AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/1999

Autoren Das ganze Säkulum: ein Quiz

Der Schriftsteller Günter Grass schaut zurück auf "Mein Jahrhundert": In 100 Jahresschritten gibt er ein teils autobiographisches, teils fiktives Panorama von Höhe- und Tiefpunkten. Das im voraus hochgelobte Werk gerät zur matten Geschichtsstunde.


Es ist die Zeit für solche Bücher. Das Jahrhundert geht seinem Ende zu, die Bundesrepublik ist gerade 50 geworden, die Nato ebenfalls, die DDR hat nicht lange genug durchgehalten: runde Geburtstage, Jubiläen, wo man hinschaut. In solcher Zeit setzen sich die Verlagsleute gern zusammen, planen Sammelbände, Chroniken, Rück- und Überblicke, lassen von Herausgebern Beiträge bestellen und redigieren.

Und manchmal kommt dabei ein wirklich gescheites Buch heraus. Das heißt dann zum Beispiel "Was die Republik bewegte", Untertitel: "50 Zeitgenossen erinnern sich", und wartet für das halbe Jahrhundert von 1949 bis 1998 pro Jahr mit einem Foto, einem Ereignis auf ­ dazu gibt jeweils eine Persönlichkeit ernst oder launig ihre Erinnerung oder Gedanken zum besten: ein vielstimmiges, mit Liebe ediertes Taschenbuch*.

Keine Frage, welches Ereignis da für das Jahr 1959 steht. Auf dem Foto ist ein junger Mann mit Schnauzbart zu sehen, dahinter an der Wand ein großer Stadtplan von Danzig. Dazu ein Beitrag des Verlegers Michael Krüger, der sich an den großen Augenblick erinnert, als er ­ ein Jugendlicher, der mit eigenen frühen Gedichten die Mädchen noch nicht beeindrucken kann ­ atemlos den druckfrischen Roman "Die Blechtrommel" liest: "In diesem Moment, so dachte ich damals, waren Brecht, Benn und Thomas Mann wirklich gestorben."

Der junge Mann auf dem Foto ist mittlerweile 71 Jahre alt, und immer noch hängt ihm der Welterfolg seines ersten Romans nach. Als Kandidat für den Nobelpreis ist er immer wieder einmal im Gespräch gewesen ­ auch in diesem Herbst dürfte sein Name erneut auf der Kandidatenliste stehen.

Und wenn er die Auszeichnung dieses Mal tatsächlich erhalten sollte, was ihm (und der deutschen Literatur) von Herzen zu gönnen wäre, so könnte es gerade für diesen einen, seinen größten Roman sein. Ehrenrührig wäre das nicht: Auch Thomas Mann hat den Nobelpreis 1929 ­ mit 27 Jahren Verspätung ­ ausdrücklich und allein für die "Buddenbrooks" erhalten.

Günter Grass, der in den letzten Jahren immer seltener die Gunst der Kritik genießen durfte, dafür aber unbestritten der berühmteste deutsche Schriftsteller der Gegenwart und ein Publikumsliebling ist, war natürlich auch unter denen, die als mögliche Beiträger zum Bundesrepublik-Bändchen eingeladen wurden. Doch er lehnte ab.

Wahrscheinlich saß er damals, im Mai 1998, längst am eigenen Jubiläumsbuch. Nicht nur 50 Jahre sollte es umfassen, sondern, und das im Alleingang, gleich ein ganzes Jahrhundert, nämlich unser, nein: sein Jahrhundert. "Mein Jahrhundert": So heißt tatsächlich, ohne falsche Scheu, das neue Grass-Werk, das in dieser Woche in die Buchhandlungen kommt**.

"Mein Jahrhundert": Das ist deutlich mehr als "Mein Jahr in der Niemandsbucht", das Peter Handke 1994 beschrieben hat, oder ­ 100 Jahre zuvor ­ Fontanes "Meine Kinderjahre". Mehr auch als "Mein Leben", wie die Autobiographie des altgedienten Grass-Kritikers Marcel Reich-Ranicki heißen wird, die ebenfalls noch in diesem Sommer erscheinen soll. Dem ist Grass nun zuvorgekommen: exakt 40 Jahre nach dem Erscheinen des eigenen Romandebüts ­ termin- und marketinggerecht zum Jahrhundertende.

Der Titel "Mein Jahrhundert" hat zudem einen Vorteil, der auch von vorauseilenden Lobesbeiträgen in der vergangenen Woche schon weidlich genutzt worden ist. Anspielungsreich und ohne rot zu werden wurde da vom "Jahrhundert-Grass" ("Die Zeit") und vom "Jahrhundert-Buch" ("Die Woche") gesprochen.

Das Jahr 1959? Da steht Grass nicht zurück: Auch bei ihm rückt das Erscheinen der "Blechtrommel", der Auftritt des trommelnden Oskar und seines Schöpfers ins Zentrum. Ein rührendes Bild: Im Herbst 1959 tanzt er mit Anna, seiner ersten Ehefrau, auf der Frankfurter Buchmesse, vergißt "in schneller Drehung" für Momente die "Last des Schmökers". Gemeinsam versucht das Ehepaar, die "Bodenhaftung" nicht zu verlieren. Und hat doch schon die Ahnung: "Jetzt hört was auf, jetzt fängt was an, jetzt haben wir einen Namen."

In insgesamt 13 von 100 Jahres-Kapiteln tritt der Meister persönlich an ­ einige Auftritte als Nebenfigur oder Ansprechpartner nicht mitgerechnet: Unverstellt und unverkleidet gibt sich Grass selbst das Wort, erzählt aus seinem Leben. Das erste Mal im Geburtsjahr 1927, dann wieder 1953 (als entfernter Zeuge des Juni-Aufstands), 1959 (als glücklicher Autor), 1965 (als Wahlhelfer der SPD: "Loblied auf Willy"), dann gleich dreimal hintereinander in den siebziger Jahren (als untreuer Ehemann und RAF-Skeptiker), viermal in den Achtzigern (als Indien-Fahrer, Zeichner im deutschen Wald, Zeitgenosse des Mauerfalls) und noch zweimal gegen Ende des Säkulums ­ zuletzt beglückt vor dem Fernseher bei der Bundestagswahl 1998.

Ein Memoirenwerk also? Ach, hätte er sich dazu durchgerungen! Gern würde man ein großes autobiographisches Buch, ein gelungenes Alterswerk anzeigen. Grass aber wollte mehr ­ und erreichte weniger.

Es ist ein überraschend harmloses, fast idyllisches Jahrhundert, das er da aufblättert. Er verschweigt durchaus keine Greuel, keinen Massenmord, er nennt die Giftgasattacken im Ersten, die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg beim Namen, läßt Schergen und Opfer der Nazi-Lager zu Wort kommen, betrauert als Zeitgenosse eine Herointote und die Opfer von Ausländerhaß.

Doch all das wird moderiert geboten, gefiltert durch den Blick oft recht beliebiger Zeugen. Und selbst die Kronzeugen wirken abgeklärt ­ wie etwa jene beiden Schriftsteller, die nach dem Willen von Grass die Kriegsjahre 1914 bis 1918 besprechen, und zwar im munteren Dialog Mitte der sechziger Jahre in Zürich: Ernst Jünger ("In Stahlgewittern") und Erich Maria Remarque ("Im Westen nichts Neues"). Ein putziger Einfall und wenig plausibel.

Der Bauplan von "Mein Jahrhundert" ähnelt dem des kleinen BRD-Buchs: pro Jahr ein mehr oder weniger zentrales Ereignis, dargestellt von jeweils wechselnden Stimmen (wobei hier einige Jahre übergreifend ein und denselben Erzähler haben). Und statt der Fotos gibt es Aquarelle von des Dichters eigener Hand, bunte Bilder, die allerdings der großformatigen Luxusausgabe vorbehalten bleiben. Ob das eher von Vor- oder Nachteil ist, darüber hat sich die Literaturkritik glücklicherweise kein Urteil anzumaßen.

Grass nutzt in der Mehrzahl seiner 100 Jahresschritte und -abschnitte ­ sie umfassen in der Regel jeweils drei, vier Seiten ­ den Vorteil, den er als Erzähler hat: Er kann sich seine Zeitzeugen erfinden und sie so nah oder fern von den historischen Ereignissen postieren, wie es ihm beliebt.

Was zu Beginn des Buches reichlich kompliziert in den Satz "Ich, ausgetauscht gegen mich, bin Jahr für Jahr dabeigewesen" gekleidet wird, heißt nichts anderes, als daß der Autor neben dem eigenen Ich noch andere Ich-Erzähler gelten läßt, die allesamt seiner Phantasie entsprungen sind ­ mit Ausnahme jener wenigen historischen Figuren, denen er in diesem Reigen ebenfalls eine Stimme gibt: Der deutsche Kaiser (1911), der Spion Guillaume (1974) und die ehemalige Treuhand-Chefin Birgit Breuel (1994) dürfen nicht besonders überzeugende Monologe halten.

Das Mosaik aus lauter Ich-Stimmen, die jeweils einen kurzen Auftritt haben, ist in der Literatur nicht neu: Gerold Späth nutzte es 1980 für seinen Roman "Commedia" ­ dort sind es gut 200 Figuren, die zu Wort kommen (für das Manuskript erhielt der Autor 1979 den von Grass gestifteten Alfred-Döblin-Preis). Und anders als bei Grass brauchen die einzelnen Stimmen keine Rücksicht auf Jahreszahlen zu nehmen: Sie müssen nichts beweisen, nichts demonstrieren, haben kein Redeziel außer der Selbstdarstellung.

Im Grass-Werk dagegen geht es zu wie bei Tratschke, der in der "Zeit"-Rätselecke fragt: "Wer war's?" Es ist weniger literarische Faszination als quizgeübte Neugier, die den Leser von Abschnitt zu Abschnitt treibt: Welches Ereignis wird der Autor für das folgende Jahr ins Blickfeld rücken? Aus welcher Perspektive läßt er 1923, 1933, 1962 erzählen?

Grass versteht sich ganz zweifellos auf das, was Zeitungsleute "gute Mischung" nennen ­ nicht immer nur das Erwartete, gelegentlich ein Seiteneinstieg, eine kleine Überraschung, eine neue Perspektive, ein Randaspekt, mal ganz nah am historischen Geschehen, dann wieder etwas aus Wohnküche, aus Kinderladen und Altersheim. Doch es sind Sprechpuppen, die da auftreten, Marionetten, flüchtig mit individueller Duftnote bestäubt.

Das beginnt 1900, naheliegend, in der Ferne: mit dem Boxeraufstand in China, dargestellt von einem namenlosen deutschen Soldaten, der dabei war. Und so quer durch das deutsche Geschichtsbuch des 20. Jahrhunderts: die beiden Weltkriege, dazwischen die Inflation (1923), das Millionenheer der Arbeitslosen (1932), dann die "Ernennung" Hitlers (1933) und die Olympischen Spiele (1936), später die Trümmerfrauen bei der Arbeit (1946), der Juni-Aufstand (1953), das deutsche Fräuleinwunder (1958), der Eichmann- (1962) und der Auschwitz-Prozeß (1964).

Die siebziger Jahre folgen mit Brandts Warschauer Kniefall und RAF-Terror, die achtziger mit Falklandkrieg, Tschernobyl ­ und natürlich der Wende: Erzählt wird vom Blick eines DDR-Bekannten auf den Fernseher, wo "offenbar ein Film lief, nach dessen Handlung junge Leute auf die Mauer kletterten, rittlings auf deren oberem Wulst saßen und die Grenzpolizei diesem Vergnügen tatenlos zuschaute". Kommentar: "Bestimmt ein Kalter-Kriegs-Film."

Schließlich die neunziger mit Golfkrieg, Stasi-Geschichten, Ausländerhaß und Love Parade. Am Ende, 1999, steht die Hoffnung, daß aus dem Krieg "da unten" nicht schon wieder einer "überall" werde.

"Mein Jahrhundert"? Das stellt sich bei der Lektüre zunehmend als bloßes Etikett, als pure Behauptung heraus. Am Ende kommt weder das Zeitmosaik noch das Autobiographische zu eigenem Recht. Mehr noch als Martin Walser in seinem Roman "Ein springender Brunnen" (1998) weicht Grass der Selbstdarstellung aus, auch und besonders was seine Kinder- und Jugendjahre im Deutschland der Nazis betrifft.

Gibt es aus Danzig nichts mehr zu erzählen? Nichts über die Vorfahren zu Beginn des Jahrhunderts, über die Eltern, Freunde, über erste Verliebtheiten? Nicht nur Fontanes Kinderjahre sind von Interesse, auch die von Grass wären es.

Doch merkwürdig: Er hat ­ anders als Thomas Mann, als Max Frisch oder Christa Wolf ­ für die gerade im 20. Jahrhundert so vielfältig erprobten autobiographischen Textformen nie einen unverkrampften Ton gefunden, von Eleganz gar nicht zu reden.

Über sein Leben als Mann schweigt er sich auch in diesem neuen Buch weitgehend aus. Nur andeutungsweise kommt das Scheitern der ersten Ehe ins Bild, tritt seine heutige Frau Ute als Retterin aus mancherlei Verstrickung auf. Am weitesten vor wagt er sich noch bei der Beschreibung einer gemeinsamen Italien-Fahrt mit den drei Töchtern (von drei verschiedenen Frauen, wie er dann immerhin erwähnt): "Alle drei waren auf Perugias steilen Treppen, in Assisi und Orvieto bergauf um ihren Vater besorgt, dessen Beine den Raucher bei jedem Schritt an während Jahrzehnten verwehten Qualm erinnerten." In dieser Szene stört auch die stilistische Steifbeinigkeit nicht: Sie paßt zu der sympathischen Unbeholfenheit, die Grass hier an den Tag legt.

Mehr von solchen Bildern voller Staunen, Glück und Wärme hätten dem Grass-Jahrhundert Farbe und Stimmigkeit gegeben, so aber bleibt alles ein recht beliebiger Bilderbogen, der seine Leser nicht überfordert: Das alles ist, von Jahr zu Jahr, gefällig dargeboten. Das Säkulum scheint überschaubar ­ und wie im Radioquiz, bei dem der Zuhörer am Rundfunkgerät die Antworten auch gewußt hätte, stellt sich ein behagliches Gefühl ein.

"Sein Jahrhundert kann man nicht verändern", schrieb Goethe vor gut 200 Jahren, im Sommer 1798, an Schiller, "aber man kann sich dagegen stellen und glückliche Wirkungen vorbereiten." Vielleicht hat Günter Grass genau das gewollt. Gelungen ist es ihm nicht.

VOLKER HAGE




* Barbara Hoffmeister und Uwe Naumann (Hrsg.): "Was die Republik bewegte. 50 Zeitgenossen erinnern sich". Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 128 Seiten; 16,90 Mark.

** Günter Grass: "Mein Jahrhundert". Steidl Verlag, Göttingen; 384 Seiten; 48 Mark. Ausgabe mit Aquarellen des Autors: 416 Seiten; 98 Mark.



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