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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2004

Titel: Das Phantom von Dimona

In Jerusalem gilt das Thema immer noch als Staatsgeheimnis, aber Experten weltweit sind sich einig: Israel besitzt als einziger Staat im Nahen Osten Atombomben. Die "Operation Samson" war ein Triumph ehrgeiziger Politiker, Wissenschaftler und Spione ­ mit dramatischen Folgen. Von Erich Follath

DER SPIEGEL

Wer eine Geschichte über Israels geheimes Atompotenzial und seine abenteuerlichen Geburtswehen recherchiert, wird an drei Figuren nicht vorbeikommen: an Schimon dem Friedensbewegten (Politiker), an Rafi dem Skrupellosen (Spion) und an Mordechai dem Zweifler (Wissenschaftler).

Der Erste hat 1994 den Friedensnobelpreis bekommen und bewegt sich seit über 50 Jahren in den Spitzenkreisen des israelischen Establishments. Der Zweite brachte es innerhalb der Geheimdienste zu hohen Ehren, fiel aber Mitte der achtziger Jahre wegen zweifelhafter Aktionen aus der Gunst der Regierenden. Der Dritte sitzt seit über 17 Jahren in einem Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Aschkelon - als israelischer Landesverräter.

Die Karrieren von Schimon Peres, 80, von Rafi Eitan, 77, und Mordechai Vanunu, 49, spiegeln zentrale Etappen in der Geschichte des Judenstaats wider - seiner Erfolge, seiner Niederlagen, seiner Zerrissenheit. Und rühren immer wieder an ein Tabu, das offiziell bis heute gilt und erst nach und nach von unabhängigen Historikern und Journalisten aufgebrochen wird.

Schimon Peres aus dem Schtetl von Wiszniewo, im heutigen Weißrussland gelegen, kommt als Elfjähriger mit seiner Familie nach Palästina. Er schließt sich als junger Mann in britischen Mandatszeiten der jüdischen Untergrundarmee Haganah an, setzt aber immer eher auf Verhandlungen als auf Terror gegen die Besatzer. Gemäßigt und ehrgeizig, dabei aber ein glühender Patriot, macht er schnell Karriere und wird schon 1953 Generaldirektor des Verteidigungsministeriums - die Nummer zwei in Israels Sicherheitsfragen, unterstellt nur David Ben-Gurion.

Der legendäre Regierungschef und Staatsgründer ist besessen von der Angst, der Holocaust könnte sich wiederholen, geprägt von dem Alptraum, die Juden würden diesmal von fanatischen Arabern an den Rand der Ausrottung getrieben. Ben-Gurion sucht eine Waffe gegen die Hilflosigkeit, die auch wirkt, wenn der Feind übermächtig scheint: "Nie wieder lassen wir uns wie Lämmer zur Schlachtbank führen." Er begeistert sich für moderne Technologien und liest alles über die Möglichkeiten der Kernspaltung; er will die Atombombe. "Was die drei Juden Einstein, Oppenheimer und Teller für die Amerikaner getan haben, könnten jüdische Wissenschaftler doch auch für ihr eigenes Volk tun", schreibt er 1956 in einem Brief an einen Freund.

Ben-Gurion beauftragt nun Schimon Peres, alles zu tun, um diesen Traum zu verwirklichen, das ultimative zionistische Projekt. Für mögliche Ängste der Palästinenser, die ja schon Jahrhunderte in dem "Land ohne Volk" leben und massenweise aus der Heimat vertrieben werden, fehlen Ben-Gurion die Antennen.

So streng geheim ist das Unternehmen, dass der Name Peres nirgendwo in einem der staatlichen Atomkomitees oder deren Veröffentlichungen auftaucht; nicht einmal andere Kabinettsmitglieder wissen von der klandestinen "Operation Samson", benannt nach dem sagenumwobenen israelitischen Supermann und Philister-Schreck aus biblischen Zeiten.

Peres macht sich keine Illusionen, dass eine der damals drei Atommächte die Technologie an den Judenstaat weitergeben wird. Die Sowjetunion und auch Großbritannien kommen kaum in Frage. Aber auch die USA erklären sich nur zur Lieferung eines winzigen Reaktors zur Energiegewinnung bereit - und warnen die Israelis vor nuklearen Ambitionen.

Friedensnobelpreisträger Arafat, Peres, Rabin 1994 in Oslo: Vertane Chancen, enttäuschte Hoffnungen
DPA

Friedensnobelpreisträger Arafat, Peres, Rabin 1994 in Oslo: Vertane Chancen, enttäuschte Hoffnungen

Peres erkennt anderswo die Gunst der Stunde. Er wendet sich an Paris; Frankreich beginnt in jenen Tagen sein Atomwaffenprogramm zu entwickeln und hat im Herbst 1956 aus strategischen Überlegungen nichts dagegen, den Israelis im Tauschgeschäft gegen Geheimdienstinformationen und wissenschaftliche Hilfe unter die Arme zu greifen. Beim Kampf gegen arabische Großmachtträume haben Paris und Tel Aviv die gleichen Interessen. In einer abgestimmten Kampagne stürmen britische, französische und israelische Streitkräfte den Suez-Kanal und die Sinai-Halbinsel. Ein dankbarer Premier Guy Mollet verspricht Peres Anfang 1957 in einem Geheimabkommen das Know-how für einen großen Reaktor in der Negev-Wüste bei Dimona. Er taugt zur Produktion von Plutonium - dem Stoff, aus dem die Bomben sind.

Als die offizielle israelische Atomenergiekommission dann zum ersten Mal die Baupläne für Dimona sieht, kommt es zu erregten Diskussionen. Sechs von sieben Wissenschaftlern treten von ihren Ämtern zurück. Ihnen ist klar, dass damit Israels Weg zur Atommacht vorgezeichnet ist; von "wahnsinnig" bis "abenteuerlich riskant" reichen ihre Kommentare. Doch auch die Ausgeschiedenen werden unter Strafandrohung zum Schweigen verpflichtet. Die Welt soll nicht wissen, was in dem abgelegenen Wüstenkaff, 30 Kilometer südöstlich von Beerscheba, vor sich geht. Nach offizieller Lesart entsteht dort eine "Textilfabrik".

ISRAELS GEHEIMDIENST LÄSST EIN SCHIFF VOLLER URAN IM MITTELMEER VERSCHWINDEN.
Peres wird von Ben-Gurion mit Lob überschüttet. Aber man darf vermuten, dass der von Eitelkeit gezeichnete Politiker dennoch leidet - er kann seine diplomatische Meisterleistung als "Vater der Bombe" nicht publik machen. Und der Zwang, über Jahre im Verborgenen mit einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, Polit-Strategen und Geheimdienstlern zu dealen, entfremdet ihn dem militärischen Establishment. Peres, der "ungediente" Zivilist, erfährt als Verteidigungsminister nie den Respekt der Generäle, die Anerkennung der Truppe. Auch die israelischen Wähler, die ihm an der Urne eine Abfuhr nach der anderen erteilen, scheinen irgendwie zu spüren, dass dieser Mann ihnen - aus welch guten Gründen und mit welch Bauchschmerzen auch immer - öfter die Unwahrheit erzählt.

Da ist Rafi Eitan anders: Er hat keine Mühe mit dem Lügen, Tarnen und Täuschen, es ist sozusagen sein Lebenselixier. Schon im Kampf gegen die Briten fälscht er Papiere und kämpft mit brutaler Entschlossenheit an der Spitze der "Palmach"-Stoßtruppen im Untergrund, dann in Israels Unabhängigkeitskrieg gegen die Araber. Anfang der fünfziger Jahre heuert der in einem Kibbuz Aufgewachsene beim Geheimdienst des neuen Staates an.

Äußerlich ist er alles andere als ein James Bond: klein, kurzsichtig, mit einem absurd großen Brustkorb und Bizeps; seit einem Bombenunfall hört er auf dem linken Ohr nichts mehr. Er gilt als hart gegenüber Freunden, als skrupellos gegenüber Feinden. Bei tollkühnen Einsätzen hinter den Linien hat er arabische Kämpfer nach eigenen Worten öfter "mit bloßen Händen erwürgt und dabei Genugtuung empfunden". Rafi Hamasriach nennen ihn die Agentenkollegen, Rafi das Ekel. Sehr respektvoll, ein wenig wohl auch von seiner Eiseskälte abgestoßen.

Eitan wird zum Helden berühmter Kommandounternehmen des Mossad. 1960 etwa ist er entscheidend beteiligt an der Entführung des Nazi-Verbrechers Adolf Eichmann aus Argentinien. Der Meisterspion lässt es sich nicht nehmen, den Delinquenten nach dessen Verurteilung durch ein israelisches Gericht zum Henker zu begleiten. "Ich hoffe, du folgst mir bald nach", sind Eichmanns letzte Worte, zu seinem Häscher gewandt.

Drei Jahre später ist Rafi Eitan wieder an einer "Verschleppung" beteiligt - doch dieses Mal geht es nicht um Personen, sondern um spaltbares Material für die Atombombe. Anders als Frankreich, das 1962 die nukleare Zusammenarbeit mit Israel endgültig aufkündigt, verfügt Israel weder über Uran-Minen in befreundeten afrikanischen Staaten und vor allem nicht über genügend hochangereicherten Stoff. Solch "heißes" Material ist nicht auf legalem Weg zu bekommen. Ein Mossad-Team streckt die Fühler aus nach geheimen Beschaffungskanälen. Sie suchen Schwachpunkte im System der internationalen Überwachung - und mögliche Sympathisanten.

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