AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2003

Titel Das Ende des Despoten

5. Teil


Soldat im Einstieg zum Erdloch
DPA

Soldat im Einstieg zum Erdloch

Mit aggressiver Taktik und Waffengewalt soll das Killerkommando Jagd machen auf den Kreis von Saddam-Getreuen, die offensichtlich den Aufruhr steuern. "107-Zentimeter-Hosenbündler" nennen die Militärs die Schar dieser gesetzten, wohlgenährten Herren, die überwiegend mittlere Funktionärsränge im Saddam-Regime bekleideten. Nach dem Vorbild der israelischen Jagd auf Drahtzieher des palästinensischen Terrors will Task Force 121 die Verschwörer, einen nach dem anderen, aus dem Weg räumen.

Für ihr wichtigstes Ziel finden die Kommandos der Task Force 121 sogar ein neues Kürzel: Für sie ist Saddam Hussein DL 1 - die Nummer 1 auf der Dark List, der Todes-Liste.

4. Dezember, Tikrit, Kommandozentrale der 1. Brigade der 4. Infanteriedivision

Der dickleibige Geheimdienstler, den Task Force 20 bereits im Juli fangen wollte, gerät nun ins Zentrum der Aufmerksamkeit der US-Fahnder: Der Mann weiß etwas über den Verbleib von Saddam, davon ist Oberst James Hickey mittlerweile felsenfest überzeugt. Der 43-jährige Hickey, der auch in der größten Sommerhitze stets in Wildlederstiefeln herumgelaufen war und der seine cremefarbenen Handschuhe offenbar nur zum Schlafen ablegt, führt die erste Brigade der 4. Division.

Als Sitz seines Hauptquartiers hat der Oberst einen Saddam-Palast, sieben Kilometer südlich von Saddams Heimatort Tikrit, gewählt. Seine Soldaten unterstützen die Task Force 121 bei ihrer Jagd im Raum Tikrit. Nacht für Nacht setzen sie ihre Suche fort. Oder aber sie schlagen am Mittag zu, wenn die meisten Iraker ein Nickerchen halten.

Wiederholt schickt Hickey seine Männer an diesem Tag aus, um den dicken Geheimdienstler zu fassen, der seit Juli im Visier der Amerikaner aufgetaucht ist. Dreimal entkommt er - manchmal nur um Minuten. Die GIs fassen jedoch einige Helfershelfer und durch deren Informationen am nächsten Tag in Samarra weitere Unterstützer mit fast zwei Millionen Dollar in bar. Doch der gesuchte Geheimdienstler entkommt abermals. Schlimmer noch, seine Spur scheint sich zu verlieren.

Freitag, 12. Dezember, Bagdad

Wieder machen sich US-Soldaten zu einer ihrer überfallartigen Hausdurchsuchungen auf, die so oft mit einem Fehlschlag enden oder nur kleine Fische einbringen. Die Iraker hassen die Mitglieder der Sondereinheiten dafür, weil sie ins Private eindringen und sogar Frauen zu Verhören abführen. Doch an diesem Tag fällt dem Trupp der Task Force 121 endlich "der Dicke" in die Hände. Es dauert ein paar Stunden, bis den Amerikanern dämmert, wer ihnen da ins Netz gegangen ist - der Mann, der Saddam ans Messer liefern kann und wird.

Der Verräter sei ein "wohlbeleibter Mann mittleren Alters", ursprünglich aus den mittleren Rängen jener Sonder-Geheimdienstler, die Saddams Sohn Udai befehligte. Er stamme "aus einer sehr prominenten Familie" aus Abu Adschil, einem abgelegenen Nest nördlich von Tikrit, erzählt Oberst Hickey. Er sei eine Schlüsselfigur für den Aufstand, eine Art Finanzier.

13. Dezember, Tikrit

Um 10.50 Uhr morgens fliegen sie den beleibten Gefangenen nach Tikrit in die Kommandozentrale der 4. Infanteriedivision. Geheimdienstagenten verhören ihn bis in den späten Nachmittag hinein. Sie hätten ihn für eine tatkräftige Zusammenarbeit gewonnen, sagt Oberst Hickey hinterher leicht gewunden.

Neugierige nach einer Bombenexplosion: Nördlich von Bagdad
AP

Neugierige nach einer Bombenexplosion: Nördlich von Bagdad

Der Gefangene gibt zunächst vage Hinweise, wo Saddam Hussein sich versteckt halten könnte: vielleicht irgendwo in der Umgebung eines Bauernhauses, umgeben vom flachen, fruchtbaren Land am Tigris, wo reiche Obstgärten und Palmenhaine gedeihen. Dann gibt er klarere Auskünfte über zwei Bauernhäuser in Dur, einem Dorf 15 Kilometer südlich von Tikrit. Das Gelände kennen die amerikanischen Soldaten schon, sie haben es erst zwei Wochen zuvor ergebnislos durchkämmt.

Die Operation, die zur Ergreifung oder Ermordung von HVT 1 führen soll, heißt "Red Dawn" - "Morgenröte" - nach einem Hollywood-Streifen, nicht etwa nach der Tageszeit. Gemeint ist damit auch der Anbruch besserer Tage im Irak, sobald der Überlebenskünstler erst gefangen ist. Sie beginnt beim Einbruch der kalten Winternacht und fällt der 1. Brigade der 4. Division zu, die Oberst Hickey befehligt. Irakische Streitkräfte oder Polizisten sind nicht dabei. Die ultimative Trophäe behalten sich die Amerikaner doch lieber selbst vor.

13. Dezember, Dur

Gegen 18 Uhr rücken 600 Soldaten mit Panzerfahrzeugen und "Apache"-Hubschraubern aus Tikrit aus. Den plaudernden Gefangenen nehmen sie sicherheitshalber mit. Um 19 Uhr sammelt sich die kleine Streitmacht bei einem alten Kornspeicher nördlich von Dur. Kampfeinheiten bewachen das westliche Ufer des Tigris, auf dem verdächtige Boote ankern. Die "Apache"-Hubschrauber bleiben für den Fall der Fälle zurück. Hunderte weitere Soldaten stehen nahebei in Reserve.

Kurz vor 20 Uhr geht der Strom im ganzen Dorf plötzlich aus. Es ist jetzt in eine mondlose Dunkelheit getaucht. Die "Operation Morgenröte", der ultimative Versuch, Saddam Hussein tot oder lebend zu fangen, hat begonnen.

Die GIs riegeln das Gelände weiträumig ab, zwei Dutzend Soldaten der Task Force 121 durchsuchen zuerst ergebnislos die beiden Bauernhäuser, dann umzingeln sie eine nahe gelegene Lehmhütte und stürmen sie. Auf der Kommode neben dem Bett in der zweieinhalb mal vier Meter kleinen Behausung stapelt sich klassische arabische Dichtkunst ("Disziplin", "Sünde") neben Dostojewskis "Schuld und Sühne" und einem Buch über Traumdeutung. In der Kommode steht ein Paar billige Schuhe. Daneben liegen drei neue, unausgepackte Boxershorts und zwei T-Shirts.

Auf den beiden rostigen Betten türmen sich dicke, plüschige Decken. Oben auf dem kleinen Kühlschrank liegen ein Stück Seife der Marke Palmolive, eine Flasche Shampoo, eine Tube Feuchtigkeitscreme und ein Deo. Daneben ein Honigtopf, Schokoriegel, eine Fliegenpatsche und eine Konservendose mit Birnen.

Im noch kleineren Raum nebenan stehen eine Spüle und ein Herd. Ein hilfreicher Geist hat wohl kürzlich eingekauft: Gurken, Karotten, Äpfel, Kiwis, Fladenbrot, Orangenmarmelade, Dosenfleisch, Lipton-Tee.

Irgendjemand hält sich hier auf und war eben noch da. Aber wo ist er jetzt, oder ist Saddam den Amerikanern schon wieder entwischt? Vor einem Schafstall in der Nähe der Lehmhütte steht ein orangeweißes Taxi. Zwei Männer fallen den Soldaten in die Hände, als sie vom Gelände fliehen wollen. Der eine ist der Koch, der andere der Chauffeur Saddams. Aber wo ist Saddam selbst? Wieder wird der Dicke befragt, und nun sagt er, der flüchtige Diktator verstecke sich wahrscheinlich in einem unterirdischen Verlies neben der Hütte. Es ist 20.15 Uhr.

Die Öffnung ins Erdloch verdeckt ein Teppich, den aufgehäufter Dreck, Geröll und Ziegelsteinbrocken unverdächtig machen sollen. Die Abdeckung zum Schacht darunter ist aus Styropor. Ein paar Soldaten umringen die schmale Einstiegsluke, in die sich eigentlich ein über 1,80 Meter großer, ausladender Mann wie Saddam kaum hineinzwängen kann. Sie halten ihre Waffen und Handgranaten bereit und rechnen mit einem Gefecht, wer immer auch dort unten sein mag. Grelle Stablampen erhellen die Fundstelle.

Es ist exakt 20.26 Uhr, als Saddam dort unten in seiner T-förmigen Grabkammer die Hände hebt, anstatt seine Pistole oder eine der beiden Kalaschnikows abzufeuern. Er wirkt abgerissen, verhärmt und scheint orientierungslos zu sein. Er sieht aus wie ein Mann, der wochenlang auf der Flucht war und jetzt irgendwie auch erleichtert ist, dass es vorbei ist. Neben der Pistole trägt er ein Messer, eine Box enthält 750 000 Dollar in Hundert-Dollar-Noten. Nachdem er sich zu erkennen gegeben hat, antwortet einer der Soldaten ihm sarkastisch: "Präsident Bush schickt seine Grüße."

Oberst Hickey ruft Generalmajor Raymond Odierno, den Kommandeur der 4. Infanteriedivision, an: "Wir haben HVT 1 gefangen." - "Wirklich?", fragt der ungläubig zurück. Um 5.15 Uhr amerikanischer Zeit weckt Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice mit ihrem Anruf den Präsidenten. Amerikas Triumph nimmt seinen Lauf.

Neben der Lehmhütte, die zum letzten Unterschlupf des Flüchtigen werden sollte, lehnt eine Leiter an der Wand. Sollte Saddam dort hinaufgeklettert sein, hätte er den Tigris aufwärts seinen alten Tikriter Palast, einen der opulentesten von allen, sehen können.

So aber sitzt er schnell in einem amerikanischem Helikopter auf dem Weg nach Bagdad. Der abgesetzte Diktator, der stets den Anschein erweckt hatte, dass er den Freitod oder die letzte große Schlacht der Demütigung vorzieht, in die Hände des "Sohnes der Viper", wie er George W. Bush nannte, zu fallen, hat sich kampflos dem Feind aus zwei Kriegen ausgeliefert. "Er ließ sich wie eine Ratte fangen", sagt Generalmajor Odierno.

Sonntag, 14. Dezember, Bagdad

Als besondere Demütigung lassen sich die Amerikaner von seinem ehemaligen Vertrauten, dem langjährigen Außenminis-ter Tarik Asis, bestätigen, dass es sich bei dem Gefangenen wirklich um den gesuchten Diktator handelt. Dann untersucht ein kahl geschorener Militärarzt, dessen Name geheim bleibt, den Wiederaufgetauchten.

Im Mund, den Saddam auf Kommando ganz gehorsam öffnet, sucht der Mediziner nach einer Giftkapsel, mit der sich der Erzfeind womöglich noch seinen Häschern entziehen könnte. In den struppigen Haaren sucht er nach weitaus Profanerem - Läusen.

Festgesetzter Saddam: "Wie eine Ratte gefangen"
REUTERS

Festgesetzter Saddam: "Wie eine Ratte gefangen"

Dann wird er vier Mitgliedern des irakischen Regierungsrats gezeigt, und sogleich kehrt etwas Leben in den bis dahin willenlosen Häftling zurück: Über die drei Schiiten der Abordnung spricht er voller Verachtung, den Sunniten Adnan Patschatschi, der vor seiner Machtergreifung Außenminister gewesen war, fragt er: "Was machst du bei diesen Leuten?"

An unbekanntem Ort, vermutlich aber im Irak, wird Saddam dann Agenten der CIA übergeben, die ihn seither verhören.

15. Dezember, Bagdad

Paul Bremer hat Recht behalten. Wie sein Präsident hatte auch er gewarnt, sich von der Verhaftung Saddams ein rasches Ende der Gewalt zu versprechen. Schon früh am Morgen zerstörte eine Autobombe die Polizeiwache von Husseinija, nördlich von Bagdad. Eine halbe Stunde später explodiert ein weiterer Sprengsatz vor einem Polizeiposten in der Hauptstadt. Der Vize-Innenminister Ahmed Kadhim Ibrahim machte Anhänger Saddams verantwortlich: "Sie versuchen, ihren feigen Führer zu rächen." Aber die Festnahme Saddams hat auch weitere Erfolge mit sich gebracht. Im Versteck am Tigris fanden US-Fahnder Papiere, die sich als Sitzungsprotokolle von Organisatoren des Widerstands entpuppten. Sie gaben Einblick in die Arbeit von 14 heimlich operierenden Untergrundzellen. Schon bald nach der Verhaftung konnten die Amerikaner drei führende irakische Generäle aufgreifen, die Anschläge angeordnet haben sollen.

HANS HOYNG, OLAF IHLAU, SIEGESMUND VON ILSEMANN, GERHARD SPÖRL



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