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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/1999

Radsport: "Die Werte spielen verrückt"

Von Matthias Geyer und Udo Ludwig

Im dopingverseuchten Radfahrer-Metier gab sich das Team Deutsche Telekom als Oase des sauberen Sports. Jetzt bröckelt die Fassade. Aussagen und Unterlagen von Mannschaftsmitgliedern zeigen, daß auch Telekom-Fahrer nicht ohne die illegalen Schnellmacher auskamen.

Als die schlimme Kunde aus Italien kam, stieg dem deutschen Helden das Wasser in die Augen. Jedenfalls schrieb er das in einem Aufsatz für die "Bild"-Zeitung.

"Da weint nicht nur Italien, sondern ein bißchen weine auch ich", formulierte Jan Ullrich. Zwei Tage vorher hatte es Marco Pantani, seinen großen Rivalen auf dem Rennrad, ausgerechnet in dessen Heimat erwischt. Weil er einen unzulässig hohen Volumenanteil an roten Blutkörperchen - deutliches Indiz für das Dopen mit Erythropoietin (Epo) - aufwies, nahm der Giro d'Italia den "Elefantino" aus dem Rennen. Der Radsport hatte den nächsten Skandal.

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Auch Ullrichs Arbeitgeber, das Team Deutsche Telekom, reagierte flink und schickte seinen Pressesprecher durch die Fernsehstudios. Matthias Schumann stand vergangenen Dienstag schon früh um halb acht im "ZDF-Morgenmagazin" stramm und verkündete, sein Team sei absolut sauber. "Doping hat im Sport nichts zu suchen, wer dopt, hat im Sport nichts zu suchen."

So sagen das die hohen Herren seines Konzerns auch von Zeit zu Zeit. Vereinzelt nämlich ist es seit den Dopingaffären der letzten Tour de France passiert, daß auch Radler des Teams Telekom unlauterer Methoden verdächtigt wurden - und dann trat meistens Ron Sommers Kommunikationschef auf. Seine Jungs, lehrte Jürgen Kindervater, müßten so oft zur Dopingkontrolle, die könnten gar nicht mogeln.

Außerdem: Kann ein Renner des deutschen Stalls wirklich so dumm sein? "In den Verträgen steht drin: Wenn gedopt wird, wird sofort gekündigt." Um dem Radsport "das Vertrauen zurückzugeben, das er durch die jüngsten Vorfälle verloren hat" (Kindervater), entschlossen sich die Bonner Fernmelder gar zu einer Mildtat - die Telekom stiftet eine Million Mark für die Dopingforschung.

Das forsche Auftreten der deutschen Radsport-Finanziers läßt nur zwei Möglichkeiten zu: Entweder heuchelt die Telekom, wie das in der Branche üblich ist, oder sie hat tatsächlich keine Ahnung.

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Nach Berichten früherer Mitglieder wird im Team Telekom genauso systematisch und umfassend gedopt wie bei der gesamten Konkurrenz - bloß ist bisher noch keiner erwischt worden.

Trainingspläne aus dem vergangenen Jahr mit bis aufs Milligramm exakt vorgeschriebener Medikation, die dem SPIEGEL vorliegen, belegen, wie sich ein Radler mit dem T auf der Brust auf die Rennen vorbereitete. Neben dem immer noch als Wundermittel geschätzten Blut-Turbo Epo hat sich der Sportsmann mit Corticosteroiden, Wachstumshormon und anderen Peptidhormonen die Beine schnell gemacht.

Einer, der damals dabei war, erinnert sich, daß die kleinen Epo-Ampullen zum erstenmal 1994 vereinzelt zum Einsatz kamen - "und seit 1996 spritzt sich jeder Tourfahrer für gewöhnlich Epo". 1996 war das Jahr, in dem der Däne Bjarne Riis, damals Kapitän bei Telekom, die Tour gewann, und Jan Ullrich wurde Zweiter.

Vom SPIEGEL mit diesen Erkenntnissen konfrontiert, sagt Telekom-Kommunikationschef Jürgen Kindervater: "Mir ist nichts von der Einnahme der von Ihnen zitierten Präparate bekannt. Ich schließe dies nach Rücksprache mit den Ärzten der Abteilung Sportmedizin an der Universitätsklinik Freiburg, die die Fahrer des ,Team Telekom' medizinisch betreuen, auch aus. Die dort vorliegenden Befunde zu den einzelnen Fahrern schließen dies ebenfalls aus. Die von Ihnen angesprochenen Pläne existieren nicht."

Das Unternehmen, das so ordentlich deutsch auftritt wie der TÜV, ist in Wirklichkeit eine multinationale Zwei-Klassen-Gesellschaft: Vorneweg marschiert das rhetorisch geschulte Personal des Medienkonzerns, daneben treten Mediziner der Universitätsklinik Freiburg in Erscheinung. Eine Hierarchiestufe tiefer sind Kräfte am Werk, die nicht nur wissen, wie man einen Platten flickt.

Dieser Stab kümmert sich direkt ums fahrende Personal: Seine Mitglieder nennen sich Pfleger oder - intern - "soigneur", Masseur. Sie haben ihr Handwerk in Italien, Osteuropa, meistens aber in Belgien gelernt - letztere stehen in der Branche in einem ähnlichen Ruf wie die belgische Hähnchenindustrie unter Geflügelzüchtern.

Sobald sich solche Helfer an Dinge machen, die besser nicht bekannt werden sollten, haben sie ihre eigene Sprache bereit. Doping zum Beispiel, so erinnert sich ein vormaliger Telekom-Soigneur, heißt im vertrauten Kreis der Bonner Sportler "Präparation". Wer Epo spritzt, verabreicht "Vitamin E", und wer Wachstumshormon gibt, führt "Vitamin G" zu.

Der Telekom sind solche Tarnnamen nach eigenen Angaben nicht bekannt.

Einer von diesen Spezialisten sei täglich mit der Aufgabe betraut, mit einem grauen Müllsack durch die Hotelzimmer zu ziehen und die leeren Ampullen und Spritzen einzusammeln, um sie später - etwa an einer Autobahnraststätte - zu entsorgen.

Kindervater sagt, bei den Spritzen und Ampullen handele es sich nicht um Dopingmittel: "Wie in jeder normalen Klinik werden diese nach Gebrauch grundsätzlich von den Ärzten selbst fachgerecht entsorgt. Es ist nicht auszuschließen, daß ihnen dabei in Einzelfällen ein Betreuer zur Hand geht."

Zuweilen kommen den Männern der zweiten Reihe auch besondere Aufträge zu.

Vor zwölf Monaten war die Tour zu ihrem Auftakt in Irland unterwegs, als der Masseur der Festina-Mannschaft, Willy Voet, in Nordfrankreich im Firmenwagen mit Unmengen von Dopingmitteln erwischt und verhaftet worden war. Zur Vorsicht schickte das Team Telekom, so erzählt ein Augenzeuge, Frans van Looy nach Frankreich. Der zweite Stellvertreter der Teamleitung hatte demnach die Aufgabe, für die drei Wochen der Tour ein neutrales Fahrzeug anzumieten.

Bei Rent-a-car erlebte er etwas, das später am Abend von vielen Pflegern unter herzlichem Gelächter mit reichlich Rotwein begossen wurde. Als er in Telekom-Kluft beim Schalter vorsprach, ahnte die Angestellte nicht den wahren Hintergrund: "Mensch, müssen die offiziellen Autos der Rennställe in diesem Jahr aber schlecht sein. Sie sind jetzt schon der zehnte, der einen Wagen von uns will."

Die Telekom weiß zwar von der Anmietung eines Autos durch van Looy, meint aber vermutlich einen anderen Zeitpunkt. Kindervater:

"Herr van Looy hatte einen Wagen angemietet, weil seine Funktion bei der Tour beendet war und er - wie jedes Jahr etwa zur Halbzeit der Tour - vor der Übernahme der nächsten Rennaufgaben einen kurzen Urlaub angetreten ist."

Im Lauf der Jahre haben sich die Männer aus dem hinteren Glied unersetzbar gemacht. Lange nämlich sind nicht mehr so peinliche Zwischenfälle bekannt geworden wie jener, den dänische Fernsehjournalisten um Riis, ihren Landsmann, recherchiert haben: Unterlagen sollen belegen, daß Riis während der Tour de France 1995 einen Hämatokritwert von 56,3 hatte. Die Zahl gibt an, wie dickflüssig das Blut ist - und mit diesem Befund, so der dänische Epo-Fachmann Michael Friedberg, war Riis "entweder krank oder gedopt". Riis dementierte die Veröffentlichung zaghaft und hintersinnig: "Ich habe nie Epo angefaßt."

Wie auch immer - zwei Monate später ging der Däne bei der Spanien-Rundfahrt wieder an den Start. Hier hinterließ der Telekom-Pfleger Jeff D'Hont, so erforschte das TV-Team, Medizin-Abfall mit Epo-Rückständen in seinem Hotelzimmer.

Vor derlei Ungemach hat sich der deutsche Rennstall jetzt offensichtlich besser geschützt.

Nachdem Jan Ullrich 1997 die Tour de France gewonnen hatte, zeigte er sich zunächst nur auf solchen Veranstaltungen, die in der Fachsprache als "Kirmesrennen" verspottet werden. Die heißen auch deshalb so, weil sie nicht vom Radsport-Weltverband UCI gewertet und ohne Dopingkontrollen durchgeführt werden.

Dann war Ullrich beim "Luk-Cup", einer UCI-Veranstaltung im badischen Bühl, gemeldet. Hier hatte Team Telekom ein Hotel gebucht - doch der neue deutsche Sportstar nahm sein Zimmer kurzfristig woanders.

Nach Schilderung eines Mannschaftsmitglieds wurde Ullrichs Blut im Anschluß an einen Auftritt in Aachen prophylaktisch getestet. Ergebnis: Der Hämatokritwert lag weit über der zulässigen Grenze von 50. Walter Godefroot, Sportlicher Leiter beim Team Telekom, erfuhr die böse Nachricht ("Jans Werte spielen verrückt") abends in der Bühler Mannschaftsunterkunft und verkündete der Presse: Ullrich sei in Aachen durch Autogrammwünsche aufgehalten worden und könne erst am Morgen anreisen.

Für mögliche UCI-Kontrollen im Teamhotel war der Tour-Sieger so nicht zu greifen. Tatsächlich verbrachte er die Nacht in einer stillen Herberge, unweit von Bühl.

Kindervater begründet die Übernachtung an einem anderen Ort auch mit dem "Wunsch, den Abend im privaten Freundeskreis zu verbringen. Darüber hinaus trifft es nicht zu, daß sie durch einen Hotelwechsel einer Dopingkontrolle entgehen können."

Wenn Ullrich die Mysterien seiner starken Beine preisgibt, klingt es immer wie in einem Werbeauftritt für das Haus Schneekoppe. "Zwei riesige Teller Müsli verputzt" er nach eigener Aussage, wenn es mal wieder besonders anstrengend war; danach sieht er "fast wieder aus wie neu". Wer ihm vertuschtes Doping unterstellt, tut ihm mächtig weh. "Solche Fragen verletzen mich. Denn ich habe nur dieses Geheimnis: Training und ordentlicher Lebenswandel!"

Daß solche Heldentaten, wie sie Ullrich und Kollegen vollbringen, mit gesunder Nahrung und strammer Übung allein nicht zu leisten sind, legen Berechnungen nahe, die Biochemiker erstellt haben. Ein Top-Profi der heutigen Generation strampelt im Jahr rund 40 000 Trainingskilometer und tritt bei 120 bis 160 Wettkämpfen an.

Während die belgische Radsport-Ikone Eddy Merckx in ihrer Laufbahn 400 000 Kilometer in den Beinen hatte, kommt etwa Bjarne Riis schon jetzt auf 650 000 Kilometer - mancher Diesel, sogar von Mercedes-Benz, endet schon vorher auf dem Schrottplatz. Und während der, solange er lebt, eher niedertourig daherfährt, befinden sich Radfahrer häufig am Anschlag.

Eindrucksvoll zeigt sich das etwa an der Fahrt, die Ullrich vor zwei Jahren in den französischen Alpen beim Aufstieg nach l' Alpe d'Huez hinter sich brachte. Nach einer fünfstündigen Bergetappe leisteten seine Beine im Schlußanstieg immer noch 400 Watt - das ist, als würde ein durchschnittlich kräftiger Mensch einen Zementsack jonglieren.

Selbst ein biologischer Sonderfall wie Ullrich könnte so einen Tort nicht überstehen, ohne dabei Teile seiner Muskeln zu zerstören. Denn durch die enorme Stoffwechselleistung werden sogenannte freie Radikale freigesetzt, die die Zellmembrane beschädigen. Tests von Sportmedizinern haben ergeben, daß sich derlei unliebsame Folgen nur mit längeren Regenerationsphasen ausgleichen ließen. Doch die Tour gönnt ihren Fahrern diese Ruhe nicht. Die Wissenschaftler halten deshalb solche Belastungen "für passiv nicht tolerabel".

So entstehen Pyramiden von Anforderungen, die nur noch mit Hilfe aus der Apotheke zu bewältigen sind (siehe Grafik). Da wachsen am Ende oft Körper heran, die nach Medizinermeinung "reif sind für die Sondermülldeponie".

Als harmlos gelten dabei noch die Chemikalien des Radfahrer-Alltags: Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Aminosäuren, selbst wenn sie in rauhen Mengen eingenommen werden. Und auch, wenn die Helden des Bergs nach der Etappe am Tropf hängen, sind die Schäden vergleichsweise gering. Während einer Steiletappe verbrennen die Körper bis zu 15 000 Kilokalorien - um den Verbrauch an Kohlenhydraten wieder aufzufüllen, müßte der Athlet 4,8 Kilogramm Nudeln vertilgen - soviel Qualen ertragen nicht mal französische Stopfgänse, und deshalb wird der Bedarf mit Glucoseinfusionen zugeführt.

Gefährlich für die Gesundheit wird es bei härteren Stoffen: Prophylaktisch eingenommene Schmerzmittel schalten Signale des Körpers aus, Harnsäureblocker sollen verhindern, daß die Knochen nach dem Leistungsstreß leiden wie bei einem Gichtkranken. Antibiotika und Globuline helfen dem strapazierten Immunsystem auf, Vasodilatoren fördern die Sauerstoffaufnahme, und Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Antidepressiva bringen den aufgeputschten Körper zur Ruhe.

Das alles reicht allerdings nur, um bei der Tour de France nicht vom Besenwagen eingeholt zu werden, der immer dem Letzten im Feld folgt. Um vorneweg zu fahren, bedienen sich Radprofis des Knowhows von Experten, die mit den Erfolgen der Gentechnologie vertraut sind.

Wie das in der Praxis aussehen könnte, mutmaßt der kundige Masseur Voet: Als Riis die Tour gewann, erzählt er, "da hat er unsere Fahrer am Berg einfach stehengelassen. Und die waren schon mit einem Hämatokritwert von 54 unterwegs".

Im Gegensatz zu früheren Jahren, als wagemutige Kollegen schon mal tot vom Rad fielen, weil sie die Medizin wahllos schluckten, nehmen die Profis von heute die harten Drogen nur noch nach Anleitung von Fachkräften.

Wie ein geregeltes Dopingprogramm aussieht, zeigt der Medikationsplan eines Fahrers, der dem SPIEGEL vorliegt. Das Dokument beschreibt, wie ein Mitglied von Team Telekom in den Monaten März und April auf die Strapazen vorbereitet wird (siehe Grafik).

Dieser Sportler hat während seiner Renneinsätze nicht nur täglich 250 Einheiten Epo gespritzt sondern gleichzeitig auch den kompletten Cocktail aus dem Chemiewerk zu sich genommen. Zur Kraftentwicklung nahm er Mittel ein, die wie anabole Steroide wirken, für Dopingkontrolleure allerdings schwer nachweisbar sind (Andriol). Das Peptidhormon ACTH wirkt entzündungshemmend und erhöht die Belastungsverträglichkeit so, daß die Muskeln gedeihen. Das Mittel Hepagrisevit hilft, die angegriffene Leber vor schweren Schäden zu bewahren.

Damit die tägliche Arbeit störungsfrei abläuft, hat die Telekom die Leistungsproduktion der "Walter Godefroot GmbH" übertragen. Deren Spitze besteht aus Walter Godefroot, 55, Rudy Pevenage, 44, und Frans Van Looy, 48. Die drei Herren aus Belgien sind ehemalige Radfahrer, Godefroot und van Looy waren in ihrer aktiven Zeit mit positiven Dopingbefunden auffällig geworden.

Chef Godefroot hat sich eine Standardformulierung zu eigen gemacht, die ihm dabei hilft, im Ernstfall seinen Job zu sichern. "0,0 Risiko" - so warnt er in Mannschaftssitzungen seine "Fahrers".

Ums Eingemachte kümmern sich offenkundig andere. Und hier hat sich im Lauf der Jahre ein Netz aus international erprobten Experten gesponnen; die weisen jedoch in der Mehrzahl eine Vergangenheit auf, die in verdächtiger Nähe zu anerkannten Könnern des Dopingfachs steht.

Über Jahre hinweg war der Belgier Jeff D'Hont an der Spitze dieser Entourage. Der Masseur begleitete den Aufstieg des deutschen Profistalls, unter seiner Regentschaft wurde der Berliner Sprinter Erik Zabel bei einer Kontrolle positiv getestet.

Dann wechselte D'Hont zum französischen Team La Française des Jeux - "ein Alleskönner", schwärmte dessen Rennfahrer Erwann Menthéour, der kürzlich zugab, sich gedopt zu haben. Seit letztem September ermittelt die französische Staatsanwaltschaft gegen Telekoms früheren Helfer. Und zum Jahresende, so kündigte er dem SPIEGEL an, will D'Hont auspacken - "alles über 35 Jahre Radsport".

Noch immer vertraut die Telekom D'Honts Landsleuten. Der Kollege Guillaume Michiels zum Beispiel ist ein Pfleger mit reichlich Erfahrung, er kümmerte sich schon um die Beine von Eddy Merckx - und während dieser Zeit war Merckx nachweislich zweimal gedopt.

Undurchsichtiger ist die Herkunft eines Mannes, der sich mit einem russischen Zertifikat gern als Arzt ausweist - Aldis Cirulis ist in der Szene auch als "Doktor Schiwago" bekannt; andere Pfleger berichten, daß sie sich mit dem Kollegen höchst gewinnbringend über legale und illegale Therapien austauschen konnten.

Daneben knüpfte ein Großteil ehemaliger oder noch aktiver Telekom-Fahrer Kontakte zu berühmten Doktoren des Auslands, die sie zuvor bei anderen Rennställen kennengelernt hatten. Dirk Müller etwa, bis letzte Saison bei den Bonnern angestellt, vertraute wie andere deutsche Fahrer dem Belgier Georges Mouton - dieser Docteur wurde am 27. April von der Polizei verhört, weil ihn ein inhaftierter Fahrer wegen der Vergabe von Dopingmitteln schwer belastet hatte.

Gedeihlich sind bis heute vor allem die Verbindungen nach Italien. Bjarne Riis, der im März fünf Stunden als Zeuge verhört wurde, holte sich Rat bei Dottore Luigi Cecchini. Und Christian Henn arbeitete bei seinem ehemaligen italienischen Rennstall Carrera mit Giovanni Grazzi zusammen. Grazzi und Cecchini wiederum sind enge Mitarbeiter von Michele Ferrari (Branchenname: "Dr. Epo") und Franceso Conconi - berühmte Ärzte, gegen die italienische Staatsanwälte aus Ferrara wegen "Handels und Verabreichung schädlicher Substanzen" ermitteln.

Kindervater, vom SPIEGEL auf die Vergangenheit und die Verbindungen der Mitarbeiter angesprochen, sagt: "Mir ist von der Beschäftigung von Mitarbeitern beim Team Telekom nichts bekannt, die in irgendeiner Verbindung zu Medizinern stehen, die im Zusammenhang mit Doping beschuldigt sind oder waren. Beschuldigungen lassen sich leicht erheben. Wir beschäftigen beim Team Telekom aber niemanden, dem die Mitwirkung an einem Dopingvergehen nachgewiesen worden ist."

Für die Konkurrenz ist es wenig erstaunlich, daß die Deutschen bisher nie als Epo-Anwender aufflogen. Der Nachweis fällt grundsätzlich schwer. Das Mittel wird normalerweise in den Nieren produziert und steuert die Herstellung von roten Blutkörperchen im Knochenmark. Diese wiederum transportieren wie winzige Loren den eingeatmeten Sauerstoff bis in den kleinsten Muskel. Und je mehr vollbeladene Loren im Blut unterwegs sind, desto größer ist die Leistung.

In den achtziger Jahren gelang es, Epo gentechnisch herzustellen. Allerdings steigert Epo den Anteil fester Bestandteile im Blut, das Hämatokrit. Wenn ein Sportler dann aufs Rad steigt und zu schwitzen beginnt, verschlammt sein Blut. Es ist, als fließe Ketchup in den Adern.

Bevor der kostbare Stoff im letzten Sommer endgültig in Verruf kam, war er europaweit in jeder Apotheke mengenweise zu erwerben. In Deutschland etwa kostete eine Packung mit 1000 Einheiten 40,60 Mark; manche Telekom-Betreuer kauften jedoch lieber in einer Apotheke auf Mallorca ein - auf der Höhe von Ballermann 8 führt eine Passage direkt zum beliebten Umschlagplatz. Der Telekom ist nach Aussage von Kindervater "nichts derartiges bekannt".

Diese schönen Zeiten sind nun vorbei. Die meisten Apotheker sperren sich aus Angst vor der Justiz gegen die Abgabe. Inzwischen gelten nur noch die Türkei und Griechenland als sicher - allerdings verlangt der Schwarzmarkt jetzt die dreifachen Preise.

Wann immer die Vermutung aufkam, auch die Telekoms könnten mit diesem illegalen Beschleuniger im Sattel sitzen, betrieben ihre Obersten eine Öffentlichkeitsarbeit, die das Publikum in die Irre führt. "Die Fahrer wären völlig blöde, wenn sie bei den häufigen Kontrollen verbotene Mittel nehmen würden", erklärte Godefroot während der Tour-Beben im letzten Jahr, "da hat niemand eine Chance zu betrügen."

Das ist der blanke Unsinn: Er habe in den letzten beiden Jahren seiner Karriere systematisch gedopt und sei etwa 70mal kontrolliert worden, berichtet der geständige Profi Menthéour - auffällig geworden war er dabei "nie"; erst dann fanden die Dopinganalytiker bei ihm einen überhöhten Hämatokritwert.

Selbstverständlich, erläuterte Teamarzt Lothar Heinrich, werde das Blut seiner Fahrer regelmäßig untersucht - aber "nicht wegen Epo, sondern um Eisen- und Magnesiummangel zu erkennen".

Eine Unterversorgung mit solchen Substanzen wäre tatsächlich ein schweres Versäumnis: Denn nur, wenn der Körper einen satten Vorrat an Eisen zu Verfügung hat, kann er auf Epo ansprechen.

Für Kindervater sind die Untersuchungen "Routineangelegenheiten, die bei jedem Sportler zur Prävention von Mangelerscheinungen vorgenommen werden. Die Wechselwirkung von Epo und dem Eisengehalt im Blut ist den betreuenden Medizinern selbstverständlich bekannt".

Den Zusammenhang von Epo und Eisen belegt eindrucksvoll das Ergebnis eines ausgedehnten Gesundheitschecks, dem sich alle Radprofis Frankreichs neuerdings unterziehen müssen: Der verantwortliche Arzt stellte "exzessive Einnahme von Eisen" fest, 67 von 135 Fahrern wiesen Anomalien im Stoffwechsel auf - die ein oder andere Leber hätte sich dabei von einem Magneten anziehen lassen.

Das Blutbild eines französischen Profis der ersten Kategorie veranschaulicht, was der Doktor meint: Während seine Leber vor der Tour de France normale Werte aufwies, ergab die Messung nach der Rundfahrt einen sogenannten Gamma-GT-Wert von 171 - wie bei einem Leberschaden eines Alkoholikers.

Seit zweieinhalb Jahren zieht die UCI jene Radler aus dem Verkehr, deren Hämatokritwert über 50 liegt. Profis indes kennen ausreichend Mittel und Wege, um ihren Wert immer punktgenau zu manipulieren. Mittlerweile gehört eine Handzentrifuge zum Gepäck jedes besseren Fahrers - der sticht sich im Bedarfsfall in die Fingerkuppe oder ins Ohrläppchen, läßt einen Tropfen Blut in sein Meßgerät und kennt nach wenigen Minuten seinen aktuellen Hämatokritwert. Die Tatsache, daß Telekom-Fahrer solche Geräte mit sich führen, begründet Kindervater so: "Da nicht bei jedem der mehreren hundert Wettkampftage pro Jahr ein Arzt dabei- sein kann, der Hämatokritwert überdies unterschiedlichsten Einflüssen unterliegt - z. B. Durchfall, Wasserverlust oder Belastungen durch eine mehrwöchige Rundfahrt -, müssen sich die Fahrer auch selbst überprüfen können. Der Hämatokritwert kann sehr, sehr instabil sein, das wird Ihnen jeder Mediziner bestätigen."

Ist der zu hoch, gibt es verschiedene Methoden, um ihn wieder in den grünen Bereich zu befördern. Wer nur geringfügig darüberliegt und ausreichend Zeit bis zur

nächsten Kontrolle hat, trinkt Mineralwasser in rauhen Mengen und schluckt dazu ein paar Aspirin. Schneller wirken blutverdünnende Medikamente wie Plasmaexpander und Infusionen. Wie Walter Schmidt, Leiter der Sportphysiologie der Uni Bayreuth, berichtet, hilft es auch, für 15 Minuten die Beine in die Höhe und den Kopf nach unten zu halten. Ullrichs Zimmerpartner Jens Heppner landeten schon zweimal die Beine des Nachbarn nächtens im Gesicht, weil der seine Gliedmaßen gegen die Wand gelehnt hatte und dabei eingeschlafen war.

Und auch für den Notfall gibt es wirksame Mittel: Der tritt immer dann ein, wenn sich die "Vampire", wie Zabel die Blutkontrolleure nennt, morgens in aller Frühe an die Arbeit machen. Im Kulturbeutel liegen Utensilien bereit, die für die sogenannte Schuß-Infusion gebraucht werden. In aller Eile setzen sich dann solche Fahrer, die sich noch über dem zulässigen Wert wähnen, eine Spritze mit Salzlösung.

Kindervater dazu: "Die Salzlösung dient u. a. der Wundreinigung nach einem Sturz, und die Spritze wird verwendet, um die Salzlösung aus der Flasche zu ziehen."

"In solchen Fällen waren immer alle sehr nervös", weiß ein früherer Telekom-Mann. Denn die Zeit sei knapp bemessen: Nach der Benachrichtigung bleiben den Fahrern nur zehn Minuten bis zur Blutabnahme.

So etwas erfordert ständige Aufmerksamkeit - und der Fall Pantani, der nach Einschätzung der Kollegenschaft in der Hitze der Dolomiten offenbar zu arglos geworden war, hat mal wieder gezeigt, daß es jeden erwischen kann. Die Säuberungswelle der französischen, belgischen und italienischen Justiz hat dazu geführt, daß die Stimmung im Fahrerlager nachhaltig vergiftet ist. Jeder verdächtigt jeden, und im Zentrum aller Anfeindungen steht das Team Deutsche Telekom.

Denn das hat ungeschriebene Gesetze gebrochen. Weil jeder Fahrer wußte, daß auch andere Fahrer dopten, waren alle Fahrer in einer Koalition des Schweigens miteinander verbunden. "Über Betrug regte sich niemand auf, weil ja niemand betrogen wurde", sagt ein Mitglied von Telekom. Nur die Bonner scherten aus und zeigten mit dem Finger auf die anderen.

"Saubere Leistung. Danke." So warb der Medienriese letztes Jahr nach der Tour in ganzseitigen Anzeigen und pries sein "überzeugendes Eintreten für einen dopingfreien Sport".

Das haben sich die anderen gemerkt. "Im Moment hoffen alle, daß Telekom die Tour verliert", sagt der Schweizer Profi Rolf Järmann, "es verlangt ja niemand, daß sie es zugeben - aber sie sollen nicht die großen Saubermänner spielen."

Von den meisten Journalisten haben die Bonner nichts zu fürchten. Schon vor zwei Jahren hätte es andernfalls ungemütlich werden können. Da nämlich entdeckte ein durstiger Reporter in einem geöffneten Telekom-Auto eine Kühltasche. In ihr fand er statt Coca-Cola nur eine ganze Batterie Ampullen - und gab seiner Enttäuschung gleich bei der Mannschaftsführung Ausdruck. "Da hatten wir eine ziemlich unruhige Nacht", erinnert sich ein Pfleger.

Der Telekom ist dieser Vorgang nicht bekannt. Kindervater: "Im übrigen führen alle Team-Ärzte Ampullen zur medizinischen Versorgung mit sich. Damit ist noch lange keine Aussage über deren Inhalt getroffen."

Turbulenzen gab es auch ein Jahr später. Weil die französische Justiz während der Pyrenäen-Etappen damit begonnen hatte, sogar die Mannschaftshotels zu durchsuchen, habe es die Telekom-Teamführung, so berichtet ein Mitglied dem SPIEGEL, mit der Angst bekommen und angeordnet, sämtliche verbotenen Medikamente wegzuwerfen.

Diese Aufgabe habe Godefroots Vertreter Rudy Pevenage übernommen und den Vorrat ausgerechnet in den Container des eigenen Hotels geschüttet. Später sei allen aufgefallen, daß dies keine gute Idee war. Als Pevenage den Abfall gerade wieder aus dem Behälter habe entfernen wollen, sei er von Journalisten ertappt worden.

Jürgen Kindervaters Begründung dieser Aktion: "Bei der Anordnung von Herrn Godefroot ging es um eine völlig unspektakuläre allgemeine Entsorgung von Medikamenten. Es gab aber keine Medikamente, die etwa unter Dopinggesichtspunkten nicht zugelassen gewesen wären. Der Grund war vielmehr, daß die französische Polizei Schwierigkeiten mit der Einordnung von ausländischen Medikamenten hatte."

Pevenages Begründung für seine ungewöhnlichen Aktivitäten am Mülleimer war direkt nach dem Vorfall in "L'Equipe" noch anders nachzulesen: Man habe gehört, so Pevenage, daß andere Teams ihre illegalen Präparate auch auf fremdem Terrain entsorgten, und deswegen habe er mal nachsehen wollen, ob der Kehricht hier auch clean sei.

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