichen auf Plakaten ihren Teng Hsiao-ping mit den großen Kriminellen der Weltgeschichte, mit Hitler, Stalin und Pol Pot. [...]

Auszug aus DER SPIEGEL Nr. 24/1989 vom 12.06.1989, Seite 142ff.

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