AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2003

Titel Die Abschaffung der Gesundheit

Systematisch erfinden Pharma-Firmen und Ärzte neue Krankheiten. Darmrumoren, sexuelle Unlust oder Wechseljahre ­ mit subtilen Marketingtricks werden Phänomene des normalen Lebens als krankhaft dargestellt. Die Behandlung von Gesunden sichert das Wachstum der Medizinindustrie.


A

nfang des 20. Jahrhunderts begann ein Arzt namens Knock damit, den Menschen die Gesundheit auszutreiben. Der Franzose schuf eine Welt, die nur noch Patienten kannte: "Jeder gesunde Mensch ist ein Kranker, der es noch nicht weiß."

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Knock trat seinen Dienst in einem Bergdorf namens Saint-Maurice an. Die Einwohner waren wohlauf und gingen nicht zum Arzt. Der verarmte alte Landarzt versuchte seinen Nachfolger zu trösten und sagte: "Sie haben hier die beste Art von Kundschaft überhaupt: Man lässt Sie in Ruhe."

Doktor Knock war nicht gewillt, sich damit abzufinden.

Doch wie nur sollte der Neuling die vitalen Menschen in seine Praxis locken? Was nur sollte er den Gesunden verschreiben? Listig schmeichelt Knock dem Dorflehrer und bringt ihn dazu, den Einwohnern Vorträge über die Gefahren von Kleinstlebewesen zu halten. Er engagiert den Dorftrommler und lässt ihn ausrufen, der neue Doktor lade alle Bewohner zu einer kostenlosen Konsultation - um die "unheimliche Ausbreitung von Krankheiten aller Art einzudämmen, die seit einigen Jahren in unserer einstmals so gesunden Region um sich greifen".

Das Wartezimmer füllt sich. In den Sprechstunden diagnostiziert Knock sonderliche Symptome und bläut den unbedarften Dörflern ein, dass sie seiner ständigen Betreuung bedürfen. Viele hüten fortan das Bett und nehmen allenfalls noch Wasser zu sich. Am Ende gleicht das Dorf einem einzigen Hospital. Es bleiben nur so viele Menschen gesund, wie nötig sind, die Kranken zu pflegen. Der Apotheker wird ein reicher Mann; ebenso der Wirt, dessen Gasthof als Notlazarett allzeit ausgelastet ist.

Knock blickt abends begeistert auf ein Lichtermeer ringsum: Es sind 250 hell erleuchtete Krankenstuben, in denen - wie vom Doktor verordnet - 250 Fieberthermometer in die dafür vorgesehenen Körperhöhlen geschoben werden, sobald es zehn schlägt.

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Der Dreiakter "Knock oder der Triumph der Medizin" feierte 1923 in Paris eine rauschende Premiere. In den folgenden vier Jahren wurde das Stück des französischen Schriftstellers Jules Romains 1300-mal aufgeführt, später mehrfach verfilmt, und es wird bis heute an Schulen gezeigt. Das Theater des Doktor Knock ist nicht totzukriegen - seine bühnenreife Medizin wird im echten Leben fortgeschrieben. Sie handelt davon, wie gesunde Menschen in Patienten verwandelt werden.

An die Stelle des verführerischen Dorfarztes jedoch ist eine ungleich größere Macht getreten, den Menschen die Gesundheit auszutreiben: die moderne Medizin. Ärzteverbände und Pharma-Firmen, häufig von Patientengruppen unterstützt, predigen eingangs des neuen Jahrhunderts eine Heilkunst, die keine gesunden Menschen mehr kennt.

Um das enorme Wachstum der früheren Jahre beibehalten zu können, muss die Medizinindustrie immer häufiger auch Gesunde medizinisch traktieren. Global operierende Pharma-Konzerne und international vernetzte Ärzteverbände definieren die Gesundheit neu: Natürliche Wechselfälle des Lebens, geringfügig vom Normalen abweichende Eigenschaften oder Verhaltensweisen werden systematisch als krankhaft umgedeutet. Pharmazeutische Unternehmen sponsern die Erfindung ganzer Krankheitsbilder und schaffen ihren Produkten auf diese Weise neue Märkte.

Der Begriff "Sisi-Syndrom" beispielsweise tauchte 1998 erstmals auf: in einer einseitigen Werbeanzeige des Unternehmens SmithKline Beecham. Die betroffenen Patienten sind dem Konzern zufolge depressiv und gegebenenfalls mit Psychopharmaka zu behandeln. Allerdings überspielten sie ihre krankhafte Niedergeschlagenheit, indem sie sich als besonders aktiv und lebensbejahend gäben. Das Syndrom werde nach der österreichischen Kaiserin Elisabeth ("Sisi") benannt, da sie den Patiententypus wie ein Urbild verkörpere. Seither hat das Schlagwort die Medien erobert und wird von Psychiatern propagiert: Inzwischen wird die Zahl der am Sisi-Syndrom erkrankten Deutschen bereits auf drei Millionen geschätzt.

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Der Psychiater Markus Burgmer, 35, und Kollegen des Uniklinikums Münster entlarvten das Volksleiden kürzlich als Erfindung der Industrie. Ihre Auswertung der Fachliteratur hat offenbart, dass das Krankheitsbild als "wissenschaftlich nicht begründet" anzusehen ist. Die Medienpräsenz des Sisi-Syndroms, darunter ein lanciertes Sachbuch zum Thema, gehe vielmehr zurück auf Wedopress, eine PR-Firma in Oberursel, die von dem Pillenhersteller beaufragt worden war.

Wedopress selbst rühmt sich heute, für die "Einführung einer ,neuen' Depression" ein "Trommelfeuer" in den Medien ausgelöst zu haben. Das Fazit der PR-Agentur lautet: "Das Sisi-Syndrom ist etabliert als besondere Ausprägung der Depression, akzeptiert von Medizinern und Patienten."

Die Firmen Jenapharm und Dr. Kade/ Besins Pharma wiederum versuchen gegenwärtig, eine Krankheit bekannt zu machen, die angeblich Millionen von Männern im besten Alter heimsucht: das Aging Male Syndrome - die Menopause des Mannes. Die Unternehmen haben Meinungsforschungsinstitute, PR-Unternehmen, Werbeagenturen, Medizinprofessoren und Journalisten in Gang gesetzt, um die Wechseljahre des Mannes als ernst zu nehmende und weit verbreitete Erkrankung bekannt zu machen. Auf Pressekonferenzen wurde "der schleichende Verlust" der männlichen Hormonproduktion beklagt. Anlass für die Kampagne war die Marktreife zweier Hormonpräparate, die seit Frühjahr 2003 in Deutschland zu kriegen sind.

"Es ist schlau und auch ein bisschen gemein, Leute davon zu überzeugen, dass sie etwas haben, von dem sie bisher gar nicht wussten, dass es existiert", sagt Jacques Leibowitch, Arzt im Krankenhaus Raymond Poincaré nahe Paris.

Die Ausweitung der Diagnosen in den Industriestaaten hat ein groteskes Ausmaß angenommen. Etwa 30 000 verschiedene Seuchen und Syndrome, Störungen und Krankheiten wollen Ärzte beim Homo sapiens ausgemacht haben. Für jede Krankheit gibt es eine Pille - und immer häufiger für jede neue Pille auch eine neue Krankheit. Im Englischen hat das Phänomen schon einen Namen bekommen: "disease mongering" - das Handeln mit Krankheiten.

Kinder der Philipp Reis Schule
DPA

Kinder der Philipp Reis Schule

Krankheitserfinder verdienen ihr Geld an gesunden Menschen, denen sie einreden, sie wären krank. Ob soziale Phobie, Internet-Sucht, erhöhter Cholesterinspiegel, larvierte Depression, Übergewicht, Menopause, Prä-Hypertonie, Weichteilrheumatismus, Reizdarmsyndrom oder erektile Dysfunktion - medizinische Fachgesellschaften, Patientenverbände und Pharma-Firmen machen in nicht enden wollenden Medienkampagnen die Öffentlichkeit auf Störungen aufmerksam, die angeblich gravierend sind und viel zu selten behandelt werden.

Im Ruhrgebiet sind "zwei Drittel der über 45-Jährigen infarktgefährdet", berichtet die "Ärzte Zeitung". Mehr als drei Millionen Bundesbürger leiden am chronischen Erschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome), behauptet die in Düsseldorf erscheinende "Medical Press" - und fügt verschämt hinzu: "ohne Gewähr". Die Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik in Aachen geht noch weiter: "Die in Deutschland lebenden Menschen sind alle von einem Vitaminmangel betroffen", verkündet sie schlicht.

Jeder fünfte Familienvater, sonst immer zuverlässig und geduldig mit den Kindern, erkranke einmal im Leben am soeben entdeckten "Käfig-Tiger-Syndrom", beteuern der münstersche Professor für Allgemeinmedizin Klaus Wahle und die PR-Firma Medical Consulting Group. Auf Grund bislang unerkannter, spezifischer Verstimmungen könnten die Papas "sich nicht mehr gut entscheiden, hadern ununterbrochen mit allem und jedem. Wie ein eingesperrter Tiger im Käfig". In solchen Fällen könnten Psychopharmaka und Extrakte aus Johanniskraut "für einen wieder ausgeglichenen Haushalt der Botenstoffe" im väterlichen Hirn sorgen.

51 Prozent im Volke leiden unter "Refluxsymptomen mit Beeinträchtigung der Lebensqualität", verkündet eine Allgemeinärztin aus dem bayerischen Rödental - sie meint Sodbrennen. Genau 822 595 Menschen mit Hyperhidrose will die private Kölner Klinik am Ring in Deutschland gezählt haben: Die Betroffenen schwitzen - angeblich so stark, dass sie medizinischer Hilfe bedürfen.

Auch deutsche Rentner auf Mallorca sind reif für den Inseldoktor: Trotz - oder vielleicht gerade wegen - schönster äußerer Umstände mache ihnen die "Paradies-Depression" zu schaffen. Dieses Leiden will der im sonnigen Spanien praktizierende Psychotherapeut Eckhard Neumann beobachtet haben.

Ähnlich bedrohlich mutet die "Leisure Sickness" an, die pathologische Unfähigkeit zum Müßiggang. Ad Vingerhoets von der Universität im niederländischen Tilburg meint, drei Prozent der Bevölkerung würden durch Freizeit krank. Die Symptome reichen von Müdigkeit über Kopf- und Gliederschmerzen bis zu Erbrechen und Depressionen. Ferienorte sind zu meiden, weil die Seuche dort besonders heftig grassiert.

Selbst die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht wird von den Ärzten wie ein körperliches Leiden behandelt. Firmen wenden sich an die Mädchen, beispielsweise in kostenlosen Zeitschriften, die beim Frauenarzt ausliegen. "Fragen Sie bei der Terminvergabe nach der Teenie-Sprechstunde", rät das Blättchen "Women's Health", das laut Impressum mit "exklusiver Unterstützung der Grünenthal GmbH" erscheint. Im Editorial heißt es: "Der Gynäkologe wird zum Begleiter in allen Lebensphasen, und nicht selten legt er mit seinen Patientinnen eine Lebensstrecke gemeinsam zurück - von jungen Jahren bis ins Alter."

Sämtliche Umbruchphasen im Leben einer Frau sind längst in medizinische Probleme umdefiniert: Die meisten werdenden Mütter in Deutschland gelten als risikoschwanger, und die Zahl der Kaiserschnitte auf Wunsch steigt. Jedes Jahr werden rund 160 000 Gebärmütter entfernt - wobei Experten zufolge mindestens 60 000 dieser Eingriffe überflüssig sind. Die Tage vor der Regelblutung ("prämenstruelles Syndrom") und natürlich die Wechseljahre wurden medikalisiert: Jede vierte Frau über 40 schluckt in Deutsch-land Östrogenpräparate, obwohl ein Nutzen wissenschaftlich nicht erbracht werden kann.

Ist eine erfundene Krankheit erst einmal im öffentlichen Bewusstsein angekommen, zahlen Patienten und Krankenkassen wie selbstverständlich für die entsprechenden Medikamente und Therapien. Auch die aktuelle Reform des Gesundheitswesens versäumt es, mit dem Erfinden von Krankheiten aufzuräumen - einer legal abgesicherten Ausbeutung der Sozialversicherung, aber auch leichtgläubiger Selbstzahler steht nichts im Weg.



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