AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2003

Eine Meldung und ihre Geschichte Die Formel

Eine britische Filmdozentin fand, wonach Hollywood seit Jahrzehnten sucht


Sue Clayton weiß bis heute nicht, wie Diet Coke ausgerechnet auf sie kam. Es ging um Geld, um Sponsoring und darum, wie man für Investoren passende Projekte findet, so viel immerhin hatte sie verstanden. Sie suchten etwas, das jung und sexy ist, sagten die Getränkeleute, und da die Formel 1 genug Sponsoren hat, waren sie schnell auf das Kino gekommen: Sie wollten herausfinden, was britische Kinobesucher an Blockbuster-Filmen lieben, sie wollten das Geschäftsgeheimnis eines Filmerfolgs entschlüsseln.

Am Anfang habe sie die Idee albern gefunden und ein wenig zynisch, sagt Clayton. In ihrem kleinen Büro in London steht ein Holzregal, das mit handbeschrifteten Videokassetten voll gestellt ist, Lars von Trier, Rainer Werner Fassbinder, all das Zeug, das Cineasten zum Schwärmen bringt. In Sue Claytons Leben geht es um Bleibendes, um Klassiker, um Kunst. Ob Filme Geld bringen, war ihr lange Zeit egal.

Clayton hat ein paar Drehbücher geschrieben und einige Kurzfilme gedreht, sie träumt davon, eine gefeierte Filmregisseurin zu sein. Vor Jahren hatte ein Fernsehsender ihr angeboten, einen Spielfilm zu drehen, und so schrieb sie "The Disappearance of Finbar", die Geschichte eines Jungen aus Irland, der am Polarkreis sein Glück findet.

Als es darum ging, den Film zu finanzieren, traf Clayton sich mit potenziellen Geldgebern. Die gaben all das, was sie über den Film erfuhren, in den Computer ein: Welches Genre? Gab es Stars? War ein Happy End vorgesehen? So wollten sie herausfinden, ob Claytons Werk seine Kosten wieder einspielen würde.

Bei dem Gespräch saß Clayton neun Investoren, neun Rechtsanwälten und zwölf Versicherungsvertretern gegenüber. Sie lernte, dass das Filmemachen vor allem ein Ausgleich von Interessen ist. "Die Franzosen wollten mehr Sex, die Deutschen mehr Philosophie, die Schweden mehr Landschaft", erinnert sie sich. "Die Engländer verlangten Safer Sex, den Finnen war's egal."

Am Ende hatte "The Disappearance of Finbar" von allem etwas. Ein paar Feuilletons lobten den Film, dann verschwand er in den Videotheken.

Also lehrte Clayton weiterhin Drehbuchschreiben an der Universität London und hoffte auf eine zweite Chance. Sie war 48 Jahre alt, als Diet Coke sich meldete. Seit "Finbar" waren sechs Jahre vergangen. Vielleicht, dachte sie, gab es Dinge übers Kino zu lernen, von denen sie nichts wusste.

Zunächst besorgte sie sich sämtliche Kino-Einspielergebnisse für Großbritannien und definierte fünf Filmgenres, mit denen sich diese Liste abdecken ließ. Dann suchte sie für jedes Genre die drei Top-Titel heraus.

Mit der Stoppuhr zerlegte sie Filme wie "Harry Potter und der Stein der Weisen" oder "Titanic" in ihre Bestandteile; sie arbeitete sich durch den "Herrn der Ringe" und "Independence Day", am Ende überwand sie sogar ihre Abneigung gegen Hugh Grant, der gleich dreimal auftauchte.

Sie entdeckte, dass die Filme bestimmten Regeln gehorchen, das hatten andere vor ihr auch schon behauptet. Aber sie fand auch heraus, dass Erfolg planbar sei, sagt sie. Sue Clayton hatte eine Formel fürs Filmemachen gefunden: 30 Prozent Action, 17 Prozent Comedy, 12 Prozent Sex und Romantik, 10 Prozent Special Effects, 10 Prozent Handlung, 8 Prozent Musik - und 13 Prozent Gut gegen Böse. Alle Genres folgen offenbar ähnlichen Regeln. Es kommt allein auf die Balance an.

Die Leute von Coca-Cola waren beeindruckt. Dies war das exakte Mischungsverhältnis des Erfolgs, nicht unähnlich ihrer eigenen Coca-Cola-Formel, die aus der süßlichen Brause einen Mythos gemacht hatte.

Das Revolutionäre war, dass in Sue Claytons Formel Geld und Stars praktisch keine Rolle spielen. Stars sind teuer und launisch, Gut und Böse aber sind Zutaten, die unbegrenzt zur Verfügung stehen. Sue Clayton hatte gefunden, wonach Hollywood sucht, seit dort Filme produziert werden.

Als Erstes meldete sich das Branchenblatt "Variety". Ihr Agent klingelte sie nachts um eins aus dem Schlaf: Die Amerikaner wollten sie interviewen, sofort. 9,5 Milliarden Dollar wurden im vergangenen Jahr allein in den USA an den Kinokassen umgesetzt. Plötzlich ging es um Renditen, um Geld, um Marktanteile. Das Interesse an Sue Clayton war nie so groß wie damals; in den ersten drei Tagen gab sie 53 Interviews.

Sie erklärte, dass Kinobesucher keinen Sex sehen wollten, sondern das Umwerben davor. Es geht beim Kino ums Verliebtsein, nicht um Liebe; schließlich schleppt man seine Verabredung am Samstagabend ins Kino, weil man Verheißung sucht, nicht Erfüllung.

Das Besondere an Sue Claytons Formel ist, dass sie das Geheimnis des Kinos selbst berührt. Moral ist wichtiger als Special Effects. Romantik ist wichtiger als Leidenschaft. Mit anderen Worten: Sue Claytons Formel beantwortet die Frage, was wir vom Leben erwarten.

Seitdem ist ihr Name in Hollywood ein Begriff. Claytons nächster Film wird in Manchester und Las Vegas spielen, er soll von Teenagern und deren Nöten handeln. Klingt nicht originell, aber sie hat ja jetzt die Erfolgsgarantie.

Sie ist jetzt die Frau mit der Formel. Bis ihr Film in den Kinos läuft.

HAUKE GOOS



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